{"id":34925,"date":"2016-09-09T09:50:36","date_gmt":"2016-09-09T07:50:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34925"},"modified":"2016-09-09T10:55:44","modified_gmt":"2016-09-09T08:55:44","slug":"die-normalitaet-gebiert-ungeheuer-rezension-zu-goetz-eisenberg-zwischen-arbeitswut-und-ueberfremdungsangst-zur-sozialpsychologie-des-entfesselten-kapitalismus-band-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34925","title":{"rendered":"Die Normalit\u00e4t gebiert Ungeheuer \u2013 Rezension zu G\u00f6tz Eisenberg: Zwischen Arbeitswut und \u00dcberfremdungsangst. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Band 2"},"content":{"rendered":"<p>Der zweite Band von G&ouml;tz Eisenbergs &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo; bietet Einblicke in die allt&auml;gliche Destruktivit&auml;t der kapitalistischen Gesellschaft &ndash; und versucht Abwehrkr&auml;fte dagegen zu mobilisieren. Von <strong>Jordi Maiso<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34925#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDie Destruktivit&auml;t unserer Lebensverh&auml;ltnisse ist nicht zu &uuml;bersehen: Amok, Terrorismus, unaufhaltsame Gewaltausbr&uuml;che, Depression und unerbittliche Konkurrenz, sich breitmachende Angst, K&auml;lte und auf Einschaltquoten zielende Sentimentalit&auml;t, massives Fl&uuml;chtlingselend und wachsende Xenophobie, neue Armut, Chauvinismus und unhinterfragbare Zumutungen, die das sture &sbquo;Weiter-so&rsquo; aufrechterhalten sollen. Die stumme Gewalt der Verh&auml;ltnisse wird in der Krise des Weltkapitalismus immer verheerender, und erzeugt besch&auml;digtes Leben &uuml;berall. Die Risse und Schr&uuml;nde der Welt werden immer sichtbarer, und dennoch herrscht weiter business as usual. Eine kritische Theorie, die ihren Name verdient, muss sich an den Abgr&uuml;nden und R&auml;tseln messen, die ihre gesellschaftsgeschichtliche Situation aufwirft. Es ist der gro&szlig;e Verdienst G&ouml;tz Eisenbergs, dass er sich nicht davor scheut, sondern es zu seiner Aufgabe macht. Seine &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo; richtet sich mit chirurgischer Pr&auml;zision auf die wunden Stellen einer Gesellschaft, deren zerst&ouml;rerisches Potenzial immer offensichtlicher wird. Doch Eisenberg erkennt nicht nur die N&ouml;te der Gegenwart und ihre Reichweite. Es gelingt ihm auch aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Destruktivit&auml;t im vermeintlich harmlosen Alltag nistet und im Schatten scheinbar angepassten Verhaltens heranreifen kann.<\/p><p><em>Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst<\/em> ist der zweite Band von Eisenbergs &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo;. Wie der vorhergehende <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25005\"><em>Zwischen Amok und Alzheimer<\/em><\/a> (2015), besteht das Buch aus einer Collage zerstreuter Essays und Alltagsbeobachtungen, die auf verschiedene Ereignisse eingehen, manchmal auch B&uuml;cher oder Nachrichten als Ansto&szlig; zur Reflexion nehmen: vom Attentat von Sarajevo 1914 zum Umgang der EU mit Griechenland im Kontext der Eurokrise. Dennoch l&auml;sst der Band ein einheitliches, wenn auch fragmentiertes Bild mit klaren Konturen erkennen. Denn alle Fragmente und Essays sind, wie der Autor bemerkt, &bdquo;gleich weit vom Mittelpunkt entfernt&ldquo; (S. 20).  