{"id":3494,"date":"2008-10-07T08:52:51","date_gmt":"2008-10-07T06:52:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3494"},"modified":"2015-11-09T14:57:03","modified_gmt":"2015-11-09T13:57:03","slug":"freie-waehler-befreite-waehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3494","title":{"rendered":"Freie W\u00e4hler &#8211; Befreite W\u00e4hler?"},"content":{"rendered":"<p>Vor einer Woche, so behaupten es derzeit die Massenmedien, sei in Bayern eine neue &Auml;ra angebrochen. Das Ende der Alleinherrschaft der CSU sei besiegelt, daf&uuml;r dr&auml;ngen neue Parteien in den Landtag. Unter diesen Neuen, unter den Siegern der Landtagswahl, findet sich eine Partei, die gar keine Partei sein will, die sogar bei Kommunalwahlen mit diesem Nichtwollen wirbt.<\/p><p>Wen hat sich der bayerische W&auml;hler da selbst vor die Nase gesetzt?<\/p><p>Originell sind die inhaltlichen Ans&auml;tze der Freien W&auml;hler nicht. Was sich in der Stichwortsammlung der &bdquo;FW&ldquo; findet, ist keine Sensation, sondern vielmehr ein Sammelsurium verschiedenster Schlagworte und Parolen, die sich aus den Programmen anderer Parteien rekrutiert zu haben scheinen. Ja, man hat den Eindruck, dass sich hier das neoliberale, wirtschaftstreue Spie&szlig;b&uuml;rgertum vereint hat, um den spiegelbildgleichen Zeitgenossen, die innerhalb der CSU oder FDP Parteilichkeit aus&uuml;ben, eine Konkurrenz aus dem &ldquo;eigenen Ideologiegeb&auml;ude&rdquo; zu sein. Mit den Freien W&auml;hlern hat sich der bayerische W&auml;hler sicherlich nicht befreit&hellip;<br>\nVon Roberto De Lapuente<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Gew&auml;hlte Befreier<\/strong><\/p><p>Vor einer Woche, so behaupten es derzeit die Massenmedien, sei in Bayern eine neue &Auml;ra angebrochen. Das Ende der Alleinherrschaft sei besiegelt, daf&uuml;r dr&auml;ngen neue Parteien in den Landtag. Unter diesen Neuen, unter den Siegern der Landtagswahl, findet sich eine Partei, die gar keine Partei sein will, die sogar bei Kommunalwahlen mit diesem Nichtwollen wirbt. Von Plakaten herunter wird berichtet, dass man nicht zu denen geh&ouml;rt, die Parteib&uuml;cher verteilen, wenn man bei ihnen mitspielen will. Diese &ldquo;Nicht-Partei&rdquo;, die sich bezeichnenderweise die &ldquo;Freien W&auml;hler&rdquo; nennt &ndash; der W&auml;hler soll folglich frei sein von parteilicher Vorkonditionierung -, hatte also am Abend des Wahltages einen parlamentarischen Triumphzug erstritten, &uuml;bersprang erstmalig die F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rde und taten damit ihren Anteil daran, die CSU abzuwatschen. Schnell waren sich die Medien dar&uuml;ber einig, dass das Prinzip der Freien W&auml;hler, die keine Partei darstellen wollen, daf&uuml;r aber B&uuml;rgern&auml;he und Pragmatismus auf ihre Fahnen geschrieben haben, ein Erfolgsmodell auch f&uuml;r andere Bundesl&auml;nder sein k&ouml;nnte. Getreu der Einsicht: Wenn die Volksparteien schon sterben, dann sollen eben B&uuml;rger ohne Parteibuch die Geschicke in die Hand nehmen!<\/p><p>Wen hat sich der bayerische W&auml;hler da selbst vor die Nase gesetzt? &ndash; Zun&auml;chst ist der vielbem&uuml;hte Ausspruch, wonach man keine Partei sei, &auml;u&szlig;erst zweifelhaft, h&ouml;chstens juristisch relevant. Denn ein anarchistischer Haufen von Politikern sind die Freien W&auml;hler ja nicht gerade. Man muss ihnen sogar beitreten, um mitmischen zu d&uuml;rfen &ndash; und selbst eine Jugendorganisation k&ouml;nnen sie ihr Eigen nennen. Bisher war es der Protest gegen &ldquo;die da oben&rdquo;, gegen die nur anzukommen sei, indem man pragmatische B&uuml;rger an die Fleischt&ouml;pfe der Macht, in die Verantwortung bringt, damit das Parteipolitikertum abl&ouml;st. Keine vertrockneten Strukturen mehr, keine verkn&ouml;cherten Parteitraditionen, sondern freie Politiker f&uuml;r parteiverdrossene freie W&auml;hler! Im Gegensatz zu der LINKEN, die man immer wieder als Partei frustrierter W&auml;hler kategorisiert, sind die Freien W&auml;hler wirklich eine Protestpartei. Protest gegen das Parteiwesen &ndash; auch wenn es den Tatsachen kaum, bestenfalls oberfl&auml;chlich entspricht! Nun aber wird man eine Legislaturperiode lang selbst Teil von &ldquo;denen da oben&rdquo; sein d&uuml;rfen und schrittweise sich an das Verkn&ouml;cherte und Morsche heranschleichen. Parteistatus hin oder her: die Freien W&auml;hler werden als Partei wahrgenommen werden, zumal der Parlamentarismus letztendlich aus jedem zwanglosen Verband eine Einheit formt, die dann als Partei auftritt &ndash; man denke nur an die Gr&uuml;nen.