{"id":34836,"date":"2016-09-01T09:14:49","date_gmt":"2016-09-01T07:14:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34836"},"modified":"2016-09-02T08:04:13","modified_gmt":"2016-09-02T06:04:13","slug":"die-allmacht-der-algorithmen-unser-facebook-dilemma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34836","title":{"rendered":"Die Allmacht der Algorithmen &#8211; unser Facebook-Dilemma"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160901_02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Albrecht M&uuml;ller warf in der letzten Woche <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34737\">einige berechtigte Fragen<\/a> bez&uuml;glich der Algorithmen von Facebook in die Runde. Daraufhin schrieben uns zahlreiche Leser von &auml;hnlichen Problemen. Bemerkenswert fanden wir dabei vor allem Berichte &uuml;ber vermeintlich gel&ouml;schte Leserkommentare unter unseren Beitr&auml;gen auf Facebook. Je mehr wir uns mit diesen F&auml;llen besch&auml;ftigten, desto hilfloser und ohnm&auml;chtiger f&uuml;hlten wir uns. Dieses Beispiel aus dem Kleinen zeigt, wie &uuml;berw&auml;ltigend die Allmacht der Algorithmen bereits heute im Gro&szlig;en ist. Die Antworten der Politik auf diese Schieflage sind geradezu grotesk. Vor unseren Augen entsteht momentan die wohl gr&ouml;&szlig;te und gef&auml;hrlichste Zensur-Infrastruktur der menschlichen Geschichte. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4023\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-34836-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160901_Allmacht_der_Algorithmen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160901_Allmacht_der_Algorithmen_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160901_Allmacht_der_Algorithmen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160901_Allmacht_der_Algorithmen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=34836-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160901_Allmacht_der_Algorithmen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160901_Allmacht_der_Algorithmen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Wohin sind die Kommentare verschwunden?<\/strong><\/p><p>Fee Strieffler versteht die Welt nicht mehr. Die Aktivistin, die sich unter anderem beim &bdquo;<a href=\"http:\/\/ramsteiner-appell.de\"><em>Ramsteiner Appell<\/em><\/a>&ldquo; und bei der &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.luftpost-kl.de\"><em>Luftpost Kaiserslautern<\/em><\/a>&ldquo; engagiert, hatte sich zwei Stunden Zeit genommen, um einem unserer Leser bei der Beantwortung seiner Fragen zu helfen, die er auf Facebook zu unserem Beitrag &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34744\">Ramstein liegt auf deutschem Staatsgebiet<\/a>&ldquo; stellte. Kurze Zeit sp&auml;ter waren Frau Striefflers Beitr&auml;ge jedoch im digitalen Nirwana verschwunden. Einzig und allein der Z&auml;hler von Facebook weist noch darauf hin, dass es hier offenbar noch Kommentare gibt, die jedoch niemand zu sehen bekommt. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160901_01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Verst&auml;ndlicherweise beschwerte sich Frau Strieffler zun&auml;chst bei uns, schlie&szlig;lich ist es ja auch naheliegend, dass der Betreiber einer Facebook-Seite f&uuml;r das Verschwinden von Kommentaren verantwortlich ist. Dem war aber in diesem Falle nicht so. Auch in zahlreichen anderen F&auml;llen, die uns zugetragen wurden und die wir in Einzelf&auml;llen sogar reproduzieren konnten, sind Leserkommentare von unserer Facebookseite verschwunden, ohne dass wir daran in welcher Form auch immer beteiligt waren. Warum die besagten Kommentare verschwunden sind, wissen wir jedoch bis heute nicht. Schlimmer noch: Es gibt auch f&uuml;r uns, als Seitenbetreiber, mit dessen Hilfe Facebook sehr viel Geld verdient, keine M&ouml;glichkeit, der Sache nachzugehen.