{"id":34543,"date":"2016-08-09T09:37:22","date_gmt":"2016-08-09T07:37:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34543"},"modified":"2024-08-21T22:54:57","modified_gmt":"2024-08-21T20:54:57","slug":"medien-als-kriegssprachrohr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34543","title":{"rendered":"Medien als Kriegssprachrohr"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160809_bachman.jpg\" alt=\"Jeffrey Bachman\" title=\"Jeffrey Bachman\"><\/div><p>Obwohl zahlreiche Staaten weiterhin von US-amerikanischen Drohnen bombardiert werden, h&ouml;rt man nur selten davon. Der Drohnen-Krieg der Vereinigten Staaten, laut Noam Chomsky die &bdquo;m&ouml;rderischste Terror-Kampagne der Gegenwart&ldquo;, findet seit mittlerweile fast f&uuml;nfzehn Jahren im Schatten der medialen &Ouml;ffentlichkeit statt. Meist, wenn &uuml;berhaupt, werden Drohnen-Angriffe nur in den Randmeldungen der Gazetten erw&auml;hnt. Die Opfer werden dabei stets als &bdquo;angebliche Militante&ldquo; oder &bdquo;mutma&szlig;liche Terroristen&ldquo; entmenschlicht. Im vergangenen Jahr machte <strong>Jeffrey Bachman<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34543#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>], Dozent an der School of International Service in Washington, anhand einer Studie deutlich, dass sowohl die New York Times als auch die Washington Post, die Flaggschiffe der US-amerikanischen Medienlandschaft, in ihrer Drohnen-Berichterstattung versagt haben. W&auml;hrend in den untersuchten F&auml;llen etwa deutlich wurde, dass durch Drohnen-Angriffe in Pakistan oder im Jemen Zivilisten get&ouml;tet wurden, bestanden die beiden Zeitungen weiterhin auf die offiziellen Narrative der US-Regierung &ndash; und tun dies auch weiterhin. <strong>Emran Feroz<\/strong> sprach mit Bachman &uuml;ber die kritikw&uuml;rdige Berichterstattung.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Viele Menschen betrachten sowohl die New York Times als auch die Washington Post als die bekanntesten Zeitungen der Welt. Doch laut einer Studie von Ihnen haben beide Medien in ihrer Berichterstattung &uuml;ber zivile Drohnen-Opfer versagt. Wie ist es Ihrer Meinung nach dazu gekommen?<\/strong><\/p><p>Ich denke, es gibt einige Gr&uuml;nde, warum dies geschah. Einerseits ist es klar, dass die Obama-Administration nicht genau wei&szlig;, wen sie t&ouml;tet &ndash; selbst nachdem eine gewisse Zeit nach dem jeweiligen Angriff vergangen ist. Dennoch berichten die New York Times und die Washington Post so, als ob sie sich der Fakten bewusst w&auml;ren und wissen w&uuml;rden, wen die Drohnen t&ouml;ten. Beide Zeitungen berichten lediglich, wer angeblich get&ouml;tet wurde, weil sie die sichere Faktenlage nicht kennen. Andererseits greifen die beiden Medien regelm&auml;&szlig;ig auf anonyme Quellen f&uuml;r die Informationen bez&uuml;glich Drohnen-Angriffe zur&uuml;ck. Hier wird ein eindeutiger Interessenskonflikt deutlich. Es liegt im Interesse der Regierung, dass Quellen einen m&ouml;glichst gro&szlig;en Erfolg der Drohnen-Angriffe angeben. Zum gleichen Zeitpunkt sollen die Fehler des Programms heruntergespielt werden. <\/p><p>Dies bedeutet auch folgendes: Sobald man Regierungsquellen heranzieht, um dar&uuml;ber zu berichten, wer nach einem bestimmten Angriff get&ouml;tet wurde, &uuml;bernimmt man indirekt  auch jene Methode der Obama-Administration, die zwischen &bdquo;Kollateralschaden&ldquo; und &bdquo;gerechtfertigten Zielen&ldquo; unterscheidet. Die US-Regierung betrachtet etwa das T&ouml;ten von &bdquo;M&auml;nnern im wehrf&auml;higen Alter&ldquo; als legitim. Ich habe im Laufe meiner Forschung Mitarbeiter von beiden Zeitungen interviewt. Bei beiden gab es ein eindeutiges Desinteresse, was die Frage anging, ob die ver&ouml;ffentlichten Opferzahlen korrigiert werden sollten, falls sich herausstellt, dass ihre Berichterstattung nicht korrekt gewesen ist &ndash; und das, obwohl die Zeitungen immer wieder auf Angriffe, die &bdquo;Ziele von hohem Wert&ldquo; (&bdquo;high-value targets&ldquo;) betrafen, zur&uuml;ckkamen. <\/p><p><strong>Es scheint so, als ob es ein generelles Defizit gibt in der Berichterstattung zum Drohnen-Krieg. Entspricht diese Wahrnehmung der Realit&auml;t oder erscheint das &uuml;bertrieben?