{"id":34912,"date":"2016-09-08T11:31:09","date_gmt":"2016-09-08T09:31:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34912"},"modified":"2019-07-09T11:48:20","modified_gmt":"2019-07-09T09:48:20","slug":"keine-sicheren-gebiete-weit-und-breit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34912","title":{"rendered":"Keine \u201esicheren Gebiete\u201c weit und breit"},"content":{"rendered":"<p>Bereits vor mehreren Monaten betonte die deutsche Bundesregierung, dass es in Afghanistan &bdquo;sichere Gebiete&ldquo; gebe, in denen die Menschen weitgehend friedlich leben k&ouml;nnen. Aus diesem Grund, so der Unterton, gehen auch Abschiebungen in derartige Gebiete v&ouml;llig d&rsquo;accord. Dabei haben allein in der afghanischen Hauptstadt die letzten Tage wieder einmal deutlich gemacht, warum es mehr als verst&auml;ndlich ist, aus einem solchen Land zu fliehen. Von <strong>Emran Feroz<\/strong> aus Kabul.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9682\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-34912-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160908_Keine_sicheren_Gebiete_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160908_Keine_sicheren_Gebiete_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160908_Keine_sicheren_Gebiete_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160908_Keine_sicheren_Gebiete_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=34912-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160908_Keine_sicheren_Gebiete_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160908_Keine_sicheren_Gebiete_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es ist kurz vor Mitternacht. Ich sitze vor meinem Notebook und nippe an meiner Teetasse. Pl&ouml;tzlich ein lauter Knall. Irgendwo, mitten in Kabul, ist wieder einmal eine Bombe hochgegangen. An jenem Montag war es schon die dritte innerhalb von zw&ouml;lf Stunden. Bereits am Nachmittag griffen die Taliban das afghanische Verteidigungsministerium an. Offiziellen Angaben zufolge wurden mindestens 35 Menschen get&ouml;tet, &uuml;ber 100 weitere wurden verletzt. <\/p><p>Nun also wieder. Angespannt will ich herausfinden, wo der neue Anschlag stattgefunden hat. Mein Twitter-Feed quellt &uuml;ber. &bdquo;Boom&ldquo;, twittern viele Afghanen nahezu zeitlich. Nach wenigen Minuten ist der Schauplatz des Geschehens bekannt: Shar-e Nao, das Einkaufs- und Hotelviertel Kabuls, in dem auch viele Ausl&auml;nder leben. Rund zwei Stunden vor dem Anschlag bin ich ebenfalls noch in diesem Stadtteil gewesen und hatte einen Verwandten besucht. Und nun konnte ich dennoch den Knall der Explosion wahrnehmen, obwohl ich mich mittlerweile am anderen Ende der Stadt befand. <\/p><p>Erst am darauffolgenden Morgen wurde das Ausma&szlig; des Angriffs bekannt. Ziel war das Geb&auml;ude der internationalen Hilfsorganisation Care. Im Laufe des elfst&uuml;ndigen Gefechts konnten 42 Gei&szlig;eln von den Sicherheitskr&auml;ften befreit werden. Alle drei Angreifer wurden get&ouml;tet. Wer f&uuml;r den Anschlag verantwortlich gewesen ist, ist weiterhin unklar. Amnesty International hat den Angriff bereits als Kriegsverbrechen bezeichnet.<\/p><p>Die j&uuml;ngsten Anschl&auml;ge haben vor allem eines deutlich gemacht: Kabul mag viele Attribute haben, &bdquo;sicher&ldquo; ist jedoch keines davon. Doch was f&uuml;r die Menschen in Kabul zum Alltag geworden ist, wird in westlichen Hauptst&auml;dten weiterhin kaum zur Kenntnis genommen. W&auml;hrend Gefl&uuml;chteten aus Syrien oder dem Irak in nahezu allen F&auml;llen problemlos Asyl gew&auml;hrt wird, ist dies bei vielen Afghanen nicht der Fall. Bevor ich etwa meine j&uuml;ngste Reise nach Afghanistan antrat, musste ich einem Freund dabei helfen, Best&auml;tigungen von potentiellen Arbeitgebern zu sammeln. Seit fast f&uuml;nf Jahren lebt er in &Ouml;sterreich, nun droht ihm die