{"id":34949,"date":"2016-09-12T08:52:55","date_gmt":"2016-09-12T06:52:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34949"},"modified":"2016-09-12T10:19:56","modified_gmt":"2016-09-12T08:19:56","slug":"ceta-auf-dem-parteikonvent-haelt-sich-die-spd-an-die-eigenen-roten-linien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34949","title":{"rendered":"CETA auf dem Parteikonvent: H\u00e4lt sich die SPD an die eigenen roten Linien?"},"content":{"rendered":"<p>Am 19. September findet in Wolfsburg ein nicht-&ouml;ffentlicher Parteikonvent der SPD statt. Wichtigstes Thema: das geplante Freihandelsabkommen &bdquo;CETA&ldquo; der Europ&auml;ischen Union mit Kanada. Parteichef und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel bef&uuml;rwortet das ausgehandelte Abkommen. Er steht gleichwohl massiv unter Druck, da ihm Teile der Partei nicht folgen wollen: Zu offensichtlich ist, dass CETA gegen SPD-Beschl&uuml;sse verst&ouml;&szlig;t. Von <strong>Thorsten Wolff<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas CETA-Abkommen ist schon seit einiger Zeit ausverhandelt &ndash; scharfer Kritik aus Verb&auml;nden, Wissenschaft und &Ouml;ffentlichkeit zum Trotz. In Nachverhandlungen hat die Europ&auml;ische Union leichte Verbesserungen bei den besonders umstrittenen Schiedsgerichten durchgesetzt. Nach wie vor aber ist die Kritik nicht verstummt: Am kommenden Samstag finden in sieben St&auml;dten Gro&szlig;demonstrationen gegen Freihandelsabkommen wie <a href=\"http:\/\/ttip-demo.de\/home\/\">TTIP (EU-USA) und CETA<\/a> statt. Zahlreiche Verb&auml;nde, darunter mit Ausnahme der IG BCE alle Gewerkschaften, laufen Sturm. Mehrere Gutachten und Stellungnahmen verweisen auf die negativen Folgen, wenn CETA unterschrieben w&uuml;rde. Und selbst weite Teile der SPD sprechen sich gegen das Abkommen aus, darunter vier Landesverb&auml;nde. Keine komfortable Situation f&uuml;r die Parteif&uuml;hrung und insbesondere den Vorsitzenden Gabriel, in die sie sich durch ihre grunds&auml;tzliche Zustimmung zu den Freihandelsvertr&auml;gen allerdings selbst man&ouml;vriert haben. Ob letzterer im Amt bleiben k&ouml;nnte, wenn der Parteikonvent CETA ablehnt, darf bezweifelt werden.<\/p><p>Entsprechend trickreich agieren sie. Der Parteivorstand bringt eine <a href=\"https:\/\/www.spd.de\/presse\/pressemitteilungen\/detail\/news\/leitantrag-des-spd-parteivorstandes-zum-freihandelsabkommen-ceta-globaler-handel-braucht-fortschrittliche-regeln-beschlossen\/05\/09\/2016\/\">Beschlussvorlage<\/a> in den Parteikonvent (&bdquo;kleiner Parteitag&ldquo;) ein, die zuvor vom Pr&auml;sidium einstimmig beschlossen worden war. Einstimmig bedeutet, dass auch die Vertreter der SPD-Linken den Text mittrugen &ndash; m&ouml;glicherweise ein erstes Zeichen daf&uuml;r, dass man Gabriel nicht h&auml;ngen lassen will. Auch die darauf folgende Abstimmung im Parteivorstand kann in dieser Weise interpretiert werden: Es gab dort nur eine Gegenstimme und drei Enthaltungen.<\/p><p>Die Beschlussvorlage soll es erm&ouml;glichen, dass Bundesregierung und SPD-Abgeordnete dem Freihandelsvertrag zustimmen k&ouml;nnen, ohne dass der eigentliche Vertragstext ge&auml;ndert werden muss. Und das, obwohl CETA die Anforderungen nicht erf&uuml;llt, die die SPD-Beschlusslage an das Freihandelsabkommen stellt. Mit anderen Worten: Obwohl CETA die roten Linien &uuml;berschreitet, die die SPD selbst beschlossen hat, soll die Partei das Abkommen nun mittragen. Man hofft lediglich, durch Protokollerkl&auml;rungen und Zusatzvereinbarungen in den kommenden Monaten noch Verbesserungen zu erreichen. Die soll das Europ&auml;ische Parlament aushandeln &ndash; was laut Beschlussvorlage voraussetzt, dass die Bundesregierung CETA im Europ&auml;ischen Rat zun&auml;chst zustimmt. <\/p><p>W&uuml;rde der Konvent das Papier beschlie&szlig;en, h&auml;tten Gabriel und die SPD-Fraktionen im Bundestag und im Europaparlament faktisch freie Hand. Die fr&uuml;her beschlossenen Forderungen der Partei w&auml;ren dann keine notwendigen Bedingungen f&uuml;r ein Ja zu CETA mehr, sondern nur noch unverbindliche Orientierungspunkte.