{"id":34436,"date":"2016-07-29T10:58:15","date_gmt":"2016-07-29T08:58:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34436"},"modified":"2024-09-27T04:34:08","modified_gmt":"2024-09-27T02:34:08","slug":"nancy-frazer-eine-frau-im-weissen-haus-ist-ein-nicht-hinreichendes-symbol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34436","title":{"rendered":"Nancy Fraser: Eine Frau im Wei\u00dfen Haus ist \u201eEin nicht hinreichendes Symbol\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In der franz&ouml;sischen Tageszeitung <em>Le Monde<\/em> erschien ein interessantes Interview mit der bekannten US-Professorin <strong>Nancy Fraser<\/strong>. <strong>Gerhard Kilper<\/strong> hat dieses f&uuml;r die NachDenkSeiten &uuml;bersetzt bzw. berichtet. Hier der relevante Auszug, verbunden mit einem gro&szlig;en Dank an den &Uuml;bersetzer. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Auszug aus einem Interview des Le Monde Redakteurs Marc-Olivier Bherer mit Nancy Fraser, Philosophie-Professorin an der New School of Social Research in New York<\/strong><br>\n<strong>Originaltitel: Une femme &agrave; la Maison Blanche: &bdquo;Un symbole qui ne suffit pas&ldquo;<\/strong><br>\nErschienen in der franz&ouml;sischen Tageszeitung Le Monde vom 28. Juli 2016, Seite 26<\/p><p>Nancy Fraser ist in den USA eine herausragende Pers&ouml;nlichkeit innerhalb der kritischen Linken. Sie reklamiert feministische Positionen f&uuml;r sich, h&auml;lt jedoch gleichzeitig kritisch Abstand zu manchen Entwicklungen der Frauenrechtsbewegung, die in ihren Augen zu oft Hilfsdienste f&uuml;r den Kapitalismus leistet.<\/p><p>Beobachtungen von Aktionen der Frauenrechtsbewegung f&uuml;hrten sie zu einer mehr theoretischen Kritik an Habermas Begriff des &bdquo;&Ouml;ffentlichen Raums&ldquo;. Sie will den &bdquo;&Ouml;ffentlichen Raum&ldquo; in seiner ganzen Vielfalt begreifen, auch offen f&uuml;r Leute in untergeordneten gesellschaftlichen Rollen und Stellungen. Durch Mobilisierung sollen diese Leute in einem zweiten Schritt bef&auml;higt werden, auch am breiteren &ouml;ffentlichen Raum teilhaben zu k&ouml;nnen.<\/p><p><em>Welche Erwartungen verkn&uuml;pfen Sie mit Hillary Clintons Kandidatur?<\/em><\/p><p>Sie l&ouml;st keine sehr enthusiastischen Gef&uuml;hle bei mir aus. Dass eine unserer beiden gro&szlig;en Parteien eine Frau zur Kandidatin f&uuml;r das Pr&auml;sidentenamt gew&auml;hlt hat, ist eine Premiere, &uuml;ber die ich mich freue. Ich w&uuml;rde es begr&uuml;&szlig;en, wenn eine Frau ins Wei&szlig;e Haus einziehen k&ouml;nnte. Doch nicht unbedingt Hillary Clinton.<\/p><p>Die fr&uuml;here Au&szlig;enministerin betrachte ich mit einer geh&ouml;rigen Portion Misstrauen. Ich bedaure es, dass sie au&szlig;enpolitisch ein Falke ist. Vielleicht kam sie zu dieser Haltung, weil sie zeigen wollte, dass sie die gleiche H&auml;rte wie ein Mann haben kann, der Grund f&uuml;r ihre Haltung ist aber unwichtig. Im Fall Libyens zeigte sie vergleichsweise sehr viel mehr Bereitschaft zum Einsatz milit&auml;rischer Gewalt als Barack Obama. In Syrien war sie f&uuml;r die Einrichtung einer Flugverbotszone und sie glaubt, zu Unrecht wie ich meine, es sei m&ouml;glich, zugleich an zwei Fronten zu k&auml;mpfen. Sie ist der Meinung, man k&ouml;nne gleichzeitig Bachar Al-Assad und den islamistischen Staat IS besiegen.