{"id":34496,"date":"2016-08-04T12:10:28","date_gmt":"2016-08-04T10:10:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34496"},"modified":"2019-03-11T13:43:30","modified_gmt":"2019-03-11T12:43:30","slug":"deutschlands-voelkermord-an-den-hereros-und-nama-die-einuebung-der-ausrottung-von-voelkern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34496","title":{"rendered":"Deutschlands V\u00f6lkermord an den Hereros und Nama \u2013 die Ein\u00fcbung der Ausrottung von V\u00f6lkern"},"content":{"rendered":"<p>Der Deutsche Bundestag hat Vertreibung und T&ouml;tung von etwa 1,5 Millionen Armeniern 1916 durch das Osmanische Reich als V&ouml;lkermord bezeichnet. Ein gleiches Diktum &uuml;ber den deutschen Genozid an Hereros und Nama 1904 steht aus. Ein Beitrag von <strong>Heiko Flottau<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Diese k&uuml;hne Unternehmung zeigt die r&uuml;cksichtslose Energie der deutschen F&uuml;hrung bei der Verfolgung des geschlagenen Feindes in gl&auml;nzendem Lichte. Keine M&uuml;hen, keine Entbehrungen wurden gescheut, um dem Feinde den letzten Rest seiner Widerstandskraft zu rauben; wie ein halb zu Tode gehetztes Wild war er von Wasserstelle zu Wasserstelle gescheucht, bis er schlie&szlig;lich willenlos ein Opfer der Natur seines eigenen Landes wurde. Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes.&ldquo;<\/p><p>Mit solch martialischen Worten beschrieb der deutsche Generalstab im Jahre 1907 seine Kriegstaktik gegen die aufst&auml;ndischen Hereros in der damaligen Kolonie Deutsch-S&uuml;dwestafrika, heute Namibia [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Angeordnet hatte diese Barbarei Oberst Lothar von Trotha, von 1904 bis 1905 Oberbefehlshaber der sogenannten deutschen &bdquo;Schutztruppe&ldquo; in der zwanzig Jahre zuvor gegr&uuml;ndeten Kolonie Deutsch-S&uuml;dwestafrika. Im Auftrag von Reichskanzler Bismarck hatte Ernst Heinrich G&ouml;ring, Vater sowohl von Herrmann G&ouml;ring als auch von Regimegegner Albert G&ouml;ring, das Land zwischen der britischen Kapkolonie und Portugiesisch Angola in Besitz nehmen lassen, um eine deutsche Verwaltung aufzubauen.<\/p><p>Deutsche Soldaten wollte Bismarck im Grunde nicht schicken. Aber das zu kolonisierende Land war mehr als doppelt so gro&szlig; wie das Deutsche Reich. Allerdings war es sehr d&uuml;nn besiedelt. Es beherbergte ca. 90.000 bis 100. 000 Ovambo, 70.000 bis 80.000 Herero, 15.000 bis 20.000 Nama; Mitglieder anderer St&auml;mmen z&auml;hlten etwa insgesamt 40.000 Personen.<\/p><p>1893 begannen die deutschen Eindringlinge mit dem systematischen Aufbau einer Verwaltung. Ziel der Kolonisierung war es &ndash; wie es in dem Buch von Zimmerer (Professor f&uuml;r afrikanische Geschichte in Hamburg ) und Zeller hei&szlig;t &ndash; da&szlig; die Afrikaner &bdquo;ihre wirtschaftliche und politische Selbst&auml;ndigkeit&ldquo; verl&ouml;ren und &bdquo;bei Wei&szlig;en auf Farmen, in Bergwerken oder im Haushalt&ldquo; arbeiteten. Im Verlauf der Jahre beanspruchten die deutschen Siedler immer mehr Land, die einheimischen St&auml;mme wie Herero und Nama wurden immer mehr unterdr&uuml;ckt, Verbrechen, von Deutschen begangen, wurden der afrikanischen Gerichtsbarkeit entzogen und vor deutschen Gerichten meistens milde behandelt.