{"id":34796,"date":"2016-08-29T10:40:04","date_gmt":"2016-08-29T08:40:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34796"},"modified":"2019-04-25T15:29:17","modified_gmt":"2019-04-25T13:29:17","slug":"warum-sind-rechte-parteien-und-ideologien-so-einflussreich-geworden-der-franzoesische-soziologe-eribon-hat-eine-plausible-antwort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34796","title":{"rendered":"Warum sind rechte Parteien und Ideologien so einflussreich geworden? Der franz\u00f6sische Soziologe Eribon hat eine plausible Antwort"},"content":{"rendered":"<p>Die sozialen Spannungen aufgrund sozialer Ungleichheit werden immer schlimmer. Eigentlich m&uuml;sste linke Politik deshalb geradezu Hochkonjunktur haben. Aber es ist genau umgekehrt. Rechte Ideologien und Parteien bl&uuml;hen geradezu auf. In ganz Europa. Wieso ist das so? Der renommierte franz&ouml;sische Philosoph und Soziologe Didier Eribon gibt in seiner Autobiografie &bdquo;Die R&uuml;ckkehr nach Reims&ldquo; interessante Antworten darauf. <strong>Udo Brandes<\/strong> hat das Buch f&uuml;r uns rezensiert. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Eine Art politischer Notwehr<\/strong><\/p><p>Didier Eribon geh&ouml;rt heute zu den renommiertesten Intellektuellen Frankreichs. Dass er diese soziale Position erreicht hat, war alles andere als wahrscheinlich. Denn Eribon kommt aus der Arbeiterklasse. Der Preis, den er f&uuml;r seinen Aufstieg bezahlt hat, war der Bruch mit seiner Herkunftsfamilie. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Meine erfolgreiche Integration in den Schulbetrieb hatte zur Bedingung, dass ich in eine Art Exil ging, dass ein immer deutlicher werdender Bruch entstand, der mich nach und nach immer weiter von der Welt entfernte, aus der ich kam und in der ich nach wir vor lebte. (&hellip;) Wenn ich mich nicht selbst vom Schulsystem ausgrenzen wollte, musste ich mich aus meiner eigenen Familie, aus meinem eigenen Universum ausgrenzen. Diese beiden Sph&auml;ren zusammenzuhalten, zu beiden Welten gleichzeitig zu geh&ouml;ren, war praktisch unm&ouml;glich. (&hellip;) Und diese Zerrissenheit zwischen meinen beiden Pers&ouml;nlichkeiten, zwischen diesen beiden Rollen und sozialen Identit&auml;ten, die immer weniger miteinander gemein hatten und die mir immer unvereinbarer erschienen, brachten in mir eine Spannung hervor, die mir immer unertr&auml;glicher wurde und die mich, so viel ist sicher, extrem verunsicherte&ldquo; (S. 159).\n<\/p><\/blockquote><p>Eribon verfolgte den Weg eines Aufsteigers, den man nach seinen eigenen Worten auch als <em>&bdquo;sozialen &Uuml;berl&auml;ufer&ldquo;(S. 23)<\/em> bezeichnen k&ouml;nne: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Denn ich war gewisserma&szlig;en klassenfl&uuml;chtig, auf mehr oder weniger bewusste Weise mehr oder weniger permanent darauf bedacht, meine soziale Herkunft abzustreifen, sie von mir fernzuhalten und dem Milieu meiner Kindheit zu entfliehen.&ldquo; (S. 23)\n<\/p><\/blockquote><p>In seinem bewussten Erleben hatte er dies vor allem seiner Homosexualit&auml;t und der eingefleischten Homophobie seines Vaters und des Milieus, in dem er gro&szlig; wurde, zugeschrieben. Nachdem sein Vater 2009 gestorben war, besuchte er nach vielen Jahren erstmals wieder seine Mutter und fing an, sich n&auml;her mit seiner Familiengeschichte zu befassen, immer mit einem soziologischen Blick. Und dabei wurde ihm bewusst, dass sein Bruch mit seiner Familie keineswegs nur mit seiner Homosexualit&auml;t zu tun hatte, sondern auch ein Bruch mit seiner sozialen Klasse war, der er entstammte. Und dass dies etwas mit sozialer Scham zu tun hatte.<\/p><p>Eribon hat zu dem Themenkomplex sozialer Scham viele sehr interessante Gedanken entwickelt. Im Folgenden w&iacute;ll ich mich jedoch auf einen anderen wichtigen Aspekt seines Buches konzentrieren: Eribon stellte bei seiner R&uuml;ckkehr erstaunt fest, dass seine Familie, die er nur als &uuml;berzeugte Kommunisten kannte, jetzt W&auml;hler des Front National waren. Wie war dies m&ouml;glich gewesen? Seine Analyse ist auch f&uuml;r deutsche Verh&auml;ltnisse erhellend. <\/p><p><strong>Auch auf deutsche Verh&auml;ltnisse &uuml;bertragbar<\/strong><\/p><p>Was er schreibt, best&auml;tigt meine Eindr&uuml;cke von einer Sendung des Deutschlandfunks zur Erkl&auml;rung des