{"id":34734,"date":"2016-08-24T09:22:17","date_gmt":"2016-08-24T07:22:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34734"},"modified":"2019-07-09T11:48:34","modified_gmt":"2019-07-09T09:48:34","slug":"die-vergessene-freiheit-am-hindukusch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34734","title":{"rendered":"Die vergessene Freiheit am Hindukusch"},"content":{"rendered":"<p>Seit rund f&uuml;nfzehn Jahren f&uuml;hrt die NATO Krieg in Afghanistan. Dieser Krieg scheint nicht zu enden. Stattdessen wird das Ende der &bdquo;Demokratisierungsmission&ldquo; stets aufgeschoben. Doch auch nach all den Jahren der Zerst&ouml;rung lassen sich am Hindukusch weder Freiheit noch Demokratie finden. Stattdessen werden immer mehr Tote beklagt und immer mehr Fl&uuml;chtlinge produziert. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1681\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-34734-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160824_Vergessene_Freiheit_Hindukusch_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160824_Vergessene_Freiheit_Hindukusch_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160824_Vergessene_Freiheit_Hindukusch_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160824_Vergessene_Freiheit_Hindukusch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=34734-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160824_Vergessene_Freiheit_Hindukusch_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160824_Vergessene_Freiheit_Hindukusch_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Im vergangenen Monat, w&auml;hrend des NATO-Gipfels in Warschau, verk&uuml;ndete NATO-Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg eine Verl&auml;ngerung der Mission &bdquo;Resolute Support&ldquo; in Afghanistan.  &bdquo;&Uuml;ber 2016 hinaus&ldquo;, hie&szlig; es dieses Mal. Damit wurde der vollst&auml;ndige Abzug der Truppen bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre aufgeschoben. Die 12.000 verbleibenden Soldaten werden demnach weiterhin im Land bleiben. Einen neuen, konkreten Abzugstermin hat die NATO noch nicht festgelegt. Generalsekret&auml;r Stoltenberg wollte, wie er es selbst ausdr&uuml;ckte, &bdquo;nicht spekulieren&ldquo;. Demnach kann der Krieg am Hindukusch noch <a href=\"http:\/\/www.nato.int\/cps\/en\/natohq\/opinions_133292.htm?selectedLocale=en\">jahrelang weitergehen<\/a>.<\/p><p>&Auml;hnlich verh&auml;lt es sich &uuml;brigens auch mit der als separat erscheinenden amerikanischen Mission &bdquo;Freedom&rsquo;s Sentinel&ldquo; (hier kommt auch ein weiteres Truppenkontingent hinzu), deren Ende ebenfalls nicht in Sicht zu sein scheint. Tats&auml;chlich ist nicht einmal klar, inwiefern die NATO-Mission und die US-amerikanische Mission voneinander getrennt sind. In Anbetracht der Entwicklungen der letzten Jahre l&auml;sst sich allerdings nur das best&auml;tigen, was Beobachter und Kritiker immer wieder betonten: Die NATO ist gepr&auml;gt von US-amerikanischer Dominanz. Demnach bewegt Washington s&auml;mtliche Figuren wie ihre eigenen und greift beliebig und nach jeweiligem Interesse in die Spielkiste. <\/p><p>In Afghanistan ist genau dies seit dem ersten Tag des westlichen Milit&auml;reinsatzes der Fall. Eine kritische Analyse des Geschehens der letzten f&uuml;nfzehn Jahre kann demnach nur vorgenommen werden, wenn man mit diesem allerersten Tag beginnt. Denn w&auml;hrend die Intervention in Anbetracht der Anschl&auml;ge des 11. Septembers f&uuml;r viele Europ&auml;er und US-Amerikaner weiterhin als angemessen oder gar selbstverst&auml;ndlich betrachtet wird, ist dies seitens der afghanischen Bev&ouml;lkerung mitnichten der Fall. <\/p><p>Nicht nur aus Sicht der Afghanen war das milit&auml;rische Eingreifen in Afghanistan genauso rechtswidrig wie jenes im Irak. Im Kontext des 2001 ausgerufenen NATO-B&uuml;ndnisfalles wird dieser Punkt jedoch immer wieder verdr&auml;ngt. Stattdessen st&uuml;tzt man sich auf verschiedene Scheinrechtfertigungen, die dank des einseitigen