{"id":3446,"date":"2008-09-08T10:50:59","date_gmt":"2008-09-08T08:50:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3446"},"modified":"2015-11-15T10:49:10","modified_gmt":"2015-11-15T09:49:10","slug":"versager-an-der-spitze-der-fremdbestimmten-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3446","title":{"rendered":"Versager an der Spitze der fremdbestimmten SPD"},"content":{"rendered":"<p>Ein Freund und gro&szlig;er Helfer der Nachdenkseiten schickte angesichts der Steinmeierkandidatur eine deprimierte Mail. Das geht vielen so. Mich deprimiert die Entscheidung f&uuml;r M&uuml;ntefering noch ein St&uuml;ck mehr als die f&uuml;r Steinmeier. Die Entscheidungen stehen f&uuml;r die totale Anlehnung der SPD an den neoliberalen Geist &ndash; und noch schlimmer: sie stehen daf&uuml;r, dass die Chance f&uuml;r eine linke Alternative in die Ferne ger&uuml;ckt ist. Trotz der l&auml;hmenden Folgen dieser Entwicklung einige Anmerkungen. Jetzt wird sehr viel Nebel geworfen werden. Vielleicht helfen die folgenden Bemerkungen beim Versuch, in Ihrem Umfeld mitzuhelfen, den Nebel zu lichten. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>1. Anmerkung:<\/strong> Bei dieser Entscheidung spielte der Wille der SPD-Mitglieder und der Parteigliederungen keine Rolle. Die Entscheidung wurde von einigen Medien und den dahinter stehenden Interessen vorbereitet. Diese haben die ver&ouml;ffentlichte Meinung wesentlich gepr&auml;gt. Es trat ein, was Sie bei uns vor drei Tagen lesen konnten:<br>\n<a href=\"?p=3441\">&bdquo;Jeden Tag neu zu beobachten: Die SPD ist eine fremdbestimmte Partei&ldquo;<\/a><br>\nViele NachDenkSeiten Leser haben diesen Vorgang &auml;hnlich empfunden und treffend kommentiert. Zwei E-Mails sind im Anhang angef&uuml;gt.<\/p><p><strong>2. Anmerkung:<\/strong> Der <strong>Hauptfaktor dieser Entscheidungen ist die Propaganda<\/strong>. Wer &uuml;ber die Instrumente der Propaganda wie etwa die Bild-Zeitung, die Hauptfernsehmedien, den Stern und Spiegel Online verf&uuml;gt, kann auch &uuml;ber den SPD-Vorsitz und ihren Kanzlerkandidaten entscheiden. Selbst der Vorstand dieser Partei hat weniger zu sagen als au&szlig;enstehende und sogar feindliche Medien und ihre Hinterm&auml;nner und -frauen. Sarkastisch k&ouml;nnte man es auch so sagen: Die Feststellung des Grundgesetzes, die Parteien sollten an der politischen Willensbildung mitwirken, wurde ersetzt durch den Satz: &bdquo;Der &bdquo;Stern&ldquo; von Bertelsmann, &bdquo;Bild&ldquo; von Springer, Forsa und andere Umfrageinstitute wirken an der Willensbildung ma&szlig;geblich mit.&ldquo;<\/p><p><strong>3. Anmerkung: Kurt Beck hat sich von diesen Kr&auml;ften in der engeren F&uuml;hrung der SPD sehenden Auges einmauern lassen.<\/strong> Er hat sie sogar gef&ouml;rdert. Das schreiben wir nicht erst jetzt. Die Informationen dar&uuml;ber konnten Sie zum Beispiel am 2.10.2007 <a href=\"?p=2664\">hier lesen<\/a>: &bdquo;Becks-Korrektur Vorschlag ist nur glaubw&uuml;rdig, wenn die Arbeitslosenversicherung wieder hergestellt wird und die Agenda 2010-Macher nicht noch bef&ouml;rdert werden.&ldquo;<br>\nDie 2010-Macher sind von Beck mit seinem Personalvorschlag f&uuml;r den Parteitag in Hamburg im Oktober 2007 bef&ouml;rdert worden. Er hat dieser Gruppe mit Steinbr&uuml;ck, Steinmeier, Hendricks und Heil in der engeren F&uuml;hrung zur Mehrheit verholfen.