{"id":3503,"date":"2008-10-10T11:37:12","date_gmt":"2008-10-10T09:37:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3503"},"modified":"2015-11-09T14:47:48","modified_gmt":"2015-11-09T13:47:48","slug":"krieg-dem-poebel-die-neuen-unterschichten-in-der-soziologie-deutscher-professoren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3503","title":{"rendered":"\u201eKrieg dem P\u00f6bel\u201c. Die neuen Unterschichten in der Soziologie deutscher Professoren"},"content":{"rendered":"<p>Die Entdeckung der &bdquo;neuen Unterschicht(en)&ldquo; zu Beginn des neuen Jahrtausends ist kein so&shy;ziologisches, kein wissenschaftliches Datum, sondern das Produkt einer der politischen Pro&shy;paganda dienenden &bdquo;&ouml;ffentlichen Soziologie&ldquo;, in der einige Wissenschaft&shy;ler &ndash; vor allem Paul Nolte und Heinz Bude &ndash; als professorale Autorit&auml;ten, aber auch als akti&shy;ver Teil einer publizistischen Welle fungieren. Diese hat in Deutschland nicht zuf&auml;llig im Jahr 2004 einen H&ouml;hepunkt erreicht: Sie begleitete und legitimierte die Einf&uuml;hrung von &bdquo;Hartz IV&ldquo;: die Abkehr vom bis dahin dominierenden sozialstaatliche Ziel der Statussicherung hin zum Ziel der Existenzsicherung.<br>\nEine Kritik des Lehrers in einer Abendhauptschule Hans Otto R&ouml;&szlig;er.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;Krieg dem P&ouml;bel&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Die &bdquo;neue(n) Unterschicht(en)&ldquo; in der &bdquo;&ouml;ffentlichen Soziologie&ldquo; deut&shy;scher Professoren<\/strong><\/p><p><em>Von Hans Otto R&ouml;&szlig;er<\/em><\/p><p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p><p>Wer, wie der Autor, als Lehrer in einer Abendhauptschule mit jungen Erwachsenen daran arbeitet, dass diese mit dem nachgeholten Hauptschulabschluss wenigstens formal einen leichten Zugewinn an sozialen Chancen erlangen, ist damit konfrontiert, dass selbst die Aufgabenvorschl&auml;ge f&uuml;r die Abschluss&shy;pr&uuml;fungen von Ressentiments gegen&uuml;ber den Pr&uuml;flingen bestimmt sind. Sie sehen in ihnen bzw. in den Angeh&ouml;rigen ihres &bdquo;Milieus&ldquo; M&auml;ngelwesen, die Praktiken der &Uuml;berwachung, der Ermahnung und des Bestrafens unterworfen werden m&uuml;ssen. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Diese Wahrnehmung wird in diesem Beitrag in die Kontinuit&auml;t b&uuml;rgerlicher Wahrnehmungen der &bdquo;unteren Klas&shy;sen&ldquo; gestellt und im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte &uuml;ber die sogenannten neuen Unterschichten\/die neue Unter&shy;schicht (der beliebige Wechsel vom Singular in den Plural und umgekehrt ist bereits ein Symptom) diskutiert. <\/p><p><strong>Das Konstrukt der &bdquo;neuen Unterschicht(en)&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Entdeckung der &bdquo;neuen Unterschicht(en)&ldquo; zu Beginn des neuen Jahrtausends ist kein so&shy;ziologisches, kein wissenschaftliches Datum, sondern das Produkt einer der politischen Pro&shy;paganda dienenden &bdquo;&ouml;ffentlichen Soziologie&ldquo; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] (Bude 2008, S. 7), in der einige Wissenschaft&shy;ler (v. a. Nolte 2004, Bude 2008) als professorale Autorit&auml;ten, aber auch als akti&shy;ver Teil einer publizistischen Welle fungieren. Diese hat in Deutschland nicht zuf&auml;llig im