{"id":350,"date":"2004-08-13T11:52:11","date_gmt":"2004-08-13T10:52:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=350"},"modified":"2016-03-29T09:19:36","modified_gmt":"2016-03-29T07:19:36","slug":"noch-eine-informationskampagne-zur-agenda-sie-wird-auch-nicht-daruber-hinwegtauschen-konnen-um-was-es-in-wahrheit-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=350","title":{"rendered":"Noch eine Informationskampagne zur Agenda \u2013 Sie wird auch nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen k\u00f6nnen, um was es in Wahrheit geht"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Warum? Machen wir die Agenda 2010&ldquo; konnten wir in den letzten Wochen in einer Anzeigenserie der Bundesregierung nachlesen. Die Umfragen und die zunehmenden Proteste beweisen, dass diese Informationskampagne offenbar nicht viel gebracht hat. Jetzt soll eine neue Kampagne her. Das Geld daf&uuml;r kann man sich sparen. Die Agenda hat kein Vermittlungsproblem, die Leute wissen ziemlich genau, worum es in Wahrheit geht. Die Globalisierungsthese oder die demographische Entwicklung taugen als Begr&uuml;ndungen nicht, in Wahrheit geht es um den Einstieg in einen Systemwechsel von der &bdquo;sozialen Marktwirtschaft&ldquo; zur anglo-amerikanischen Form des marktradikalen Kapitalismus; diese Abkehr vom Grundkonsens des sozialen Ausgleichs wollen die Menschen nicht und deshalb hilft die beste Vermittlung der Agenda nichts.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r die Anh&auml;nger der Agenda-Politik &ndash; und das sind alle im Bundestag vertretenen Fraktionen und der weitaus &uuml;berwiegende Teil der Medien &ndash; ist die mangelnde, ja sogar zunehmend schwindende Akzeptanz der angeblich &bdquo;notwendigen&ldquo; und &bdquo;alternativlosen&ldquo; &bdquo;grundlegenden Strukturreformen&ldquo; vor allem ein Problem mangelnder oder schlechter Vermittlung oder allenfalls noch von &bdquo;handwerklichen Fehlern&ldquo;. <\/p><p>&bdquo;Warum? Darum!&ldquo; Mit Anzeigen und Plakaten unter dieser Schlagzeilen versuchte die Bundesregierung die Richtigkeit ihres &bdquo;Reformkurses&ldquo; mit Argumenten zu begr&uuml;nden. Offenbar mit so wenig Erfolg, dass jetzt eine millionenteure weitere Informationskampagne her muss.<br>\nOb sie mehr Zustimmung schaffen kann, darf schon jetzt bezweifelt werden. Der Grund ist ganz einfach: Die Wahrheit oder die wirkliche Begr&uuml;ndung f&uuml;r Hartz, f&uuml;r die Teilprivatisierung und die Senkung der Renten, f&uuml;r die Selbstbeteiligung an den Gesundheitskosten oder f&uuml;r andere Einsparungen beim Sozialstaat werden verschwiegen. <\/p><p>Um was geht es denn bei den <strong>Arbeitsmarkt-&bdquo;Reformen&ldquo;<\/strong> in Wahrheit: Ohne Zweifel, auch durch eine bessere Vermittlung k&ouml;nnen mehr Menschen wieder in Arbeit gelangen. Sicher kann man auch mehr Arbeitslose zur Arbeit &bdquo;motivieren&ldquo;, wenn man ihnen jede Arbeit (bis zur Grenze von Sitte und Anstand) zumutet, wenn sie bis zur Bed&uuml;rftigkeit an das erarbeitete Ersparte herangehen m&uuml;ssen oder wenn man ihnen bei Renitenz sogar noch mit dem Entzug der Hilfe droht. Damit kann man Menschen in Billigjobs zwingen, aber wohl kaum neue Arbeitspl&auml;tze schaffen, f&uuml;r die ein Lohn bezahlt wird, der zum &Uuml;berleben in einer &bdquo;Hochpreis&ldquo;-Gesellschaft notwendig ist.<br>\nDa kann man noch so viel &bdquo;vermitteln&ldquo;, die Leute erkennen doch, dass es den meisten Langzeitarbeitslosen schlechter gehen soll &ndash; weil man sie &bdquo;fordern&ldquo; will.<br>\nDahinter verbirgt sich aber noch eine ganz andere Wahrheit: Man will Geld bei der Arbeitslosenversicherung und (wegen der &bdquo;angespannten Haushaltslage&ldquo;) bei den staatlichen Zusch&uuml;ssen f&uuml;r die Arbeitslosen sparen und man will partout vermeiden, dass der Prozentsatz der Arbeitslosenversicherung auf eine ausk&ouml;mmliche Finanzierung steigen muss, weil damit die Lohnnebenkosten f&uuml;r die Arbeitgeber steigen w&uuml;rden. Die wahren Gr&uuml;nde sind also: <strong>Senkung der Staatsquote (&bdquo;Sparen&ldquo;) und Senkung der Lohn- (neben-) kosten.