<\/p><p><strong>4. Anmerkung:<\/strong> Mit Steinmeier und M&uuml;ntefering kommen die &ndash; von Schr&ouml;der abgesehen &ndash; eigentlichen <strong>Macher der Agenda 2010 an die Spitze<\/strong>.<\/p><p><strong>5. Anmerkung: Mit ihnen kommen aber auch die eigentlichen Versager an die Spitze<\/strong> der SPD. Mit dem sogenannten Kanzleramts-Papier vom Dezember 2002, im wesentlichen verantwortet von dem damaligen Kanzleramtschef Steinmeier, hatte die so genannte Reformpolitik der Agenda 2010 so richtig begonnen. Die ersten unter dem Namen Hartz I bis III laufenden Reformen haben sich nahezu vollst&auml;ndig als Flops erwiesen. In den <a href=\"?p=1003\">NachDenkSeiten vom 28.12.2005<\/a> wurde dar&uuml;ber berichtet, dass sogar eine von der Regierung in Auftrag gegebene Studie zu diesem Ergebnis kommt. Sp&auml;ter, 2004, kam Hartz IV. Damit wurden nicht nur die faktisch Arbeitslosen nach einem Jahr auf Sozialhilfeniveau gebracht, sondern es wurde auch auf jene, die noch einen Arbeitsplatz haben, Druck ausge&uuml;bt &ndash; mit der Drohung, im Falle der Arbeitslosigkeit nur ein Jahr lang Arbeitslosengeld I beziehen zu k&ouml;nnen. Heute tut man so &ndash; und das ist die eigentliche &bdquo;Leistung&ldquo; der amtierenden Sozialdemokraten -, als sei das bisschen Wachstum, das sich im Jahre 2006 und 2007 zeigte, von Hartz IV und der Agenda 2010 erzeugt worden. Der Glauben, wir h&auml;tten ein gutes Wirtschaftswachstum, einen Aufschwung, einen Boom, und dies sei die segensreiche Folge der Hartz-Gesetze und der Schr&ouml;der&rsquo;schen Reformen insgesamt, wird nur dadurch best&auml;tigt, dass die f&uuml;hrenden Sozialdemokraten wie auch die Vertreter der Union und der Gr&uuml;nen und die unterst&uuml;tzenden Medien dies immer wieder behaupten. Wie diese Meinungsmache durch Wiederholung und affirmativen Auftritt funktioniert, konnte man in den Verlautbarungen des vergangenen Sonntag gut beobachten, zum Beispiel bei Generalsekret&auml;r Heil in der Sendung Anne Will.<br>\nVersager sind die beiden neuen Spitzenleute auch in Bezug auf die Wahlchancen in der SPD. In ihrer und Schr&ouml;ders Zeit sind der SPD sechs sozialdemokratische Ministerpr&auml;sidentenposten verlorengegangen, reihenweise sind Wahlen in den Sand gesetzt worden.<br>\nM&uuml;ntefering und im Hintergrund Steinmeier waren die Macher der Verk&uuml;rzung der Legislaturperiode im Jahre 2005 zu Gunsten der Neuwahlen und der Wahl der CDU-Bundeskanzlerin Merkel. Sie haben sich Verdienste um die Union erworben.<br>\nEs ist interessant zu beobachten, dass jetzt versucht wird, die schlechten Umfragewerte der SPD und implizit auch die bisherigen Misserfolge bei Wahlen dem gerade zur&uuml;ckgetretenen Vorsitzenden Beck in die Schuhe zu schieben. wie schon im Fr&uuml;hjahr dieses Jahres. Am 31. M&auml;rz 2008 konnten Sie in den NachDenkSeiten davon lesen, wie das schon damals versucht worden ist: <a href=\"?p=3104\">&bdquo;Kurt Beck wird zum S&uuml;ndenbock f&uuml;r den Niedergang der SPD gemacht&ldquo;<\/a>. Das wird man jetzt durchgehend weiter versuchen.