Jahr 2004 einen H&ouml;hepunkt erreicht: Sie begleitete und legitimierte die Einf&uuml;hrung von &bdquo;Hartz IV&ldquo;: die Abkehr vom bis dahin dominierenden sozialstaatliche Ziel der Statussicherung hin zum Ziel der Existenzsicherung. Die Lagen von Langzeitarbeitslosen und Sozialhilfeempf&auml;n&shy;gern gleichen sich auf dem Niveau der Sozialhilfe an. Diese Beschr&auml;nkung der Transferein&shy;kommen soll, verbunden mit weiteren Sanktionsm&ouml;glichkeiten (h&auml;rtere Zumutbarkeitsklau&shy;seln, Leistungsentzug, Kontrollen usw.), die Betroffenen zur &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; &bdquo;aktivie&shy;ren&ldquo; (vgl. Bescherer, D&ouml;rre, R&ouml;benack, Schierhorn 2008, S.17; zur medialen Zurichtung des Themas vgl. Kessl 2005).<\/p><p>Dem &bdquo;Paradigma&ldquo; des &bdquo;aktivierenden Sozialstaates&ldquo; liegt die Vor&shy;stellung zugrunde, dass die Verfestigung von aus dem Produktionsprozess Ausgeschlossenen zu relativ stabilen Armuts&shy;gruppen &bdquo;neuer Unterschichten&ldquo; im Wesentlichen nicht auf Ver&auml;n&shy;derungen des kapitalisti&shy;schen Produktionsprozesses und einer sie bef&ouml;rdernden Wirtschafts&shy;politik zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sei, sondern auf zu hohe sozialstaatliche Transferleistungen. Diese beg&uuml;nstigten die Herausbil&shy;dung eines &bdquo;Sozialhilfeadels&ldquo;, dessen &bdquo;Unterschichtenkultur&ldquo; zu&shy;nehmend auf Distanz zur Norm einer auf eigener Arbeit beruhenden individuellen Reproduk&shy;tion gehe. Kessl schreibt den Begriff des &bdquo;Sozialhilfeadels&ldquo; dem Mitinitiator des Bundespro&shy;gramms zur Stadtentwick&shy;lung &bdquo;Soziale Stadt&ldquo;, Rolf-Peter L&ouml;hr, zu, der im November 2002 innerhalb eines 12-seitigen Artikels im Stern mit der &bdquo;Beobachtung&ldquo; zitiert wird, diese Men&shy;schen w&uuml;ssten &bdquo;gar nicht mehr, wie das ist, morgens aufstehen, sich rasieren, vern&uuml;nftig an&shy;ziehen und zur Arbeit fah&shy;ren&ldquo;. Wieder einmal wird eine Unterscheidung zwischen &bdquo;anst&auml;ndi&shy;ger&ldquo; und &bdquo;verwerflicher&ldquo; Armut getroffen. Das Bild der &bdquo;verwerflichen&ldquo; Armut st&uuml;tzt sich in der Regel nicht auf (ei&shy;gene) empirische Forschung, sondern auf ein Medienbild. Die &bdquo;&ouml;ffent&shy;lichen Soziologen&ldquo; und die Medien, insbesondere BILD und das &bdquo;Unterschichtenfernsehen&ldquo;, bilden einen Kreislauf der wechselseitigen Beglaubigung und Legitimierung, wobei den Me&shy;dien die Doppelrolle des Beweises und Symptoms zukommt (vgl. Winkler 2007, S. 107 f.; Heite u.a. 2007, S. 59-65).<\/p><p>Angesichts dieses Kontextes verwundert es nicht, dass man in diesen Texten und auch in de&shy;nen der &bdquo;wissenschaftlichen&ldquo; Stichwortgeber nichts &uuml;ber die Entstehungsbedingungen dieser &bdquo;neuen Unterschicht(en)&ldquo; erf&auml;hrt. Lediglich bei Heinz Bude findet man hierzu ein paar knappe Hinweise: &bdquo;Die Gruppe der Ausgeschlossenen w&auml;chst im Gefolge einer funktionalen Arbeitsteilung, die die wissensbasierte und dienstleistungsorientierte Facharbeit zum Nor&shy;malmodell einer industriellen Hochproduktivit&auml;ts&ouml;konomie werden l&auml;sst. [&hellip;] Selbst die La&shy;gerarbeit ist keine einfache T&auml;tigkeit mehr, die man im Pack-an- und Hau-weg-Stil bew&auml;ltigen k&ouml;nnte, sondern verlangt aufgrund der informationellen Darstellung der betrieblichen Abl&auml;ufe gewisse systemanalytische Kompetenzen.