<\/p><p>Weiterhin bin ich &uuml;ber ihre Verbindungen zur Wall Street beunruhigt. Diese Bande gehen weiter als von Goldman Sachs bezahlte Reden oder von Finanziers gespendete Zahlungen an die Clinton Foundation. Nichts deutet darauf hin, dass sie ernsthaft die Absicht hat, die Finanzwelt reformieren oder die im Lauf der letzten 30 Jahre praktizierte Orientierung der amerikanischen Politik zu &auml;ndern. Eine Epoche, die ja die Pr&auml;sidentschaft ihres Mannes und die Pr&auml;sidentschaft Barack Obamas mit einschlie&szlig;t.<\/p><p>Resultat dieser Politikausrichtung war eine Umverteilung des erzeugten Reichtums von den &Auml;rmsten zu den Reichsten, von den 99% am wenigsten Reichen zu den 1% am Reichsten. Und Hillary Clinton ist die Kandidatin dieser 1%.<\/p><p><em>Aber Sie sprechen bisher nicht von Anliegen und Interessen der Frauen &hellip;<\/em><\/p><p>Es stimmt, dass sich Hillary Clinton schon lange f&uuml;r Fortschritte in der Frauenfrage einsetzt. Doch geschieht dies aus strikt liberalem Blickwinkel mit Vorrang f&uuml;r das Individuum, f&uuml;r gleiche Rechte in einem vom Markt definierten System. Nach dieser Denkrichtung m&uuml;ssen Diskriminierungen beendet werden, damit Frauen gleichberechtigt mit M&auml;nnern um (h&ouml;here und h&ouml;chste) Machtposten konkurrieren k&ouml;nnen. Doch diese Art von Feminismus macht sich nicht daf&uuml;r stark, bestehende Hierarchien abzuflachen.<\/p><p>Wenn man sich in unserer von zunehmender Ungleichheit gepr&auml;gten Zeit nur daf&uuml;r einsetzt, dass Frauen die oberste Stufe einer Pyramide erklimmen k&ouml;nnen, ist das kein Streben nach mehr gesellschaftlicher Gleichheit.<\/p><p>Denn nur eine kleine Minderheit kann Nutznie&szlig;er eines solchen Kampfes sein: die Frauen der schon Beg&uuml;terten, die, aus der Mittel- oder Oberschicht kommend, studieren konnten und daher eine Art soziales Kapital f&uuml;r eine solche Karriere mitbringen.<\/p><p>Gegenw&auml;rtig erleben wir in den USA ein dramatisches Absinken des Lebensstandards von Frauen und Kindern, aber auch von M&auml;nnern. Mein mehr sozialdemokratisch gepr&auml;gter Feminismus untersucht sowohl allgemein strukturelle Ursachen gesellschaftlicher Ungleichheiten als auch Ungleichheiten in den Beziehungen der Geschlechter.<\/p><p>T&auml;tigkeiten k&ouml;nnen in geschlechtsspezifisch nicht entlohnte Pflegearbeit und entlohnte Arbeit getrennt werden. Weibliche Emanzipation kann nicht vollst&auml;ndig sein, wenn sie sich nur mit der Arbeitswelt besch&auml;ftigt.<\/p><p><em>Sie haben Zweifel an der Kandidatur Hillary Clintons. Aber sollte man ihre Kandidatur nicht angesichts ihres &ndash; offen frauenfeindliche Reden haltenden &ndash; Rivalen Donald Trump unterst&uuml;tzen?<\/em><\/p><p>Ich unterst&uuml;tze in keinster Weise Donald Trump. Dennoch sehe ich ihn weniger negativ als Sie wahrscheinlich glauben. Der republikanische Kandidat hielt schreckliche, frauenfeindliche, rassistische, antimuslimische und antimexikanische Reden. Er ist ein sehr impulsiver Mensch, genau das Gegenteil von Hillary Clinton.<\/p><p>Bei Hillary Clinton ist jedes Wort, das sie von sich gibt, ganz genau vorbereitet. Der Enthusiasmus f&uuml;r Trump beruht zumindest teilweise darauf, dass er in seiner impulsiven Art authentisch wirkt. Man muss auch zugeben, dass Trump eine sehr viel komplexere Pers&ouml;nlichkeit ist, als gemeinhin angenommen wird.<\/p><p>Wenn man f&uuml;r einen Augenblick von der mehr polemischen Seite seines Charakters absieht, muss man festzustellen, dass er ein alter Demokrat ist, der sich erst in j&uuml;ngster Zeit der Republikanischen Partei angen&auml;hert hat. Schon lange trat er f&uuml;r ein allgemeines Gesundheitssystem ein, einer der Gr&uuml;nde, warum sich die republikanische F&uuml;hrung schwer mit seinem Sieg bei der Kandidaten-Vorwahl tut. Au&szlig;erdem haben die Republikaner bei der Verbreitung von Macho-Gehabe nicht auf Trump gewartet. Die Republikaner taten dies bisher nur auf diskretere Art und Weise.