{"id":345,"date":"2004-08-03T10:40:14","date_gmt":"2004-08-03T09:40:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=345"},"modified":"2016-03-29T09:36:08","modified_gmt":"2016-03-29T07:36:08","slug":"spiegel-interview-mit-grass-glotz-und-lupertz-wieder-eine-demonstration-des-niedergangs-der-kritischen-intelligenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=345","title":{"rendered":"Spiegel-Interview mit Grass, Glotz und L\u00fcpertz &#8211; wieder eine Demonstration des Niedergangs der kritischen Intelligenz."},"content":{"rendered":"<p>Das <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,311185,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,311185,00.html\">Interview im Spiegel<\/a> von heute h&auml;tte ich gerne komplett abgedruckt und im Einzelnen kommentiert. Das geht aber aus rechtlichen Gr&uuml;nden nicht. Deshalb werden hier Teile herausgegriffen. Ansonsten ist es zu empfehlen, das Interview aufmerksam zu lesen.<br>\nG&uuml;nter Grass war einmal ein wirklich kritischer Geist mit scharfem analytischen Verstand. Er hat in der Vergangenheit die politischen Kampagnen der Springer-Presse durchschaut und kritisiert. Jetzt l&auml;sst er sich vom &ldquo;Zentralorgan&rdquo; des Neoliberalismus, dem Spiegel, namentlich von Stefan Aust, Gabor Steingart und Dirk Kurbjuweit ohne kritischen Unterton interviewen und vereinnahmen.<br>\n<!--more--><br>\n1972 hat Grass den Kampf Willy Brandts und der SPD gegen die Intervention des Gro&szlig;en Geldes in die Politik eindrucksvoll unterst&uuml;tzt; heute l&auml;sst er sich ohne kritische Anmerkungen auf ein gemeinsames Interview mit Peter Glotz ein, von dem jeder einigerma&szlig;en aufmerksame Beobachter und Analytiker wei&szlig;, dass er inzwischen in Diensten der Nachfolgeorganisation jener Wirtschaftsinteressen steht, die 1972 mit rund 35 Millionen Mark und 100 meist anonymen Anzeigen Willy Brandt und die SPD aus der Macht zu dr&auml;ngen versuchten. Peter Glotz arbeitet f&uuml;r die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, eine Gr&uuml;ndung der Metall-Arbeitgeber und ausgestattet mit zun&auml;chst 100 Millionen DM. Dass Peter Glotz eher in Diensten dieser Kr&auml;fte als in Diensten der Sozialdemokratie steht, ist vielen seiner &Auml;u&szlig;erungen im hier analysierten Interview zu entnehmen: immer wieder beklagt der ehemalige Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer die Fehler der SPD in der Vergangenheit, oft wahrheitswidrig wie etwa bei der g&auml;ngigen Behauptung, die SPD (und nicht die FDP und Graf Lambsdorff) sei schuld am Ende der Kanzlerschaft Helmut Schmidts. Nicht einmal da widerspricht G&uuml;nter Grass, obwohl er es besser wissen m&uuml;sste.<br>\nIm Einzelnen:<\/p><ul>\n<li>Von G&uuml;nter Grass gibt es im Interview einige Anmerkungen, denen man folgen kann. Die &Auml;u&szlig;erungen des K&uuml;nstlers Markus L&uuml;pertz, eines Freundes des Bundeskanzlers, belegen hingegen durchgehend, dass es um den Stammtisch der gebildeten Schichten auch nicht besser steht als um jenen der Bild-Zeitungsleser: Deutschland sei mit der Einheit unregierbar geworden. &ldquo;Denn es gibt keine nationale Identit&auml;t, es gibt kein Selbstverst&auml;ndnis, sich in irgendeiner Weise deutsch zu f&uuml;hlen.&rdquo; Donnerwetter! L&uuml;pertz beklagt, &ldquo;dass der Staat permanent die Familie, das Land, die Wirtschaft reglementiert.&rdquo; Er tr&auml;umt von den Zeiten, als der Staat noch nicht vorschrieb, sich im Auto anzuschnallen und beim Autofahren kein Handy zu benutzen. &ldquo;Ich finde, es sind andere Ideologien denkbar als immer nur der staatlichen Zugriff.&rdquo; &ldquo;Wenn man 56 Prozent Steuern zahlt, dann ist das Wucher.&rdquo; &ndash; Wo lebt dieser Freund unseres Bundeskanzlers? Wenn er in Deutschland leben w&uuml;rde, m&uuml;sste er eigentlich wissen, dass wir inzwischen einen Spitzensteuersatz von nur noch 45 Prozent haben, und demn&auml;chst 42%. &ndash; Immerhin widerspricht Grass dieser Ansammlung von Vorurteilen.