&ldquo; (Bude 2008, S. 22) Budes &bdquo;St&uuml;ck &ouml;ffentlicher So&shy;ziologie&ldquo; hat allerdings den Nachteil, zu einem Zeitpunkt zu intervenieren, als die neoliberale Jagd auf die Unterschichten-Gespenster ihre erste publizistische Welle schon hinter sich hat, sie hat jedoch auch den Vorteil, schon aus Gr&uuml;nden der Distinktion, kl&uuml;ger sein zu m&uuml;ssen als etwa Nolte oder andere Ghostbusters.<\/p><p>Mit diesen teilt er aber die &bdquo;Einsicht&ldquo; oder besser den zynischen Realismus, dass die &bdquo;neuen Unterschichten&ldquo; gekommen sind, um zu bleiben. &bdquo;Es ist nicht zu erkennen, wie sie aus der Welt zu schaffen w&auml;ren [&hellip;].&ldquo; (Ebd., S. 20) Bereits Nolte polemisiert gegen die &bdquo;Illusion&ldquo;, &bdquo;die Armut abschaffen, die Unterschicht kollektiv zu einer b&uuml;rgerlichen Mittelklasse machen oder soziale Ungleichheit &uuml;berhaupt aufheben zu k&ouml;nnen&ldquo; (Nolte 2004, S. 44)<\/p><p>Dieses Bekenntnis zu Klassen, Klassenunterschieden und Ungleichheit, das Pl&auml;doyer f&uuml;r Klassenbewusstsein &bdquo;als ein Projekt b&uuml;rgerlicher Aufkl&auml;rung&ldquo; (ebd., S. 45) mag in einer Ge&shy;sellschaft, der eingeredet wurde, die &bdquo;soziale Marktwirtschaft&ldquo; sei etwas anderes als Kapita&shy;lismus und Klassengesellschaft, einen gewissen Sensationswert haben, in England oder in den USA oder sonst wo auf der Welt ist dieser deutsche Professorenmut ein alter Hut, so wie man zu dem Bekenntnis zu Klassen und Ungleichheit bei gleichzeitiger vehementer Ablehnung des Klassenkampfes (ebd., S. 44 und S. 55) bereits Einschl&auml;giges in der &bdquo;&ouml;ffentlichen Soziologie&ldquo; von &bdquo;Mein Kampf&ldquo; finden kann.<\/p><p>Wenn in diesem &bdquo;Projekt b&uuml;rgerlicher Aufkl&auml;rung&ldquo; wie bei seinen Vorl&auml;ufern die Anatomie der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft und ihr Geheimnis weitgehend unerhellt bleiben und &uuml;ber Ge&shy;nese und Struktur der &bdquo;neuen Unterschichten&ldquo; kein Wort verloren wird, dr&auml;ngt sich die Frage auf, worauf sich der Befund eines &bdquo;Neuen&ldquo; &uuml;berhaupt bezieht.<\/p><p>Gem&auml;&szlig; des interessierten Tunnelblicks einer &bdquo;kulturalistischen Klassentheorie&ldquo; (so Kessl &uuml;ber Nolte) kann dieses &bdquo;Neue&ldquo; nur in Verhaltensdispositionen liegen: Es gibt &bdquo;die neuen Formen einer Alltagskultur der Unterschichten, die nicht mehr durchweg einer Assimilation an die b&uuml;rgerlichen Mittelschichten folgt, sondern sich durch &auml;u&szlig;ere Abgrenzung zu behaupten sucht [&hellip;], sich damit aber zugleich auch verfestigt und einkapselt.&ldquo; (Nolte 2006, S.96) Bude se&shy;kundiert ihm: &bdquo;So zeigt sich die Unterschicht als eine Kultur eigener Art [&hellip;].