<\/p><p>Anders als die deutschen Besatzer anfangs kalkuliert hatten, unterwarfen sich die solcherma&szlig;en unterdr&uuml;ckten einheimischen St&auml;mme dieser Politik keineswegs.<\/p><p>Was den Anlass f&uuml;r den Ausbruch des Krieges letztlich gegeben hat, ist im Einzelnen in der Forschung umstritten. Jedenfalls sind bei den ersten K&auml;mpfen Anfang 1904 123 Deutsche ums Leben gekommen, wobei auf Befehl der Hererof&uuml;hrung Frauen, Kinder und Missionare geschont wurden.<\/p><p>Die deutsche &bdquo;Schutztruppe&ldquo;, wie sie genannt wurde (Bismarcks Kalk&uuml;l, eine Kolonie ohne Soldaten halten zu k&ouml;nnen, war nicht aufgegangen), reagierte nach den Vorstellungen Lothar von Trothas und dessen Ideen von einem &bdquo;Rassenkrieg&ldquo;.<\/p><p>Trotha war dem Kaiser, wie J&uuml;rgen Zimmerer schreibt, direkt unterstellt, hatte schon in Ostafrika, in China gek&auml;mpft und glaubte, da&szlig; Afrikaner &bdquo;nur der Gewalt&ldquo; weichen w&uuml;rden, da&szlig; die Eingeborenen mit &bdquo;krassem Terrorismus&ldquo; zu behandeln seien; die &bdquo;aufst&auml;ndischen St&auml;mme&ldquo;, sollten, so Trotha weiter, &bdquo;mit Str&ouml;men von Blut&ldquo; vernichtet werden.<\/p><p>Am 11. August 1904 kam es zur Schlacht am Waterberg, wo die &bdquo;Schutztruppe&ldquo; zwar siegte, aber die meisten Herero in Richtung der praktisch wasserlosen Omahekew&uuml;ste fliehen konnten. Trothas Truppen verfolgten eine grausame Taktik, die schlie&szlig;lich zum Genozid an den Hereros f&uuml;hrte. Die deutsche &ldquo;Schutztruppe&ldquo; schnitt den am Waterberg geschlagenen Hereros die R&uuml;ckkehr ab und trieb die &Uuml;berlebenden immer weiter in die W&uuml;ste. Dort besetzten die Deutschen die wenigen Wasserquellen. J&uuml;rgen Zimmerer schreibt, da&szlig; sich schon bei der Flucht in Richtung Omahekew&uuml;ste grausame Szenen abgespielt h&auml;tten:<\/p><p>&bdquo;Kranke und hilflose M&auml;nner, Weiber und Kinder, die vor Ersch&ouml;pfung zusammen gebrochen waren, lagen vor Durst schmachtend in Massen &hellip; im Busch, willenlos ihr Schicksal erwartend.&ldquo; Auf diese Weise wurden die manchmal schon Halbtoten willenlose Opfer der nachr&uuml;ckenden deutschen Soldaten. Der eigentliche V&ouml;lkermord an den Hereros begann also nicht an der f&uuml;r sie verlustreichen Schlacht am Waterberg, sondern bei ihrer Vertreibung in die Omahekew&uuml;ste. Nach heutigen Sch&auml;tzungen verloren zwischen 65 000 und 85 000 Hereros ihr Leben.<\/p><p>Der Stamm der Nama schlo&szlig; sich ein wenig sp&auml;ter dem Aufstand der Hereros an.<\/p><p>Deutsche Siedler hatten immer wieder gefordert, nun auch die Nama zu entwaffnen. Diese vermieden aber, anders als die Hereros, eine offene Schlacht, vielmehr f&uuml;hrten sie einen Guerillakrieg. Die Deutschen aber griffen wieder zu dem Mittel, die raren Wasserquellen zu besetzen und so die Nama durch Verdursten in den Tod zu treiben, Auch griffen sie zu massenhaften Internierungen. Lothar von Trotha schrieb in einem Erla&szlig;, der &bdquo;m&auml;chtige gro&szlig;e deutsche Kaiser&ldquo; wolle &bdquo;dem Volk der Hottentotten Gnade gew&auml;hren&ldquo;, sofern es sich der deutschen Macht unterwerfe. Ausgeschlossen seien nur jene, welche zuvor Deutsche get&ouml;tet h&auml;tten.