<\/strong><\/p><p>Wenn man den exponentiellen Anstieg der Drohnen-Angriffe unter Pr&auml;sident Obama, die vors&auml;tzliche Art der Angriffe, die Gesamtanzahl der Todesopfer und die potentielle Anzahl jener get&ouml;teten Personen, die Zivilisten gewesen sind oder einen ungekl&auml;rten Status hatten, in Betracht zieht, kann man sehr wohl behaupten, dass dem Thema nicht jene Berichterstattung widerf&auml;hrt, die es verdient &ndash; dies ist sowohl in der Quantit&auml;t als auch in der Substanz der Fall. Das Drohnen-Programm der Obama-Administration ist Teil einer au&szlig;ergerichtlichen T&ouml;tungspolitik. Dennoch wird es immer wieder als moralisch &uuml;berlegen im Vergleich zum konventionellen Krieg dargestellt. So gewinnt man den Eindruck, dass es nur diese zwei Optionen g&auml;be. <\/p><p><strong>Nach nahezu jedem Drohnen-Angriff berichten Medien von &bdquo;verd&auml;chtigten Militanten&ldquo; oder &bdquo;angeblichen Terroristen&ldquo;, die get&ouml;tet wurden. Ist die Entmenschlichung von Afghanen, Jemeniten oder Somaliern etwas Normales in unserer Medienlandschaft geworden?<\/strong><\/p><p>Absolut. Wir erleben das auch in anderer Art und Weise, etwa wenn ein Bombenanschlag in den besagten oder auch anderen Staaten stattfindet und wir keine Solidarit&auml;tsaufrufe f&uuml;r die Opfer oder Flaggen auf Halbmast &ndash; etwas, was wir immer tun, wenn eine solcher Angriff im Westen stattfindet &ndash;  sehen. In vielen Berichten, die ich f&uuml;r meine Studie analysiert habe, bezeichnen die Zeitungen die Opfer nicht einmal als &bdquo;verd&auml;chtigt&ldquo; oder &bdquo;angeblich&ldquo;. Wenn manche Medien die Opfer derartig bezeichnen, meinen sie, damit das Richtige zu tun. Es ist allerdings offensichtlich, dass f&uuml;r viele Medienkonsumenten &bdquo;verd&auml;chtigte Militante&ldquo; eben &bdquo;Militante&ldquo; sind&ldquo;. Des Weiteren ist es ohnehin problematisch, derartige Begriffe ohne jeglichen Kontext in den Raum zu werfen. Wer sind diese verd&auml;chtigten Militanten? Wen bek&auml;mpfen sie? Warum k&auml;mpfen sie? Diese Fragen werden weder gestellt noch beantwortet. <\/p><p><strong>Sind viele Medien, auch f&uuml;hrende wie die New York Times, mittlerweile nur noch zum Sprachrohr von Regierungen geworden,  deren &bdquo;offizielle Versionen&ldquo; sie ohnehin unterst&uuml;tzen?<\/strong><\/p><p>Das sind sie, allerdings ist das nicht etwas Neues, was nur den Drohnen-Krieg betrifft. Im Allgemeinen hat die US-amerikanische Au&szlig;enpolitik viele mediale Cheerleader. Viele Medien wollen nicht als unpatriotisch betrachtet werden. Das w&auml;re n&auml;mlich schlecht f&uuml;r den Profit. Es ist au&szlig;erdem klar, dass viele Mainstream-Medien sich als Teil der &bdquo;amerikanischen Einzigartigkeit&ldquo; (&bdquo;American Exceptionalism&ldquo;) betrachten. Demnach ist jedwede Aktion der USA gerechtfertigt, sei sie nun ein aggressiver Krieg oder eine Politik des au&szlig;ergerichtlichen T&ouml;tens f&uuml;r die &bdquo;eigene Sicherheit&ldquo;. <\/p><p><strong>Mit welchen Mitteln kann man die Berichterstattung auf einen ausgeglicheneren Weg zur&uuml;ckf&uuml;hren?<\/strong><\/p><p>Im Falle der Mainstream-Medien, vor allem jener, die von kommerziellen und gewinnorientierten Firmen betrieben werden, bin ich mir nicht sicher, ob und inwiefern das &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist. Was diese Medien jedoch tun k&ouml;nnten, ist, damit aufzuh&ouml;ren, Anonymit&auml;t in F&auml;llen zu gew&auml;hren, in denen es ungerechtfertigt ist. Au&szlig;erhalb des Umfeldes dieser Medien ist es wichtig, dass unabh&auml;ngige Organisationen weiterhin recherchieren und analysieren, um mit ihren Berichten die Angaben der Obama-Administration in Frage stellen. Unabh&auml;ngige und Soziale Medien spielen in diesem Kontext weiterhin eine wichtige Rolle und m&uuml;ssen dies auch weiterhin tun. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Jeffrey Bachman<\/strong> ist professoral Dozent in Menschenrechte an der School of International Service in Washington. Er ist Co-Direktor des Studienprogramms f&uuml;r Ethik, Frieden und globale Angelegenheiten. Bachman forscht und lehrt prim&auml;r zur US-amerikanischen Au&szlig;enpolitik sowie zu Menschenrechten. Ein weiterer Fokus seiner Arbeit legt sich auf die Rolle von Medien in Konflikten sowie menschenrechtsspezifischen Themen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160809_bachman.jpg\" alt=\"Jeffrey Bachman\" title=\"Jeffrey Bachman\"\/><\/div>\n<p>Obwohl zahlreiche Staaten weiterhin von US-amerikanischen Drohnen bombardiert werden, h&ouml;rt man nur selten davon. Der Drohnen-Krieg der Vereinigten Staaten, laut Noam Chomsky die &bdquo;m&ouml;rderischste Terror-Kampagne der Gegenwart&ldquo;, findet seit mittlerweile fast f&uuml;nfzehn Jahren im Schatten der medialen &Ouml;ffentlichkeit statt. 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