Rechtstrends in der Gesellschaft. Ein H&ouml;rer verwies in der Sendung darauf, dass 30% der Erwerbst&auml;tigen wie er selber auch zu Niedrigl&ouml;hnen arbeiten m&uuml;ssten &ndash; und keine Partei schere sich darum. Auch die Linke nicht, denn diese interessiere sich ja nur f&uuml;r Feministinnen, Fl&uuml;chtlinge und Hartz-4-Empf&auml;nger. Unabh&auml;ngig davon, ob diese Sichtweise der Linkspartei zutreffend ist, vermute ich, dass diese Wahrnehmung bei dieser Bev&ouml;lkerungsgruppe repr&auml;sentativ ist. Ich selbst habe bei mir &auml;hnliche Affekte beobachtet. Ich empfinde Politiker der Linkspartei bisweilen als salonsozialistisch, etwa Katja Kipping, die einmal in einem Interview die Frage eines Journalisten mit den Worten <em>&bdquo;Das ist mir zu unmarxistisch gedacht&ldquo;<\/em> beantwortete. Dazu passt, wie Eribon seine eigene Entfremdung von der Arbeiterklasse beschreibt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das &sbquo;Proletariat&rsquo; war f&uuml;r mich eine Idee aus B&uuml;chern, eine abstrakte Vorstellung. Meine Eltern geh&ouml;rten nicht in diese Kategorie. (&hellip;.) Mein jugendlicher Marxismus war also ein Instrument meiner eigenen sozialen Desidentifikation. Ich glorifizierte die Arbeiterklasse, um mich leichter von den realen Arbeitern abgrenzen zu k&ouml;nnen.&ldquo; (S. 81)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Linkssein: Pragmatisch ablehnen, worunter man leidet<\/strong><\/p><p>Und weiter beschreibt er, dass das Links-sein f&uuml;r seine Familie eine ganz konkrete Bedeutung hatte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Kommunist zu sein hatte so gut wie gar nichts mit dem Wunsch zu tun, ein Regime nach Art der Sowjetunion zu errichten. (&hellip;.) Die Zustimmung zu kommunistischen Werten gr&uuml;ndete sich auf dringlichere, konkretere Sorgen und N&ouml;te. (&hellip;.) F&uuml;r Arbeiter und Leute aus armen Verh&auml;ltnissen bestand das Linkssein vor allem darin, ganz pragmatisch das abzulehnen, worunter man im Alltag litt. Es ging um Protest, nicht um ein von globalen Perspektiven inspiriertes politisches Projekt. Man schaute auf sich selbst, nicht in die Ferne, und zwar in geschichtlicher wie in geografischer Hinsicht.&ldquo; (S. 37-38)\n<\/p><\/blockquote><p>Und dass diese konkret-pragmatische Haltung nur allzu begr&uuml;ndet ist, das wird aus dem Folgenden deutlich:<\/p><blockquote><p>\nWenn ich meine Mutter heute vor mir sehe mit ihrem geschundenen, schmerzenden K&ouml;rper, der f&uuml;nfzehn Jahre unter h&auml;rtesten Bedingungen gearbeitet hat &ndash; am Flie&szlig;band stehen, Deckel auf Einmachgl&auml;ser schrauben, sich morgens und nachmittags h&ouml;chstens zehn Minuten von jemanden vertreten lassen, um auf die Toilette gehen zu k&ouml;nnen &ndash;, dann &uuml;berw&auml;ltigt mich die konkrete Bedeutung des Wortes &sbquo;soziale Ungleichheit&rsquo;. Das Wort &sbquo;Ungleichheit&rsquo; ist eigentlich ein Euphemismus, in Wahrheit haben wir es mit nackter, ausbeuterischer Gewalt zu tun. Der K&ouml;rper einer alternden Arbeiterin f&uuml;hrt allen die Wahrheit &uuml;ber die Klassengesellschaft vor Augen.&ldquo; (S. 78)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die Arbeiter sind aus der politischen Debatte verschwunden<\/strong><\/p><p>V&ouml;llig zurecht beklagt Eribon, dass diese konkreten Erfahrungen von Unterdr&uuml;ckung, Ausbeutung und Not aus der vorherrschenden politischen Debatte verschwunden sind:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Was aus der politischen Repr&auml;sentation und den kritischen Diskursen verschwand, war nicht nur die Arbeiterbewegung mit ihren K&auml;mpfen und Traditionen, es waren die Arbeiter selbst, ihre Kultur, ihre spezifischen Lebensbedingungen, ihre Hoffnungen und W&uuml;nsche.&ldquo; (S. 118)\n<\/p><\/blockquote><p>Und meines Erachtens klagt er daf&uuml;r ganz zurecht linke Politiker an, denen es fr&uuml;her gar nicht radikal und revolution&auml;r genug zugehen konnte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn ich aber sehe, was aus denen geworden ist, die sich damals am Mythos des proletarischen Aufstands berauschten und den B&uuml;rgerkrieg predigten, wie k&ouml;nnte ich da behaupten, dass mein Vater falsch lag?