<\/li>\n<li>G&uuml;nter Grass sieht bei den Reformen das &uuml;bliche Vermittlungsproblem und ein Problem der Kommunikation. Sozialdemokraten h&auml;tten Hemmungen, zu ihren Leistungen zu stehen. Welche Leistungen meint G&uuml;nter Grass? Hartz IV, die Greencard, die Steuerbefreiung bei Unternehmensverk&auml;ufen, das 5-Milliarden-Geschenk an die Versicherungskonzerne, die finanzielle Verarmung der Gemeinden, der Lockerung der Ladenschlusszeiten, die Riesterrente? Grass und Glotz liegen auf der Linie des neoliberalen Glaubensverst&auml;ndnisses, die so genannten Reformen w&uuml;rden uns helfen und seien n&ouml;tig. Aber wie es bei solchen Diskussionen &uuml;blich geworden ist, wird kein einziger Beleg angef&uuml;hrt. Nirgendwo erkl&auml;ren die beiden Spitzenintellektuellen, wie aus Reformen wirtschaftlicher Wohlstand und wirtschaftliche Belebung werden soll. Nichts konkretes.<\/li>\n<li>Peter Glotz betet die &uuml;bliche Behauptung nach, die Globalisierung sei etwas Neues. Er spricht von einer neuen Zeit. Da ist es dann ein Leichtes f&uuml;r die Spiegel-Interviewer, die &uuml;blichen Schlagworte vom Umverteilungsstaat, vom Steuerstaat, vom Staat der Investitionsprogramme einzuf&uuml;hren.<br>\n      Unwidersprochen. &ndash; Die in Arbeitgeberkreisen &uuml;bliche pauschale Diffamierung der Gewerkschaften und insbesondere des Verdi-Vorsitzenden darf nicht fehlen. Brauchen wir Intellektuelle, die die &uuml;blichen Vorurteile nachsagen?<\/li>\n<li>Peter Glotz empfiehlt, wir sollten uns um die Besserverdienenden sorgen. &ldquo;Wenn wir die Motivation dieser f&uuml;nf Prozent von Wissensarbeitern, die den Kapitalismus am Laufen halten, zerst&ouml;ren, wird das Wachstum so absinken, das wir Machtk&auml;mpfe bekommen, Verteilungsk&auml;mpfe, die so brutal sind, wie wir sie uns gar nicht mehr vorstellen k&ouml;nnen.&rdquo; &ndash; Finden Sie in diesem Satz irgendeine Logik? Keiner der anderen Diskussionsteilnehmer widersprach.<\/li>\n<li>Es widersprach auch keiner der g&auml;ngigen Behauptung von Peter Glotz, 1975 sei die Wachstumsperiode zu Ende gegangen. Schon wirtschaftstheoretisch gibt es f&uuml;r diese Behauptung keinerlei Begr&uuml;ndung; empirisch ist sie leicht zu widerlegen. Es gab nicht nur in den USA, in Schweden, in &Ouml;sterreich, in D&auml;nemark und in anderen vergleichbaren L&auml;ndern auch nach 1975 kr&auml;ftiges Wachstum. Auch bei uns wuchs das Bruttoinlandsprodukt real beachtlich: 1976 um 5,3%, 1977 um 2,8 %, 1978 um 3%, 1979 um 4,2%. Kein Wachstum? &ndash; Auch sp&auml;ter stimmt das nicht: 1988 um 3,7%, 1989 um 3,6%, 1990 um 5,7% und 1991 um 5%. Dann wurde dieser Boom von der Bundesbank und der Regierung Kohl unter Mitverantwortung des heutigen Bundespr&auml;sidenten als damaligen Finanzstaatssekret&auml;r abgebrochen. Klar, dass von dieser falschen Konjunkturpolitik als der Hauptursache f&uuml;r unsere miserable wirtschaftliche Lage keine Rede in dem Interview mit den deutschen Intellektuellen ist. Das passte auch nicht ins Schema der von den Spiegel-Interviewern vorgegebenen neoliberalen Linie.<\/li>\n<\/ul><p>Nachbemerkung: G&uuml;nter Grass, der in der Vergangenheit wirklich viel bewegt hat, zu kritisieren, macht keinen Spa&szlig;. Es ist eher deprimierend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,311185,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,311185,00.html\">Interview im Spiegel<\/a> von heute h&auml;tte ich gerne komplett abgedruckt und im Einzelnen kommentiert. Das geht aber aus rechtlichen Gr&uuml;nden nicht. Deshalb werden hier Teile herausgegriffen. Ansonsten ist es zu empfehlen, das Interview aufmerksam zu lesen.<br \/> G&uuml;nter Grass war einmal ein wirklich kritischer Geist mit scharfem analytischen Verstand. Er<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=345\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[37,41,145],"tags":[1589,447,312],"class_list":["post-345","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-globalisierung","category-medienanalyse","category-sozialstaat","tag-glotz-peter","tag-grass-guenter","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/345","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=345"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/345\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32549,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/345\/revisions\/32549"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=345"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=345"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=345"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}