&ldquo; (2008, S. 126) <\/p><p>Zum Beleg dieser zentralen These der gesamten &bdquo;Unterschichtendebatte&ldquo; werden ganze Sze&shy;narien der &bdquo;Barbarei&ldquo; entworfen: Tattoos und Piercings, dicke Kinder, Bewegungsmangel und Fehlern&auml;hrung, Videotheken, Gameboy und Premiere-Abonnement, Tabak, Alkohol und Lottospiel, ungez&uuml;gelte Vermehrung bei Unf&auml;higkeit zur Erziehung (&bdquo;Armut macht Kinder&ldquo;), Unterschichtenfernsehen [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]. Das Schlimmste: Sonntags gehen diese Leute nicht mehr in guten Anz&uuml;gen, sondern in Jogginganz&uuml;gen auf die Stra&szlig;e (Nolte 2004, S. 56). Man sieht jetzt, wo&shy;her der Ex-Gr&uuml;ne Oswald Metzger, der inzwischen mithilfe der CDU K&auml;lber sucht, die ihn w&auml;hlen, seine Erkenntnis bezieht, Sozialhilfeempf&auml;nger s&auml;hen &bdquo;ihren Lebenssinn darin, Koh&shy;lehydrate oder Alkohol in sich hinein zu stopfen, vor dem Fernseher zu sitzen und das Gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen&ldquo; (siehe Eintrag bei Wikipedia mit weiterer Quel&shy;lenangabe). Da es bei diesen Schreckgebilden um Erkl&auml;rungshaltigkeit am wenigsten an&shy;kommt, bekommen im Vor&uuml;berschrei\/b\/t\/en gleich auch noch die &bdquo;68er&ldquo; und die DDR eine Mitschuld daran zugemessen, dass das &bdquo;Leitbild der Verb&uuml;rgerlichung in den unteren Schichten&ldquo; als Norm und kulturelle Praxis zerbr&ouml;ckelt sei (ebd., S. 67); Eva Herrmann l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en.<\/p><p>Heinz Bude, beim Versuch, aus publizistischen Standortnachteilen Distinktionsgewinne zu schlagen, mokiert sich &uuml;ber den &bdquo;Auftritt neuer unbez&auml;hmbarer Gesellschaftstiere&ldquo; (Bude 2008, S. 116) und diagnostiziert: &bdquo;F&uuml;r die Perspektive der Mitte ist es typisch, dass sie den Abstand &uuml;bertreibt und die Differenz d&auml;monisiert.&ldquo; (Ebd., S. 120) Aber auch er sieht in den Augen m&auml;nnlicher Heranwachsender der Unterschichten eine Energie blitzen, &bdquo;die zu allem f&auml;hig scheint&ldquo; (ebd., S. 10), und entdeckt an &bdquo;Orten des st&auml;dtischen Exils&ldquo; einen &bdquo;Kult der spektakul&auml;ren [?!] Lebensf&uuml;hrung, an dem alle zivilisatorischen Sekund&auml;rtugenden wie P&uuml;nktlich&shy;keit, Korrektheit und Ordentlichkeit verblassen&ldquo; (ebd., S. 65). Das eint ihn mit sei&shy;nem nie genannten, daher geheimen Konkurrenten um die Deutungshoheit &uuml;ber die &bdquo;Unter&shy;schicht&ldquo; Nolte, der das unzivilisierte Verhalten der &bdquo;Unterschicht&ldquo; mit dem &bdquo;universalisti&shy;schen An&shy;spruch&ldquo; der b&uuml;rgerlichen Werte &bdquo;wie Leistung und Disziplin, Bildung und Beneh&shy;men, H&ouml;f&shy;lichkeit und Toleranz&ldquo; konfrontiert (Nolte 2004, S. 66).<\/p><p>Der pragmatische Sinn dieser Szenarien besteht darin, den Abbau des Sozialstaates zu legiti&shy;mieren. Bude beklagt, dass &bdquo;individuell zuerkannte und verabreichte Zahlungen [&hellip;] zur Z&uuml;chtung einer Kultur der Abh&auml;ngigkeit&ldquo; gef&uuml;hrt h&auml;tten (Bude 2008, S. 16); die Einschr&auml;n&shy;kung oder Streichung dieser Leistungen kann dann als Befreiung von Abh&auml;ngigkeit verkauft werden. Transfereinkommen bef&ouml;rdern die Faulheit, das Sich-bequem-Machen in der &bdquo;sozia&shy;len H&auml;ngematte&ldquo;. Sie f&uuml;hren zu einer &bdquo;f&uuml;rsorglichen Vernachl&auml;ssigung&ldquo;, und zwar &bdquo;in sozialer und kultureller Hinsicht&ldquo; (Nolte 2004, S. 68 f.). Das Geld des Sozialstaates d&uuml;rfe nicht f&uuml;r die konsumtiven Ausgaben des &bdquo;Sozialhilfeadels&ldquo; vergeudet werden, sondern m&uuml;sse &bdquo;besser an&shy;gelegt&ldquo; werden. Es m&uuml;sse &bdquo;in soziale Infrastrukturen investiert&ldquo; werden, &bdquo;die kulturelle Gren&shy;zen aufweichen, Bildungsschranken durchbrechen, Verhaltensprobleme l&ouml;sen k&ouml;nnen&ldquo; (Nolte 2006, S. 101). Noch rabiater formuliert Nolte 2004: Man m&uuml;sse in die &bdquo;Kulturen der Armut&ldquo; intervenieren, sie herausfordern und aufbrechen, mit diesen Interventionen schon fr&uuml;hzeitig beginnen, nicht erst in der Grundschule, sondern schon im Kindergarten, und diese Interven&shy;tion mit &bdquo;sp&uuml;rbaren Zumutungen f&uuml;r die Klienten&ldquo; bis hin zu &bdquo;zero tolerance&ldquo; bewehren (S. 68-70).