<br>\nWenn es richtig ist, dass die Nominierung von Steinmeier auch davon bestimmt war, dass er in den Umfragen vorne lag, dann zeigt dies sehr deutlich, dass jene Kr&auml;fte in der SPD, die sich an solchen Umfragen orientieren, keine Ahnung von der Bedeutung solcher Umfragen und von ihrem Zustandekommen haben. Der Au&szlig;enminister war schon zu Joschka Fischers Zeit das popul&auml;rste Regierungsmitglied. Sind die Gr&uuml;nen deshalb zu einer 30- oder 40% Partei geworden? Helmut Schmidts Popularit&auml;t war oft Spitze. Und dennoch hat er zum Beispiel seine erste Wahl im Jahr 1976 gegen den weit weniger popul&auml;ren Helmut Kohl fast verloren und dann auch 1980 schlecht abgeschnitten. Bei uns werden Parteien gew&auml;hlt. Au&szlig;erdem: In solche Umfragewerte geht die Meinung der Anh&auml;nger aller Parteien ein. Wenn die CDU- und FDP-Anh&auml;nger Steinmeier gut finden, dann sagt das &uuml;berhaupt noch nichts &uuml;ber ihre Wahlentscheidung aus. Wenn man sich also bei der Auswahl des Spitzenpersonals an solchen Popularit&auml;tswerten orientiert, dann zeugt dies nur von mangelnder Umsicht und von Einfalt. <\/p><p><strong>6. Anmerkung: Steinmeier ist leider konzeptionell schwach.<\/strong> In den NachDenkSeiten hat Wolfgang Lieb am 28. August 2007 <a href=\"?p=2593\">das gemeinsame Werk von Steinmeier, Platzeck und Steinbr&uuml;ck besprochen<\/a>. Es hie&szlig; &bdquo;Auf der H&ouml;he der Zeit&ldquo; und war ein erstaunliches Papier &ndash; um es vornehm zu sagen. Die konzeptionelle Schw&auml;che zeigte sich auch in der Entwicklung der schon erw&auml;hnten Agenda 2010-Reformen. Steinmeier schleppt die g&auml;ngigen Vorurteile und Denkfehler mit sich herum. Seine Einlassungen zum Beispiel &uuml;ber die Lohnnebenkosten im erw&auml;hnten Kanzleramts-Papier sind &auml;u&szlig;erst befremdlich. Jetzt soll die Wirtschaftspolitik einer der Schwerpunkte werden &ndash; es steht aber zu bef&uuml;rchten, dass er schlicht nicht wei&szlig;, wie notwendig es ist, endlich wieder eine gute makro&ouml;konomische Politik zu betreiben. Daf&uuml;r spricht, dass in seiner Zeit der Mitverantwortung als Chef des Bundeskanzleramtes die gr&ouml;&szlig;ten makro&ouml;konomischen Fehler gemacht worden sind: der Abbruch eines kleinen Booms im Jahre 2000\/2001 und kein Gegensteuern mit der Folge einer miserablen wirtschaftlichen Entwicklung zwischen 2001 und 2005. Das war die Agendazeit.<\/p><p><strong>7. Anmerkung: Mit Steinmeier und M&uuml;ntefering bauen jene Kr&auml;fte in der SPD ihre Bastion aus, deren Zerst&ouml;rungswerk eng mit politischer Korruption verbunden ist.<\/strong> M&uuml;ntefering hat zum Beispiel alles getan, um das Vertrauen in die gesetzliche Rente zu st&ouml;ren und zu zerst&ouml;ren und zugleich Propaganda f&uuml;r die Privatvorsorge zu machen. Er hat als Minister mit der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters einen handfesten politischen Beitrag zur Absenkung der Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente geleistet. Wer erwarten muss, mit 65 Jahren kaputt zu sein und dann in Rente gehen will, muss einen Abschlag von 7,2 Prozent in Kauf nehmen. &ndash; In der Zeit seiner Ministerverantwortung wurden reihenweise &ouml;ffentliche und halb &ouml;ffentliche Einrichtungen zur Werbung f&uuml;r Privatvorsorge eingespannt &ndash; die Deutsche Rentenversicherung, die Volkshochschulen, die Schulen, die Stiftung Warentest und viele mehr. Die Versicherungswirtschaft und die Banken lassen sich nicht lumpen, wie man an den Honoraren f&uuml;r Walter Riester, den Vorg&auml;nger von M&uuml;ntefering, sieht.