{"id":34846,"date":"2016-09-02T09:24:36","date_gmt":"2016-09-02T07:24:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34846"},"modified":"2023-05-31T15:10:45","modified_gmt":"2023-05-31T13:10:45","slug":"die-freiheit-die-sie-meinen-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34846","title":{"rendered":"Die Freiheit, die sie meinen"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160902-werner-ruegemer.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30286\">Neoliberalismus<\/a> immunisiert sich nicht nur gegen Kritik, er assimiliert sie und verkehrt sie in ihr Gegenteil. Der Begriff der Freiheit etwa ist l&auml;ngst schon unter die R&auml;der gekommen &ndash; und jene, die heute noch nach Freiheit rufen, fordern damit in aller Regel die eigene <a href=\"https:\/\/le-bohemien.net\/2015\/11\/20\/neoliberalismus-unterwerfung-als-freiheit\/\">Unterwerfung<\/a> unter Fremdbestimmung und Markt. Ein Schlaglicht hinter die verantwortlichen Kulissen der Macht wirft nun der Autor und Publizist <strong>Werner R&uuml;gemer<\/strong>, der mit seinem neuesten Buch eine Art &bdquo;Geschichtsschreibung von unten&ldquo; vorlegt, welche die materielle Realit&auml;t hinter dem Nebel der allt&auml;glichen Propaganda zur&uuml;ck ins Licht bringt. <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach mit ihm.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_727\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-34846-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160902_Die_Freiheit_die_sie_meinen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160902_Die_Freiheit_die_sie_meinen_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160902_Die_Freiheit_die_sie_meinen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160902_Die_Freiheit_die_sie_meinen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=34846-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160902_Die_Freiheit_die_sie_meinen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160902_Die_Freiheit_die_sie_meinen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr R&uuml;gemer, soeben erschien Ihr neues Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/shop.papyrossa.de\/Ruegemer-Werner-Bis-diese-Freiheit-die-Welt-erleuchtet\">Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet<\/a>&ldquo;, das Sie selbst als &bdquo;Kontrapunkt gegen professionelle Vergessensproduktion und machtgest&uuml;tzte Desinformation&ldquo; verstehen. Gegen welche Vergessensproduktion und Desinformation schreiben Sie an? Worum geht es genau?<\/strong><\/p><p>In dem Buch habe ich Ver&ouml;ffentlichungen aus den letzten drei Jahrzehnten und aus verschiedensten, auch abgelegenen Medien zusammengestellt. Ich habe zum Beispiel das Sch&uuml;ren der Fremdenangst aufgegriffen, als der christdemokratische Ministerpr&auml;sident Sachsens, ein gewisser Kurt Biedenkopf, schon 1990 von braunh&auml;utigen, kn&uuml;ppelschwingenden Turbantr&auml;gern faselte, die massenhaft in deutsche G&auml;rten eindringen und Feuer legen. Das hat damals kein Leitmedium und kein Politiker der auch heute regierenden Parteien kritisiert, die heute die verwandten Parolen von Pegida anprangern und so tun, als w&auml;ren diese Haltungen vom Himmel gefallen.