<\/p><p>Man kann diese Gewalt- und Bestrafungsphantasien eines deutschen Beamten in die Tradition einer Erziehung &bdquo;des Armen zur Armut&ldquo; stellen, wie dies Kessl u. a. mit vergleichenden Hin&shy;weisen auf Pestalozzi tut (Kessl 2005 und 2007). Aber das ist nur ein geistesgeschichtlicher Befund. Im Epochenumbruch vom Feudalismus zum Kapitalismus konnte das B&uuml;rgertum noch die Illusion haben, dass die Armut mit Antritt seiner Herrschaft und der Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverh&auml;ltnisse verschwinde. Heute kann jeder wissen, dass solche Erziehungsprogramme daran scheitern, dass die Versprechungen, die sie ihren &sbquo;Klienten&rsquo; ma&shy;chen, nicht gehalten werden k&ouml;nnen. Heinz Bude ist auch hier einmal wieder immer schon da: &bdquo;Das Programm der Aktivierung und Mobilisierung erzeugt unweigerlich eine Restkategorie von Menschen, die sich trotz aller Angebote und Anreize nicht aktivieren und mobilisieren lassen.&ldquo; (Bude 2008, S. 28) Dieser Realismus ist exemplarisch f&uuml;r Bude und den Qualit&auml;ts&shy;unterschied zwischen seiner und Noltes &bdquo;&ouml;ffentlicher Soziologie&ldquo;. Bude k&uuml;ndigt die zitierte Einsicht mit einem Hinweis auf einen &bdquo;perversen Effekt&ldquo; des &bdquo;aktivierenden Sozialstaates&ldquo; an. Die Ausformulierung dieser Einsicht indes zeigt, dass die Wirkungslosigkeit der Aktivie&shy;rungsma&szlig;nahmen letztlich auf die Verweigerung der zu Begl&uuml;ckenden zur&uuml;ckgef&uuml;hrt wird. Damit gew&auml;hrt sie einen Einblick in die ideologische Funktion dieser Phantasien einer kultu&shy;rellen Erziehung der &bdquo;Unterschichten&ldquo;: Sie subjektiviert Armut zu einem selbstgew&auml;hlten Los. Wer arm bleibt, ist selber schuld. Die letzte Konsequenz dieser &bdquo;Moralisierung&ldquo; von Armut und sozialer Ungleichheit (Chass&eacute; 2007, S. 20, 22) wird trotz allem Zynismus nur angedeutet, aber nicht ausgesprochen: Wenn der herk&ouml;mmliche Sozialstaat beseitigt werden muss, weil er an&shy;geblich die Armut und die sie verfestigende Kultur der Armut erst erzeugt, der durch &ouml;kono&shy;mischen Druck &bdquo;aktivierende&ldquo; Staat aber nur begrenzt wirken kann, stellt sich doch die Frage, was mit denen gesehen soll, bei denen die menschenbegl&uuml;ckende Repression nicht verf&auml;ngt. Logisch w&auml;re die Antwort: Sie sind sich selber zu &uuml;berlassen. So wie die Diagnose der &bdquo;neuen Unterschichten&ldquo; alles andere als neu ist, sondern eine weitere Variante der Sinn&shy;verkehrungs&shy;these darstellt, die zum eisernen Bestand einer Rhetorik der Reaktion gegen&uuml;ber den Zivilisie&shy;rungssch&uuml;ben seit der Franz&ouml;sischen Revolution geh&ouml;rt: &bdquo;Erdacht, den Elenden zu helfen, wurden die Armengesetze zur Grundursache des Elends&ldquo; (Edward Bulwer-Lytton 1837, zitiert bei Hirschman 1995, S. 37; weitere Hinweise und Quellen bei Lindner 2008, S. 9-17) [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>], so landet die ihr implizite Handlungsanleitung letztlich im Sozialdarwinismus: Wer sich nicht &sbquo;aktivieren&rsquo; l&auml;sst, ist es nicht wert, aufgep&auml;ppelt zu werden, sondern verdient es, zugrunde zu gehen (vgl. kritisch Winkler 2007, S. 111 f.).