{"id":34645,"date":"2016-08-17T08:52:18","date_gmt":"2016-08-17T06:52:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34645"},"modified":"2019-03-02T11:16:11","modified_gmt":"2019-03-02T10:16:11","slug":"europaeische-konjunktur-im-sommer-2016-keine-belebung-nirgendwo-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34645","title":{"rendered":"Europ\u00e4ische Konjunktur im Sommer 2016: Keine Belebung nirgendwo \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Vergangene Woche wurde in den deutschen Medien wieder &bdquo;ein robustes Wachstum&ldquo; gefeiert. Die 0,4 Prozent Zuwachs des BIP gegen&uuml;ber dem Vorquartal, die das Statistische Bundesamt gemeldet hat, sind jedoch ein Produkt der Phantasie. Alle Indikatoren sprachen f&uuml;r einen R&uuml;ckgang des BIP, aber die Statistiker haben daraus einen Zuwachs &bdquo;gezaubert&ldquo;.  Von <strong>Heiner Flassbeck<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Dieser Artikel ist zuerst <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/2016\/08\/europaeische-konjunktur-im-sommer-2016-keine-belebung-nirgendwo-teil-1\/\">auf Makroskop<\/a> erschienen <\/em><\/p><p><strong>Problematische BIP-Berechnungen<\/strong><\/p><p>Die Diskrepanz zwischen dem, was ein kenntnisreicher Beobachter in Sachen europ&auml;ische Konjunktur aus den Zahlen herauslesen kann und dem, was die Statistiker daraus machen, wird immer grotesker. Das Statistische Bundesamt meldete vergangene Woche (<a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressemitteilungen\/2016\/08\/PD16_279_811.html;jsessionid=20E49A59581B84C6BA0B61B44B9104AB.cae1\">hier<\/a>) ein Wachstum des deutschen BIP von 0,4 Prozent im zweiten Quartal gegen&uuml;ber dem Vorquartal. Eurostat legte &ndash; nat&uuml;rlich auf der Basis der deutschen Zahl &ndash; nach und vermeldete 0,3 Prozent Zuwachs f&uuml;r den Euroraum als vorl&auml;ufige Sch&auml;tzung (<a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/documents\/2995521\/7590661\/2-12082016-BP-DE.pdf\/abbe034c-dea7-4f5a-850b-dffd8cb3e86d\">hier<\/a>).<\/p><p>Wir habe es schon oft gesagt und m&uuml;ssen es leider wiederholen: Diese Zahlen sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt sind. Der Skandal, dass die Statistiker mit viel Phantasie das produzieren, was die Politiker erwarten, wird immer gr&ouml;&szlig;er. Er potenziert sich aber dadurch, dass eine unkritische Medien- und Wissenschaftslandschaft diese Zahlen begierig aufgreift und als reine Jubelmedien in die Welt hinausposaunt. Unsere langj&auml;hrige Forderung, die Berechnung der Zahlen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung total offenzulegen, wird von Tag zu Tag wichtiger.<\/p><p>In Deutschland zeigen alle harten Daten (das sind die Daten, die kurzfristig wirklich vorliegen) einen R&uuml;ckgang der Produktion im zweiten Quartal gegen&uuml;ber dem ersten an. Die Produktion des produzierenden Gewerbes (das sind Bauwirtschaft plus Industrie) lag im zweiten Quartal bei einem Indexstand von 109,0 nach 110,1 im ersten (2010=100). Der Einzelhandel (der mit einem gesch&auml;tzten Produktionsanteil zum Gesamtergebnis der Produktion beitr&auml;gt und zugleich der wichtigste Indikator f&uuml;r die Konsumentwicklung ist) verzeichnete einen realen Umsatz von 106,1 nach 106,5 im ersten Quartal (alle Zahlen von der Deutschen Bundesbank, <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/Navigation\/DE\/Statistiken\/Unternehmen_und_private_Haushalte\/Umsaetze\/umsaetze.html\">hier<\/a>).<\/p><p>Wie windelweich die Argumentation des Statistischen Bundesamtes ist, kann man schon daran erkennen, dass sie praktisch nur mit der Nachfrageseite der Volkswirtschaft argumentieren, &uuml;ber die man so kurzfristig praktisch nichts wei&szlig;. In der Pressemitteilung hei&szlig;t es: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Positive Impulse kamen im Vorquartalsvergleich &ndash; preis-, saison- und kalenderbereinigt &ndash; insbesondere vom Au&szlig;enbeitrag. Nach vorl&auml;ufigen Berechnungen stiegen die Exporte gegen&uuml;ber dem ersten Quartal 2016, w&auml;hrend die Importe leicht r&uuml;ckl&auml;ufig waren. Auch die privaten Konsumausgaben und die Konsumausgaben des Staates st&uuml;tzten das Wachstum. Gebremst wurde das Wachstum hingegen durch schwache Bruttoinvestitionen; insbesondere in Ausr&uuml;stungen und Bauten wurde nach einem starken ersten Quartal weniger investiert.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es ist ja nun einmal so, dass alles, was aus Deutschland heraus abgesetzt wird, auch produziert werden muss. Das gilt f&uuml;r die Exporte wie f&uuml;r den Konsum wie f&uuml;r die Investitionen. Wenn die Produktion, die man kennt, r&uuml;ckl&auml;ufig ist, dann k&ouml;nnen die Produkte, die abgesetzt wurden, nur vom Himmel gefallen sein. <\/p><p>Wenn der wichtigste Indikator f&uuml;r den Konsum r&uuml;ckl&auml;ufig ist, fragt man sich zudem, woher die Statistiker wissen wollen, dass die privaten Konsumausgaben das Wachstum st&uuml;tzten. Das einzige Schlupfloch, was bleibt, und das wird ja auch angesprochen, sind die Importe. Wenn in einer Wirtschaft die Importe sinken und der Leistungsbilanzsaldo (der Au&szlig;enbeitrag) infolgedessen steigt, dann ist es m&ouml;glich, dass auch bei sinkender Produktion das BIP steigt, weil weniger von dem, was produziert wurde, f&uuml;r Importe abgezogen werden muss.