{"id":34402,"date":"2016-07-27T14:24:46","date_gmt":"2016-07-27T12:24:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34402"},"modified":"2019-07-09T11:03:53","modified_gmt":"2019-07-09T09:03:53","slug":"globalisierte-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34402","title":{"rendered":"Globalisierte Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Anschl&auml;ge und Attentate scheinen in diesen Tagen die Schlagzeilen zu dominieren. Die Frage nach den Gr&uuml;nden der Radikalisierung vieler junger Menschen steht jedoch weiterhin im Raum. Im Zeitalter von Sozialen Medien und Nachrichten-Livetickern dominieren vern&uuml;nftige Antworten jedoch kaum den Diskurs. Von <strong>Emran Feroz<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nOb nun in Nizza, W&uuml;rzburg oder anderswo: Attentate mit einem sogenannten islamistischen Hintergrund scheinen sich in den letzten Tagen und Wochen vermehrt zu haben. Dies ist zumindest das Bild, was uns der mediale Mainstream vermitteln will und tagt&auml;glich aufs Neue konstruiert. Konstruktion ist im Kontext der gegenw&auml;rtigen Berichterstattung der zentrale Begriff. Die Realit&auml;t wird n&auml;mlich nie objektiv beschrieben, sondern stets subjektiv konstruiert. Das Gemenge dieser Konstruktion hat in diesen Tagen einen neuen H&ouml;hepunkt erreicht. Stets wird man von Eilmeldungen erreicht. Messerattacke hier, Macheten-Angriff und Explosion dort. <\/p><p>In den Vordergrund geraten haupts&auml;chlich junge M&auml;nner, die aufgrund verschiedenster Motive unschuldige Menschen angreifen, sie schwer verletzen oder t&ouml;ten. Es steht au&szlig;er Frage, dass ein solch verbrecherisches Verhalten nicht als &bdquo;normal&ldquo; eingestuft werden kann. Genauso liegt es allerdings auch auf der Hand, dass niemand von heute auf morgen ohne jegliche Beweggr&uuml;nde zu einer Waffe greift. Der Fokus auf diese mittlerweile nahezu allt&auml;glichen Radikalisierungsprozesse bleibt jedoch trotzdem aus. Stattdessen dominieren simple, zum gro&szlig;en Teil nichtssagende Antworten den Diskurs. <\/p><p>Jemand, der gute Antworten liefert, ist etwa Farhad Khosrokhavar. In seinem j&uuml;ngst erschienenen Werk beschreibt der iranisch-franz&ouml;sische Soziologe in detaillierter Manier, warum sich junge Menschen in diesen Tagen mitten in Europa radikalisieren. Obwohl sich Khosrokhavar in seiner Analyse nicht nur auf muslimische Migranten fokussiert, sondern etwa auch auf linken und rechten Extremismus, liefert er vor allem bei Ersteren besonders stichhaltige Punkte.<\/p><p>So stellt der Autor etwa fest, dass sowohl in Frankreich als auch in Deutschland die vorherrschenden politischen Systeme &ndash; ein extrem s&auml;kularer Laizismus einerseits sowie ein pr&auml;gender Multikulturalismus andererseits &ndash; eine Rolle bei der Radikalisierung vieler Personen spielt. Selbiges gilt auch f&uuml;r die koloniale Vergangenheit der beiden Staaten, die vor allem in Frankreich kaum aufgearbeitet wurde. Stattdessen hat der europ&auml;ische Kolonialismus weiterhin eine Gegenwart und Zukunft, wie etwa das franz&ouml;sische und deutsche &bdquo;Engagement&ldquo; in Nordafrika oder L&auml;ndern wie Afghanistan deutlich macht. <\/p><p><strong>Produkte der Gesellschaft<\/strong><\/p><p>In den Hintergrund geriet in den letzten Tagen etwa die Tatsache, dass Riaz A., der Axt-M&ouml;rder von W&uuml;rzburg, vor Kurzem einen Freund in Afghanistan gewaltsam durch die &bdquo;Ungl&auml;ubigen&ldquo; verloren hat. In seiner Youtube-Ansprache auf Paschto, die von Medienkan&auml;len des IS verbreitet wurde, machte der junge Afghane au&szlig;erdem deutlich, dass er Rache nehmen wolle f&uuml;r das Leid, was die westliche Milit&auml;rbesatzung &uuml;ber seine Heimat gebracht habe. So blutig und verachtenswert die Tat des Jugendlichen &ndash; Medienberichten zufolge war Riaz A. siebzehn Jahre jung &ndash; gewesen ist, so steht es au&szlig;er Frage, dass sie einen direkten Zusammenhang mit der katastrophalen Lage Afghanistans hat. An dieser Lage tr&auml;gt Deutschland ma&szlig;geblich Mitschuld.  <\/p><p>&Auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit Frankreich, welches seinen kolonialen Massenmord an &uuml;ber einer Million Algerier konsequent verdr&auml;ngt und in Nordafrika weiterhin aggressiven Neokolonialismus betreibt. Es ist kein Zufall, dass viele Attent&auml;ter, welche die Grande Republique in den letzten Jahren heimgesucht haben, nordafrikanisch-arabische Namen haben. Die meisten dieser jungen M&auml;nner haben n&auml;mlich stets dasselbe Profil: Sie sind die Produkte einer zutiefst gespaltenen und ausbeuterischen Gesellschaft, an ihren Rand gedr&auml;ngt und verfallen in Kriminalit&auml;t. Diese jungen Menschen wussten, als was sie betrachtet werden, bevor sie ihre Bluttaten ausf&uuml;hrten: N&auml;mlich als Abschaum der Gesellschaft, den man auf der Champs Elys&eacute;e nicht erblicken m&ouml;chte. <\/p><p>Mit der islamischen Religion an sich hat das Ganze jedoch wenig zu tun. Nicht die Radikalisierung des Islam sei in diesen Tagen das gr&ouml;&szlig;te Problem, sondern dass sich Radikalit&auml;t immer &ouml;fter islamistisch kost&uuml;miere, meint etwa der franz&ouml;sische Politologe Olivier Roy. Die Ideologie des IS, laut Roy zurzeit das &bdquo;radikalste Produkt auf dem Markt&ldquo;, kommt diesen Menschen gerade recht. <\/p><p><strong>&bdquo;Terrorismus ist der Krieg der Armen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Politik hat immer und &uuml;berall stets ihre Folgen. Es war naiv zu glauben, dass die Gewalt in gewissen Regionen dieser Welt nicht mit dem politischen Alltag in Europa zusammenh&auml;ngt und sich permanent verdr&auml;ngen l&auml;sst. Erst vor wenigen Tagen wurden Dutzende von Menschen abermals Opfer von Anschl&auml;gen der Anti-IS-Koalition in Syrien. Sie waren allesamt Zivilisten &ndash; solche, die vom medialen Mainstream oftmals voreilig als &bdquo;IS-Terroristen&ldquo; betitelt werden. &Auml;hnliche Szenarien sind auch anderswo zu beobachten, etwa in Pakistan, Afghanistan, dem Jemen oder Somalia, wo US-Pr&auml;sident Barack Obama weiterhin mit seinen Drohnen morden l&auml;sst. Tausende von Menschen  wurden in den vergangenen Jahren durch diese Art von Terrorismus get&ouml;tet. Ihnen wurden allerdings keine gro&szlig;en Titelgeschichten gewidmet. Man kennt kaum ihre Gesichter und Namen &ndash; und daran wird sich auch nichts &auml;ndern. <\/p><p>&bdquo;Terrorismus ist der Krieg der Armen und der Krieg ist der Terrorismus der Reichen&ldquo;, schrieb Peter Ustinov einst. Die j&uuml;ngsten Ereignisse machen abermals deutlich, wie recht er hatte. Weite Teile der Welt, allen voran die Region von Damaskus bis Kabul, erlebt in diesen Tagen einen Zenit der Gewalt. Laut den j&uuml;ngsten UN-Zahlen wurden allein im Halbjahr 2016 in Afghanistan &uuml;ber 1.500 Kinder verletzt oder get&ouml;tet. Zum gleichen Zeitpunkt nimmt der Todeskreislauf in Syrien, der laut aktuellen Sch&auml;tzungen bereits &uuml;ber 400.000 Menschen das Leben gekostet hat, kein Ende.<\/p><p>Wer meint, dass die westliche Welt mit alldem nichts oder nur wenig zu tun hat, zeichnet ein falsches, abstruses, ja perverses Bild der Realit&auml;t und wird ebenso wenig einsehen, dass die j&uuml;ngste Gewalt vor unserer Haust&uuml;r eng mit jener verwoben ist, &uuml;ber die kaum berichtet wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anschl&auml;ge und Attentate scheinen in diesen Tagen die Schlagzeilen zu dominieren. Die Frage nach den Gr&uuml;nden der Radikalisierung vieler junger Menschen steht jedoch weiterhin im Raum. 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