{"id":34968,"date":"2016-09-13T08:54:32","date_gmt":"2016-09-13T06:54:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34968"},"modified":"2019-01-04T12:24:34","modified_gmt":"2019-01-04T11:24:34","slug":"rezension-von-paul-schreyers-wer-regiert-das-geld-banken-demokratie-und-taeuschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34968","title":{"rendered":"Rezension von Paul Schreyers \u201eWer regiert das Geld? \u2013 Banken, Demokratie und T\u00e4uschung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Sp&auml;testens der Ausbruch der Finanzkrise vor acht Jahren hat gezeigt, dass mit der heutigen Geldordnung etwas nicht stimmt. Erstens produziert sie Kreditblasen, die fr&uuml;her oder sp&auml;ter zu platzen drohen, und zweitens verleiht sie den privaten Banken enorme politische und &ouml;konomische Macht, die in hohem Ma&szlig;e auf dem Geldsch&ouml;pfungsprivileg fu&szlig;t. Nicht zuletzt aus diesen Gr&uuml;nden besch&auml;ftigen sich immer mehr Autoren aus dem progressiven Lager mit dem Thema Geld. Viele fordern eine Vollgeldreform oder warnen wie zuletzt &bdquo;Handelsblatt&ldquo;-Redakteur Norbert H&auml;ring vor der Abschaffung des Bargelds. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34968#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nEine gute Erg&auml;nzung zu den bisherigen Ver&ouml;ffentlichungen bietet das Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/wer-regiert-das-geld\/\">Wer regiert das Geld? &ndash; Banken, Demokratie und T&auml;uschung<\/a>&ldquo; von Paul Schreyer. Der Journalist stellt n&auml;mlich ganz fundamental die Frage, wieso die Banken &uuml;berhaupt so m&auml;chtig werden konnten, und wer ihnen diese Macht verliehen hat. Schreyers These lautet, dass es heute in Berlin, Br&uuml;ssel, Washington oder anderswo de facto zwei Regierungen gibt; eine demokratisch gew&auml;hlte und eine Schattenregierung der internationalen Finanzelite. &bdquo;Wir leben heute offenbar in einem doppelten System aus gew&auml;hlter und informeller Regierung. In den letzten hundert Jahren haben sich internationale Finanzstrukturen gebildet, die eng mit den gew&auml;hlten Regierungen verzahnt sind. Nationale Parlamente oder auch das EU-Parlament haben weiterhin nur wenig Macht&ldquo;, konstatiert Schreyer.<\/p><p>Eng verbunden mit der Macht der Banken ist das Geldsch&ouml;pfungsprivileg. Die meisten B&uuml;rger glauben, dass die Zentralbank oder die Regierung das Geld in Umlauf bringen. Dies ist aber nicht so. Das Geldsch&ouml;pfungsmonopol haben die Zentralbanken nur beim Bargeld. Das weitaus st&auml;rker verbreitete Giralgeld sch&ouml;pfen indes die privaten Banken, indem sie Kredite vergeben. Der darauf anfallende Geldsch&ouml;pfungsgewinn ist betr&auml;chtlich. Im Euroraum geht es hier pro Jahr um Betr&auml;ge im dreistelligen Milliardenbereich. All dies ist den meisten B&uuml;rgern nicht bekannt. Viele glauben, dass die Banken nur das Geld weitergeben, das sie von ihren Kunden einsammeln. Und diese Unwissenheit ist durchaus so gewollt, meint Schreyer. &bdquo;Die Geldsch&ouml;pfung der Banken ist real, wird aber geschickt verschleiert&ldquo;, schreibt er.<\/p><p>Abgesichert wird die Macht der Banken von supranationalen Organisationen wie dem Internationalen W&auml;hrungsfonds, den gro&szlig;en Zentralbanken, internationalen Denkfabriken und Lobbyorganisationen sowie von regelm&auml;&szlig;igen Diskussionsgruppen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos oder den Bilderberg-Konferenzen. Im Gegensatz zu vielen anderen Publikationen zum Thema Geld beleuchtet Schreyer auch die Rolle der vier gro&szlig;en Wirtschaftspr&uuml;fungsgesellschaften KPMG, PriceWaterhouseCoopers, Deloitte und Ernst &amp; Young, die ebenfalls Teil des globalen Finanzinteressengeflechts sind und in der Finanzkrise den Banken halfen, ihre Kursverluste sch&ouml;nzurechnen. Dar&uuml;ber hinaus gibt es je ein Kapitel zur Staatsfinanzierung, zum Gold und zu Verschw&ouml;rungstheorien, letzterem fehlt allerdings der direkte Bezug zum Thema.