{"id":34722,"date":"2016-08-23T14:20:49","date_gmt":"2016-08-23T12:20:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34722"},"modified":"2019-07-11T10:43:12","modified_gmt":"2019-07-11T08:43:12","slug":"leiser-optimismus-im-mittleren-osten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34722","title":{"rendered":"Leiser Optimismus im Mittleren Osten?"},"content":{"rendered":"<p>Der australische Politologe Tim Anderson hat ein fundiertes Buch &uuml;ber den Krieg in Syrien und &uuml;ber die Manipulationen dieses Krieges vorgelegt. Er sieht Kr&auml;fte im Mittleren Osten im Aufstieg, die das Potential f&uuml;r eine neue Friedensordnung in sich bergen k&ouml;nnten. Von <strong>Jens Wernicke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNun ist es also amtlich: nach Erkenntnissen des Bundesnachrichtendienstes unterh&auml;lt die Regierung der T&uuml;rkei, also Erdogan und seine islamistische Hausmacht AKP, enge Kontakte zu Terroristen im Mittleren Osten. Die Anfrage der linken Bundestagsabgeordneten Sevim Dagdelen wurde in einem Bericht beantwortet, von dem wir als Volk nur wenige magere S&auml;tze &uuml;berhaupt erfahren d&uuml;rfen. Das Bundesministerium der Inneren l&auml;sst uns wissen, dass die t&uuml;rkische Regierung islamistische Terrorgruppen unterst&uuml;tzt, und die Mainstream-Presse lenkt unseren Blick auf die pal&auml;stinensische Hamas. Deren Hauptquartier sei aus Syrien ins t&uuml;rkische Istanbul umgezogen. Immerhin ist Hamas im Gazastreifen durch demokratische Wahlen und nicht durch Massaker an die Regierung gekommen. Genannt wird weiterhin die Moslembruderschaft in &Auml;gypten, dessen Pr&auml;sident Mursi ebenfalls durch demokratische Wahlen in die Regierungsverantwortung gelangt ist und dann durch einen Milit&auml;rputsch gest&uuml;rzt wurde. Genannt werden humanit&auml;re Schiffslieferungen in den eingeschlossenen Gazastreifen durch t&uuml;rkische Aktivisten. Bemerkenswert, dass mit Roderich Kiesewetter und Katrin G&ouml;ring-Eckardt zwei ausgewiesene Transatlantiker am lautesten diese vom BND beobachteten Tatsachen skandalisiert haben.<\/p><p>Man w&uuml;sste jetzt gerne, was denn nun im geheimen Teil der Antwort auf die Fragen der Volksvertreterin Dagdelen noch alles zu lesen steht. Offenbar sind nur Sachverhalte in die Presse lanciert worden, die nach dem Putsch gegen die Regierung Erdogan und dessem Schwenk hin zu Putin als rhetorische Munition &ouml;ffentlich verwendbar sind. Frau Dagdelen hat v&ouml;llig Recht, wenn sie sagt, diese und noch viel ungeheuerlichere Tatsachen seien l&auml;ngst bekannt. Wir erfahren eher beil&auml;ufig in der aktuellen Berichterstattung &uuml;ber die Vertreibung der islamistischen Terroristen im Grenzgebiet Syriens zur T&uuml;rkei, dass mit der Absperrung der Grenze den Terrorgruppen ISIS und Jabhat al-Nusra die Nachschubwege abgesperrt werden. Es ist also wahr, was auch Karin Leukefeld in ihren <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34568\">Berichten<\/a> immer wieder sagt: die Terrormilizen werden aus der T&uuml;rkei beliefert. <\/p><p>Die Wahrheit wird uns immer nur scheibchenweise verabreicht. Und so langsam werden die wahren Zusammenh&auml;nge des real existierenden Horrors im Mittleren Osten bekannt.<br>\nWir k&ouml;nnen den Weg der Erkenntnis ein wenig abk&uuml;rzen und gleich das aktuelle Buch des australischen Professors f&uuml;r Politik an der Universit&auml;t Sydney, Tim Anderson, zur Hand nehmen. Sein Buch &bdquo;The Dirty War on Syria&ldquo; kam Anfang dieses Jahres auf den Markt und ist jetzt auf Deutsch erschienen als &bdquo;Der schmutzige Krieg gegen Syrien&ldquo;.