<br>\nSteinmeier war Leiter der Staatskanzlei in Hannover, als der Finanzdienstleister Carsten Maschmeyer mit gro&szlig;em Aufwand und Propaganda mithalf, die Landtagswahlen im M&auml;rz 1997 zu gewinnen und damit Gerhard Schr&ouml;der den Weg zur Kanzlerkandidatur zu ebnen. Die Riester- und die R&uuml;rup-Rente waren dann das Gegengeschenk. <\/p><p><strong>8. Anmerkung:<\/strong> Beide, <strong>Steinmeier und M&uuml;ntefering, haben sich gegen eine Zusammenarbeit mit der Linken festgelegt<\/strong>. Mit ihrer Nominierung ist auch die Hoffnung auf eine Alternative besch&auml;digt.<\/p><p><strong>9. Anmerkung: Sie werden vermutlich mit aller Gewalt zu verhindern suchen, dass Andrea Ypsilanti in Hessen zur Ministerpr&auml;sidentin gew&auml;hlt wird.<\/strong> Sie werden mithilfe der Medien und der Union ohnehin ein Feuerwerk an Propaganda abziehen, um &ouml;ffentlichen Druck gegen eine solche Entscheidung der Abgeordneten im hessischen Landtag aufzubauen. Man wird auch den psychischen Druck auf Andrea Ypsilanti erh&ouml;hen und keine R&uuml;cksicht darauf nehmen, dass dieser Druck inzwischen solche paranoischen Z&uuml;ge tr&auml;gt, dass man schon um die Sicherheit der dort handelnden Personen bangen muss.<\/p><p><strong>10. Anmerkung:<\/strong> Es ist am Sonntag mitgeteilt worden, Schwerpunkt der Profilierung des neuen Kanzlerkandidaten der SPD sei die Wirtschaftspolitik und die Bildungspolitik. <strong>Muss man das so interpretieren, dass der Bundesau&szlig;enminister und Vizekanzler den Konflikt um Krieg und Frieden vermeiden will?<\/strong> Dieses Thema &ndash; konkret die Auseinandersetzung um die sich abzeichnende neue Konfrontation zwischen dem Westen und Russland &ndash; w&auml;re das einzige hoffnungsvolle Thema, das zur vollen Mobilisierung der SPD taugen k&ouml;nnte. Siehe dazu den Tagebucheintrag vom 14. August 2008: <a href=\"?p=3398\">&bdquo;Kooperation statt Krieg &ndash; das w&auml;re das entscheidende Thema der SPD und der Europ&auml;ischen Linken&ldquo;<\/a>. Vermutlich ist Steinmeier so eng mit den USA verbunden, dass er zu einer eigenst&auml;ndigen Friedenspolitik, die seine eigentliche und einzige Chance w&auml;re, sich gegen Merkel zu profilieren, nicht f&auml;hig ist.<\/p><p><strong>11. Anmerkung: Die so genannte Linke in der SPD unter F&uuml;hrung von Andrea Nahles hat offensichtlich &uuml;berhaupt nichts zu sagen.<\/strong> Sie will offenbar auch nichts zu sagen haben. Andrea Nahles sprach von der &bdquo;Kultur der Geschlossenheit&ldquo;, die jetzt angezeigt sei. Das ist toll. Dieser mangelnde Biss und der mangelnde Wille zu einer Alternative werden die Wahlchancen der Linkspartei sehr verbessern. Ihre wachsende St&auml;rke ist eines der wenigen Druckmittel zur Besinnung, sofern es diese bei der amtierenden Linken in der SPD und bei der SPD-F&uuml;hrung insgesamt &uuml;berhaupt noch gibt.