{"id":3496,"date":"2008-10-07T10:45:31","date_gmt":"2008-10-07T08:45:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3496"},"modified":"2015-11-09T14:55:18","modified_gmt":"2015-11-09T13:55:18","slug":"wie-steinbrueck-hoch-und-lafontaine-niedergeschrieben-wird-zwei-musterbeispiele-fuer-gelungene-pr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3496","title":{"rendered":"Wie Steinbr\u00fcck hoch- und Lafontaine niedergeschrieben wird &#8211; zwei Musterbeispiele f\u00fcr gelungene PR."},"content":{"rendered":"<p>Im Mai 2003 war ich einmal zur Sendung &bdquo;Sabine Christiansen&ldquo; eingeladen. Ein Freund, der sich in der Berliner PR-Szene auskennt, lie&szlig; mich vorher wissen, ich solle darauf achten, wer vor und nach der Sendung scheinbar unbeteiligt herumstehe. Ich folgte seinem Rat und entdeckte den Publicrelations-Berater von Sabine Christiansen, der zugleich der Berater des damaligen Finanzministers Hans Eichel war. Er hatte aus einem gescheiterten hessischen Ministerpr&auml;sidenten einen bestens angesehenen Bundesfinanzminister gemacht, den Sparkommissar Hans Eichel. Mit der Realit&auml;t hatte sein Image wenig zu tun. In seiner Zeit wurde weder gespart noch wurde die Wirtschaft durch die Sparversuche nach vorn gebracht. Steigende Schulden und wirtschaftliche Stagnation waren das Ergebnis. An den davon unabh&auml;ngigen PR-Erfolg wird man erinnert, wenn man in diesen Tagen die Geschichten &uuml;ber Eichels Nachfolger Peer Steinbr&uuml;ck liest. Und sozusagen als PR-Gegenst&uuml;ck die Agitation gegen Oskar Lafontaine. Es folgen zwei Beispiele f&uuml;r eindeutig PR-gepr&auml;gte Medienprodukte. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nZum einen ein Artikel &uuml;ber Peer Steinbr&uuml;ck im Berliner Tagesspiegel von heute (Anlage A) und zum zweiten ein Interview mit Oskar Lafontaine in der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 4.10.. Lassen Sie beide St&uuml;cke nacheinander auf sich wirken, und Sie erfahren sehr viel dar&uuml;ber, mit welchen Tricks und Methoden in Deutschland Meinung gemacht wird.<br>\nEs sind zwei von vielen Medienprodukten, die alle in die gleiche Richtung laufen. Der amtierende Bundesfinanzminister Steinbr&uuml;ck wird hochgeschrieben, Lafontaine wird wie Die Linke insgesamt niedergeschrieben. Das sind durchgehend gesteuerte Geschichten, die mit der jeweiligen Realit&auml;t allenfalls am Rande zu tun haben.<\/p><p>Auch <strong>Steinbr&uuml;ck<\/strong> ist ein gescheiterter Ministerpr&auml;sident. Er wurde in Nordrhein-Westfalen abgew&auml;hlt. Offenbar ist ein solches Scheitern eine gute Bedingung daf&uuml;r, zur gef&uuml;gigen PR-Figur zu werden: Steinbr&uuml;ck hat wesentlich dazu beigetragen, den Finanzmarkt Deutschland f&uuml;r unseri&ouml;se Finanzpapiere und f&uuml;r Hedgefonds zu &ouml;ffnen, er schw&auml;rmte von den angels&auml;chsischen Finanzpl&auml;tzen mit den &ouml;konomisch widersinnigen Verg&uuml;tungen und wollte einen &auml;hnlichen Finanzplatz hier bei uns installieren; er hatte noch vor vier Wochen so getan, als sei die Finanzkrise eine Sache der USA und wir seien fein raus; er hat die &ouml;ffentlichen Subventionen an die private IKB zu verantworten und den Hauptverantwortlichen seines Ministeriums vom Ministerialdirektor zum Staatssekret&auml;r bef&ouml;rdert; er hat sich gerade mal vor etwa 10 Tagen von den Verantwortlichen der Hypo Real Estate (HRE) sowie vom Bundesbankpr&auml;sidenten und dem Pr&auml;sidenten der Finanzkontrolle Bafin das erste Rettungspaket f&uuml;r die HRE aufschw&auml;tzen lassen; es galt gerade mal eine Woche.