In der Tat regt die Lekt&uuml;re dazu an, das gesellschaftliche Schwerefeld zwischen scheinbar disparaten Erscheinungen zu erkennen: vom Flugzeug-Amok am 10. M&auml;rz 2015 in den franz&ouml;sischen Alpen bis zu den Faschisierungsprozessen, die in Ph&auml;nomenen wie Pegida und der AfD sichtbar werden; von der tiefgreifenden Ver&auml;nderung der zwischenmenschlichen Verh&auml;ltnisse, die im Umgang mit digitalen Ger&auml;ten sichtbar werden, bis zur tautologischen Selbstbewegung des Kapitals, die immer weniger menschliche Arbeitskraft braucht; von den Abgr&uuml;nden und Sehns&uuml;chten, die sich in den Lebensgeschichten verschiedener &sbquo;Straft&auml;ter&rsquo; offenbaren&sbquo; bis zum Leben der sogenannten &sbquo;Normalen&rsquo;. Das resultierende Gesamtbild ergibt eine Physiognomik der gegenw&auml;rtigen Gesellschaft, die zur Reflexion auffordert &ndash; Vor allem &uuml;ber die Vermittlung zwischen der gesellschaftlichen Logik und den Individuen, die sie im Gang halten, doch auch &uuml;ber den Riss zwischen innerem und &auml;u&szlig;erem Leben und &uuml;ber die Schicksale dessen, was man im 20. Jahrhundert &sbquo;besch&auml;digtes Leben&rsquo; nannte. Was der Blick Eisenbergs sichtbar macht, ist ein Lebensklima, eine gesellschaftliche Atmosph&auml;re, in der das Leben zu ersticken droht. Der Gravitationspunkt des ganzen Buches ist die Weigerung, sich damit abzufinden. Die Alltagsminiaturen, die unter der Rubrik &sbquo;Ethnologie des Inlands&rsquo; versammelt sind, bieten einen Kontrapunkt zu den Essays, der die einf&uuml;hlsame Durchdringung gesellschaftlicher Ph&auml;nomene mit einer aufmerksamen Sensibilit&auml;t f&uuml;r die beklemmende Spur der Verh&auml;ltnisse in der allt&auml;glichen Erfahrung verbindet. <\/p><p>Daraus wird klar, dass es dem Autor nicht blo&szlig; darum geht, bestimmte gesellschaftliche Ph&auml;nomene zu beschreiben &ndash; sei es Fremdenhass, neuartige Gewaltausbr&uuml;che, die ostentative R&uuml;ckkehr der M&auml;nnlichkeit oder auch die &sbquo;digitale Verlassenheit&rsquo; vieler Kinder, die heute unter Smartphones und Tablets heranwachsen. Vielmehr versucht er zu reflektieren, welche gesamtgesellschaftlichen Kr&auml;fte und Tendenzen an solchen Erscheinungen sichtbar werden. So wird auch der falsche Schein von Absonderung mancher &sbquo;extremen&rsquo; Ph&auml;nomene aufgel&ouml;st und ihre Verbindung zur gesellschaftlichen &sbquo;Normalit&auml;t&rsquo; hergestellt. Eisenbergs Blick vermag aufzuzeigen, nicht nur wie das Grauen normalisiert wird, sondern auch in welchen Aspekten die Normalit&auml;t unserer Lebensverh&auml;ltnisse bereits grauenhafte Z&uuml;ge aufweist. Denn Atomisierung, Verh&auml;rtung, Entwurzelung und Erosion aller Bindungen sind notwendige Nebenprodukte einer gesellschaftlichen Logik, die auf r&uuml;cksichtsloser Konkurrenz basiert und immer &sbquo;flexiblere Menschen&rsquo; beansprucht. Der Autor ist vor allem darum bem&uuml;ht, einen m&ouml;glichst umfassenden Einblick ins Besch&auml;digungspotenzial des Lebens im &sbquo;entfesselten Kapitalismus&rsquo; anzubieten &ndash; denn es geht ihm darum, den &bdquo;diffuse[n] Rohstoff der Rebellion und des Unbehagens &hellip; dem Sog der Regression [zu entrei&szlig;en] und in eine aufkl&auml;rerisch-emanzipatorische Richtung&ldquo; zu lenken (S. 284).