<\/p><p>In den 1990er Jahren habe ich &uuml;ber Montagsdemos Dutzender B&uuml;rgerinitiativen in Sachsen berichtet, die sich gegen die Privatisierung von Wasser und Abwasser richteten, aber von der Biedenkopf-Regierung niedergemacht und von den westlichen Leitmedien und den f&uuml;hrenden Politikern missachtet und verschwiegen wurden. <\/p><p>Ich habe die Finanzoase Luxemburg durchstreift und Gespr&auml;che mit dortigen Bank-Direktoren, etwa der Deutschen Bank, ver&ouml;ffentlicht, die offen und stolz vom &bdquo;kurzen Draht&ldquo; zur gro&szlig;herzoglichen Puppenregierung gesprochen haben. Solche Informationen, auch anderer Autoren, wurden dann allerdings politisch und medial untergepfl&uuml;gt, sodass heute Ver&ouml;ffentlichungen wie &bdquo;LuxLeaks&ldquo; als &uuml;berraschender Skandal erscheinen. Aber es n&uuml;tzt eben wenig, wenn unsereins im WDR oder Deutschlandfunk etwas unterbringen konnte, das dann nicht von anderen aufgegriffen wurde. Auch deshalb habe ich dieses Buch gemacht.<\/p><p><strong>Im Buchtitel hei&szlig;t es &bdquo;Bis <em>diese<\/em> Freiheit die Welt erleuchtet&ldquo; &ndash; um welche besondere Freiheit geht es?<\/strong><\/p><p>Der Titel geht auf eine Sendung im WDR zur&uuml;ck, die ich mit dem Kollegen Heinz Thoma 1986 zur Hundertjahrfeier der New Yorker Freiheitsstatue gemacht habe. Wir haben die ziemlich unbekannte Geschichte und Symbolik der Statue dargestellt. Sie wurde in der franz&ouml;sischen Bourgeoisie konzipiert, nachdem sie sich 1870 Preu&szlig;en unterwerfen musste. Man suchte Halt in den USA. Hergestellt wurde die Statue in Paris vom franz&ouml;sischen Bildhauer Bartholdi und vom Stahlunternehmer Eiffel und 1886 &uuml;ber den Atlantik verschifft. Aber die US-Regierung hat ein Jahrzehnt gez&ouml;gert, das Geschenk anzunehmen. Sie verschleierte die franz&ouml;sische Herkunft und verlegte die Jubil&auml;en weg vom urspr&uuml;nglichen Er&ouml;ffnungstermin am 28. Oktober auf den US-Unabh&auml;ngigkeitstag am 4. Juli.  <\/p><p>Und auch die Symbolik wurde auf die US-Freiheitsauffassung getrimmt. Keine der damaligen Freiheitsbewegungen spiegelt sich in der Statue wider, auch nicht die damalige Sklavenbefreiung in den USA und anderen Staaten. Die Statue ist vielmehr nach dem Vorbild des r&ouml;mischen Imperialismus eine verm&auml;nnlichte Frau, mit Helm und sieben Helmstrahlen, die den Anspruch auf die sieben Kontinente symbolisieren &ndash; Arktis und Antarktis wurden schon weitsichtig mitgez&auml;hlt. In der linken Hand h&auml;lt die Statue zwar die US-Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung, in der allerdings das Recht auf Sklavenhaltung zu den <a href=\"http:\/\/nachdenkseiten.de\/?p=31933\">Menschenrechten<\/a> z&auml;hlte. Nur ein winziger Abglanz konkreter Befreiung findet sich in Gestalt einiger zerbrochener Kettenglieder, die aber flach zu F&uuml;&szlig;en der Statue auf dem Podest liegen. Die hoffnungsvoll einwandernden Arbeiter und Bauern aus Europa konnten so zwar bei ihrer Einfahrt im New Yorker Hafen die Statue bewundern, aber die zerbrochenen Ketten konnten sie nicht sehen. Sollten sie auch nicht, denn streikende Arbeiter wurden im Land dieser Freiheit damals gnadenlos massakriert, befreite Sklaven wurden gelyncht. <\/p><p>W&auml;hrend der aufwendigen Vorbereitung des 100j&auml;hrigen Jubil&auml;ums der Statue 1986 setzte der damalige US-Pr&auml;sident Ronald Reagan das Star-Wars-Programm SDI in Gang. Es h&auml;tte den Schauplatz des m&ouml;glichen Atomkriegs gegen die Sowjetunion auf Mitteleuropa verlegt. Bitte erlauben Sie mir, den Schlussabsatz unserer Sendung zu zitieren, die der WDR am Vortag der 100-Jahrfeier ausstrahlte: &bdquo;Gegen den Faschismus hatte sich eine Koalition der Vernunft und des Friedens gebildet, der auch die USA und die Sowjetunion angeh&ouml;rten. Eine solche Koalition ist heute ganz neu zu entwickeln, damit nicht ein Atomblitz die Welt im Namen der Freiheit &ndash; der einen, besonderen Freiheit &ndash; ein letztes Mal erleuchtet.