Abschiebung. Allem Anschein nach reicht es der &ouml;sterreichischen B&uuml;rokratie nicht, dass in seiner Heimat seit &uuml;ber 35 Jahren Krieg herrscht. <\/p><p>&Auml;hnlich, wom&ouml;glich sogar schlimmer, verh&auml;lt sich auch die Bundesregierung. Im Schatten der j&uuml;ngsten Anschl&auml;ge lassen sich n&auml;mlich in Kabul sowie in anderen gro&szlig;en St&auml;dten weiterhin Plakate der deutschen Abschreckungskampagne finden. &bdquo;Viele Afghanen in Deutschland, die unqualifiziert sind oder nicht Deutsch sprechen, sind arbeitslos&ldquo; ist da etwa im propagandistischen Neusprech zu lesen. Das &ouml;sterreichische Au&szlig;enministerium war von der Kampagne derart begeistert, dass sie sie prompt imitiert hat.<\/p><p>F&uuml;nfzehn Jahre seit dem Einsatz der westlichen Truppen in Afghanistan k&ouml;nnte die Lage im Land nicht schlimmer sein. Vom versprochenen Frieden, der Demokratie und den Menschenrechten fehlt jegliche Spur. Die Unterst&uuml;tzungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) z&auml;hlt seit Beginn ihrer Z&auml;hlung im Jahr 2009 j&auml;hrlich einen neuen H&ouml;chststand an zivilen Opfern. Zum gleichen Zeitpunkt fl&uuml;chten zahlreiche Afghanen aus ihrer Heimat. Bevor der Krieg in Syrien ausbrach, stellten Menschen aus Afghanistan die gr&ouml;&szlig;te Gruppe von Gefl&uuml;chteten weltweit dar. Mittlerweile befinden sie sich nach den Syrern auf dem zweiten Platz. Rund ein Zehntel der afghanischen Bev&ouml;lkerung befindet sich weiterhin auf der Flucht. Ein neuer UNICEF-Bericht hat vor Kurzem deutlich gemacht, dass knapp die H&auml;lfte aller minderj&auml;hrigen Gefl&uuml;chteten sowohl aus Syrien als auch aus Afghanistan stammen. <\/p><p>Krieg herrscht n&auml;mlich nicht nur in Kabul, sondern vor allem in den anderen Provinzen des Landes. In vielen Provinzen, etwa in Kunduz, in Uruzgan, in Baghlan oder etwa in Helmand, spielt sich in diesen Tagen nahezu dasselbe Szenario ab wie im vergangenen Jahr: Die Taliban erobern ein Distrikt nach dem anderen. Der H&ouml;hepunkt im September 2015 war die kurzzeitige Eroberung der Provinzhauptstadt von Kunduz. Nun setzt die NATO alles daran, einen solchen Erfolg in diesem Jahr zu verhindern. Alles andere w&uuml;rde der Welt&ouml;ffentlichkeit n&auml;mlich ein weiteres Mal das absolute Scheitern des westlichen Milit&auml;reinsatzes vor Augen f&uuml;hren. <\/p><p>Und nat&uuml;rlich w&auml;re es im Kontext all dieser Tatsachen t&ouml;richt zu behaupten, der Westen trage f&uuml;r die Eskalation in Afghanistan keine Schuld. Denn wer sich mit brutalen Kriegsherrn verb&uuml;ndet, ganze Landstriche bombardiert, mit Drohnen Menschen jagt, brutalste Foltermethoden anwendet und Kriegsverbrecher, wie etwa den ehemaligen Bundeswehr-Oberst und mittlerweile zum Brigadegeneral bef&ouml;rderten Georg Klein, nicht bestraft sondern belohnt, hat sehr wohl Schuld zu tragen &ndash; und muss irgendwann auch daf&uuml;r b&uuml;&szlig;en. <\/p><p>Zu all diesen Dingen l&auml;sst sich allerdings nur wenig bis gar nichts in den deutschen Medien finden. Man zieht es vor, &uuml;ber die andauernde Zerst&ouml;rung Afghanistans nur wenig zu berichten. Viele Medien beschreiben eben nicht die Realit&auml;t, sie kreieren sie. Dies kann auch durch Schweigen oder dem schlichten Ignorieren von bestimmten Ereignissen geschehen. Und genau dadurch, durch diese permanente Nichtberichterstattung, wird die M&auml;r vom sicheren Afghanistan, das man erfolgreich befriedet hat, aufrecht erhalten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits vor mehreren Monaten betonte die deutsche Bundesregierung, dass es in Afghanistan &bdquo;sichere Gebiete&ldquo; gebe, in denen die Menschen weitgehend friedlich leben k&ouml;nnen. Aus diesem Grund, so der Unterton, gehen auch Abschiebungen in derartige Gebiete v&ouml;llig d&rsquo;accord. 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