<\/p><p>Besonders pr&auml;gnant scheinen in diesem Zusammenhang Eisenbergs Analysen des Flugzeug-Amoks in den franz&ouml;sischen Alpen 2015: in ihnen wird der gesellschaftliche Zusammenhang zwischen Depression, erweitertem Suizid und medialem Spektakel sichtbar. In einer unerbittlichen Leistungsgesellschaft, in der nur Erfolg z&auml;hlt, f&auml;ngt der Kampf um Aufstieg und Karriere immer fr&uuml;her an &ndash; und l&auml;sst dann nicht mehr nach. Die Einzelnen f&uuml;hlen sich dauerhaft &uuml;berfordert. Sie wissen sich allein und machtlos den gesellschaftlichen Zumutungen gegen&uuml;ber &ndash; doch es geht um Erfolg oder Untergang, und so spielen sie das vorgegebene Spiel weiter, solange sie noch mithalten k&ouml;nnen. Im Schatten einer solchen Logik m&ouml;gen zielloser Hass und Rachegel&uuml;ste heranreifen, die in spektakul&auml;ren Gewaltausbr&uuml;chen m&uuml;nden k&ouml;nnen. Die sensationsgierige Logik der Medien bietet eine perverse Kompensation f&uuml;r diejenigen, die ihre Kr&auml;nkungen nicht mehr aushalten und alles in ihren Untergang mitrei&szlig;en wollen: &bdquo;Wer es nicht schafft, auf gesellschaftlich &uuml;blichem Weg Anerkennung zu finden, kann als Negativheld in die Annalen der Geschichte eingehen. (&hellip;) Anerkennungsverluste und -defizite machen Menschen anf&auml;llig f&uuml;r das, was Florian R&ouml;tzer &sbquo;Aufmerksamkeitsterror&rsquo; genannt hat: Du musst etwas gro&szlig;es B&ouml;ses tun, um aus dem Nichts des Bedeutungslosigkeit herauszutreten und ein Gef&uuml;hl des Existierens zu erzeugen&ldquo; (S. 120 f.) &ndash; selbst wenn es das Leben kostet. <\/p><p>In solchen perversen Verstrickungen erweist sich die erschlie&szlig;ende Kraft von Eisenbergs Analysen. Es gelingt ihm, darzulegen, wie die blinde Logik der Gewalt durch die Narben und Panzerungen im psychischen Haushalt der Einzelnen sich stetig reproduziert &ndash; doch er untersucht auch, wie der Bedarf nach &sbquo;Ventilsitten&rsquo; sich seine Wege sucht. In diesem Zusammenhang vermag er auch &uuml;berzeugend aufzuzeigen, woran die &Uuml;berschneidungen zwischen Amok und dem, was heute als &sbquo;Terrorismus&rsquo; kursiert, bestehen. Denn was der massenmedial geschulte <em>common sense<\/em> als &sbquo;islamistischen Terror&rsquo; wahrnimmt, erweist sich bei ihm eher als ein &bdquo;Modell des Fehlverhaltens&ldquo;. Da erscheint der &bdquo;an sich richtungs- und subjektlose Hass&ldquo;, der von Perspektivlosigkeit und Verzweiflung zehrt, in pseudoreligi&ouml;sem Gewand &ndash; und das mag vielen zerrissenen jungen Menschen einen Sinn und ein Ziel anbieten. Doch Eisenbergs Analysen widerlegen die vermeintliche &sbquo;Kausalit&auml;t&rsquo;, die die terroristischen Angriffe &sbquo;erkl&auml;ren&rsquo; soll &ndash;nach dem Motto &sbquo;sie t&ouml;ten, weil sie Islamisten sind&rsquo; &ndash;, und jede beruhigende Wirkung wird