&ldquo; Um diese &bdquo;Freiheit&ldquo; und die Kritik an ihr geht es in meinem Buch.<\/p><p><strong>Diese besondere Freiheit hat sicherlich weitere Facetten. Welche sind das genau?<\/strong><\/p><p>Ich kann hier nur einige Beispiele nennen. Wenn wir erstmal bei der Freiheitsstatue bleiben: Reagan berief Lee Iacocca zum Pr&auml;sidenten der Vorbereitungskommission f&uuml;r die 100-Jahrfeier. Iacocca galt damals als erfolgreichster US-Manager: Als Chef von Chrysler hatte er sich f&uuml;r die Sanierung des Autokonzerns zwei Milliarden Dollar Subventionen vom Staat geholt und 200.000 Arbeiter entlassen. Und derlei Freiheit f&uuml;r die sozialsch&auml;dliche Selbstbereicherung der gro&szlig;en kapitalistischen Privateigent&uuml;mer ist von der Absicht her grenzenlos.<\/p><p>Daran arbeiten neben dem Gesetzgeber heute auch Kapitalarrangeure wie Blackrock, &bdquo;Wirtschaftspr&uuml;fer&ldquo; wie Price Waterhouse Coopers, Unternehmensberater wie McKinsey, Wirtschaftskanzleien wie Freshfields, Ratingagenturen wie Standard &amp; Poor&lsquo;s, Lobbyisten wie die US-Handelskammer in Washington, Br&uuml;ssel und Berlin, PR-Agenturen wie Burson Marsteller, Stiftungen wie die Ford und Gates Foundations. Bei diesen Abteilungen der zivilen Privatarmee der transnationalen kapitalistischen Klasse sind US-Akteure weltweit f&uuml;hrend. Ein Dutzend US-Wirtschaftskanzleien beispielsweise dominieren die internationale private Schiedsgerichtsbarkeit. <\/p><p><strong>Sie haben in Ihrem Buch <em>Sittenbilder<\/em> zusammengestellt &ndash; was ist darunter zu verstehen? <\/strong><\/p><p>Ich habe mich immer wieder vom Publizisten Heinrich Heine inspirieren lassen. Er hat als Pariser Korrespondent f&uuml;r die Augsburger Allgemeine Zeitung im Verlag Cotta gearbeitet. Er hat Mitte des 19. Jahrhunderts im kapitalistisch entfesselten Paris Sittenbilder verfasst, die er in seinem letzten Buch &bdquo;Lutetia&ldquo; zusammengefasst hat &ndash; bis heute ziemlich unbekannt, auch unter <a href=\"http:\/\/www.werner-ruegemer.de\/heinrich-heine\">Linken<\/a>. <\/p><p>Dabei geht es etwa &uuml;ber den angehimmelten Bankier Rothschild, &uuml;ber die Arbeiter in einer Lokomotivfabrik und &uuml;ber die Seelenqualen von Aktion&auml;ren, die sich verspekuliert hatten. Ich habe 1984 das Leben und Arbeiten eines US-Gewerkschafters in Silicon Valley geschildert, der sich f&uuml;r illegale philippinische Migranten einsetzte; 2001 habe ich die &uuml;blichen betr&uuml;gerisch-legalen Bilanztricks geschildert, mit denen der Energiekonzern Enron, Sponsor des US-Pr&auml;sidenten George W. Bush, kurz vor dem Attentat auf das New Yorker World Trade Center bankrottging &ndash; Bush zitterte &uuml;brigens, ob seine engen Beziehungen zum Enron-Chef Lay bekannt w&uuml;rden. Aber das ging im Attentat unter.<\/p><p><strong>Aber Sie bringen ja, wie es im Untertitel hei&szlig;t, <em>transatlantische<\/em> Sittenbilder?<\/strong><\/p><p>Das bedeutet zweierlei.