<\/strong> <\/p><p>Um was geht es bei der <strong>Gesundheits-&bdquo;Reform&ldquo;<\/strong> in Wahrheit: Ohne Zweifel, kann man durch Praxisgeb&uuml;hren die Zahl der Arztbesuche senken. Sicher kann man durch die Streichung von Zahnersatz, der Leistungen f&uuml;r Sehhilfen, der Leistungen f&uuml;r Kranken- oder Sterbegeld die gesetzlichen Krankenkassen &bdquo;entlasten&ldquo; und durch die Erh&ouml;hung der Eigenbeteiligung bei den Rezepten kann man die Einnahme von Medikamenten drosseln. Da kann man noch so gut &bdquo;vermitteln&ldquo;, die Leute erkennen doch, dass sie am Ende schlechter abgesichert sind und (privat) mehr bezahlen m&uuml;ssen.<br>\nAuch bei dieser Reform geht es in Wahrheit um etwas ganz anderes: Man will die (im Verh&auml;ltnis zum Bruttosozialprodukt keineswegs so stark) angestiegenen Kosten des Gesundheitswesens (im Verh&auml;ltnis von 17 Milliarden zu weniger als einer Milliarde Einsparungen bei der Pharmaindustrie) von den Kassen auf die privaten Haushalte verlagern und so wiederum die (f&auml;lschlicher Weise so genannte) <strong>Staatsquote senken<\/strong> und dar&uuml;ber hinaus durch die (allerdings wohl nur marginale) Senkung der Krankenkassenbeitr&auml;ge die von den Unternehmen mitzutragenden <strong>Lohnnebenkosten verringern<\/strong>. <\/p><p>Um was geht es bei den <strong>Renten-&bdquo;Reformen&ldquo;<\/strong> in Wahrheit: Ohne Zweifel, kann man durch die Anhebung des Renteneintrittsalters und entsprechender Abschl&auml;ge, durch Nullrunden, durch Verschiebung des Auszahlungstermins oder durch einen &bdquo;Nachhaltigkeitsfaktor&ldquo; bei der Rentenversicherung einsparen. Da kann man noch so gut &bdquo;vermitteln&ldquo;, die Leute erkennen doch, dass die Rente sinken und es ihnen schlechter gehen wird. In Wahrheit geht es wiederum um die <strong>Senkung der Staatszusch&uuml;sse<\/strong>, hier zur gesetzlichen Rentenversicherung durch die Teilprivatisierung der Altersvorsorge und um die Deckelung der Rentenbeitrags&auml;tze zur <strong>Stabilisierung der Lohnnebenkosten<\/strong> bei der parit&auml;tisch finanzierten gesetzlichen Altersvorsorge. <\/p><p>Um was geht es bei den <strong>Steuersenkungen<\/strong> in Wahrheit: Ohne Zweifel auch um eine Entlastung der kleineren Einkommen, vor allem aber (das kann man schon daran ablesen, wie hoch die jeweiligen Prozents&auml;tze bei den Absenkungen sind) der hohen Einkommen. Richtig mag auch sein, dass durch mehr verf&uuml;gbares Einkommen mehr konsumiert und durch h&ouml;here Gewinne auch mehr investiert werden k&ouml;nnte. Am h&ouml;heren Konsum hapert es aber immer noch (u.a. weil man viel mehr Geld f&uuml;r die private Risikoabsicherung bei Gesundheit und Altersvorsorge zahlen muss) und die dreistelligen Milliardengeschenke bei den unternehmensbezogenen Steuern haben weder zu einem kr&auml;ftigen Anstieg der Investitionen geschweige denn zu mehr Besch&auml;ftigung gef&uuml;hrt. Da Deutschland in Europa die niedrigste Steuerquote nach der Slowakei hat, geht es in Wahrheit aber darum, dem Staat die Einnahmen zu entziehen, mit denen er den Sozialstaat finanzieren und vor allem auch eine aktive Struktur- und Konjunkturpolitik zu einer aktiven Wachstums- und Arbeitsmarktpolitik betreiben k&ouml;nnte. &bdquo;Starve the Beast&ldquo;, also hungert den Staat aus, hie&szlig; der Schlachtruf der Reaganomics, denn der Markt kann alles besser. Es geht also letztlich um den Kampf zwischen Markt und Staat. <\/p><p>Die Begr&uuml;ndung der &bdquo;Agenda&ldquo;- Politik l&auml;sst sich im Wesentlichen auf zwei Wahrheiten reduzieren: <\/p><ul>\n<li>Senkung der Staatsquote durch K&uuml;rzung von Sozialleistungen und Privatisierung der Kosten f&uuml;r die Risikoabsicherung und<\/li>\n<li>Senkung der Lohn- bzw. Lohnnebenkosten.