<\/p><p><strong>12. Anmerkung: M&uuml;ntefering wird jetzt zum SPD-Retter hochstilisiert<\/strong> und es wird, gef&ouml;rdert durch Veranstaltungen wie im Hofbr&auml;uhaus zu M&uuml;nchen, der Eindruck erweckt, ihm sei die Basis eng verbunden. Davon kann keine Rede sein. M&uuml;ntefering zieht bei Bef&uuml;rwortern der Reformagenda in der SPD, bei jungen Karrieristen und &auml;lteren Mitgliedern, die gerne mit jedem eine Hoffnung verbinden, der in einfacher Sprache daherzureden versteht. Dass er die anderen nicht hinter sich hat, konnte man sp&auml;testens beim Hamburger SPD-Parteitag im letzten Oktober sehen, als er bei der Frage der Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeldes I gegen Beck verlor.<br>\nAuch beim Profilierungsversuch M&uuml;nteferings sieht man, wie mit gezielter und wiederholender Meinungsmache versucht wird, ein Image zu pr&auml;gen. Das kann man auch g&auml;nzlich gegen die tats&auml;chlichen Verh&auml;ltnisse schaffen &ndash; wenn Sie und wir alle nicht gegenhalten.<\/p><p><strong>13. Anmerkung:<\/strong> Anders als Steinmeier am Sonntag gesagt hat, ist diese Operation von vornherein so angelegt, dass die SPD auf dem zweiten Rang landet. <strong>Nach meiner Einsch&auml;tzung will die herrschende Gruppe im Hintergrund der SPD auch gar nichts anderes als die Fortsetzung der Gro&szlig;en Koalition.<\/strong> Steinbr&uuml;ck hat sich offen entsprechend ge&auml;u&szlig;ert. In dieser Konstellation kann man am allerbesten seine Gesch&auml;fte auf Staatskosten betreiben: So zum Beispiel die Privatisierung der Bahn, so zum Beispiel den Verkauf der IKB zu einem Spottpreis und unter Mitwirkung der Kanzlei des CDU-Politikers Friedrich Merz an die amerikanische Heuschrecke Lonestar. Siehe hier: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,druck-576685,00.html\">&ldquo;Russischer Oligarch kritisiert IKB-Verkauf&rdquo;<\/a>. <\/p><p><strong>14. Anmerkung:<\/strong> Aus diesen und vielen anderen Gr&uuml;nden ist auch die am Sonntag <strong>oft beschworene Parallelit&auml;t zur Situation von 1969 nicht gegeben<\/strong>. Damals gab es in der SPD auch eine Gruppe, die gar nicht den Bundeskanzler stellen, sondern die Gro&szlig;e Koalition fortsetzen wollte. Diese Gruppe um Herbert Wehner und Helmut Schmidt konnte sich aber nicht durchsetzen. Willy Brandt schmiedete damals gegen diese Kr&auml;fte die Koalition mit der FDP. &ndash; Au&szlig;erdem, wenn man schon Parallelit&auml;ten bem&uuml;ht, dann w&auml;re noch folgendes zu beachten: Damals wurde im M&auml;rz zum ersten Mal ein sozialdemokratischer Bundespr&auml;sident, Gustav Heinemann, gew&auml;hlt. Dieser Umstand entfaltete seine eigene Dynamik zu Gunsten der Abl&ouml;sung der Union aus der Kanzlerschaft. Wenn man also eine &auml;hnliche Dynamik erzeugen will, dann muss man der eigenen Kandidatin bei der Bundespr&auml;sidentenwahl die notwendige politische Basis verschaffen, das hei&szlig;t man muss sich &ouml;ffnen f&uuml;r die Kooperation mit der Linkspartei. Und noch ein gravierender Unterschied: damals hat sich die SPD auch inhaltlich deutlich von der Union unterschieden &ndash; mit der beginnenden Ostpolitik, mit &bdquo;Mehr Demokratie wagen&ldquo;, mit wirklich sozialen Reformen, mit einer anderen Wirtschaftspolitik und dem Profilierungsthema Aufwertung der D-Mark. Wo ist denn ein &auml;hnliches Konfliktthema heute? Der Mindestlohn? Da sagen die Gr&uuml;nen mit Recht: das h&auml;ttet ihr in der rot-gr&uuml;nen Koalition schon haben