<\/p><p>Zum einen habe ich Sittenbilder auch &uuml;ber Verh&auml;ltnisse diesseits des Atlantiks verfasst, in Europa, in Deutschland und auch in meiner zuf&auml;lligen Wahlheimat K&ouml;ln, etwa eine Marienmesse mit dem K&ouml;lner Kardinal und Erzbischof Meisner in der b&uuml;rgerlich vollbesetzten K&ouml;lner Kirche Sankt Pantaleon, die in der Hand des Opus Dei ist. Oder die schon erw&auml;hnte Reportage &uuml;ber das Bankiersmilieu in Luxemburg, die &uuml;brigens den Titel hat &bdquo;Mauseb&auml;r und Schneewittchen im Gro&szlig;herzogtum&ldquo;. Oder der Besuch einer Lesung der damaligen Frauenkitsch-Erfolgsautorin Hera Lind, um die sich auch ARD und ZDF bem&uuml;hten. Oder die Begegnungen mit einem Pfandflaschensammler und einer verzweifelten Austr&auml;gerin kostenloser Anzeigenbl&auml;tter.  <\/p><p>Zum anderen bedeutet transatlantisch, wie mit der zivilen Privatarmee des transnationalen Kapitalismus schon angedeutet: Die enge Zusammenarbeit der gew&auml;hlten und vor allem ungew&auml;hlten Eliten beiderseits des Atlantiks, auch wenn diese Zusammenarbeit nicht unbedingt eine gleichberechtigte ist.  <\/p><p><strong>Zum Beispiel?<\/strong><\/p><p>Ab 1998 habe ich das Wall Street-Finanzprodukt Cross Border Leasing erkundet. US-Banken haben zusammen mit britischen, schweizer und deutschen Banken milliardenschwere Kreditkarussells in Gang gesetzt. Die Infrastruktur westeurop&auml;ischer St&auml;dte und Staaten &ndash; Stra&szlig;en- und Fernbahnen, Kanalisationen, Kraft- und Wasserwerke, Messehallen, Flugsicherungen, auch Schul- und Krankenhauskomplexe &ndash; wurden als Sicherheit eingesetzt, St&auml;dte, Regionen und Staaten mussten haften.<\/p><p>Deutsche Bank, Daimler Chrysler Financial Services traten als hochbezahlte Berater auf, ebenso Kanzleien wie Allen &amp; Overy und &bdquo;Wirtschaftspr&uuml;fer&ldquo; wie Ernst &amp; Young. Sie berieten aber nicht, sondern waren Verk&auml;ufer und Lobbyisten und agierten in einer von ihnen selbst hergestellten Grauzone. Man kann auch von Betrug sprechen, denn es wurde vorgegeben, dass es gleichzeitig zwei Eigent&uuml;mer etwa der Essener Messehallen und der Deutschen Flugsicherung geben k&ouml;nne &ndash; die US-Bank einerseits und andererseits gleichzeitig die deutsche Stadt bzw. den deutschen Staat. <\/p><p>Bundes- und Landesregierungen und die Kommunalaufsichten deckten und f&ouml;rderten das &ndash; ohne Bescheid zu wissen &uuml;ber die Details der nicht ins Deutsche &uuml;bersetzten und zudem vor den gew&auml;hlten Volksvertretern geheim gehaltenen Vertr&auml;ge. Die komplizenhafte Leichtgl&auml;ubigkeit europ&auml;ischer Regierungen und Politiker war erschreckend, ja es herrschte eine unterw&uuml;rfige, freiwillige, routinem&auml;&szlig;ige Selbsterblindung. &bdquo;Das sind legale amerikanische Gesetze, das d&uuml;rfen wir machen&ldquo;, stammelte etwa der K&auml;mmerer einer deutschen Millionenstadt. Auf die Fiktion der Eigentums&uuml;bertragung hingewiesen, antwortete ein anderer: &bdquo;Die Amerikaner haben das erfunden, also gibt es das!&ldquo; <\/p><p><strong>Haben Sie sich mit der inzwischen fast allumfassenden Meinungsmanipulation befasst?<\/strong><\/p><p>So neu ist die gar nicht. Die hochprofessionelle Meinungsmanipulation entstand im 1. Weltkrieg und danach. Bei Finanzprodukten ist sie, wie beim Finanzprodukt Cross Border Leasing schon erw&auml;hnt, sowieso Bestandteil des Gesch&auml;fts, ebenso bei angeblich Arbeitspl&auml;tze und Wachstum schaffenden Investitionen. Das von demokratischer Kontrolle befreite Privateigentum und professionelle L&uuml;ge bilden eine Einheit. <\/p><p>Aber Sie zielen mit Ihrer Frage wahrscheinlich auf kleinere F&auml;lle aus der j&uuml;ngeren Zeit. Da habe ich 1986 beispielsweise die F&auml;lschung der ber&uuml;hmten Rede des Indianerh&auml;uptlings Seattle offengelegt. Sie war damals eine Art Bibel der Umweltbewegung: &bdquo;Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.