{"id":3437,"date":"2008-09-04T09:39:56","date_gmt":"2008-09-04T07:39:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3437"},"modified":"2015-11-15T11:03:50","modified_gmt":"2015-11-15T10:03:50","slug":"die-sarazzins-der-wissenschaft-hartz-iv-regelsatz-von-132-euro-ausreichend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3437","title":{"rendered":"Die Sarazzins der Wissenschaft: Hartz-IV-Regelsatz von 132 Euro ausreichend"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftler halten einen Hartz-IV-Regelsatz von 132 Euro f&uuml;r ausreichend, d.h. nur rund ein Drittel der bisherigen H&ouml;he. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die am Mittwoch auf der <a href=\"http:\/\/www.tu-chemnitz.de\/wirtschaft\/bwl4\/\/interessantes\/Soziale_Mindestsicherung_2008_ZusFas.pdf\">Internetseite der Technischen Universit&auml;t Chemnitz ver&ouml;ffentlicht wurde<\/a>.Ma&szlig;stab f&uuml;r die Berechung dieser &bdquo;Wirtschaftswissenschaftler&ldquo; sind die einkommensm&auml;&szlig;ig unteren 20% der deutschen Haushalte, diese geben angeblich f&uuml;r Essen, Kleidung, Kommunikation, Reisen etc. knapp 500 Euro pro Monat und Person (Single-Haushalt) aus. Die Logik dieser &bdquo;Studie&ldquo;: Ist erst einmal das untere F&uuml;nftel der Gesellschaft arm genug, dann kann man auch &Auml;rmsten der Armen noch &auml;rmer machen oder anders gesagt: In den Elendsvierteln der Welt ist schon derjenige nicht arm, der eine handvoll Reis und einen Schluck Wasser hat. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r die Autoren der Studie liegt der Hartz-IV-Regelsatz nicht zu niedrig, sondern  &bdquo;oberhalb der Betr&auml;ge, die aus den formulierten Zielen der sozialen Mindestsicherung ableitbar sind.&ldquo; <\/p><p>Die aus dem Grundgesetz ableitbaren Vorgaben (Art. 1 &bdquo;W&uuml;rde des Menschen ist unantastbar&ldquo;, das Sozialstaatspostulat (aus Art. 20 und Art. 28 GG) sind f&uuml;r die Chemnitzer &bdquo;Wirtschaftswissenschaftler&ldquo; &bdquo;allgemeine&ldquo; und unverbindliche Grunds&auml;tze und die sozialstaatliche Praxis (festgeschrieben etwa im Sozialhilfegesetz oder in der Rechtsprechung) seien zu &bdquo;intransparent&ldquo;. Auch Spruch des Bundesverfassungsgerichts, wonach das Existenzminimum von den allgemeinen wirtschaftlichen Verh&auml;ltnissen und dem in der Rechtsgemeinschaft anerkannten Mindestbedarf abh&auml;ngt und dass diese Einsch&auml;tzung Aufgabe des Gesetzgebers ist, interessiert die &bdquo;Wirtschaftswissenschaftler&ldquo; nicht weiter. Sie behaupten einfach: &bdquo;Unsere Gesellschaft hat sich bisher davor herum gedr&uuml;ckt, die Ziele der sozialen Mindestsicherung exakt zu formulieren&ldquo;. <\/p><p>Sie setzen an die Stelle einer seit Bismarcks Zeiten sich entwickelnden Bewertung des &bdquo;sozio-kulturellen Existenzminimums&ldquo; offenbar nach der Methode des Berliner Finanzsenators Thilo Sarazzin eine &bdquo;v&ouml;llige Neuberechnung&ldquo; nach einem &bdquo;bottom up&ldquo;-Verfahren. <\/p><p>Sie erhoben Preise f&uuml;r Nahrungsmittel bei Aldi, Edeka und Kaufland, f&uuml;r Bekleidung und Schuhe in einem Restpostenmarkt (Thomas Philipps) oder bei Billigketten (Zeemann, Pfennigpfeiffer, Reno oder Deichmann). Mehr als 68 Euro im Monat f&uuml;r Nahrung auszugeben w&auml;re aus Sicht der Autoren nach den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eher &bdquo;unvern&uuml;nftig&ldquo;. <\/p><p>Die Einrichtungsgegenst&auml;nde (wobei es nat&uuml;rlich keinen Beistelltisch, Fenstervorhang oder Zimmerefeu geben darf) sollen etwa bei M&ouml;beldiscounter Roller oder Restpostenm&auml;rkten erstanden werden. <\/p><p>F&uuml;r Kommunikation wird der Kabelanschluss f&uuml;r Radio und TV gekappt und dar&uuml;ber hinaus reichen 20 Minuten Internet pro Tag in der Stadtbibliothek.<br>\nRauchen und Alkohohl versperren die Hilfe zur Selbsthilfe und der Besuch einer Kneipe ist nat&uuml;rlich auch nicht vorgesehen. <\/p><p>Die Freizeitgestaltung hat in Form von Gespr&auml;chen, Spazierg&auml;ngen, Nutzung von Parks oder dem Besuch von &ouml;ffentlichen Festen stattzufinden. <\/p><p>Und so sehen dann die Warenk&ouml;rbe aus:<br>\n<img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/080904_Tabelle.jpg\" alt=\"Tabelle\"><br>\nDie Wohnungskosten wurden aus der Betrachtung ausgeschlossen.