<br>\nUnd jetzt wird er vom Tagesspiegel als &bdquo;Manager der Deutschen in diesem Finanzinferno&ldquo; dargestellt. Der Flop mit dem ersten Rettungspaket f&uuml;r die HRE wird im Tagesspiegel zur PR-Story f&uuml;r Steinbr&uuml;ck umgedreht.<br>\nSein Wirken wird mit Helmut Schmidts Zupacken bei der Sturmflut in Hamburg im Jahre 1982 verglichen. Eine echte Publicrelations-Story, denn tats&auml;chlich hatte Steinbr&uuml;ck die Sturmflut verschlafen.<br>\nSteinbr&uuml;ck, der Volkswirt, wird als &bdquo;Kenner seines Faches&ldquo; vorgestellt. Ich kenne keinen guten National&ouml;konomen, der in Steinbr&uuml;ck eine fachliche Kapazit&auml;t sieht. Im Gegenteil. Von ihm kennt man vor allem Flops und die Missachtung wichtiger Instrumente: er missachtet aus ideologischen Gr&uuml;nden die Vielfalt der finanz- und wirtschaftspolitischen Instrumente und verkennt die Notwendigkeit, wirtschaftspolitische Entscheidungen rechtzeitig zu treffen; er hat das Wahlversprechen der SPD, die Mehrwertsteuer nicht zu erh&ouml;hen, gebrochen und mit 3 Punkten Mehrwertsteuererh&ouml;hung die Steuererh&ouml;hungsabsicht der Union noch &uuml;bertroffen; er ist damit mitverantwortlich f&uuml;r den Einbruch des Konsums und der Binnenkonjunktur; Steinbr&uuml;ck hat sich geweigert, etwas zur Bef&ouml;rderung der Binnenkonjunktur zu tun, als die Gefahren schon mit H&auml;nden zu greifen waren; er glaubt, er erreiche einen Spar-Erfolg, wenn er sparen will. Er hat nicht einmal erkannt, dass sein bisschen Sparerfolg vor allem die Folge des kleinen wirtschaftlichen Aufschwungs war und nicht seiner Spar-Absicht. Er denkt einzelwirtschaftlich und hat von volkswirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen offenbar wenig Ahnung. <\/p><p>Das ist nicht weiter von Nachteil, wenn man von Publicrelations-Fachleuten und begleitet wird und &uuml;ber die notwendige Medienpr&auml;senz verf&uuml;gt. Dass selbst sich als seri&ouml;s betrachtende Medien wie der Tagesspiegel solche von PR triefenden Artikel ver&ouml;ffentlichen wie jener in Anlage A, best&auml;tigt sein Kalk&uuml;l: es kommt nicht auf die Sache, es kommt auf die notwendige Meinungsmache, auf die Professionalit&auml;t der PR und die Gef&uuml;gigkeit der Medien an.<\/p><p>Bei <strong>Oskar Lafontaine<\/strong> erfahren wir den gleichen Mechanismus, nur mit entgegengesetzter Sto&szlig;richtung. In dem Interview mit der S&uuml;ddeutschen Zeitung  (Anlage B) sind in den Einf&uuml;hrungstexten und Fragen nahezu alle wichtigen Botschaften gegen ihn und Die Linke untergebracht:<\/p><ul>\n<li>Lafontaine der Besserwisser. &ndash; Das lesen wir schon in der Unterzeile zur &Uuml;berschrift.<\/li>\n<li>Lafontaine, der eigentlich von der &Ouml;konomie keine Ahnung hat: W&auml;hrungsschwankungen sind nicht das Problem, die Funktion des Marktes nicht kapiert, usw..<\/li>\n<li>Lafontaine, der Ideologe, der Bewunderer des Staates und Missachter des Marktes.<\/li>\n<li>Lafontaine, das Verwaltungsratsmitglied der KfW, sei mitverantwortlich f&uuml;r die Krise der die IKB und die verantwortungslose Zahlung der KfW an Lehman Brothers. Eine obskure Einlassung, die aber durch die Massivit&auml;t und Wiederholung der Verbreitung glaubhaft wird.<\/li>\n<li>Lafontaine, der aus der Verantwortung fl&uuml;chtet und den Bettel hinschmei&szlig;t.<\/li>\n<\/ul><p>In diesem Interview sind nahezu alle Standardangriffe untergebracht. Die meisten haben mit der Realit&auml;t nichts zu tun. Das spielt aber keine Rolle.<\/p><p>In den Fragen des Interviews werden auch &uuml;ber Lafontaine hinausgehende Botschaften untergebracht, die der neoliberalen Ideologie und der Finanzindustrie am Herzen liegen:<\/p><ul>\n<li>So die Behauptung, Milliarden-Programme f&uuml;r die Konjunktur h&auml;tten nirgendwo und nie funktioniert.