&ldquo; Niemals hat der H&auml;uptling Seattle, dem die US-Regierung erst diesen Namen verpasst hat, &auml;hnliches gesagt. Die F&auml;lschung durchlief mehrere Stationen: von der Protokollierung dessen, was die US-Regierung beim erzwungenen Kauf des riesigen Landstrichs 1855 vom H&auml;uptling h&ouml;ren wollte, &uuml;ber den Drehbuchschreiber Ted Perry bis zur Produktion des TV-Films &bdquo;Home&ldquo; durch die Baptist Radio and Television Commission. Die untergeschobene Rede wurde aber weltweit erst wirksam, als der Film bei der Weltausstellung in Spokane im US-Pavillon pr&auml;sentiert worden war. In Deutschland waren f&uuml;nf Verlage, Landeszentralen f&uuml;r politische Bildung und der &ouml;ffentlich-rechtliche Schulfunk an der Verbreitung beteiligt. Bis 1986 brachte allein der Walter-Verlag 22 Auflagen mit 550.000 Exemplaren heraus.<\/p><p>Ein anderes Beispiel aus der Bundesrepublik Deutschland: 1998 erhielt der von &uuml;berlaut links nach lautstark rechts gewendete Schriftsteller Hans Enzensberger den Heinrich Heine-Preis der Stadt D&uuml;sseldorf. In seiner Dankesrede gei&szlig;elte er Bisch&ouml;fe, Medien und Sozialpolitiker, dass sie ohne Grundlage das &bdquo;Mantra der Umverteilung&ldquo; predigten. Die Arbeitnehmer seien nicht &auml;rmer, sondern unversch&auml;mter geworden, und der Staat helfe ihnen dabei. Zum Beweis zitierte der neue &bdquo;deutsche Nationaldichter&ldquo; &ndash; so hie&szlig; es in der Laudatio &ndash; ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Bremen. Das habe einem kranken Arbeitnehmer das Recht zugestanden, einer Nebent&auml;tigkeit nachzugehen. Allerdings: Enzensberger zitierte das Urteil nach einem zehn Monate zur&uuml;ckliegenden Artikel aus seiner Lieblingszeitung <em>Die Welt<\/em>, die es wiederum von der <em>Deutschen Presseagentur<\/em> &uuml;bernommen hatte. Schon nach Erscheinen der Meldung war das Gericht gegen die Verkehrung des Urteils und gegen die Falschmeldung vorgegangen &ndash; doch es n&uuml;tzte nichts: <em>Welt<\/em> und <em>dpa<\/em> korrigierten sich nicht. Enzensberger bewies seinen neoliberalen Rotz unger&uuml;hrt mit einer Falschmeldung, und <em>der Spiegel<\/em> druckte die Preisrede seines Lieblingsdichters dann auch noch f&uuml;r die Ewigkeit ab.<\/p><p><strong>Spielen auch Religionen eine Rolle, spielen sie in diesem elit&auml;ren Ensemble mit?<\/strong><\/p><p>Ja, allerdings ist es die verkirchlichte Religion, zum Beispiel das verkirchlichte Christentum, das als eine wichtige und wohl noch nicht wirklich erkannte St&uuml;tze des westlichen Kapitalismus agiert. Ich habe das anhand des K&ouml;lner Erzbistums, seiner politisch-ideologischen Rolle in K&ouml;ln, in Deutschland, in Europa dargestellt, etwa auch anhand der Stiftungen, die in Osteuropa aktiv sind, auch in der Ukraine. Regelm&auml;&szlig;ig segnet der K&ouml;lner Erzbischof im Dom NATO-Offiziere. <\/p><p>Und der bestbezahlte Maler der westlichen Welt, Gerhard Richter, feiert mit seinem &bdquo;kapitalistischen Realismus&ldquo; die Unerkennbarkeit der verwischten, zu verwischenden Wirklichkeit. Im K&ouml;lner Dom durfte er ein abstraktes Kirchenfenster gestalten &ndash; darin hatte nach urspr&uuml;nglichem Konzept der bisher tabuisierte Widerstand von Katholiken gegen den Nationalsozialismus thematisiert werden sollen. Das durfte Richter im wahrsten Sinne des Wortes wegwischen.  <\/p><p>Der westliche Kapitalismus instrumentalisiert aber bei Bedarf und Gelegenheit jede Religion. Der K&ouml;lner Bankier und Arch&auml;ologe Max von Oppenheim etwa war im Nahen Osten f&uuml;r die Deutsche Bank und f&uuml;r den Geheimdienst des Wilhelminischen Reiches t&auml;tig und hat im 1. Weltkrieg mithilfe von Fachwissenschaftlern, &Uuml;bersetzern und gekauften Journalisten Araber zum Dschihadismus gegen den Erzfeind England angestachelt. Sie sollten Attentate begehen und &Ouml;lfelder in Brand setzen. Deutsche Eliten und Dienste haben also schon vor langer Zeit mithilfe des Islamismus Terroristen herangez&uuml;chtet.<\/p><p><strong>Sie haben gesagt, dass in Ihrem Buch auch Ver&ouml;ffentlichungen aus abgelegenen Stellen enthalten sind.<\/strong><\/p><p>Ja, zum Beispiel: Mit Unterst&uuml;tzung der Gewerkschaft der Polizei GdP konnte ich im Jahr 2000 dem gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;igen transatlantischen Zigarettenschmuggel von &bdquo;Big Tobacco&ldquo; &ndash; Philipp Morris, BAT, Japan Tobacco, Imperial Tobacco &ndash; nachgehen. Wesentliche St&uuml;tzpunkte lagen und liegen in der Schweiz, in Belgien und in osteurop&auml;ischen Staaten. <\/p><p>Die im Buch enthaltene Reportage &bdquo;Die legalen Mitt&auml;ter&ldquo; wurde in der Zeitschrift <em>Deutsche Polizei<\/em> ver&ouml;ffentlicht und bekam &uuml;brigens den Journalistenpreis des Stifterverbandes f&uuml;r die deutsche Wissenschaft. Die EU ist diesbez&uuml;glich &uuml;brigens bis heute ziemlich machtlos, sie beziffert den Steuerausfall f&uuml;r die Mitgliedsstaaten auf 10 Milliarden Euro j&auml;hrlich. &Uuml;brigens: Big Tobacco produziert seit mehreren Jahren vor allem in der Ukraine.<\/p><p><strong>Und ist im Buch auch Unver&ouml;ffentlichtes zu finden?<\/strong><\/p><p>Ja, einiges, zum Beispiel: 1986 interviewte ich den pazifistischen &Ouml;konomen des hei&szlig;en Krieges, John Kenneth Galbraith. Er war damals der weltber&uuml;hmte Gegenpart des weltber&uuml;hmten neoliberalen Gurus Milton Friedman. Ich traf Galbraith beim Weltkongress der Internationalen Vereinigung der &Auml;rzte gegen den Atomkrieg, kurz IPPNW, in K&ouml;ln, nachdem er dort sein Referat &uuml;ber den milit&auml;risch-industriellen Komplex der USA und die Notwendigkeit der R&uuml;stungskontrolle gehalten hatte. <\/p><p>Dieser hatte unmittelbar nach dem Waffenstillstand im Mai 1945 eine Arbeitsgruppe der US-Regierung geleitet, die die von den britischen und US-amerikanischen Bombern verursachten Kriegssch&auml;den in Deutschland untersuchte. Zu der Arbeitsgruppe geh&ouml;rte &uuml;brigens auch J&uuml;rgen Kuczynski, der sp&auml;tere &bdquo;Chef&ouml;konom&ldquo; der DDR. Sie fanden heraus, dass die Bombardements &bdquo;eine eindeutige Klassenperspektive&ldquo; zeichneten: Arbeiterviertel wurden zerst&ouml;rt, b&uuml;rgerliche Viertel und Industrie geschont, nicht nur, aber auch die US-Dependancen wie jene von Ford in K&ouml;ln. <\/p><p>&Uuml;brigens: Der Kongressveranstalter IPPNW hatte 1985 den Friedensnobelpreis bekommen, Bundeskanzler Kohl und der CSU-Vorsitzende Strau&szlig; intervenierten jedoch beim Nobelkomitee in Oslo, um die Entscheidung zu revidieren. CDU-Generalsekret&auml;r Geisler gei&szlig;elte die Preisvergabe als &bdquo;eine Schande&ldquo;. Das Komitee teilte Kohl daraufhin nur kurz mit, er sei der erste Regierungschef nach Hitler, der gegen eine Preisvergabe protestiert habe. Kritik an der f&uuml;r Europa t&ouml;dlichen Atomwaffenpolitik der USA war f&uuml;r die Christdemokraten eine Tods&uuml;nde und ist es offensichtlich nach wie vor.<\/p><p><strong>Ihre Zusammenfassung? Wohin f&uuml;hrt &bdquo;diese Freiheit&ldquo;, die Sie darstellen?