&ldquo; (S. 118)\n<\/p><\/blockquote><p>Denn sein Vater stand den revolution&auml;ren Studenten ablehnend  gegen&uuml;ber, weil diese seiner Meinung nach schon in zehn Jahren zur&uuml;ckkommen w&uuml;rden, um sie, die Arbeiter, zu regieren. <\/p><p>Und die ehemals radikalen Studenten, jetzt in der <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Komfortzone der sozialen Ordnung angekommen&ldquo; ( S. 119),\n<\/p><\/blockquote><p>so Eribon, sind heute<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;genauso selbstsicher und vehement wie fr&uuml;her, verurteilen heute jedoch (mit wenigen Ausnahmen) all das, was auch nur von Weitem nach einem Protest der &sbquo;popul&auml;ren Klassen&rsquo; aussieht.&ldquo; (S. 118)\n<\/p><\/blockquote><p>Eine sehr treffende Beschreibung, wie ich finde, die sich ein zu eins auf Deutschland &uuml;bertragen l&auml;sst. Man denke zum Beispiel an den Gr&uuml;nen-Politiker Winfried Kretschmann, der als Student im Kommunistischen Bund Westdeutschland politisch aktiv war, und heute als gr&uuml;ner Ministerpr&auml;sident Hand in Hand mit CDU und CSU gegen eine angemessene Erbschafts- und Verm&ouml;genssteuer k&auml;mpft. <\/p><p><strong>Neoliberale Ideologie entpolitisiert und individualisiert<\/strong><\/p><p>In der neoliberalen Ideologie werden die Menschen entpolitisiert und individualisiert. Die unterschiedlichen Lebenschancen und Lebensm&ouml;glichkeiten haben nach dieser Ideologie nichts mehr mit einer Zugeh&ouml;rigkeit zu einer benachteiligten Klasse, der gesellschaftlichen Hierarchie und Machtunterschieden zwischen sozialen Gruppen zu tun. Wer nicht erfolgreich ist, hat sich nicht angestrengt, keinen Willen gezeigt, ist selber schuld an seiner Misere. Diese Sichtweise spiegelt sich in dem rot-gr&uuml;nen Motto &bdquo;Fordern und f&ouml;rdern&ldquo; eins zu eins wider.<\/p><p>Was sind die Folgen dessen? Eribon schreibt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn man &sbquo;Klassen&rsquo; und Klassenverh&auml;ltnisse einfach aus den Kategorien des Denkens und Begreifens entfernt, verhindert man aber noch lange nicht, dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen f&uuml;hlen, die mit den Verh&auml;ltnissen hinter diesen W&ouml;rtern objektiv zu tun haben.&ldquo; (S. 122).\n<\/p><\/blockquote><p>Und so kommt Eribon zu folgendem Schluss, dem ich voll und ganz zustimmen kann: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;So widerspr&uuml;chlich es klingen mag, bin ich mir doch sicher, dass man die Zustimmung zum Front National zumindest teilweise als eine Art politische Notwehr der unteren Schichten interpretieren muss. Sie versuchten, ihre kollektive Identit&auml;t zu verteidigen, oder jedenfalls eine W&uuml;rde, die seit je mit F&uuml;&szlig;en getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor repr&auml;sentiert und verteidigt hatten. W&uuml;rde, dieses zerbrechliche und sich selbst nicht sichere Gef&uuml;hl. Sie verlangt nach Gesten der Best&auml;tigung. Entw&uuml;rdigt f&uuml;hlen sich die Menschen vor allem dann, wenn sie sich als (&hellip;.) blo&szlig;es Element politischer Buchf&uuml;hrung und damit als ein stummer Gegenstand politischer Verf&uuml;gungen vorkommen. Wenn die, denen man sein Vertrauen einmal gegeben hat, dieses nicht mehr verdienen, &uuml;bertr&auml;gt man es eben anderen. (&hellip;.) Wessen Fehler ist es also, wenn die scheinbar letzte politische Rettung ein solches Gesicht tr&auml;gt? (S. 124)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Mein Res&uuml;mee:<\/strong> &bdquo;Die R&uuml;ckkehr nach Reims&ldquo; ist f&uuml;r jeden politisch Interessierten eine regelrechte Schatzkiste. Gleichzeitig kann man das Buch &ndash; und dies gilt insbesondere f&uuml;r soziale Aufsteiger, die einen Milieuwechsel hinter sich haben &ndash; auch mit ganz anderen Augen lesen und wertvolle Einsichten &uuml;ber das eigene Leben und die eigenen Lebenskonflikte gewinnen. Ich kann dieses Buch nur aus vollem Herzen empfehlen. <\/p><p><em>Diedier Eribon: R&uuml;ckkehr nach Reims, edition suhrkamp, Berlin 2016, 18,00 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die sozialen Spannungen aufgrund sozialer Ungleichheit werden immer schlimmer. Eigentlich m&uuml;sste linke Politik deshalb geradezu Hochkonjunktur haben. Aber es ist genau umgekehrt. Rechte Ideologien und Parteien bl&uuml;hen geradezu auf. In ganz Europa. Wieso ist das so? 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