k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Anh&auml;nge &ndash; zwei Mails von heute:<\/strong><\/p><blockquote><p>Lieber Herr M&uuml;ller,<\/p>\n<p>es ist schon bemerkenswert. Sie haben ja in letzter Zeit oft beschrieben, wie die SPD fremdbestimmt wird, mancher hat diese Aussagen sicherlich als abenteuerlich empfunden. Aber heute hat sich ja endg&uuml;ltig offenbart, dass die SPD vollst&auml;ndig durch externe Meinungsmacher und die politische Konkurrenz in den wichtigsten Fragen kontrolliert wird. Damit haben die konservativen Kr&auml;fte ein weiteres Teilziel erreicht, n&auml;mlich die SPD als linke Volkspartei, die Mehrheiten gewinnen kann, zu erledigen.<\/p>\n<p>Heute noch werden ja Steinmeier und M&uuml;ntefering hochgelobt, morgen wird die Meinungsmaschinerie beginnen, die beiden anzugreifen und dasselbe Spiel wie mit Beck und der SPD-Linken zu treiben, um den Kurs der Neoliberalen zu sichern und die SPD endg&uuml;ltig politisch Matt zu setzen.<\/p>\n<p>Auch wenn es Sie auszeichnet &ndash; es ist eigentlich schade, dass Ihre Bef&uuml;rchtungen nacheinander eintreffen.<\/p>\n<p>Einen freundlichen Gru&szlig; schickt<\/p>\n<p>M. B.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Liebe Nachdenkseiten-Redaktion,<\/p>\n<p>wir beobachten ja im Moment, wie sich die SPD von gr&ouml;&szlig;enwahnsinnigen Redakteuren, denen jedes Verst&auml;ndnis von innerparteilicher Demokratie abhanden gekommen ist, kaputtschreiben l&auml;sst. Deshalb schaut man dann auch gerne mal genauer hin, was da so verzapft wird. Auf den Seiten der Tagesschau findet sich unter dem <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/deutschlandtrend392.html\">Link<\/a> ein Beitrag des notorischen J&ouml;rg Sch&ouml;nenborn zum &ldquo;Deutschlandtrend September&rdquo;, in dem unter anderem wie &uuml;blich die &ldquo;Zufriedenheit&rdquo; der Befragten mit unseren &ldquo;Spitzenpolitikern&rdquo; abgefragt wird. Er beginnt mit einem wunderbaren Bonmot:<\/p>\n<p><em>&ldquo;Neun Monate hatte er sich von der politischen B&uuml;hne zur&uuml;ckgezogen, jetzt feiert Franz M&uuml;ntefering demoskopisch ein starkes Comeback. Er wird von den W&auml;hlern so gut bewertet wie nie zuvor: 62 Prozent sind mit seiner politischen Arbeit zufrieden. Dabei ist die Zustimmung unter den SPD-W&auml;hlern mit 74 Prozent und sogar unter den W&auml;hlern der Union mit 69 Prozent besonders hoch.&rdquo;<\/em><\/p>\n<p>Das wirklich Lustige an diesem Absatz ist, dass Sch&ouml;nenborn das Offensichtliche gar nicht in Betracht zieht, n&auml;mlich, dass es zwischen den in den beiden ersten S&auml;tzen berichteten Tatsachen einen Zusammenhang geben k&ouml;nnte. 62 Prozent der Befragten fanden also M&uuml;nteferings politische Arbeit in den Monaten zuvor gut, und sogar 74 Prozent der SPD-W&auml;hler. Nur: der Herr befand sich ja im Ruhestand, er hat also gar nichts gemacht. Dass die Bev&ouml;lkerung, und besonders die eigene Partei, mit ihm gerade unter solchen Umst&auml;nden zufrieden ist, sollte ihn ja eigentlich ermuntern, im Ruhestand zu bleiben, oder? Am Besten nehmen sich die anderen &ldquo;Spitzenpolitiker&rdquo; daran ein Beispiel &ndash; Kurt Beck geht da wohl heute entschlossen voran, wie man h&ouml;rt.