<\/strong><\/p><p>Lassen Sie mich aus dem WDR-Essay von 2007 &bdquo;Der Balken im Auge deines Bruders&ldquo; zitieren: &bdquo;So wurde und wird der Westen den Feinden, die er halluzinierte und bek&auml;mpfte, immer &auml;hnlicher, ja &uuml;bertrifft sie an zerst&ouml;rerischer Macht und Gerissenheit.&ldquo;<\/p><p><strong>Und das soll es dann gewesen sein?<\/strong><\/p><p>Nein. Im Vorwort des Buches hei&szlig;t es: &bdquo;Lasst uns r&uuml;hren an den Schlaf der &auml;u&szlig;erlich aufgeregten, ja mancherorts unterhaltsamen transatlantischen Welt, damit die Potentiale der assoziierten Freiheit, der durchgreifenden Demokratie und des inneren und &auml;u&szlig;eren Friedens sich entfalten.&ldquo; Und dazu m&uuml;ssen wir eben auch hinter die jahrzehntelang eingew&ouml;hnten transatlantischen Zerrbilder und Narrative zur&uuml;ck und die wirkliche Geschichte neu entdecken, noch einmal und der Vergessensproduktion entrei&szlig;en.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Werner R&uuml;gemer<\/strong> (Dr. phil.), interventionistischer Philosoph, ist t&auml;tig als Publizist, Berater und Lehrbeauftragter an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Er ist Mitglied im deutschen PEN-Club, im wissenschaftlichen Beirat von Attac und bei Business Crime Control. 2002 erhielt er den Journalistenpreis des Bundes der Steuerzahler NRW, 2008 den K&ouml;lner Karlspreis f&uuml;r kritische Publizistik. Soeben erschien von ihm &bdquo;<a href=\"http:\/\/shop.papyrossa.de\/Ruegemer-Werner-Bis-diese-Freiheit-die-Welt-erleuchtet\">Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet. Transatlantische Sittenbilder aus Politik und Wirtschaft<\/a>&ldquo; im Papyrossa-Verlag.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/ff7c07317ef14f3f8961cc912ced336d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><p><em><strong>Foto:<\/strong> Sven Teschke \/ Lizenz: <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/legalcode\">Creative Commons CC-by-sa-3.0 de<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160902-werner-ruegemer.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30286\">Neoliberalismus<\/a> immunisiert sich nicht nur gegen Kritik, er assimiliert sie und verkehrt sie in ihr Gegenteil. Der Begriff der Freiheit etwa ist l&auml;ngst schon unter die R&auml;der gekommen &ndash; und jene, die heute noch nach Freiheit rufen, fordern damit in aller Regel die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34846\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,35,209,127,11],"tags":[1726,557,441,1816,909,1927,604,841],"class_list":["post-34846","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-interviews","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-strategien-der-meinungsmache","tag-biedenkopf-kurt","tag-cross-border-leasing","tag-freiheit","tag-galbraith-john-kenneth","tag-kapitalismus","tag-luxleaks","tag-ruegemer-werner","tag-reagan-ronald"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34846","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34846"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34846\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98607,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34846\/revisions\/98607"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34846"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34846"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34846"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}