<\/p><p>Bei Nolte versteckt sich dieser zynische Realismus hinter dem Selbstwiderspruch, kulturelle Aufstiegsversprechen zu machen und gleichzeitig der Armut eine unver&auml;nderbare Stabilit&auml;t zu attestieren. Die &bdquo;Bewegungsform&ldquo;, die sich dieser Widerspruch sucht, besteht darin, dass dem Erziehungsprogramm mehr oder weniger stillschweigend ein Programm des Abschottens, Sich-selbst-&Uuml;berlassens und der Repression unterlegt ist. Da das Sich-selbst-Einkapseln der Unterschichten &ouml;konomisch auf Alimentierungen durch die Mittelschichten beruht, die sich damit aber nicht erkaufen k&ouml;nnen, dass die &bdquo;Unterschichten&ldquo; aus ihrem Alltag verschwinden, anstatt ihre Wohn- und Einkaufswege zu kreuzen, sie zu bel&auml;stigen, zu &auml;ngstigen und zu ge&shy;f&auml;hrden, m&uuml;ssen sie durch die Staatsapparate und gegebenenfalls durch Sicherheitsdienste und B&uuml;rgerwehren &bdquo;eingekapselt&ldquo; werden. Die Tragweite dieser Phantasie einer modernen &bdquo;Ein&shy;hegung&ldquo; wird bei Nolte da deutlich, wo er sich zu den &bdquo;politischen Perspektiven&ldquo; einer &bdquo;ris&shy;kanten Moderne&ldquo; &auml;u&szlig;ert. Noltes &bdquo;kulturalistische Klassentheorie&ldquo; hebt an mit der Verabschie&shy;dung des &bdquo;Traums von der sozialen Harmonie&ldquo; (2006, S. 89), unter den er nicht nur Sozialis&shy;mus und Kommunismus und den Faschismus (!?) subsumiert, sondern auch das Projekt des Wohlfahrtsstaates im Golden Age des Kapitalismus zwischen 1948 und 1973. Noltes &bdquo;kultu&shy;ralistische Klassentheorie&ldquo;, die wie die von ihm kritisierte &bdquo;homogene Volksgemeinschaft&ldquo; des europ&auml;ischen Faschismus und deutschen NS Klassen bef&uuml;rwortet, aber den Klassenkampf verteufelt, endet mit der Absage an die &bdquo;Utopie einer vollst&auml;ndigen Demokratisierung aller Lebensbereiche&ldquo;. An ihrer Stelle komme es darauf an, den &bdquo;Kern der Demokratie zu konsoli&shy;dieren&ldquo; (ebd., S. 285). Wenn den &bdquo;Unterschichten&ldquo; nur noch eine Perspektive &bdquo;jenseits des Konsums&ldquo; angeboten werden kann, da die &bdquo;Expansion des Wohlstandes [&hellip;] kein Naturge&shy;setz&ldquo; sei (ebd., S. 291 ff., S. 92), wenn es f&uuml;r sie nur die Perspektive einer imagin&auml;ren, nicht einer realen Integration gibt, weil Armut und Ungleichheit nicht zu beseitigen sind, muss ih&shy;nen jede Einflussnahme auf den politischen Prozess verwehrt werden. 33 Jahre vor Nolte nannte die FAZ das, was bei ihm &bdquo;Kern der Demokratie&ldquo; hei&szlig;t, die &bdquo;Essenz der Verfassung&ldquo;. <\/p><p><strong>Learning to Labour. Die Logik kultureller Formen: Einsicht und Selbstausschluss am Ende des Golden-Age-Kapitalismus<\/strong><\/p><p>Die Seite 49 des Buches von Bude enth&auml;lt ein bemerkenswertes Bekenntnis, n&auml;mlich dass &bdquo;&uuml;ber das Denken, F&uuml;hlen und Wollen dieses Typs von Abgeh&auml;ngten und Bedrohten nichts bekannt ist&ldquo;. Das bezieht sich auf das &bdquo;abgeh&auml;ngte