<\/p><p>Originell sind die inhaltlichen Ans&auml;tze der Freien W&auml;hler sowieso nicht &ndash; was nicht &uuml;berraschen soll, denn wer vom deutschen B&uuml;rgertum mit offenen Armen empfangen wird &ndash; wie am Wahlabend von Pofalla, der die Wahlniederlage der CSU als gar nicht so schlimm einstufte; hat doch das b&uuml;rgerliche Lager insgesamt sogar noch zulegt -, der kann nicht v&ouml;llig differente Anschauungen vertreten. Wenn man sich in den Inhalten einig ist, dann spielt auch der populistische K&ouml;der vom &ldquo;Wir-sind-gar-keine-Partei&rdquo; keine Rolle mehr, obwohl diese Masche den b&uuml;rgerlichen Parteien, die auch wirklich Partei sein wollen, eigentlich viel feindseliger gegen&uuml;bersteht, als die Opposition beispielsweise der LINKEN. Denn die LINKE, bei aller Gegens&auml;tzlichkeit zur Einheitsfront der etablierten Parteien, leugnet nicht das Parteienwesen, sondern sieht sich selbst als Teil desselbigen &ndash; man bewegt sich also im gleichen Kosmos. Die Freien W&auml;hler geben aber vor, dass dieser Kosmos ein Irrtum sei, doch solange die Marschrichtung &ldquo;angebotsorientierte Wirtschaftspolitik&rdquo;, &ldquo;Sozial- und Demokratieabbau&rdquo; und des &Uuml;blichen mehr erhalten bleibt, kann man sogar vom Abgesang des Parteienwesens predigen, ohne in die Schusslinie der Verkn&ouml;cherten zu geraten.<\/p><p>Die Inhalte indes m&uuml;ssen nicht einmal in ein Wahlprogramm gegossen sein. Nicht gegossen zu haben: darauf sind die Freien W&auml;hler ebenfalls stolz. Sie brauchen kein Wahlprogramm, merzen diesen Mangel &ndash; den sie als solchen nicht versp&uuml;ren &ndash; durch pragmatisches und b&uuml;rgernahes Handeln aus. Dennoch hat man sich nat&uuml;rlich hinrei&szlig;en lassen, die Schwerpunkt-Themen der eigenen Weltauffassung darzulegen. Denn dass jeder Abgeordnete nach seiner Fa&ccedil;on handeln und umsetzen darf, so weit ist man auch in der unparteilichsten aller Parteien noch nicht. Auch dort gibt es einen festgelegten Kodex &ndash; andere w&uuml;rden Parteizwang dazu sagen. Was sich innerhalb dieses festgelegten Programmes, das ja kein Programm sein soll, weil es sich nur in losen Stichpunkten, nicht aber in ausf&uuml;hrlichen Erz&auml;hlungen darstellt &ndash; wobei die Parteiprogramme anderer Parteien, die wirklich Partei sind, zwar ausf&uuml;hrlich gestaltet, aber gleicherma&szlig;en blass und ohne Aussagekraft sind -; was sich also in dieser Stichwortsammlung findet, ist keine Sensation, sondern vielmehr ein Sammelsurium verschiedenster Schlagworte und Parolen, die sich aus den Programmen anderer Parteien rekrutiert zu haben scheinen. Ja, man hat den Eindruck, dass sich hier das neoliberale, wirtschaftstreue Spie&szlig;b&uuml;rgertum vereint hat, um den spiegelbildgleichen Zeitgenossen, die innerhalb der CSU oder FDP Parteilichkeit aus&uuml;ben, eine Konkurrenz aus dem &ldquo;eigenen Ideologiegeb&auml;ude&rdquo; zu sein.<\/p><p>Darin wird dann aufgef&uuml;hrt, dass Schulabg&auml;nger zuk&uuml;nftig fit f&uuml;r den Beruf sein sollten, anders gesagt: dass Bildung eine vorab arrangierte Ausbildung zu sein hat, w&auml;hrend man gleichzeitig das G8 &ndash; diese Entkindlichungseinrichtung, aus christlichem Hause! &ndash; als richtigen Schritt darstellt, an dem einzig herumgedoktert werden muss, damit die Rahmenbedingungen einigerma&szlig;en stimmen &ndash; wichtig ist den Freien W&auml;hlern ebenso nur, dass Kinder schnellstm&ouml;glich ausgebildet werden, damit sie flott effektiv verwurstet werden k&ouml;nnen. Vom humanistischen Bildungsideal atmet