<\/p><p>Was f&uuml;r M&ouml;glichkeiten gibt es f&uuml;r das Verschwinden der Kommentare? Selbstverst&auml;ndlich d&uuml;rfen Administratoren einer Facebook-Seite unter den von ihnen betreuten Beitr&auml;gen Kommentare l&ouml;schen. Bei uns haben drei Personen diese Rechte, alle drei scheiden als &bdquo;Verd&auml;chtige&ldquo; aus. Die zweite M&ouml;glichkeit ist ein Softwarefehler, ein &bdquo;Bug&ldquo; im Facebook-Algorithmus, der Kommentare &bdquo;verschluckt&ldquo;. Diese Variante ist zwar nicht auszuschlie&szlig;en, aber bei k&uuml;hler Abw&auml;gung eher unwahrscheinlich. Bleiben die Varianten Drei und Vier: Manuelle oder automatisierte L&ouml;schungen der Kommentare durch Facebook selbst oder einen Dienstleister.<\/p><p><strong>&bdquo;Hasskommentare&ldquo; &hellip; ein mehr als problematischer Ansatz<\/strong><\/p><p>Das Internet ist global, Gesetze fast immer national. Dieser Konflikt ist f&uuml;r ein globales Netzwerk wie Facebook sehr delikat. Wenn beispielsweise eine kanadische Internetseite Hakenkreuze zeigt und den Holocaust leugnet, ist dies nach kanadischem Recht vollkommen legal. Auch in den USA, in denen Facebook offiziell sitzt, ist die Holocaust-Leugnung keine Straftat. In Deutschland sieht dies bekanntlicherweise anders aus und damit beginnt ein ganzer Wust an hochkomplexen juristischen Fragen: Was passiert, wenn ein deutscher Staatsb&uuml;rger in Toronto (Kanada) einen Beitrag auf Facebook (US-Unternehmen) postet, in dem er den Holocaust leugnet? Facebook, Google und Co. kennen derartige Probleme und arbeiten in der Regel Hand in Hand mit den Beh&ouml;rden. So hat Google beispielsweise einen eingebauten Filter, der nicht nur Kinderpornografie oder Copyright-Verletzungen, sondern auch Holocaustleugnungen herausfiltert, obgleich diese Materialen f&uuml;r die gro&szlig;e Mehrheit der Google-Nutzer durchaus legal w&auml;ren, da sie in einem Land sitzen, in dem es keine einschl&auml;gigen Gesetze gibt.<\/p><p>Facebook umgeht derlei heikle Fragen ganz einfach dadurch, indem es sich &ndash; zumindest nach au&szlig;en hin &ndash; nicht an nationale Gesetze, sondern an die sogenannten &bdquo;Gruppenrichtlinien&ldquo; h&auml;lt. Diese Richtlinien besagen beispielsweise, dass Abbildungen weiblicher Br&uuml;ste ebenso wie Holocaustleugnungen gel&ouml;scht werden, w&auml;hrend man lange Zeit bei verbalen Grenzwertigkeiten eher dazu tendierte, die Inhalte nicht zu l&ouml;schen &ndash; getreu der eher weit gefassten amerikanischen Definition von &bdquo;Meinungsfreiheit&ldquo;. Damit eckte Facebook jedoch vor allem in einem Land an, in dem die Meinungsfreiheit kein hohes Gut ist und nur zu gerne der Political Correctness geopfert wird: Deutschland.<\/p><p>Befeuert durch Pegida und die wachsende Anzahl rechter P&ouml;beleien im Fl&uuml;chtlingsjahr 2015 sah sich das Bundesjustizministerium gefordert, Facebook zu einer strengeren Moderation zu zwingen. Der Internetgigant knickte vor Heiko Maa&szlig; ein und <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/facebook-neues-loesch-team-geht-gegen-hasskommentare-vor-a-1072175.html\">beauftragte<\/a> die Bertelsmann-Tochter Arvato, von Berlin aus mit einer rund 150 Mitarbeiter starken &bdquo;L&ouml;schtruppe&ldquo; Beschwerden deutscher Facebook-Nutzer entgegenzunehmen und Beitr&auml;ge zu l&ouml;schen, die den &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/communitystandards\">Gemeinschaftsrichtlinien<\/a>&ldquo; widersprechen. Und wann widerspricht ein Beitrag diesen Richtlinien? Wenn er &ndash; so der unsch&ouml;ne englische Begriff &ndash; &bdquo;hate speech&ldquo; enth&auml;lt, es sich also um einen &bdquo;Hasskommentar&ldquo; handelt. Dazu z&auml;hlen laut Facebook<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Inhalte, die Personen aufgrund der folgenden Eigenschaften direkt angreifen: Rasse, Ethnizit&auml;t, nationale Herkunft, sexuelle Orientierung, Geschlecht bzw. geschlechtliche Identit&auml;t oder schwere Behinderungen oder Krankheiten&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Das h&ouml;rt sich oberfl&auml;chlich ja gut an; ist es aber nicht.