<\/li>\n<\/ul><p>Der Hebel daf&uuml;r sind die Steuersenkungen und damit das Zur&uuml;ckdr&auml;ngen des Staates oder der Politik aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben. <\/p><p>Die Lekt&uuml;re eines Aufsatzes des Bielefelder &Ouml;konomen Siegfried Katterle mit dem Titel &bdquo;Alfred M&uuml;ller-Armacks Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung des Dritten Weges&ldquo;, regt mich zu der These an, dass die &bdquo;Reform-Agenda&ldquo; letztlich eine Schw&auml;chung und partielle Aufk&uuml;ndigung des ordnungspolitischen Grundkonsenses einer Sozialen Marktwirtschaft als Errungenschaft eines europ&auml;ischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells bedeutet. <\/p><p>Das, was einer der V&auml;ter der Sozialen Marktwirtschaft, Alfred M&uuml;ller-Armack als deren &bdquo;konstituierendes Prinzip&ldquo; angesehen hat, n&auml;mlich den &bdquo;sozialen Ausgleich&ldquo; als ein neben der Freiheit &bdquo;integrierender Bestandteil&ldquo; der Wirtschaftsordnung, die &bdquo;sozialkulturelle Einbettung des Marktes durch eine verantwortliche Gesellschaft und ihren Sozialstaat&ldquo; &ndash; das was Michel Albert den Rheinischen Kapitalismus nannte -, soll zugunsten einer &bdquo;sozial gleichg&uuml;ltigen Hegemonie des Marktes&ldquo;, also einer &bdquo;freien&ldquo;, nicht sozial gebundenen Marktwirtschaft amerikanischer oder englischer Pr&auml;gung zur&uuml;ckgedr&auml;ngt oder gar abgeschafft werden. Der &bdquo;freie&ldquo; Wettbewerb und nicht mehr die soziale Steuerung des Marktes soll zum normativen Ordnungsprinzip der Gesellschaft werden.<br>\nVielleicht erkl&auml;rt dieser Paradigmenwechsel, warum die Bef&uuml;rworter der Agenda-Politik st&auml;ndig vom Erhalt oder der Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit sprechen, obwohl unser Land doch &bdquo;Export-Weltmeister&ldquo; ist.<br>\nEs geht gar offenbar gar nicht um die Leistungsf&auml;higkeit unserer Volkswirtschaft, sondern um den &bdquo;freien&ldquo; (weltweiten) Wettbewerb um die niedrigsten Unternehmens- und kapitalbezogenen Steuern, um den Wettbewerb um m&ouml;glichst schwache Arbeitnehmerrechte, um den &bdquo;feien&ldquo; Wettbewerb um m&ouml;glichst geringe Lohn-(neben-) Kosten, um den &bdquo;freien&ldquo; Wettbewerb um die Senkung der Kosten des Sozialstaates, um die Zur&uuml;ckdr&auml;ngung eines vorausschauend gestaltenden, sozial steuernden Staates. <\/p><p>Die Apotheose des &bdquo;freien&ldquo; Wettbewerbs und das blinde Vertrauen in die Selbstheilungskr&auml;fte des Marktes zusammen mit der Behauptung der Ineffektivit&auml;t staatlicher Konjunktur- und Strukturpolitik mag auch eine Erkl&auml;rung f&uuml;r die besch&auml;ftigungspolitische Verweigerung der gegenw&auml;rtigen Wirtschafts- und Finanzpolitik sein. <\/p><p>Es war die &bdquo;soziale Marktwirtschaft&ldquo; die das Wirtschaftswunder hervorgebracht hat. Welche wirtschaftlichen Wunder haben eigentlich der Thatcherismus oder die Reaganomics vollbracht? <\/p><p>(Die Anregung zu diesem Beitrag entnehme ich einem Aufsatz von Siegfried Katterle, Alfred M&uuml;ller-Armacks Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung des Dritten Weges, Sonderdruck aus Sozialpolitik und Sozial&ouml;konomik &ndash; Soziale &Ouml;konomie im Zeichen der Globalisierung, Festschrift f&uuml;r Lothar F. Neumann, Marburg 2000)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Warum? Machen wir die Agenda 2010&ldquo; konnten wir in den letzten Wochen in einer Anzeigenserie der Bundesregierung nachlesen. Die Umfragen und die zunehmenden Proteste beweisen, dass diese Informationskampagne offenbar nicht viel gebracht hat. Jetzt soll eine neue Kampagne her. Das Geld daf&uuml;r kann man sich sparen. Die Agenda hat kein Vermittlungsproblem, die Leute wissen ziemlich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=350\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,25,188,123],"tags":[282,233,312,528,443],"class_list":["post-350","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-lohnnebenkosten","category-bundesregierung","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-buergerproteste","tag-marktliberalismus","tag-reformpolitik","tag-soziale-marktwirtschaft","tag-standortwettbewerb"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/350","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=350"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/350\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32541,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/350\/revisions\/32541"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=350"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=350"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=350"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}