{"id":35,"date":"2003-12-01T11:45:37","date_gmt":"2003-12-01T09:45:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=35"},"modified":"2024-10-13T00:27:54","modified_gmt":"2024-10-12T22:27:54","slug":"durchhalten-die-falsche-konsequenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35","title":{"rendered":"Durchhalten, die falsche Konsequenz"},"content":{"rendered":"<p>Durchhalten, die falsche Konsequenz. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em> &ndash; Au&szlig;enansicht.<br>\n<!--more--><\/p><p>Der SPD-Spitzenkandidat Franz Maget meinte am Wahlabend, die SPD habe darunter zu leiden gehabt, dass sie stellvertretend f&uuml;r die Gesellschaft die Reformdebatte f&uuml;hre. Richtig daran ist, dass die SPD in Bayern vor allem wegen der sogenannten Reformpolitik der Bundesregierung eingebrochen ist. Falsch ist die Annahme, die SPD bringe dabei &ndash; sozusagen stellvertretend f&uuml;r unser Land &ndash; ein ehrenwertes Opfer. Es ist ein sinnloses Opfer.<\/p><p>Zum ersten: Die SPD hat mit dem, was sie Reformdebatte und Reformpolitik nennt, offensichtlich gegen wichtige Regeln f&uuml;r eine erfolgreiche Wahlstrategie versto&szlig;en. Zum Beispiel:<\/p><p>Eine Grundvoraussetzung f&uuml;r politischen und Wahlerfolg ist Angriffslust und Selbstbewusstsein. Wenn eine Partei sich einen ihrer liebsten und erfolgreichsten Begriffe &ndash; Reformen &ndash; wegnehmen l&auml;sst und ihn dann, angef&uuml;llt mit wirtschaftsliberalem Inhalt wieder zur&uuml;cknimmt und benutzt, dann hat sie schon halb verloren. Reformen im sozialdemokratischen Sinne, das hie&szlig;, etwas zu ver&auml;ndern zugunsten der Mehrheit und der weniger Beg&uuml;nstigten. Heute meint Reform vor allem Abbau von sozialen Sicherungen, privatisieren, deregulieren, reformieren, damit Arbeit billiger wird, damit also die L&ouml;hne sinken etc. Mitdenkende und engagierte potentielle SPD-W&auml;hler sind schon davon tief ins Herz getroffen &ndash; und bleiben zu Hause.<\/p><p>Volksparteien sind zu einer gro&szlig;en Breite der Programmatik, zumindest zu einer Offenheit f&uuml;r die verschiedensten Anliegen und Gruppen verpflichtet, wollen sie ihr Potential aussch&ouml;pfen. Die SPD muss z.B. sozial engagierte Menschen und Hedonisten, sie muss &ouml;kologisch und friedenspolitisch Interessierte, sie muss unpolitische Arbeitnehmer und engagierte Gewerkschaftsmitglieder ansprechen, jedenfalls darf sie sie nicht vor den Kopf sto&szlig;en. Im Vorfeld der Bayern-Wahl hat die SPD mit der Agenda 2010 und mit der von ihr gef&uuml;hrten Debatte &uuml;ber Gerechtigkeit gleich mehreren dieser Gruppen wehgetan. Am &auml;rgsten wurden die Gewerkschaften gepeinigt. Die SPD hat nicht nur die Kampagne gegen sie laufen lassen, sie hat mit eigenen &Auml;u&szlig;erungen die Kampagne gest&uuml;tzt. Und sie hat nicht einmal notiert, dass die CSU ihr W&auml;hlerspektrum gekonnt &ouml;ffnete, als sie in der Debatte um die Gesundheitsreform einen Konflikt zwischen Seehofer (CSU) und Merkel\/Merz (CDU) zulie&szlig;, vermutlich sogar inszenierte, und damit das soziale Image der CSU ausbaute. Dass sich unter diesen Umst&auml;nden Gewerkschaftsmitglieder f&uuml;r die CSU &ouml;ffneten, ist nicht verwunderlich.<\/p><p>Jede Partei braucht engagierte Anh&auml;nger als Multiplikatoren. Das gilt um so mehr, je weniger man auf die Unterst&uuml;tzung von Medien hoffen kann. Die Reformdebatte treibt aber gerade viele der Engagiertesten weg von der SPD und in die Resignation. Vielleicht sind ja junge Karrieristen mit den g&auml;ngigen Parolen der Modernisierer zu beeindrucken. Die sind aber in Bayern schon alle bei der CSU.<\/p><p>Wenn Parteien bei Wahlen erfolgreich sein wollen, dann m&uuml;ssen sie Optimismus ausstrahlen und Hoffnung machen. Die CSU hat dies getan und damit ihre Skandale und Misserfolge &uuml;berlagert. Optimismus w&auml;re heute &uuml;brigens auch aus konjunkturellen Gr&uuml;nden in der Bundespolitik dringend notwendig. Die modernen Reformer jedoch reden st&auml;ndig von Schwei&szlig;, vom Wehtun, vom Reinschneiden, und, da sie englisch zu sprechen belieben, was der N&auml;he zu den einfachen Leuten besonders dienlich ist, reden sie von &ldquo;pain&rdquo;. &ldquo;Without pain no gain&rdquo; &ndash; das ist eigentlich ein Satz, der eher den Psychotherapeuten als W&auml;hler anziehen d&uuml;rfte. Als unbeteiligter Beobachter muss man den Eindruck gewinnen, dass es Spa&szlig; macht, den W&auml;hler\/innen Schmerzen anzudrohen.