<\/p><p>W&auml;hrend Begriffe wie Beleidigung, N&ouml;tigung oder Volksverhetzung Gegenst&auml;nde des deutschen Rechtssystems und klar definiert sind, ist der Begriff Hasskommentar nicht n&auml;her definiert und die Pr&auml;zisierung &bdquo;direkt angreifen&ldquo; ist vage und wird au&szlig;erhalb des Rechtssystems von Facebook oder Arvato und Co. willk&uuml;rlich interpretiert. Wenn Sie wegen Beleidigung angezeigt werden, bekommen Sie das schwarz auf wei&szlig; und k&ouml;nnen sich mit rechtsstaatlichen Mitteln verteidigen und zur Wehr setzen. Wenn ihr Facebook-Kommentar im digitalen Nirwana verschwindet, kriegen Sie davon nichts mit; Sie haben keine Chance auf Revision und haben noch nicht einmal einen Ansprechpartner, dem Sie ihre Klage vortragen k&ouml;nnen. Sie sind ohnm&auml;chtig, Facebook und Arvato allm&auml;chtig.<\/p><p><strong>Aber das betrifft doch nur b&ouml;se Nazis!<\/strong><\/p><p>Recht so, werden viele nun denken. Bei &bdquo;Hasskommentaren&ldquo; geht es ja &ndash; wie der Name schon sagt &ndash; um b&ouml;se Hetze vom rechten Rand. Die muss verschwinden! Na klar, aber wer entscheidet im Einzelfall, was b&ouml;se und was Hetze ist? Wer entscheidet, was der rechte Rand ist? Und warum soll eigentlich irgendetwas verschwinden, nur weil es vom rechten Rand kommt? Es kommt doch nicht auf den Absender, sondern auf die Botschaft an und in einem Rechtsstaat sollte doch bitte das geltende Gesetz regeln, was erlaubt und was verboten ist.<\/p><p>Wie schnell man hier die Orientierung verlieren kann, beweist ausgerechnet ein weiteres Fallbeispiel im Umfeld von Facebook. Auf Initiative des Bundesjustizministeriums unterst&uuml;tzt der amerikanische Konzern n&auml;mlich seit wenigen Wochen auch &bdquo;europ&auml;ische NGOs&ldquo; mit einer Million Euro, die aktiv gegen &bdquo;rechte Hasskommentare&ldquo; vorgehen. Darunter z&auml;hlt federf&uuml;hrend auch die <a href=\"http:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/aktuelles\/2016\/aktiv-gegen-hate-speech-im-internet\/\">Amadeu Antonio Stiftung<\/a>. Dummerweise ist dieser Stiftung jedoch der politische Kompass abhandengekommen. Anstatt gegen rechte Hetze vorzugehen, betreibt man dort offenbar lieber <a href=\"https:\/\/blog.fefe.de\/?ts=a94afe9e\">Denunziation<\/a> und wird daf&uuml;r und f&uuml;r andere Fragw&uuml;rdigkeiten zu Recht von <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33988\">verschiedenen<\/a> <a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/deus\/2016\/08\/21\/thomas-de-maiziere-der-rassismus-die-antifa-und-die-amadeu-antonio-stiftung-3680\/\">Seiten<\/a> <a href=\"http:\/\/meedia.de\/2016\/08\/09\/hass-wohin-man-schaut-wie-eine-anti-hatespeech-broschuere-der-amadeu-antonio-stiftung-hass-wellen-im-social-web-ausloeste\/\">scharf<\/a> <a href=\"https:\/\/blog.fefe.de\/?ts=a95bda4e\">kritisiert<\/a>. Wenn dies die &bdquo;Hilfspolizei&ldquo; von Facebook ist, kann einem nur noch angst und bange werden.<\/p><p>Dabei haben wir doch ein Justiz- und Rechtssystem, das sich sehr intensiv mit derlei Fragen besch&auml;ftigt und das hier liberaler und toleranter ist, als man denken mag. Die Aussage &bdquo;Ausl&auml;nder raus!&ldquo; ist beispielsweise laut eines <a href=\"http:\/\/www.migazin.de\/2010\/03\/09\/auslander-raus-ist-keine-volksverhetzung\/\">Urteils vom Bundesverfassungsgericht aus dem Jahre 2010<\/a> keine Volksverhetzung, sondern von der Meinungsfreiheit gedeckt. Das kann man gut oder schlecht, richtig oder falsch finden. Wer aber setzt hier die Grenzen? Wer entscheidet, ob kapitalismuskritische Kommentare oder Kommentare, die sich kritisch mit der Kriegspolitik der NATO oder der Au&szlig;enpolitik der USA auseinandersetzen, den &bdquo;Gruppenrichtlinien&ldquo; entsprechen? Dar&uuml;ber entscheiden im stillen K&auml;mmerlein die Mitarbeiter von Facebook und Arvato. Dieses Verfahren ist intransparent und undemokratisch. <\/p><p>Besonders brisant sind hier F&auml;lle aus dem Graubereich. Ab wann verst&ouml;&szlig;t ein Facebook-Nutzer, der die Aufnahme von Fl&uuml;chtlingen kritisiert, eigentlich gegen die Gemeinschaftsregeln? Eines