<\/p><p>Wer sich nicht ergebe, so tat Trotha kund, dem werde es so ergehen wie dem Volk der Hereros, &bdquo;das in seiner Verblendung auch geglaubt hat, es k&ouml;nne mit dem m&auml;chtigen deutschen Kaiser und dem gro&szlig;en deutschen Volk erfolgreich Krieg haben. Ich frage Euch, wo ist heute das Volk der Hereros, wo sind heute seine H&auml;uptlinge?&ldquo;<\/p><p>Auch die Nama verloren den Krieg. 10 000 von ihnen starben, etwa 2000 wurden auf der Haifischinsel interniert. Dort waren die Haftbedingungen so katastrophal, da&szlig; nur etwa 450 &uuml;berlebten.<\/p><p>In Deutschland tut man sich mit der Anerkennung der Geschehnisse in den Jahren 1904 bis 1908 schwer. 2012 etwa erkl&auml;rte die Bundesregierung, die Genfer Konvention von 1948 &uuml;ber die Bestrafung von V&ouml;lkermord k&ouml;nne nicht r&uuml;ckwirkend angewendet werden. Gleichwohl und im Gegensatz zu diesem Diktum entschied der Deutsche Bundestag vor ein paar Wochen, Vertreibung und T&ouml;tung der Armenier im ersten Weltkrieg durch osmanische Truppen unter Duldung des deutschen Verb&uuml;ndeten sei ein &bdquo;V&ouml;lkermord&ldquo;. Staatspr&auml;sident Erdogan hatte aber, ebenso wie die Bundesregierung im Jahre 2012, argumentiert, die Genfer Konvention von 1948 d&uuml;rfe nicht r&uuml;ckwirkend angewendet werden.<\/p><p>Inzwischen hat sich aber die Haltung der Bundesregierung ge&auml;ndert, Nun, im Jahre 2016, hat die Bundesregierung auf Anfrage der Fraktion der Partei &ldquo;DIE LINKE&rdquo; erkl&auml;rt, da&szlig; der &bdquo;Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908&ldquo; ein &bdquo;Kriegsverbrechen und V&ouml;lkermord&ldquo; gewesen sei.<\/p><p>Schon im August 2004 hatte die damalige Ministerin f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit, Heidemarie Wieczorek-Zeul aus Anla&szlig; des einhundertsten Jahrestages des Massakers an den Hereros Namibia besucht und in einer ausgefeilten Wortwahl, im Sinne des gemeinsamen &bdquo;Vater Unsers um Vergebung unserer Schuld&ldquo; gebeten. Das Wort Genozid hatte Wieczorek- Zeul vermieden, wohl auch weil Joschka Fischer, der damals das Ausw&auml;rtige Amt leitete, finanzielle Wiedergutmachungsanspr&uuml;che bef&uuml;rchtete. Immerhin war Wieczorek-Zeul die erste Vertreterin der Bundesrepublik, die vor den Hereros und Nama eine Art Eingest&auml;ndnis der deutschen Schuld &ouml;ffentlich &auml;u&szlig;erte.<\/p><p>Derzeit verhandelt Ruprecht von Polenz (CDU), einst Vorsitzender des Au&szlig;enpolitischen Ausschusses des Deutschen Bundestag, mit Namibia &uuml;ber eine gemeinsame Erkl&auml;rung, die &bdquo;eine Anerkennung der deutschen Schuld&ldquo; bringen [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>], aber Wiedergutmachungszahlungen ausschlie&szlig;en soll. Von einer Anerkennung des V&ouml;lkermordes an den Hereros und Nama durch den Deutschen Bundestag ist bisher aber nichts bekannt. Allerdings hat jetzt Cem &Ouml;zdemir von der Partei der Gr&uuml;nen in der Wochenzeitung &bdquo;Die Zeit&ldquo; gefordert, der Deutsche Bundestag m&uuml;sse den Mord an den Hereros und Nama als V&ouml;lkermord anerkennen. Wer den osmanischen Mord an den Armeniern im Jahre 1915 als V&ouml;lkermord bezeichne, m&uuml;sse auch den Mord an Hereros und Nama, begangen von den Deutschen in den Jahren 1904 bis 1908, als Genozid bezeichnen.