Handelns verschiedener Institutionen, etwa der UN, als juristisch akzeptabel betrachtet werden und sich mittlerweile im politischen Neusprech durchgesetzt haben. (Dazu interessant: <a href=\"http:\/\/www.alternet.org\/story\/93473\/afghanistan%3A_the_other_illegal_war\">Afghanistan: The Other Illegal War<\/a>)<\/p><p><strong>Angriffskrieg der NATO<\/strong><\/p><p>Am 11. September wurden die Vereinigten Staaten allerdings nicht von einem anderen Staat angegriffen, sondern von mehreren Einzelpersonen, die Al-Qaida zugeordnet wurden. Keines dieser Individuen war Afghane. Doch die afghanische Bev&ouml;lkerung wurde kollektiv bestraft. W&auml;hrenddessen blieb Saudi-Arabien, das Herkunftsland der meisten T&auml;ter und enger Verb&uuml;ndeter der USA, in jegliche Art und Weise verschont. <\/p><p>Der Angriff auf Afghanistan war auch keineswegs ein Verteidigungsakt, wie ihn manche Politiker bis heute darstellen wollen. Es handelte es sich schlichtweg um einen weiteren Angriffskrieg der NATO. Auch die verdammten Taliban, so schlimm ihr Regime auch gewesen ist, hatten nichts mit den Anschl&auml;gen des 11. Septembers zu tun. Stattdessen war das Gegenteil der Fall. Nachdem Al-Qaida-F&uuml;hrer Osama bin Laden bereits zuvor von Afghanistan aus zum Krieg gegen die Vereinigten Staaten ausrief &ndash; ein Akt, der sich damals auch gegen die Interessen der Taliban richtete &ndash; hatte er quasi sein Gastrecht verwirkt. <\/p><p>Die Taliban suchten nach der n&auml;chstbesten M&ouml;glichkeit, bin Laden loszuwerden. Nach den Anschl&auml;gen in New York dachten sie, dass dieser Moment gekommen sei. Taliban-F&uuml;hrer Mullah Mohammad Omar verlangte von den USA lediglich Beweise f&uuml;r die T&auml;terschaft bin Ladens, um ihn auszuliefern. Diese wurden seitens der US-Administration allerdings nicht geliefert. Stattdessen regnete es Bomben.<\/p><p>Afghanistan wurde vorgeworfen, Terroristen auszubilden und ihnen Schutz zu gew&auml;hren. Deshalb, so wurde es allen weisgemacht, war die milit&auml;rische Intervention notwendig. Laut dieser Logik h&auml;tten andere Staaten allerdings auch die USA angreifen d&uuml;rfen. Es w&auml;re demnach etwa das gute Recht der Iraner gewesen, die Vereinigten Staaten anzugreifen, nachdem sie 1979 dem diktatorischen K&ouml;nig Reza Pahlavi Schutz gew&auml;hrten. Selbiges betrifft auch zahlreiche s&uuml;damerikanische Staaten, in denen w&auml;hrend des Kalten Krieges rechte Milit&auml;rputschisten dank der CIA und Konsorten an die Macht kamen und zuvor ihre Foltermethoden in amerikanischen Milit&auml;rschulen perfektioniert hatten. <\/p><p><strong>Deutungshoheit des &bdquo;American Exceptionalism&ldquo;<\/strong><\/p><p>Auf derartige Gedanken kommt man allerdings nicht. Sie gelten per se als absurd. Die Doktrin lautet n&auml;mlich wie folgt: Die Vereinigten Staaten sind in jeglicher Hinsicht einzigartig &ndash; und genauso hat sie auch jeder zu behandeln. Deshalb bestimmen sie auch, wer als &bdquo;Terrorist&ldquo; zu betiteln ist und wer nicht. <\/p><p>Das Resultat dieser Einzigartigkeit, dieses &bdquo;American Exceptionalism&ldquo;, l&auml;sst sich in zerst&ouml;rten Staaten wie Afghanistan begutachten. Vor wenigen Wochen wurde etwa bekannt, dass <a href=\"http:\/\/www.dw.com\/de\/afghanistans-milizen-problem-unl%C3%B6sbar\/a-19471175\">die Miliz<\/a> des ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten Kriegsherrn und gegenw&auml;rtigen Vizepr&auml;sidenten, Abdul Rashid Dostum, in mehreren D&ouml;rfern im Norden des Landes gezielt Jagd auf Zivilisten gemacht und diese massakriert hat. Dostum ist kein unbeschriebenes Blatt und ein Paradebeispiel der westlichen Politik am Hindukusch. Seit den ersten Tagen des Einsatzes z&auml;hlt der st&auml;mmige Usbeke, dessen K&auml;mpfer bereits in den 90er-Jahren zahlreiche Kriegsverbrechen ver&uuml;bten, zu den engsten Verb&uuml;ndeten im &bdquo;Kampf gegen den Terror&ldquo;. Die Liste von Dostums Gr&auml;ueltaten ist lang. An einem Ort wie Den Haag landete er allerdings nie. Stattdessen ist er seit 2014 Afghanistans erster <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/news\/2016\/07\/31\/afghanistan-forces-linked-vice-president-terrorize-villagers\">Vizepr&auml;sident<\/a>.