sollte klar sein: In einem demokratischen Staat m&uuml;ssen nat&uuml;rlich auch Meinungen erlaubt sein, die von der Meinung der Kanzlerin oder der absoluten Mehrheit der Leitartikler abweichen. Es muss &ndash; auch &uuml;ber Facebook &ndash; m&ouml;glich und erlaubt sein, Kritik an der Fl&uuml;chtlingspolitik zu &auml;u&szlig;ern; sobald diese Kritik in straftatrelevante Hetze ausartet, muss sie jedoch ebenso selbstverst&auml;ndlich gel&ouml;scht werden. Der heikle und entscheidende Punkt: Wer entscheidet, was hinnehmbar ist und was gel&ouml;scht werden muss? Ein Arvato-Mitarbeiter? Oder ist dies nicht vielleicht doch eine Frage, die in Deutschland Staatsanw&auml;lte und Richter entscheiden sollten?<\/p><p>Zur&uuml;ck zu unserem konkreten Fall. Hat denn nun ein &uuml;bereifriger Arvato-Mitarbeiter den Beitrag von Frau Strieffler gel&ouml;scht? Das ist zumindest auf Basis der uns zur Verf&uuml;gung stehenden Informationen nicht sonderlich wahrscheinlich, da der Beitrag ohne Zweifel frei von &bdquo;Hate Speech&ldquo; war. Es ist bekannt, dass es als Konzession an die T&uuml;rkei Facebook-Moderationsrichtlinien <a href=\"http:\/\/www.kerem-schamberger.de\/2016\/01\/07\/warum-facebook-tuerkei-kritik-sperrt\/\">gibt<\/a>, die jegliche Kritik an Atat&uuml;rk und Parteinahme f&uuml;r die PKK bei Facebook verbieten &ndash; hier wird t&uuml;rkisches Recht zur internationalen Norm gemacht, wie deutsches Recht im Falle der Holocaustleugnung. Eine interne Richtlinie, nach der Kritik an den USA bzw. amerikanischer Milit&auml;rpolitik einen L&ouml;schgrund darstellen k&ouml;nnten, ist zumindest uns jedoch nicht bekannt.<\/p><p><strong>Die neue Weltformel<\/strong><\/p><p>Bleibt die vierte und unbequemste Erkl&auml;rung: Der Kommentar von Frau Strieffler wurde &ndash; ebenso wie zahlreiche andere Leserkommentare &ndash; von einem Algorithmus herausgefiltert. Dass es derartige Algorithmen gibt, ist unstrittig. Hinter den Kulissen sorgen sie beispielsweise daf&uuml;r, dass Beitr&auml;ge anhand bestimmter &bdquo;Signalworte&ldquo; bereits ausgefiltert werden, bevor sie auf Facebook erscheinen. Ich wurde selbst schon mal in einem recht skurrilen Fall Opfer dieses Algorithmus, als ich folgende Textzeile &uuml;ber die BILD-Zeitung aus dem &Auml;rzte-Song &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=AaQcnnM2a70\">Lasse redn<\/a>&ldquo; auf Facebook posten wollte: &bdquo;[Die BILD] besteht nun mal, wer w&uuml;sste das nicht, aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht&ldquo;. Das T-Wort gefielt den Tugendw&auml;chtern von Facebook offenbar nicht &ndash; mein Beitrag wurde gar nicht erst ver&ouml;ffentlicht.<\/p><p>Es ist gut m&ouml;glich, dass der Kommentar von Frau Strieffler solche Signalworte, Buchstabenfolgen oder URLs enthielt, die bei Facebook auf der &bdquo;schwarzen Liste&ldquo; stehen. Da diese Listen jedoch Verschlusssache sind, werden wir wohl dumm sterben m&uuml;ssen &ndash; Facebook verr&auml;t uns n&auml;mlich nicht, warum und von wem oder was der Kommentar gel&ouml;scht wurde.<\/p><p>Die damit zusammenh&auml;ngende Problematik ist gigantisch und geht weit &uuml;ber die konkrete Frage gel&ouml;schter Kommentare hinaus. Wer bestimmt, was Sie auf Facebook zu sehen bekommen? Wer bestimmt, welche Kommentare Sie auf Facebook in welcher Reihenfolge sehen? Wer bestimmt, welche Seiten Sie bei einer Google-Suche angezeigt bekommen? Wer bestimmt, welche Waren Sie in Onlineshops zu welchen Preisen und welchen Zahlungsbedingungen angezeigt bekommen? Wer bestimmt, wer im Netz Ihre Kommentare und Anmerkungen zu Gesicht bekommt? Die Antwort auf alle diese Fragen lautet: Der Algorithmus.<\/p><p>Die Algorithmen sind allm&auml;chtig. Es ist bereits h&ouml;chst problematisch, wenn derart m&auml;chtige Programme &bdquo;nur&ldquo; von renditeorientierten Unternehmen dazu eingesetzt werden, immer mehr Rendite zu machen und aberwitzige Milliardengewinne zu realisieren. Was w&auml;re, wenn diese Konzerne aktiv politisch einsteigen, politische Gegner digital verschwinden lassen, ihre Algorithmen zur Meinungsmache nutzen und alles herausfiltern, was ihnen gegen den Strich geht? Vor wenigen Wochen habe ich ja herausgearbeitet, dass linke Alternativen in den USA und Gro&szlig;britannien auch und vor allem Facebook nutzen, um gegen das finanzstarke Establishment eine Chance zu haben.