<\/p><p>Dass CETA der SPD-Beschlusslage widerspricht, hat im Detail etwa die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen (ASJ) Nordrhein-Westfalen dargelegt. In einem Kurzgutachten kritisiert sie unter anderem das Ausma&szlig;, in dem die in CETA vorgesehenen Schiedsgerichte nach wie vor in die einzelstaatlichen Rechtsordnungen eingreifen. Sie macht ferner deutlich, dass Arbeits- und Sozialstandards &ndash; anders als in SPD-Beschl&uuml;ssen gefordert &ndash; weniger gut abgesichert sind als andere Regeln des Abkommens (konkret die Regelungen zu den Rechten von Investoren):<\/p><blockquote><p>\nDer Parteikonventsbeschluss fordert, dass die Einhaltung von Arbeits- und Sozialstandards in Konfliktf&auml;llen genauso wirkungsvoll sichergestellt sein muss wie die Einhaltung anderer Regeln des Abkommens. Das ist aber bei CETA keineswegs der Fall, denn Eigentumsverletzungen k&ouml;nnen von privaten Unternehmen bzw. Investoren vor dem Tribunal eingeklagt werden. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern oder Gewerkschaften hingegen wird bei Verletzung ihrer Rechte diese M&ouml;glichkeit nicht einger&auml;umt.\n<\/p><\/blockquote><p>Auch das in Europa geltende Vorsorgeprinzip, demzufolge m&ouml;glicherweise sch&auml;dliche Produkte schon fr&uuml;hzeitig verboten werden d&uuml;rfen, wird in CETA nicht abgesichert, so die ASJ-NRW. Vielmehr sei hier das Nachsorgeprinzip vorgesehen. Und auch der Schutz &ouml;ffentlicher Dienstleistungen ist nach Angaben der sozialdemokratischen Juristen unzureichend. &Ouml;ffentliche Ausschreibungen sollen k&uuml;nftig h&auml;ufiger international erfolgen &ndash; Verpflichtungen zur Wahrung von Umweltstandards oder zur Bindung an Tarifvertr&auml;ge aber kennt CETA nicht. Hingegen kennt es eine weitreichende Verpflichtung der Unterzeichnerstaaten zur Garantie der Kapitalverkehrsfreiheit; sie wird nur durch wenige, eng definierte Ausnahmen begrenzt. Und schlie&szlig;lich erf&uuml;llt CETA auch nicht die SPD-Forderung nach einer K&uuml;ndigungsklausel, die eine Korrektur unerw&uuml;nschter Fehlentwicklungen erm&ouml;glicht. Zwar sei eine K&uuml;ndigungsklausel vorgesehen, die lasse aber Korrekturen von Fehlentwicklungen kaum zu:<\/p><blockquote><p>\nDie M&ouml;glichkeit, Schadenersatzanspr&uuml;che aufgrund des Investitionskapitels gegen eine vertragsschlie&szlig;ende Partei einzufordern, wirkt noch nach der K&uuml;ndigung f&uuml;r zwanzig Jahre fort. Eine andere Politik im Sinne eines &ouml;kologisch-sozialen Umbaus der Gesellschaft, die im Zweifel Regulierungen verlangt und das Eigentumsrecht tangiert, wird so auch im Falle einer K&uuml;ndigung f&uuml;r weitere zwanzig Jahre ausgeschlossen. Dies gleicht einer konstitutionellen Festschreibung neoliberaler Politik und ihrer Absicherung gegen sich ver&auml;ndernde Mehrheiten im demokratischen System.\n<\/p><\/blockquote><p>CETA erf&uuml;llt also zahlreiche Forderungen der SPD nicht. Zu dieser Schlussfolgerung gelangen auch Rechtswissenschaftler des Zentrums f&uuml;r Europ&auml;ische Rechtspolitik an der Universit&auml;t Bremen. Nach einer Gegen&uuml;berstellung der SPD-Beschlusslage, eines Positionspapiers des SPD-Europaabgeordneten Bernd Lange (Vorsitzender im zust&auml;ndigen Handelsausschuss) und eigener Analysen des CETA kommen sie zu folgendem Fazit:<\/p><blockquote><p>\nEs ist bei CETA im Verhandlungsprozess zwar gelungen, in einigen Bereichen fortschrittliche Klarstellungen einzuf&uuml;gen. Diese reichen aber nicht hinreichend in den operativen Bereich des Abkommens hinein, beheben nicht die institutionellen Probleme des Vertrages und haben insgesamt nicht zu substantiellen Verbesserungen hinsichtlich einer sozialen und demokratischen Rechtspolitik gef&uuml;hrt. Die 2014 beschlossenen und 2015 bekr&auml;ftigten SPD-Kriterien erf&uuml;llt das CETA in der derzeitigen Fassung nicht. Die M&auml;ngel sind so gravierend, dass sie nicht im weiteren parlamentarischen Ratifizierungsprozess beseitigt werden k&ouml;nnen. Sie betreffen teilweise die Struktur des Abkommens selbst. Einseitige Erkl&auml;rungen einer Vertragspartei k&ouml;nnen diese M&auml;ngel nicht beseitigen. Nur in Nachverhandlungen mit Kanada werden die M&auml;ngel effektiv behoben werden k&ouml;nnen.