<\/p>\n<p>Es ist beeindruckend, wie es den Schreiberlingen immer wieder gelingt, mit ihren Nonsens-Umfragen das Hervortreten der wirklichen Probleme in die &ouml;ffentliche Diskussion zu verhindern. Genauso ist das ja mit Steinmeier, dem seine Umfragewerte, die im f&uuml;r Au&szlig;enminister &uuml;blichen Rahmen liegen, jetzt als Argument f&uuml;r einen Partei-Umsturzversuch von oben dienen. Man muss kein Hellseher sein, um zu prognostizieren, dass ihm und seinen Unterst&uuml;tzern diese demoskopische Verblendung, in der sie sich von Sch&ouml;nenborn und Konsorten anstecken lassen, unangenehm auf die F&uuml;&szlig;e fallen wird. Der Lack an Steinmeier wird so schnell ab sein, so schnell kann man gar nicht gucken.<\/p>\n<p>Bezeichnend ist f&uuml;r mich auch die Kampagne gegen Ypsilanti: statt zu fragen, wie (un-)beliebt die Dame ist, nachdem man sie wochenlang in ein schlechtes Licht ger&uuml;ckt hat, k&ouml;nnten die Demoskopen ja auch fragen, ob man den politischen Zielen, f&uuml;r die sie steht, zustimmt. Da k&auml;me dann aber was ganz anderes bei raus. Letztlich messen diese Abfragen &uuml;ber politisches Personal ja nur die Wirkung von PR-Kampagnen, die gezielt f&uuml;r oder gegen einzelne Personen losgetreten werden. <\/p>\n<p>Man k&ouml;nnte ja auch mal zur Debatte stellen, auf welch verschiedene Weisen Ypsilanti und Steinmeier ihre &Auml;mter anstreben: Ypsilanti wird erst dann als Ministerpr&auml;sidentin kandidieren, wenn sie einen Marathon von Regionalkonferenzen und einem abschlie&szlig;enden Landesparteitag erfolgreich bestanden hat, um so die breite R&uuml;ckendeckung der gesamten Landespartei zu bekommen. Steinmeier meint, dass eine Hinterzimmerabsprache mit Beck und Struck ausreicht, um Kanzlerkandidat der SPD zu werden.<\/p>\n<p>F&uuml;r mich ist Steinmeier so was wie der Egon Krenz der SPD: letzter Repr&auml;sentant einer abgewirtschafteten F&uuml;hrungsclique, die nicht einsehen will, dass ihre Zeit abgelaufen ist und uns und vor allem ihre eigene Partei mit immer verzweifelteren Man&ouml;vern qu&auml;lt, um sich eine Machtperspektive zu erhalten, die ihr de facto nicht mehr gegeben ist. Mit einem Steinmeier als SPD-Kandidaten landen wir ganz sicher in einer schwarz-gelben Koalition.<\/p>\n<p>Der rechte und der linke Fl&uuml;gel der SPD haben in praktisch keiner wichtigen Frage mehr politische Gemeinsamkeiten. Zumindest stellt sich das nach au&szlig;en hin so f&uuml;r mich dar. Vielleicht geht die SPD den Weg der italienischen (ehemaligen) PCI, deren rechter Fl&uuml;gel mit den gem&auml;&szlig;igten Christdemokraten zusammenging, w&auml;hrend sich die Linke komplett neu organisieren muss, de facto aber im Moment wohl v&ouml;llig zersplittert und zerstritten ist. Da wir bereits ein linkssozialdemokratisches Sammelbecken in Gestalt der Linkspartei haben, kann die demokratische Linke bei uns daraus vielleicht sogar, anders als in Italien, gest&auml;rkt hervorgehen. Wir werden sehen.<\/p>\n<p>Herzlichen Gru&szlig;,<br>\nRalf Vogel<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Freund und gro&szlig;er Helfer der Nachdenkseiten schickte angesichts der Steinmeierkandidatur eine deprimierte Mail. Das geht vielen so. Mich deprimiert die Entscheidung f&uuml;r M&uuml;ntefering noch ein St&uuml;ck mehr als die f&uuml;r Steinmeier. 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