<\/p><p>Das w&auml;re aber ein solch erb&auml;rmliches Ergebnis, dass schon der erste Satz des Statistischen Bundesamtes in seiner Pressemitteilung &bdquo;Die deutsche Wirtschaft w&auml;chst weiter&ldquo; nur als grobe Irref&uuml;hrung der &Ouml;ffentlichkeit bezeichnet werden kann. Sie w&auml;chst dann n&auml;mlich nicht wirklich, sondern zeigt in einer statistischen Berechnung ein positives Vorzeichen, weil sie bei r&uuml;ckl&auml;ufiger eigener Produktion weniger auf Produktion des Auslandes als Vorleistung zur&uuml;ckgegriffen hat. Man sieht aber schon an diesem Satz, wie wichtig dem Bundesamt die politische Botschaft ist, die dahinter steht.<\/p><p><strong>Mehr als Stagnation gibt es in Deutschland nicht<\/strong><\/p><p>Die konkreten Ergebnisse statistischer Erhebungen f&uuml;r die letzten Monate zeigen, dass Deutschland im Stagnationsmodus verharrt. Der Auftragseingang in der Industrie zeigt nichts von einem Aufschwung oder von Wachstum (Abbildung 1). Im Gegenteil, die Nachfrage nach deutschen Industrieprodukten verharrt auf dem Niveau, das sie schon seit 2014 hat, das aber auch schon 2011 einmal erreicht worden war. Das gilt f&uuml;r Auslands- wie f&uuml;r Inlandsnachfrage gleicherma&szlig;en. <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160817-konjunktur-im-sommer-1.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160817-konjunktur-im-sommer-1-small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Auch wenn man den ifo-Gesch&auml;ftsklimaindex, der mehr Bereiche als nur die Industrie erfasst, n&auml;mlich Handel und Bauwirtschaft, mit den Auftragseing&auml;ngen vergleicht (Abbildung 2), kann man keine Wachstumstendenz erkennen (<a href=\"https:\/\/www.cesifo-group.de\/de\/ifoHome\/facts\/Survey-Results\/Business-Climate\/Geschaeftsklima-Archiv\/2016\/Geschaeftsklima-20160725.html\">hier<\/a> zu finden). Diese Gegen&uuml;berstellung zeigt auch, dass in Deutschland kein Wachstum zu erwarten ist, so lange die Auftragseing&auml;nge in der Industrie vollkommen flach sind. Die Industrie ist nun einmal der Bereich, wo die konjunkturelle Musik spielt; spielt sie dort nicht, spielt sie nirgendwo.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160817-konjunktur-im-sommer-2.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160817-konjunktur-im-sommer-2-small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Manch einer verweist zur Begr&uuml;ndung seines Optimismus auf die deutsche Bauwirtschaft, wo in der Tat die Auftragseing&auml;nge nach oben zeigen. Ob und wann in der Bauwirtschaft aber aus vorlaufenden Indikatoren wie dem Auftragseingang und den Baugenehmigungen wirklich steigende Produktion wird, ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Derzeit ist das jedenfalls nicht der Fall und, wenn man den ifo-Index zu Rate zieht, kann es sein, dass das auch nicht so bald der Fall ist, weil f&uuml;r die Bauwirtschaft zwar die aktuelle Lage gut eingesch&auml;tzt wird, die Gesch&auml;ftserwartungen aber ged&auml;mpft bleiben.<\/p><p>Dass Deutschland aus dem Ausland noch einmal gr&ouml;&szlig;ere Impulse erh&auml;lt, ist ebenfalls nicht zu erwarten. Die Aufspaltung der Auftragseing&auml;nge in europ&auml;isches und nicht-europ&auml;isches Ausland zeigt, dass bei beiden keine Dynamik vorhanden ist (Abbildung 3).<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160817-konjunktur-im-sommer-3.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160817-konjunktur-im-sommer-3-small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Der Aufschwung bei den Auftr&auml;gen aus der Nicht-Eurozone, der 2014 eingesetzt hatte, ist vorbei und auch aus der Eurozone kommen keine neuen Impulse. Nur wenn Deutschland, wie oben beschrieben, seine Importe zur&uuml;ckf&auml;hrt, kann es noch positive Wirkungen vom Au&szlig;enhandel verbuchen. Die Tatsache aber, dass Deutschland immer noch auf solche Impulse wartet, statt durch eigenes Handeln selbst Impulse f&uuml;r die europ&auml;ische Wirtschaft zu geben, ist der eigentliche europ&auml;ische Skandal.<\/p><p>Lesen Sie im zweiten Teil, wie sich die europ&auml;ische Industrie im zweiten Quartal entwickelt hat. Im dritten Teil geht es dann darum, die &uuml;brigen Indikatoren f&uuml;r Europa anzusehen und zu fragen, welche wirtschaftspolitische Folgerungen angesichts der schlimmen Lage nahe liegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergangene Woche wurde in den deutschen Medien wieder &bdquo;ein robustes Wachstum&ldquo; gefeiert. Die 0,4 Prozent Zuwachs des BIP gegen&uuml;ber dem Vorquartal, die das Statistische Bundesamt gemeldet hat, sind jedoch ein Produkt der Phantasie. 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