<br>\nGleich vorweg: Andersons Buch will keine Chronologie der Ereignisse des Krieges in Syrien erz&auml;hlen. Es entsteht allerdings ein anderes Bild, wenn Anderson akribisch darstellt, wie die Ereignisse in Syrien durch ein Zusammenspiel von islamistischen Fundamentalisten, US-amerikanischen Geostrategen, wahhabitischen Steinzeit-K&ouml;nigreichen, westlichen Mainstream-Medien und Nichtregierungsorganisationen massiv manipulativ umgedeutet und umgeschrieben wurden. Bis 2011 zum Beispiel war der syrische Pr&auml;sident Bashar al-Assad ein von westlichen Regierungen und Konzernen umworbener Mann, dem man die Durchf&uuml;hrung marktradikaler Reformen in seinem Land nahelegen wollte. Um Assad sodann ganz pl&ouml;tzlich zum neuen Hitler umzudichten, der sein eigenes Volk massakriert.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/cdrPm-nQUO4\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center;\"><strong>Karin Leukefeld, Markus Matzel: &bdquo;Was von Kriegen &uuml;brig bleibt&ldquo;<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Die Geschichte begann nach Anderson mit der ehemaligen US-Au&szlig;enministerin Condoleezza Rice, die davon sprach, im Mittleren Osten ein &sbquo;kreatives Chaos&lsquo; zu schaffen. Soll hei&szlig;en: die Nationalstaaten sollten destabilisiert und zerschlagen werden, um sodann neue sektiererische oder ethnisch definierte Zwergstaaten zu schaffen, die den Diktaten der westlichen Staaten und Konzerne nichts Eigenes entgegensetzen k&ouml;nnen. Eine Balkanisierung des Orients sozusagen. Auf der Todesliste Washingtons und seiner transatlantischen Verb&uuml;ndeten standen sieben Staaten, angefangen mit Afghanistan und dem Irak. Libyen wurde zerlegt, Syrien war vorgesehen, und am Schluss w&uuml;rde man sich dann den Iran vornehmen.<\/p><p>Im Gegensatz zu Afghanistan und Irak verzichtete man in Syrien auf den milit&auml;rischen Einmarsch. Als der arabische Fr&uuml;hling auch Syrien erreichte, wurden die legitimen Proteste der demokratischen Opposition genutzt, um im Schutz der Masse durch islamistische Scharfsch&uuml;tzen auf Zivilisten und Polizisten zu schie&szlig;en. Die westliche Erz&auml;hlung von der syrischen Polizei, die auf friedliche Demonstranten schie&szlig;t, und von den friedfertigen Demonstranten, die quasi innerhalb weniger Stunden und Tage zu Soldaten mit professionellen Schutzanz&uuml;gen amerikanischer Fertigung und mit Waffen, deren Munition aus israelischer Produktion stammt, mutierten, ist nicht plausibel. Der Konflikt eskalierte. Die demokratische Opposition blieb eingesch&uuml;chtert zuhause, und die S&ouml;ldnermilizen &uuml;bernahmen ganze Regionen. &Uuml;ber 100.000 syrische Soldaten sind mittlerweile von &sbquo;moderaten Rebellen&lsquo; ermordet worden. Die angeblich syrischen Rebellen stammen aus &uuml;ber achtzig L&auml;ndern der Welt. <\/p><p>Als die Geschichte von den zu K&auml;mpfern mutierten, friedlichen Demonstranten nicht mehr haltbar war, konstruierten die westlichen Medien den Mythos von den &sbquo;moderaten Rebellen&lsquo;, die man gegen die harten Islamisten von ISIS und Moslembruderschaft einsetzen m&uuml;sse.<br>\nAndersons Handwerkszeug ist die Textpr&uuml;fung und Textkritik. Er nimmt fast nur Texte aus westlichen Mainstreamquellen und Eingest&auml;ndnisse aus dem Westen, die er nach jedem Kapitel genau nachweist. So kann Anderson mit Hilfe von Befunden des Massachussetts Institute of Technology aufzeigen, dass Raketenangriffe nicht auf das Konto der syrischen Regierungstruppen gehen k&ouml;nnen. Zudem hatte Assad UN-Mitarbeiter nach Syrien eingeladen, um die Herkunft des Nervengases Sarin genau zu untersuchen. Das ber&uuml;chtigte Hula-Massaker wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit von islamistischen Rebellen angezettelt. Es passt vom Timing her perfekt zu einer Bem&uuml;hung der USA, im UN-Sicherheitsrat die Genehmigung f&uuml;r eine milit&auml;rische Intervention zu erlangen, die sie aber aufgrund der dubiosen Beweisdarlegung nicht erhielten.