<\/p><p>Es sei auch daran erinnert, dass Trump die Austerit&auml;tspolitik ablehnt. Weiter ist er gegen die Freihandelsabkommen. In einigen Punkten macht er eine bessere Figur als Hillary Clinton. So ist er kein au&szlig;enpolitischer Falke und sucht die Verst&auml;ndigung, vor allem mit Wladimir Putin und hier stimme ich ihm zu. Ich glaube nicht, dass es im Interesse von irgendjemandem sein kann, Russland zu verteufeln und die NATO bis an die Grenzen Russlands auszuweiten, wie das Hillary Clinton w&uuml;nscht.<\/p><p>Auf au&szlig;enpolitischem Gebiet zeigt sich Donald Trump pragmatischer. Ich bin nicht f&uuml;r Isolationismus, aber unser Land hat in der Vergangenheit in zu vielen L&auml;ndern interveniert. Ich wiederhole, ich unterst&uuml;tzte nicht Trump. Doch ich glaube auch, bei seiner Einsch&auml;tzung ist es wichtig, all zu leichten Simplifizierungen zu misstrauen. Trump ist kein Faschist, n&auml;hert sich Positionen des Front National an.<\/p><p>Er versucht Menschen anzusprechen, die von der Globalisierung abgeh&auml;ngt worden sind, unter ihr leiden bzw. berechtigte Beschwerde-Gr&uuml;nde gegen sie vorbringen.<\/p><p>Das Problem ist, dass Populisten Einwanderer und Fl&uuml;chtlinge zu S&uuml;ndenb&ouml;cken stempeln. Trump geh&ouml;rt zu diesen Leuten, aber ich glaube nicht, dass alle seine Anh&auml;nger Faschisten sind. Es sind vor allem Menschen mit &ndash; aus guten Gr&uuml;nden &ndash; aufgestauter Wut im Bauch.<\/p><p>&hellip;<\/p><p><em>W&uuml;rde nicht mit der Wahl von Hillary Clinton als Frau auf den Posten des obersten Chefs im Wei&szlig;en Haus ein starkes Signal ausgesendet werden?<\/em><\/p><p>Dieser Amtsposten ist eher ein abstraktes Symbol.<\/p><p>Margret Thatcher und Angela Merkel lehrten uns schon, dass an die Macht gekommene Frauen keinesfalls eine Garantie f&uuml;r mehr soziale Gerechtigkeit sind. Symbole allein gen&uuml;gen nicht. Ich sage das am Ende eines Zyklus von zwei aufeinander folgenden Amtsperioden, die mehr symbolische Bedeutung hatten als die Wahl einer Frau, n&auml;mlich die Wahl eines Afro-Amerikaners (zum amerikanischen Pr&auml;sidenten).<\/p><p>Die Wahl Obamas war eine Wahl von historischer Dimension. Dennoch ist Obamas Pr&auml;sidentschaft entt&auml;uschend ausgefallen. Leute, die von seiner Kandidatur begeistert waren, sind jetzt am Ende der Meinung, dass die besondere Identit&auml;t eines Kandidaten ihn nicht auch automatisch qualifiziert. Man sollte ein wenig genauer auf die &Uuml;berzeugungen der Kandidaten schauen. Obama trat in den Vorwahlen als Kandidat mit dem Versprechen an, zu neuen Ufern aufzubrechen und das Land umzugestalten &ndash; aber dieses Versprechen hat er nicht eingel&ouml;st.<\/p><p>Hillary Clinton verkauft sich als erfahrenste und qualifizierteste Kandidatin. Das hei&szlig;t folgerichtig als die Kandidatin, die sich am besten an die vor Ort geltenden Wertvorstellungen anzupassen vermag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der franz&ouml;sischen Tageszeitung <em>Le Monde<\/em> erschien ein interessantes Interview mit der bekannten US-Professorin <strong>Nancy Fraser<\/strong>. <strong>Gerhard Kilper<\/strong> hat dieses f&uuml;r die NachDenkSeiten &uuml;bersetzt bzw. berichtet. 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