<\/p><p>Jedenfalls, den Wahlerfolg der SPD f&ouml;rdert diese Reformdebatte nicht. Und &ndash; zum zweiten &ndash; sie bringt unser Land nicht voran. Die Vermutung, dass Reformen nicht bringen, was mit ihnen versprochen wird, best&auml;tigt sich mehr und mehr: die F&ouml;rderrente zieht nicht, im ersten Halbjahr gab es gerade mal 200.000 Neuabschl&uuml;sse und dagegen 300.000 K&uuml;ndigungen, die Hartz-Reformen greifen quantitativ nicht &ndash; wie sollten sie auch? Neue Arbeit bringen sie nicht. Der Zusammenhang zwischen Reformen und Wirtschaftsaufschwung, den der Bundeskanzler am Tag nach der Bayern-Wahl zu sehen angab, ist nicht erkennbar. Wie sollen Reformdebatten und Reformen helfen, die &ldquo;wirtschaftliche Dynamik wiederzugewinnen&rdquo;? Eher deutet sich Gegenteiliges an. Die versch&auml;rfte Reformdebatte mit ihren permanenten Neuerungen und Niederlagen wird zum Klotz am Bein unserer Volkswirtschaft, sie bef&ouml;rdert die unterschwellige Behauptung von der Deutschen Krankheit.<\/p><p>Die Debatte tr&auml;gt absurde Z&uuml;ge, wenn etwa eine neue Reform angek&uuml;ndigt und debattiert wird, bevor die gerade verabschiedete ihre Wirkung entfalten konnte. So wird &uuml;ber die B&uuml;rgerversicherung als neue Variante der Krankenversicherung debattiert, bevor die gerade beschlossene Gesundheitsreform verabschiedet und implementiert ist; genau so bei der Altersvorsorge. &ldquo;Die permanente Reform&rdquo;, eine Formel, die sich f&uuml;hrende Gr&uuml;ne zum Markenzeichen erkoren haben &ndash; das ist schon nicht mehr komisch.<\/p><p>Gerhard Schr&ouml;der hat am Tag nach der Bayern-Wahl f&uuml;r Durchhalten pl&auml;diert. Das ist ein Fehler. Nachdenken w&auml;re angesagt. Die Koalition m&uuml;sste das Gesamttableau der Reformen durchforsten; sie m&uuml;sste weiter durchzusetzen versuchen, was dringend notwendig ist, so z.B. eine bessere Finanzausstattung der Gemeinden; anderes fallen lassen &ndash; vor allem die wenig durchdachten und wenig hilfreichen Projekte wie z.B. die Ausgliederung der Zahnersatzleistung, die weitere Privatisierung der Altersvorsorge, das Arbeitslosengeld II und jene Projekte wie die Anhebung des Renteneintrittsalters, die in ferner Zukunft und erst bei einer g&auml;nzlich anderen Besch&auml;ftigungslage relevant werden.<\/p><p>Die Koalition muss versuchen, die Reformdebatte zu beenden und Ruhe einkehren zu lassen. Es gibt gute Gr&uuml;nde, viel &uuml;ber die &Uuml;berwindung der Rezession und dann &uuml;ber die Verbesserung der Produktivit&auml;t, die Modernisierung der Infrastruktur, &uuml;ber bessere Bildung und Ausbildung nachzudenken und sich daf&uuml;r einzusetzen.<\/p><p>Wenn die rot-gr&uuml;ne Koalition die Fixierung auf die sogenannten Reformen aufg&auml;be, dann k&ouml;nnte sie sich auch besser aus der Gefangenschaft der CDU\/CSU-Mehrheit im Bundesrat l&ouml;sen. Wenn der Bundeskanzler hingegen immer wieder erkl&auml;rt, wie essentiell Reformen seien, sie dann aber nicht durchsetzt, weil die Union gravierende &Auml;nderungen will, dann gilt er als &ldquo;lahme Ente&rdquo;. Und wenn er gravierenden &Auml;nderungsw&uuml;nschen zugunsten der Union zustimmt, dann verliert er immer mehr den R&uuml;ckhalt seiner eignen Anh&auml;nger. Wie jetzt schon in Bayern. Ein Dilemma.<\/p><p>Noch h&auml;tte Gerhard Schr&ouml;der &ndash; der ja die unselige Reformdebatte nicht erfunden hat &ndash; die Chance, die Bayern-Wahl zur Kurskorrektur zu nutzen. Damit zu warten, bis weitere Landtagswahlen verloren sind, macht wenig Sinn.<\/p><p><em>&copy; S&uuml;ddeutsche Zeitung \/  25. September 2003<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durchhalten, die falsche Konsequenz. 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