<\/p><p>Das Erschreckende ist, dass sogenannte Premiumzeitungen wie der englische &bdquo;Guardian&ldquo; Falschbehauptungen &uuml;ber die Ereignisse in Syrien auch dann noch aufrechterhalten, wenn diese schon lange widerlegt sind. Ihnen schlie&szlig;en sich als links verortete Zeitungen wie die &bdquo;taz&ldquo; an. Anderson zeigt die Dreht&uuml;rkarriere von Mitarbeitern von NGOs wie &bdquo;Human Rights Watch&ldquo;, die zuvor in der US-Regierung gearbeitet hatten und die nun eifrig am Spin vom Massenm&ouml;rder Assad mitweben. Untersuchungsaussch&uuml;sse der Vereinten Nationen werden aufgel&ouml;st, weil sie nicht das Bild vom V&ouml;lkerm&ouml;rder Assad mitzeichnen wollen. Um sodann durch einen Ausschuss ersetzt zu werden, dem ein US-Diplomat vorsitzt, der Syrien nie inspiziert hat.<\/p><p>Der Fernsehsender &bdquo;Al Jazeera&ldquo; in Katar hatte vor dem Kriegsbeginn in Syrien im Jahre 2011 berichtet, dass eine Revolution in Syrien keine Aussicht auf Erfolg habe, da Assad eine hohe Akzeptanz in der Bev&ouml;lkerung genie&szlig;t. Seitdem jedoch das autorit&auml;re K&ouml;nigreich Katar pseudoislamische S&ouml;ldner nach Syrien geschickt hatte, um Assad zu st&uuml;rzen, musste Al Jazeera wider besseres Wissen am Bild vom Monster Assad mitarbeiten. Katar unterst&uuml;tzt n&auml;mlich zusammen mit der T&uuml;rkei pseudoislamische Bluts&ouml;ldner. W&auml;hrend die wahhabitischen Scheicht&uuml;mer unter F&uuml;hrung von Saudi-Arabien die Kopfabschneider von ISIS unterst&uuml;tzen.<\/p><p>Dezent im Hintergrund agieren die &bdquo;Terrorpaten&ldquo; USA und Israel. Israel befindet sich mehr oder minder intensiv im Dauerkrieg mit Syrien und pflegt in israelischen Krankenh&auml;usern islamistische Terrors&ouml;ldner aller Couleur gesund, um sie &uuml;ber die Golanh&ouml;hen wieder in neue Eins&auml;tze zu entlassen. Die USA liefert die zentrale Strategie des &sbquo;kreativen Chaos&lsquo; und versorgt die islamistischen S&ouml;ldner mit der neuesten Bewaffnung. Das kommt der US-R&uuml;stungsindustrie zugute, die ihre neuesten Waffen bei internationalen R&uuml;stungsmessen mit dem Siegel &bdquo;combat proven&ldquo;, also: &bdquo;kampfgepr&uuml;ft&ldquo; aufwerten m&ouml;chte.<\/p><p>Ein finsteres Bild, k&ouml;nnte man sagen, das Anderson hier zeichnet. Doch er &uuml;bt sich in leisem Optimismus: die internationale Koalition der Chaos-Willigen, die noch in Afghanistan, Irak und Libyen so leichtes Spiel hatte, hat sich nun in Syrien die Z&auml;hne ausgebissen. Es ist, so Anderson, eine neue &sbquo;Achse des Widerstands&lsquo; aus dem Stahlgewitter hervorgegangen. Die syrische Armee, die enorme Verluste hinnehmen musste, sei jetzt besser organisiert als je zuvor. Das B&uuml;ndnis mit dem Iran, der libanesischen Hisbollah und den pal&auml;stinensischen Widerstandsgruppen sei jetzt so fest wie nie. Und der Irak, dessen Regierung lange als Kreatur der USA angesehen wurde, habe sich dieser Achse angeschlossen. Irak und Iran arbeiten jetzt vertrauensvoll zusammen. Im Hintergrund sei Russland durch eine umsichtige Diplomatie und begrenzte milit&auml;rische Aktionen ein hilfreicher Partner. Die Ereignisse der letzten Monate mit der Befreiung von Palmyra und anderen Orten scheinen Andersons Einsch&auml;tzung Recht zu geben.<\/p><p><strong>Tim Anderson: &bdquo;<a href=\"https:\/\/derschmutzigekrieggegensyrien.wordpress.com\/2016\/05\/25\/tim-anderson-der-schmutzige-krieg-gegen-syrien\/\">Der schmutzige Krieg gegen Syrien. Washington &ndash; Regime Change &ndash; Widerstand<\/a>&ldquo;.  Marburg 2016. <\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <strong><a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a><\/strong> &uuml;ber neue Texte bestellen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/bd871fc2ee494ca6861bee6809e1cfe3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der australische Politologe Tim Anderson hat ein fundiertes Buch &uuml;ber den Krieg in Syrien und &uuml;ber die Manipulationen dieses Krieges vorgelegt. Er sieht Kr&auml;fte im Mittleren Osten im Aufstieg, die das Potential f&uuml;r eine neue Friedensordnung in sich bergen k&ouml;nnten. 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