ihnen entzogen. Ihm geht es darum, zwischen den Triebkr&auml;ften der vergesellschafteten Gewalt und ihrer kulturellen Kodierung zu unterscheiden. Denn was Amokl&auml;ufer und Terroristen vereint, ist die brutale Rache an einer Gesellschaft, in der Angst und Gewalt herrschen. Beide Varianten bieten den T&auml;tern die M&ouml;glichkeit, &bdquo;f&uuml;r kurze Zeit &hellip; auf der anderen Seite der Angst [zu stehen]: endlich einmal hat nicht er Angst, sondern die anderen f&uuml;rchten sich vor ihm; er sp&uuml;rt seine Macht und verwandelt die Geschichte seiner Zur&uuml;ckweisungen und Niederlagen in einen letzten Triumph absoluter Macht &uuml;ber Leben und Tod&ldquo; (S. 29). <\/p><p>Entsprechend werden bei Eisenberg brutale Gewaltausbr&uuml;che nicht als unab&auml;nderliches Faktum hingenommen, sondern als Resultat eines Prozesses analysiert, der die Gesellschaft als Ganzes betrifft. Es w&auml;re verheerend, darauf mit dem Aufruf zu einem neuen Kreuzzug zur Verteidigung der &sbquo;westlichen Werte&rsquo; zu antworten. Denn hier geht es nicht um einen vermeintlichen Kampf der Kulturen, sondern um den gesellschaftlichen Umgang mit Macht und Ohnmacht, mit Gewalt und Angst. Das ist &bdquo;eine Frage des Bewusstseins und vor allem des Unbewusst-Seins, des Umgangs mit dem Unbewussten&ldquo; (S. 198) &ndash; denn da nisten die gro&szlig;en W&uuml;nsche und &Auml;ngste, die unsere Vergesellschaftung produziert. Daher unternimmt Eisenberg den Versuch, den wachsenden Fremdenhass und die sich breitmachende &sbquo;&Uuml;berfremdung&rsquo; des gesellschaftlichen Klimas durch die gesellschaftliche Abstraktion des Kapitalismus zusammenzudenken &ndash; und in der Tat kann man seinen Analysen der Pegida-Bewegung im Kontext der neueren deutschen Geschichte viel abgewinnen (S. 163 ff.). <\/p><p>Doch Eisenbergs kritischer Blick richtet sich auch auf das scheinbar Harmlose unserer Lebensverh&auml;ltnisse &ndash; und wird dabei wirklich erhellend. Besonders wichtig scheint in dieser Hinsicht seine These, dass unter kapitalistischen Verh&auml;ltnissen auch eine Art &ouml;kologische Krise in Bezug auf die innere Natur des Menschen existiert. Psychische St&ouml;rungen, psychosomatische Erkrankungen, Depressionen, Stress, Burnout, ADHS halten unserer Gesellschaft einen Spiegel vor, in dem man weit verbreitete soziale Leidenserfahrungen erkennen k&ouml;nnte. Doch der Umgang mit solchen Symptomen besteht in medizinisch-psychiatrischen Normalisierungstechniken, die jede kritische Infragestellung versperren. Man begn&uuml;gt sich mit Diagnosen und Medikamentenverschreibungen, die ein Bed&uuml;rfnis nach Sinn, Kausalit&auml;t und Ordnung befriedigen &ndash; doch die Ursachen dieser stummen Leiden bestehen fort. <\/p><p>In diesem Zusammenhang macht Eisenberg darauf aufmerksam, dass es die psychologischen Charakterz&uuml;ge der Psychopathie sind, die den Anforderungen des gegenw&auml;rtigen Kapitalismus am besten entsprechen. K&auml;lte, Skrupellosigkeit und Bindungslosigkeit werden nicht l&auml;nger als St&ouml;rungen wahrgenommen, vielmehr sind sie unersetzliche Merkmale des gesellschaftlichen Erfolgs geworden &ndash; denn nur sie m&ouml;gen die flexibelsten Reaktionen auf die Marktanforderungen garantieren. Denn was gut oder b&ouml;se ist, wird nur noch an &ouml;konomischen Ma&szlig;st&auml;ben gemessen &ndash; und jede Bindung, jede R&uuml;cksicht, die dem im Wege steht, wird nur noch als Hemmnis wahrgenommen.