<\/p><p>Als weiterer Ma&szlig;stab wurde herangezogen, dass die einkommensm&auml;&szlig;ig unteren 20% der deutschen Haushalte f&uuml;r Essen, Kleidung, Kommunikation, Reisen etc. knapp 500 Euro pro Monat und Person (Single-Haushalt) ausgeben. Wenn also das untere F&uuml;nftel mit 500 Euro auskommen kann, so die Schlussfolgerung, dann muss der untere Rand im &bdquo;Maximumfall&ldquo; mit etwas mehr als der H&auml;lfte davon (278 Euro) leben k&ouml;nnen und im Minimumfall sogar nur mit 132 Euro.<\/p><p>Fazit der &bdquo;Studie&ldquo;. Gerechtfertigt w&auml;ren nachden festgesetzten Zielen der sozialen Mindestsicherung Betr&auml;ge zwischen 132 Euro (Minimumsfall) und 278 Euro (Maximumsfall) zuz&uuml;glich Wohnungskosten. Gerechtfertigt f&uuml;r die soziale Mindestsicherung w&auml;re.<\/p><p>Der Warenkorb s&auml;he dann so aus:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/080904_Tabelle2.jpg\" alt=\"Tabelle 2\"><\/p><p>Ein Leben in W&uuml;rde h&auml;ngt  nach Ansicht der Autoren &bdquo;weniger von Geldleistungen ab als von der M&ouml;glichkeit, zu arbeiten, sich einzusetzen, die Chance zu bekommen, etwas leisten zu k&ouml;nnen, um anerkannt zu werden. Eine auf Geldzahlungen beschr&auml;nkte Hilfe wird diesem Ziel nicht gerecht.&ldquo;<br>\nArbeit macht frei! <\/p><p>Danach m&uuml;sste man am besten auf Geldzahlungen ganz verzichten und die Hartz-IV-Leute gleich in ein Arbeitslager steckt, dann k&ouml;nnte man ja auch noch die Wohnungskosten senken. Das Existenzminimum w&auml;re gew&auml;hrleistet und die W&uuml;rde der Menschen w&auml;re durch Zwangsarbeit garantiert.<\/p><p><em>Solche menschenverachtende Ergebnisse kommen heraus, wenn Investment Banker wie <a href=\"http:\/\/www.tu-chemnitz.de\/wirtschaft\/bwl4\/thiessen.php\">Friedrich Thie&szlig;en<\/a>, die sich ansonsten mit maximalen Gewinnen bei Kapitalanlagen besch&auml;ftigen, &uuml;ber die Menschenw&uuml;rde und das Existenzminimum nachdenken.<\/em><\/p><p><em>Unser Leser Gunter Greger aus Leipzig schreibt uns dazu:<\/em><br>\n&bdquo;Ich spiele das Exempel mit der Stadtbibliothek mal f&uuml;r den Fall meiner Heimatstadt Leipzig durch (die Hartzgesetze gelten ja auch hier und nicht nur in Chemnitz):<br>\nEin Hartz-4-Empf&auml;nger mit Leipzig-Pass m&uuml;sste 12,50 Jahresgeb&uuml;hr bezahlen und zwar auf einen Schlag! (ein ganz sch&ouml;ner Batzen bei veranschlagten 132 &euro;). Aber man kann ja auch eine Halbjahresgeb&uuml;hr mit Erm&auml;&szlig;igung von 7,50 &euro; entrichten, also f&uuml;r ein Jahr 15 &euro;, womit wir schon bei mehr als 12 &euro; w&auml;ren (<a href=\"http:\/\/www.leipzig.de\/imperia\/md\/content\/45_stadtbibliothek\/Gebuehrentarif.pdf\">Geb&uuml;hrentarif [PDF &ndash; 24 KB]<\/a>). <\/p><p>Als Professor denkt man &uuml;ber solche planerischen Feinheiten im Haushaltsbudget wohl nicht nach, wenn man seine Forschungsergebnisse in die Welt hinausposaunt. &Uuml;berdies h&auml;tte ein Hartz-4-Empf&auml;nger in dieser abstrahierten Welt der Wirtschaftsmathematik auch nicht das Recht, sich ein Buch vorzubestellen, weil ihn das eine Geb&uuml;hr kosten w&uuml;rde. Und f&uuml;r eine tagesaktuelle Information aller Leipziger Hartz-4-Empf&auml;nger reichen die Exemplare, die im Lesesaal ausliegen auch nicht aus. Somit tr&auml;gt nicht einmal dieser weltfremde Gedanke der Chemnitzer &ldquo;Wissenschaftler&rdquo;.<\/p><p>Soviel zur Bibliothek. Im Umkehrschluss hei&szlig;t das aber auch, dass ein Hartz-4-Empf&auml;nger nicht das Recht hat, sich aktuelle Kinofilme anzuschauen, das Theater zu besuchen oder den Zoologischen Garten. Die Liste lie&szlig;e sich fortsetzen. An dieser Stelle sei an die hohe (wenn auch notwendige) Subventionierung des bundesdeutschen Kulturbetriebs erinnert, f&uuml;r dessen Inanspruchnahme aber in der Hartz-Arithmetik auch kein Geld vorgesehen ist.&ldquo;<\/p><p>Nach Bild, Sat1, CSU, Arbeitsagentur (IAB) und allen anderen Kr&auml;ften, die Stimmung gegen die Hartz-IV-Empf&auml;nger machen, hat sich nun auch noch die Wissenschaft hinzu gesellt. Glaubt da noch jemand an Zuf&auml;lligkeiten oder geht es hier nicht schlicht um eine geballte Kampagne, gegen die anstehende Debatte um die Erh&ouml;hung der Hartz-IV-Regels&auml;tze?<\/p><p>Es gilt das Motto: Wer am Boden liegt soll auch noch getreten werden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftler halten einen Hartz-IV-Regelsatz von 132 Euro f&uuml;r ausreichend, d.h. nur rund ein Drittel der bisherigen H&ouml;he. 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