<\/li>\n<li>Oder die positive Bewertung der gro&szlig;en Gewinne der Investmentbanker, die von Lafontaine als Ergebnis krimineller Handlungen bezeichnet werden.<\/li>\n<li>Oder die Behauptung, vor allem die &bdquo;staatlich kontrollierten Institute&ldquo; der Finanzindustrie &bdquo;murksen ohne Ende&ldquo;.<\/li>\n<li>Oder die wiederholte Behauptung, der Finanzmarkt sei kastriert, wenn der Casinobetrieb eingestellt wird.<\/li>\n<\/ul><p>Das Interview ist in den Fragen voll von Aggressivit&auml;t, voll von Ideologie und auch von Ahnungslosigkeit. Die beiden Interviewer k&ouml;nnen ein solches Interview eigentlich nur ins Blatt heben, wenn gew&auml;hrleistet ist, dass auch in anderen Medien die gleichen Vorw&uuml;rfe, die gleichen Angriffe, auch die gleichen intellektuellen Schw&auml;chen vorkommen. Nur dann, nur dann wenn &uuml;ber Publicrelations diese Gleichschaltung erreicht ist, fallen die eigenen Schw&auml;chen und falschen Aussagen nicht mehr auf.<\/p><p>Ich bin &uuml;berzeugt davon, dass beide Produkte, sowohl der Artikel im Tagesspiegel wie das Interview in der S&uuml;ddeutschen Zeitung, PR-gesteuert sind. F&uuml;r die Wirksamkeit der PR-Kampagnen ist es von gro&szlig;er Bedeutung, dass solche Kampagnen ihren Niederschlag nicht nur in Bl&auml;ttern wie der Bild-Zeitung, sondern auch in als seri&ouml;s geltenden Medien wie Tagesspiegel, S&uuml;ddeutsche Zeitung, Zeit, Presseclub und in den verschiedenen Talkshows finden.<\/p><p><strong>Anlage A<\/strong><\/p><p><strong>Peer Steinbr&uuml;ck: Gegen alle Wetter<\/strong><br>\nKurz, knapp, kontrolliert, so wirkt er. Finanzminister Peer Steinbr&uuml;ck, der Mann, der Deutschland durch die Krise f&uuml;hren soll. Ein Sozi, der etwas vom gro&szlig;en Geld versteht.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/zeitung\/Die-Dritte-Seite-Finanzkrise-Peer-Steinbrueck;art705,2630045\">Tagesspiegel vom 7.10.2008<\/a><\/p><p><strong>Anlage B<\/strong><\/p><p><strong>Lafontaine im SZ-Interview: &ldquo;Investmentbanker sind kriminell&rdquo;<\/strong><br>\nOskar Lafontaine &uuml;ber seine Reformvorschl&auml;ge f&uuml;r die Finanzm&auml;rkte und warum er schon vor zehn Jahren alles besser wusste.<br>\nInterviewer: D. Br&ouml;ssler und A. Hagel&uuml;ken<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/finanzen\/812\/312725\/text\/print.html\">SZ vom 4.10.2008<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mai 2003 war ich einmal zur Sendung &bdquo;Sabine Christiansen&ldquo; eingeladen. Ein Freund, der sich in der Berliner PR-Szene auskennt, lie&szlig; mich vorher wissen, ich solle darauf achten, wer vor und nach der Sendung scheinbar unbeteiligt herumstehe. Ich folgte seinem Rat und entdeckte den Publicrelations-Berater von Sabine Christiansen, der zugleich der Berater des damaligen Finanzministers<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3496\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[85,11],"tags":[284,272,330,253,460,239,449],"class_list":["post-3496","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-pr","category-strategien-der-meinungsmache","tag-deregulierung","tag-eichel-hans","tag-lafontaine-oskar","tag-steinbrueck-peer","tag-sz","tag-tagesspiegel","tag-umsatzsteuer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3496","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3496"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3496\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28548,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3496\/revisions\/28548"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3496"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3496"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3496"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}