<\/p><p>Hier zeigt das Buch die Konturen einer Welt, die dabei ist, Gestalt anzunehmen und einen erschaudern l&auml;sst: W&auml;hrend sich die schonungslose Konkurrenz- und Leistungslogik auf alle Sph&auml;ren des Lebens ausbreitet, sollen Computer mit  &sbquo;emotionaler Intelligenz&rsquo; ausgestattet werden; <em>Dating-Apps<\/em> wie Tinder &amp; co. entlasten die Menschen davon, sich auf nennenswerte Beziehungen mit Anderen einlassen zu m&uuml;ssen &ndash; es fehlt sowieso die Zeit und die Geduld dazu, und man hat sich ohnehin nicht mehr viel zu sagen. &bdquo;Bei Amazon einkaufen, bei Tinder einen Partner suchen. So l&auml;uft das heute. Warum soll eine Gesellschaft, die alles und jedes in eine Ware verwandelt, vor der Intimsph&auml;re halt machen. Die Mentalit&auml;t des Tausches und der Austauschbarkeit findet die ihr gem&auml;&szlig;e Technik&ldquo; (S. 221). Indessen werden immer mehr Funktionen, die bisher an menschliche Zuneigung und Hingabe gebunden waren, an Ger&auml;te delegiert: in der Zukunft sollen sich Roboter um pflegebed&uuml;rftige Menschen k&uuml;mmern und auf ihre Neigungen und N&ouml;te reagieren, w&auml;hrend Spielzeuge bereits Kinder aussp&auml;hen, ihre Fragen und Antworten registrieren, um den Eltern und den <em>big data<\/em> Firmen eine Ahnung davon zu geben, was sie bewegt. Eisenbergs Essays lassen die trostlose Tendenz einer gesellschaftlichen Evolution erkennen, deren dystopische Z&uuml;ge nicht zu &uuml;bersehen sind.<\/p><p>Dabei ist es fraglos ein Verdienst des Buches, dass es die anthropologische Revolution dieser &sbquo;Ger&auml;tesozialisation&rsquo; in ihrer ganzen Reichweite aufzeigt. Die Folgen der ununterbrochenen Vernetzung auf die Ichbildung und die psychische Zusammensetzung der Menschen werden besonders eindringlich ins Visier genommen. Das, was der Autor &bdquo;freiwillige, digitale Knechtschaft&ldquo; nennt, bringt in der Tat gravierende Herausforderungen f&uuml;r emanzipatorisches Denken mit sich. Eisenbergs Beobachtungskunst vermag die Vergesellschaftung einer neuen Generation, die bereits in einer digitalisierten Erfahrungswelt heranw&auml;chst, in ihrer ganzen Tragweite sichtbar zu machen. Die &sbquo;digitale Verlassenheit&rsquo; vieler Kinder besteht darin, dass es ihnen immer schwerer f&auml;llt, mit den Smartphones und Tablets um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu konkurrieren. In den &bdquo;schrillen Schreien&ldquo; dieser Kinder erkennt der Autor die trostlose Spur einer fortschreitenden Atomisierung, ein trostloses Nebeneinander von Einsamkeiten, die Wut und verallgemeinerte Beziehungslosigkeit zur Folge haben. <\/p><p>Der vorliegende Band ist fraglos ein entscheidender Beitrag, um die Abgr&uuml;nde der heutigen Gesellschaft zu verstehen. Eisenberg erkennt die von tiefgreifenden Krisen durchdrungene Gegenwart als eine &bdquo;Zeit der Monster&ldquo; (Gramsci), &uuml;ber deren d&uuml;steren Aussichten er weder