<\/p><p>In der zweiten H&auml;lfte des Buches steigt Schreyer dann tief hinab in die Geschichte des Geldes, hinab bis zu den M&uuml;nzen Mesopotamiens, zu der Finanzreform von Numa Pompilius, dem zweiten K&ouml;nig von Rom, und zu Kublai Khan, der bereits im China des 13. Jahrhunderts erfolgreich ein System staatlicher Geldsch&ouml;pfung installierte. Wichtig f&uuml;r das heutige Finanzsystem war indes die Gr&uuml;ndung der Bank of England im Jahr 1694, die man auch als den Prototyp der gro&szlig;en Zentralbanken der Welt bezeichnen kann. &bdquo;Neu an dieser Konstruktion war, dass nicht mehr nur ein K&ouml;nig, Kaiser oder anderer Gewaltherrscher von reichen Kaufleuten finanziert wurde, sondern dass nun eine private Bank als Jahrhunderte &uuml;berdauernde Instanz eine Regierung mitlenkte, die im Zuge der Entwicklung der Demokratie doch eigentlich nur von einem Parlament kontrolliert werden sollte&ldquo;, schreibt Schreyer. Dass die Macht der Banken kein modernes Ph&auml;nomen ist, sondern von Anfang an ein Widerstreit und eine Vermischung zwischen privater und &ouml;ffentlicher Macht war, wird aber besonders an der Finanzgeschichte der USA deutlich, die Schreyer in zwei Kapiteln ausf&uuml;hrlich beschreibt.<\/p><p>Interessant sind auch die Ausf&uuml;hrungen zur deutschen Bankengeschichte. In vielen B&uuml;chern f&auml;ngt diese erst mit der Gr&uuml;ndung der Bundesrepublik, der Einf&uuml;hrung der D-Mark oder der Etablierung von Frankfurt am Main als dem deutschen Bankenzentrum an. So ger&auml;t gern aus dem Blick, dass bis zum Zweiten Weltkrieg nicht Frankfurt, sondern Berlin der Finanzplatz in Deutschland war. Alle wichtigen Institutionen wurden dort gegr&uuml;ndet: Die Deutsche Bank 1870, die erste deutsche Zentralbank 1876, die damals &bdquo;Reichsbank&ldquo; hie&szlig;, wie auch die Deutsche B&ouml;rse, die l&auml;ngs der Spree in einem Neorenaissance-Geb&auml;ude mit Blick auf den Berliner Dom residierte und viele Jahre Treffpunkt der deutschen Hochfinanz war. Mit der Zerst&ouml;rung Berlins im Zweiten Weltkrieg und der Abwanderung der Industrie in den Westen war jedoch auch der Finanzplatz Berlin Geschichte.<\/p><p>Gleichwohl bildeten sich in jener Berliner Zeit die Strukturen heraus, die heute noch den Finanzsektor pr&auml;gen. An die Stelle familiengef&uuml;hrter Privatbanken wie Rothschild, Bleichr&ouml;der oder Hansemann traten nach und nach die gro&szlig;en Aktiengesellschaften, die bis heute den Markt beherrschen. &bdquo;Ein System von weitgehend anonym funktionierenden Aktienbanken, die gemeinsam eine vom Staat garantierte Zentralbank betreiben, ist die bis heute wohl h&ouml;chstentwickelte Form des Kapitalismus. Diese Struktur bleibt allen Einwirkungen gegen&uuml;ber &auml;u&szlig;erst stabil und erm&ouml;glicht eine dauerhafte Herrschaft, unabh&auml;ngig von einzelnen Personen oder Krisen&ldquo;, schreibt Schreyer.<\/p><p>Dass der Autor selbst kein &Ouml;konom ist, sich aber dennoch an ein derart komplexes &ouml;konomisches Thema wie die Geldsch&ouml;pfung heranwagt, mag ein Risiko sein, im vorliegenden Fall ist es aber m&ouml;glicherweise gar von Vorteil. Denn Schreyer schreibt wie jemand, der sich selbst erstmals f&uuml;r das Thema interessiert und seine neu gewonnenen Erkenntnisse nun anderen mitteilen m&ouml;chte. Das Buch ist also verst&auml;ndlich geschrieben, der Prozess der Geldsch&ouml;pfung ausf&uuml;hrlich und gut erkl&auml;rt. Zudem gew&auml;hrt es einen tiefen Blick in die Geschichte des Geldes, den man sich auch manchem &Ouml;konomie-Lehrbuch w&uuml;nschen m&ouml;chte.<\/p><p>Bisweilen versteigt sich Schreyer allerdings auch zu steilen Thesen, die nicht unbedingt jeder nachvollziehen muss: So behauptet er etwa, dass der Kapitalismus nicht von einer Planwirtschaft zu unterscheiden sei, oder dass die Autonomie der Notenbanken einzig auf dem Dogma fu&szlig;e, dass Politiker nicht mit Geld umgehen k&ouml;nnten, oder aber dass derzeit keine Postdemokratie im Sinne des britischen Politologen Colin Crouch existiere, sondern allenfalls eine Art &bdquo;Vordemokratie&ldquo;. Diesen Ansichten muss man freilich nicht folgen, um das Buch dennoch mit Gewinn lesen zu k&ouml;nnen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Thomas Trares<\/strong> ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/b2e29e0f2be346df8c33ce65d258a69b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp&auml;testens der Ausbruch der Finanzkrise vor acht Jahren hat gezeigt, dass mit der heutigen Geldordnung etwas nicht stimmt. 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