<\/p><p>Der V&ouml;lkermord im heutigen Namibia liegt jetzt mehr als ein Jahrhundert zur&uuml;ck. Ist er in dieser zeitlichen Distanz ein abgeschlossenes Ereignis, welches man lediglich als Faktum einer vergangenen Epoche zur Kenntnis nehmen mu&szlig;?<\/p><p>Schon die Debatten dar&uuml;ber, ob der Bundestag die damaligen Massaker als V&ouml;lkermord anerkennen sollte, belehren uns, da&szlig; uns die Geschichte von damals auch heute noch ber&uuml;hrt. Mehr noch, dieser V&ouml;lkermord steht in einem viel gr&ouml;&szlig;eren historischen Zusammenhang. Er ist der erste Genozid des 20.Jahrhunderts. Der von Lothar von Trotha verk&uuml;ndete &bdquo;Rassenkrieg&ldquo; fand nur dreieinhalb Jahrzehnte sp&auml;ter durch Hitlers Schergen seine Nachahmung und eine Erweiterung, welche niemand f&uuml;r m&ouml;glich gehalten h&auml;tte. So war der V&ouml;lkermord in Deutsch-S&uuml;dwestafrika lediglich ein Vorspiel f&uuml;r das, was in den beiden Weltkriegen geschehen sollte. Der Vernichtungskrieg, den die deutsche Wehrmacht am 1.September 1939 in Osteuropa begann, hatte auch zum Ziel, die dort lebenden Juden, Sinti, Roma, Slawen auszurotten. Millionen von russischen Kriegsgefangenen kamen in deutschen Internierungslagern um. Die Deutschen verfolgten eine bewu&szlig;te Ausrottungspolitik &mdash; durch Verhungern.<\/p><p>J&uuml;rgen Zimmerer geht noch weiter. Er schreibt: &bdquo;So steht der Kolonialkrieg in Deutsch-S&uuml;dwestafrika in einer allgemeinen Geschichte des V&ouml;lkermordes der Neuzeit an einer entscheidenden Schnittstelle zwischen den von Siedlerzusammenrottungen und lokalen Milizen ver&uuml;bten Massakern der amerikanischen und australischen Frontier und dem mit quasi industriellen Methoden betriebenen Massenmord im Dritten Reich. Er stellt ein Bindeglied dar zwischen den fr&uuml;heren V&ouml;lkermorden niedrigen staatlichen Organisationsgrades und den b&uuml;rokratisierten Verbrechen der Nationalsozialisten.&ldquo;<\/p><p>J&uuml;rgen Zimmerer kommt zu dem Schlu&szlig;, der V&ouml;lkermord an Hereros und Nama sei ein &bdquo;herausgehobenes Ereignis in einer globalen Geschichte der Entfesselung der Gewalt, wie sie in den beiden Weltkriegen ihren H&ouml;hepunkt finden sollte&ldquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Zitiert nach: J&uuml;rgen Zimmerer-Joachim Zeller (Hrsg): V&ouml;lkermord in Deutsch-S&uuml;dwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen. Ch.Links Verlag. 3., aktualisierte Auflage, Berlin 2016. &ndash; Viele Informationen dieses Beitrages sind dem Werk von Zimmerer und Zeller entnommen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] So der Berliner &bdquo;Tagesspiegel&ldquo; am 14.7.2016<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Deutsche Bundestag hat Vertreibung und T&ouml;tung von etwa 1,5 Millionen Armeniern 1916 durch das Osmanische Reich als V&ouml;lkermord bezeichnet. Ein gleiches Diktum &uuml;ber den deutschen Genozid an Hereros und Nama 1904 steht aus. 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