<\/p><p>Da Dostums Milizen vor allem in Nordafghanistan pr&auml;sent sind, arbeitete auch die Bundeswehr immer wieder mit ihnen zusammen. Hier kommen vor allem jene privaten Sicherheitsfirmen ins Spiel, die in den ersten Jahren des Einsatzes zuhauf von zahlreichen Warlords und Miliz-Chefs gegr&uuml;ndet wurden und mit denen die NATO in nahezu allen Regionen des Landes zusammengearbeitet hat.  <\/p><p><strong>Mehr Krieg ist vorprogrammiert<\/strong><\/p><p>Die Resultate einer solchen Politik waren von Anfang an vorhersehbar und lassen sich nun begutachten: Aus ihren pomp&ouml;sen Villen und Festungen heraus dominieren die Warlords weiterhin die afghanische Politik. Zum gleichen Zeitpunkt terrorisieren ihre unantastbaren Milizen ganze Landstriche. Das Resultat davon ist &auml;hnlich wie jenes in den 90er-Jahren: Die Bev&ouml;lkerung entwickelt Sympathien f&uuml;r die Taliban und betrachtet diese teils als &bdquo;Befreier&ldquo;. Dies ist etwa einer der Hauptgr&uuml;nde, warum die Provinzhauptstadt von Kunduz im vergangenen Jahr kurzzeitig fallen konnte.<\/p><p>Zu all diesen kriegerischen Auseinandersetzungen kommen die Operationen der NATO hinzu, die weiterhin im Schatten der &Ouml;ffentlichkeit stattfinden. Denn obwohl immer wieder bekundet wird, lediglich eine &bdquo;beratende Rolle&ldquo; eingenommen zu haben und Gefechte vermeiden zu wollen, zeichnet die Realit&auml;t ein anderes Bild. Es sind vor allem die Berichte &uuml;ber Drohnen-Angriffe und n&auml;chtliche Spezialeins&auml;tze, die in den letzten Monaten zugenommen haben.<\/p><p>Mehreren Berichten zufolge wurden etwa in der vergangenen Woche mindestens dreizehn Zivilisten, allesamt Angeh&ouml;rige einer einzigen Familie, Opfer einer n&auml;chtlichen Spezial-Operation von US-Truppen in der Provinz Paktika im S&uuml;dosten des Landes. Laut dem aktuellen Bericht der Unterst&uuml;tzungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) wurden allein im ersten Halbjahr 2016 mindestens 1.601 Zivilisten im Land get&ouml;tet sowie mindestens 3.565 weitere verletzt. Dies stellt einen neuen H&ouml;chststand seit Beginn der Z&auml;hlung im Jahr 2009 dar. Rund ein Drittel der zivilen Opfer <a href=\"http:\/\/unama.unmissions.org\/afghanistan-record-level-civilian-casualties-sustained-first-half-2016-un-report\">sind Kinder gewesen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit rund f&uuml;nfzehn Jahren f&uuml;hrt die NATO Krieg in Afghanistan. Dieser Krieg scheint nicht zu enden. Stattdessen wird das Ende der &bdquo;Demokratisierungsmission&ldquo; stets aufgeschoben. Doch auch nach all den Jahren der Zerst&ouml;rung lassen sich am Hindukusch weder Freiheit noch Demokratie finden. Stattdessen werden immer mehr Tote beklagt und immer mehr Fl&uuml;chtlinge produziert. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34734\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20,171,11],"tags":[1194,351,1106,813,1055,1564,1611,304,466,1054,1213,1556],"class_list":["post-34734","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-1194","tag-afghanistan","tag-bin-laden-osama","tag-drohnen","tag-fluechtlinge","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-kriegsluegen","tag-kriegsverbrechen","tag-nato","tag-saudi-arabien","tag-stoltenberg-jens","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34734","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34734"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34734\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53254,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34734\/revisions\/53254"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34734"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34734"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34734"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}