sich noch die LeserInnen t&auml;uschen m&ouml;chte. Doch seine Analysen sind nicht nur darum bem&uuml;ht, die drohende Barbarei durch erfahrungsges&auml;ttigte Reflexion zu erkennen, sondern vor allem darum, Abwehrkr&auml;fte dagegen zu mobilisieren. Denn Eisenberg wei&szlig;: solange das Leben noch nicht v&ouml;llig verk&uuml;mmert ist, muss kritisches Denken an die Reste von Spontaneit&auml;t im Menschen ankn&uuml;pfen, Zugang zu ihren h&auml;ufig entstellten Sehns&uuml;chten und Hoffnungen finden &ndash; &bdquo;und zwar bevor die W&uuml;nsche und Sehns&uuml;chte durch kompensatorischen Konsum vollends ins Bestehende zur&uuml;ckbetrogen werden&ldquo; (S. 15). &bdquo;Die Hoffnung der <em>Kritischen Theorie<\/em> basiert letztlich auf der Annahme, dass Herrschaft &uuml;ber &auml;u&szlig;ere und innere Natur auf Grenzen st&ouml;&szlig;t, dass es in der Natur und im menschlichen Subjekt Schichten und Bereiche gibt, in die die Gewalt von Abstraktionsprozessen nicht vordringen darf&ldquo; (S. 283). Inwieweit man sich noch auf solche Hoffnung verlassen kann, steht im heutigen Kapitalismus dahin. Denn selbst die innere Natur der Menschen ist nicht von der Ausdehnung der Waren- und Konkurrenzlogik gefeit. Doch von einer alten Gewissheit kritischen Denkens wollte der Autor nicht ablassen: &bdquo;Dass wir kalte gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse mit dem analytischen Blick kalter Kenntnisse anblicken und analysieren m&uuml;ssen und dennoch nicht aufh&ouml;ren d&uuml;rfen, an ihre Ver&auml;nderbarkeit zu glauben und an ihr zu arbeiten. Als kritische Theoretiker sind wir zum Pessimismus verpflichtet und m&uuml;ssen Dinge und Entwicklungen bei ihren Namen nennen, als Menschen k&ouml;nnen wir nicht aufh&ouml;ren, optimistisch zu sein und zu hoffen, dass &sbquo;pl&ouml;tzlich durch ein B&uuml;ndnis aller Spuren mit allen Spuren, durch eine pl&ouml;tzliche Ankunft mehrerer Flaschenposten in einem gl&uuml;cklichen Hafen doch noch eine gesellschaftliche Ver&auml;nderung stattfindet&rsquo;&ldquo; (S. 282). Die Kraft dieses Buches besteht auch darin, dass es sich daran konsequent gehalten hat. <\/p><p>G&ouml;tz Eisenberg: <em>Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus. Band 2<\/em>, Giessen, Edition Georg-B&uuml;chner-Club, Verlag Wolfgang Polkowski, 2016, 317 Seiten.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Jordi Maiso<\/strong>, Dr. phil., promoviert mit einer Arbeit zur Kritischen Theorie Theodor W. Adornos. Er arbeitet als Dozent in der Universidad Complutense de Madrid (Spanien). Seit 2009 Mitherausgeber der iberoamerikanischen Zeitschrift f&uuml;r Kritische Theorie &bdquo;<a href=\"http:\/\/constelaciones-rtc.net\/\">Constelaciones<\/a>&ldquo;. Autor zahlreicher Artikel und Beitr&auml;ge zur Geschichte und Aktualit&auml;t der Kritischen Theorie.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zweite Band von G&ouml;tz Eisenbergs &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo; bietet Einblicke in die allt&auml;gliche Destruktivit&auml;t der kapitalistischen Gesellschaft &ndash; und versucht Abwehrkr&auml;fte dagegen zu mobilisieren. 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