die Stichwortsammlung jedenfalls nicht &ndash; lernen um des Lernens willen, Freude am Wissen, auch an jenem Wissen, das zun&auml;chst nur den Menschen, nicht aber den Angestellten befruchtet, will man nicht vermittelt haben. Und selbstverst&auml;ndlich habe sich &ldquo;Arbeit wieder zu lohnen&rdquo; &ndash; dieser Ausruf kleinb&uuml;rgerlicher Borniertheit, wonach der Arbeitende ja immer der Dumme sei, darf freilich auch bei den Freien W&auml;hlern nicht fehlen. Damit dieser Ausdruck von Populismus &ndash; obwohl in diesem Lande ja nur die LINKE das populistische Monopol innehat &ndash; auch abgerundet wirkt, reichert man die Schwerpunkte einfach um Parolen wie &ldquo;Abbau der &Uuml;berregulierung&rdquo;, &ldquo;Senkung der Lohnnebenkosten&rdquo;, &ldquo;Leistungsbereitschaft f&ouml;rdern&rdquo; und &ldquo;Leistungsverweigerung sanktionieren&rdquo; an &ndash; man will sich ja als Nicht-Partei in die gleichgeschaltete Parteienlandschaft integrieren! Sollte also jemand Leistung verweigern, nicht so spuren, wie es sich die Parteilosen von den Freien W&auml;hlern vorstellen, dann rufen auch sie nach deutscher Manier nach der Polizei und nach Bestrafung! Und wenn der kurze Katalog der Stichpunkte auch nur wenige Ziele aufz&auml;hlt, zum Schrei nach Sanktionen hat es immer noch gereicht. Ebenso freilich der Punkt, dass man das Privateigentum, speziell im Erbfall, gesichert sehen will. Bei der Klientel die man bedient, versteht sich der kategorische Schutz des Privateigentums von selbst.<\/p><p>Was sich der bayerische W&auml;hler da angetan hat, kann ihn aber nicht ersch&uuml;ttern. Jahrzehnte der CSU-Herrschaft, Jahre des Sozial- und Demokratieabbaus im gesamten Lande, haben ihn ja schon an solche Parteien herangef&uuml;hrt und ihn daran gew&ouml;hnt. Dass man ihm aber nahelegt, er m&uuml;sse sich &uuml;ber die neuen Fraktionen im Landtag auch noch freuen, weil sie neuen Wind ins alte Gesch&auml;ft br&auml;chten, grenzt an Verbl&ouml;dung. Die Freien W&auml;hler jedenfalls sind kein Modell f&uuml;r andere Bundesl&auml;nder, und w&auml;ren auch keines f&uuml;r Bayern &ndash; die Protagonisten dieser W&auml;hlervereinigung, die alles sein wollen, nur nicht Mitglied einer Partei, entstammen vor allem dem Unternehmertum, was sich auch in den programmatischen Stichpunkten ablesen l&auml;sst. Sie wollen soziale Ungerechtigkeiten weder beseitigen noch abmildern &ndash; &ldquo;soziale Ungerechtigkeit&rdquo; erscheint auch nicht als Begriff im Katalog der Schwerpunkte -, sondern einfach dort weiterwursteln, wo die CSU seit Jahren herumbastelt. Von den K&ouml;dern f&uuml;r die W&auml;hler, &ndash; der wahre Populismus, der an die Ressentiments der B&uuml;rger appelliert! &ndash; Verdummungen wie jener, keine Partei sein zu wollen oder anstatt eines Programmes lieber Pragmatismus walten zu lassen, mal ganz abgesehen.<\/p><p>Man k&ouml;nnte auch festhalten: Wenn die CSU mit der FDP koaliert, dann sitzt der Gro&szlig;teil der Christsozialen in der Regierung, w&auml;hrend eine kleine Meuterertruppe desselben Vereins in der Opposition das gleiche Gesch&auml;ft von der anderen Seite her betreibt &ndash; immerhin sind ja auch viele Mitglieder der Freien W&auml;hler ehemals CSU-Mitglieder gewesen. Von einer Befreiung der B&uuml;rger von Parteigehabe und einer b&uuml;rgerfernen Politik f&uuml;r Konzerne und Unternehmen, die man hinterlistigerweise als Politik f&uuml;r die B&uuml;rger stilisiert, kann keine Rede sein. Mit den Freien W&auml;hlern hat sich der bayerische W&auml;hler sicherlich nicht befreit&hellip;<br>\nDer Beitrag wurde uns von Roberto J. De Lapuente vom <a href=\"http:\/\/ad-sinistram.blogspot.com\/2008\/10\/gewhlte-befreier.html\">Blog &bdquo;ad sinistram&ldquo;<\/a> zur Verf&uuml;gung gestellt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einer Woche, so behaupten es derzeit die Massenmedien, sei in Bayern eine neue &Auml;ra angebrochen. Das Ende der Alleinherrschaft der CSU sei besiegelt, daf&uuml;r dr&auml;ngen neue Parteien in den Landtag. 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