\n<\/p><\/blockquote><p>Um die M&auml;ngel in CETA zu beheben, gen&uuml;gt es also nicht, einfach nur nachtr&auml;glich Protokollerkl&auml;rungen und Zusatzvereinbarungen auszuhandeln, wie es sich die SPD-Parteif&uuml;hrung vorstellt.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Wenn der Partei Ehrlichkeit und Glaubw&uuml;rdigkeit wichtig sind, dann f&uuml;hrt kein Weg daran vorbei, anzuerkennen, dass CETA die von der SPD selbst gezogenen roten Linien &uuml;berschreitet. Was zur Konsequenz hat, dass die Partei das Abkommen ablehnen muss. Die Beschlussvorlage des SPD-Parteivorstands aber mogelt sich um dieses Eingest&auml;ndnis herum. Zwar benennt das Papier auch Kritikpunkte am vorliegenden CETA-Abkommen (etwa an den Schiedsgerichten und am unzureichenden Schutz &ouml;ffentlicher Dienstleistungen). Zugleich beschreibt es aber vermeintliche Fortschritte, die es gerechtfertigt erscheinen lassen sollen, CETA grunds&auml;tzlich zuzustimmen. &bdquo;Vor dem Hintergrund&ldquo; bereits erreichter &bdquo;fortschrittlicher Regeln&ldquo; sei es &bdquo;gerechtfertigt, dass der EU-Ministerrat mit Zustimmung Deutschlands den Weg f&uuml;r die weitere parlamentarische Beratung des Ceta-Vertrages freimacht&ldquo;. Es ist eine bekannte Argumentation, die die Parteispitze hier vorbringt: Anstatt zu &uuml;berlegen, ob ein Gesetz oder Abkommen in der zu beschlie&szlig;enden Fassung mehr schadet als nutzt, soll es zustimmungsf&auml;hig sein alleine aufgrund des Umstands, dass man den zu erwartenden Schaden reduziert hat. <\/p><p>Dass es auch anders geht, zeigt derzeit die &ouml;sterreichische Sozialdemokratie. Als der damalige Bahnmanager Christian Kern im Mai 2016 Bundeskanzler wurde, war dies eine &Uuml;berraschung, die oberfl&auml;chlich betrachtet nichts Gutes verhie&szlig;. Und doch scheint der Quereinsteiger seinen Vorsatz ernst zu nehmen, einen demokratischeren Stil zu pflegen und die Inhalte sozialdemokratischer Politik kritisch zu &uuml;berpr&uuml;fen. So stellte er nicht nur die &ouml;sterreichische Zustimmung zu CETA infrage, sondern k&uuml;ndigte dazu auch eine SP&Ouml;-Mitgliederbefragung an. Br&uuml;ssel zeigte sich entsprechend ver&auml;rgert, &ouml;sterreichische Unternehmensverb&auml;nde ebenso. Ihre Argumentation offenbart, wie wenig sie von Demokratie halten: Eine einzelne Partei in einem Mitgliedstaat d&uuml;rfe nicht &uuml;ber das Schicksal des ganzen Kontinents entscheiden. Diesen Gedanken machen sich wohl auch jene Teile der SPD zu eigen, die Gabriels Beschlussvorlage auf dem Konvent mittragen werden. Es ist der Kotau vor einer neoliberal verfassten europ&auml;ischen und globalen Wirtschaftsordnung.<\/p><p>Es bleibt zu hoffen, dass jene Teile der Partei, die Gabriels Freihandelspolitik folgen, auf dem Parteikonvent eine Minderheit sein werden. Dass eine andere Sozialdemokratie m&ouml;glich ist, zeigen derzeit Gro&szlig;britannien und (bei aller Vorl&auml;ufigkeit!) &Ouml;sterreich. Nun hat auch die SPD die Chance, zumindest den ersten Schritt in Richtung eines notwendigen Richtungswechsels zu gehen. Eine radikal andere Handelspolitik geh&ouml;rt zwingend dazu.<\/p><p>Kritischen Geistern wiederum bieten die Demonstrationen gegen TTIP und CETA in sieben deutschen St&auml;dten am 17. September die Chance, ein Zeichen f&uuml;r fairen Welthandel und gegen Freihandels-Ideologien zu setzen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/4b17141a4d9b492f907821ab99b6423d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19. September findet in Wolfsburg ein nicht-&ouml;ffentlicher Parteikonvent der SPD statt. Wichtigstes Thema: das geplante Freihandelsabkommen &bdquo;CETA&ldquo; der Europ&auml;ischen Union mit Kanada. Parteichef und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel bef&uuml;rwortet das ausgehandelte Abkommen. Er steht gleichwohl massiv unter Druck, da ihm Teile der Partei nicht folgen wollen: Zu offensichtlich ist, dass CETA gegen SPD-Beschl&uuml;sse verst&ouml;&szlig;t. 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