<\/p><p>Google, Twitter, Facebook und Co. sind heute de facto Monopole. Monopole mit einer Macht, wie es sie in vordigitalen Zeiten so nie gegeben hat. Unser kleines Beispiel mit dem verschwundenen Kommentar von Frau Strieffler l&auml;sst uns allein zur&uuml;ck. Wir haben in den Abgrund geschaut und ahnen bestenfalls, was da noch auf uns zukommt.<\/p><p><strong>Privatisierung des Rechtssystems<\/strong><\/p><p>Facebook ist eine Software und kein Anbieter von Inhalten. Im Forum von SPIEGEL Online oder der ZEIT gilt freilich das Hausrecht des Betreibers. Wenn ein bestimmter Leserkommentar dem Team von SPIEGEL Online nicht passt, dann steht es den Mitarbeitern frei, ihn zu l&ouml;schen. Ob und wie das dann begr&uuml;ndet wird, ist Sache des Medienunternehmens. Bei Facebook sieht die Sache jedoch anders aus: Facebook stellt eine Software zur Verf&uuml;gung und verdient mit Werbung, die in diese Software personenspezifisch eingebunden wird, sehr, sehr viel Geld. Die Inhalte, den Content, stellen die Nutzer selbst. F&uuml;r m&ouml;gliche Rechtsverst&ouml;&szlig;e in den Kommentaren ist eigentlich in allen anderen F&auml;llen der &bdquo;Forenbetreiber&ldquo; verantwortlich &ndash; also SPIEGEL Online beim hauseigenen Forum und die NachDenkSeiten beim Facebook-Kommentarbereich der NachDenkSeiten. Dass der Softwareanbieter nun vom Staat einerseits f&uuml;r die Kommentare, die auf seiner Software verfasst werden, haftbar gemacht wird und sogar vom Staat gezwungen wird, &bdquo;proaktiv&ldquo; Inhalte zu l&ouml;schen, die mit seiner Software verfasst wurden und den Gesetzen oder vagen Political-Correctness-Richtlinien widersprechen, ist ein mehr als fragw&uuml;rdiger Ansatz. <\/p><p>Noch fragw&uuml;rdiger ist es, wenn die Kontrolle dieser Richtlinien auf Anweisung des Bundesjustizministeriums von den Softwareanbietern auf private Dienstleister ausgegliedert wird. Dies ist nichts anderes als Zensur durch private Unternehmen und die De-facto-Privatisierung eines immer wichtiger werdenden Teils des Rechtssytems.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/7b90d24b03654ed4bd0dad5162d2d20c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160901_02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Albrecht M&uuml;ller warf in der letzten Woche <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34737\">einige berechtigte Fragen<\/a> bez&uuml;glich der Algorithmen von Facebook in die Runde. Daraufhin schrieben uns zahlreiche Leser von &auml;hnlichen Problemen. Bemerkenswert fanden wir dabei vor allem Berichte &uuml;ber vermeintlich gel&ouml;schte Leserkommentare unter unseren Beitr&auml;gen auf Facebook. Je mehr<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34836\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,41,11],"tags":[1929,502,1508,1055,1490,1959,243,458,1865,1113,220],"class_list":["post-34836","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-medienanalyse","category-strategien-der-meinungsmache","tag-amadeu-antonio-stiftung","tag-arvato","tag-facebook","tag-fluechtlinge","tag-google","tag-hate-speech","tag-in-eigener-sache","tag-maas-heiko","tag-meinungsfreiheit","tag-soziale-medien","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34836","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34836"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34836\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34841,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34836\/revisions\/34841"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34836"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34836"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34836"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}