Prekariat&ldquo; in den &ouml;stlichen Bundesl&auml;ndern und l&auml;sst Skepsis aufkommen gegen&uuml;ber den &sbquo;Reflexionen&rsquo; des Verfassers &uuml;ber Ostm&auml;nner an Tankstellen, l&auml;sst sich aber auch auf die &sbquo;Beobachtungen&rsquo; und Beurteilungen anderer Gruppen der &bdquo;Ausgeschlossenen&ldquo; beziehen. Von Nolte w&auml;re ein solches Bekenntnis gar nicht erst zu erwarten, da f&uuml;r ihn die Eigensicht der Menschen, &uuml;ber die er schreibt und urteilt, keine Be&shy;deutung hat.<\/p><p>Bude verh&auml;lt sich demgegen&uuml;ber zwiesp&auml;ltiger. Auf der einen Seite verfolgt er eine konse&shy;quente Au&szlig;ensicht und formuliert forsch und skrupellos Urteile, bei denen man durchaus und nicht nur aufgrund des zitierten Bekenntnisses fragen kann, wie es mit ihrer Erfahrungsbasis bestellt ist. So hei&szlig;t es &uuml;ber die jungen M&auml;nner und Heranwachsenden der &bdquo;Unterschicht&ldquo;: &bdquo;Diese von Stolz und Ehre bewegten Gruppen scheinen f&uuml;r das meritokratische Normalpro&shy;gramm von m&uuml;hsamer Leistungsvorlage und ungewisser Erfolgspr&auml;mierung nicht zug&auml;nglich, sie verschreiben sich lieber dem reinen Affekt, wo eine totale Expressivit&auml;t ohne Zur&uuml;ckhal&shy;tung und Aufsparung den Ton angibt. Gerade die gutgemeinte, Verst&auml;ndnis vorgebende Auf&shy;kl&auml;rung, dass das zu nichts f&uuml;hrt und dass sie am Ende die Geschlagenen und Verlorenen sein werden, prallt an ihnen ab. Durch ihre scheinbare Immunisierung gegen&uuml;ber dem, was die Mehrheitsklasse f&uuml;r richtig h&auml;lt, machen sie sich in deren Augen zu &sbquo;radikalen Verlieren&rsquo;, die von Gef&uuml;hlen von Feindseligkeit, Misstrauen und Verachtung getrieben sind. Bevor diese sich dem Normalverfahren der Leistungsauslese und der Erfolgsdosierung f&uuml;gen, machen sie sich zum Schrecken f&uuml;r die anderen.&ldquo; (Bude 2008, S. 86 f.; Hervorhebungen d.V.)<\/p><p>Diese vier S&auml;tze sind exemplarisch f&uuml;r ein Schreibverfahren, das das ganze Buch durchzieht. Im Bewusstsein der mangelnden empirischen Fundierung seiner Aussagen und im Bewusst&shy;sein der Vorurteilspr&auml;gung der &bdquo;Perspektive der Mitte&ldquo; (ebd., S. 120, siehe auch oben) baut Bude in seine Aussagen &uuml;ber die Unteren immer wieder Distanzierungen und Relativierungen ein, die sie als Konstruktionen, als Fremdbilder erscheinen lassen. Zugleich aber nimmt er diese Relativierungen und Distanzierungen immer wieder zur&uuml;ck: S&auml;tze, die so beginnen, dass man sie als Referat einer von Bude selbst skeptisch beurteilten Meinung lesen kann, werden so fortgesetzt, dass die Leserin oder der Leser zumindest dieser Fortsetzung, in der Regel aber dann auch r&uuml;ckwirkend der distanziert dargestellten vorausgehenden Teilaussage aus der Per&shy;spektive des Autors einen Wahrheitsgehalt zurechnen muss. Dieses Changieren zwischen Distanz und Affirmation kann nur deshalb &sbquo;einigerma&szlig;en&rsquo; funktionieren, weil Bude darauf verzichtet, die von ihm richtig als D&auml;monisierung der &bdquo;Unterschichten&ldquo; identifizierte &bdquo;Per&shy;spektive der Mitte&ldquo; einer systematischen Kritik zu unterziehen. Die Relativierungen fungieren als Lizenz daf&uuml;r, Vorurteile zur reproduzieren, und erm&ouml;glichen rhetorische R&uuml;ckz&uuml;ge, sollten einzelne Aussagen auf begr&uuml;ndete und &ouml;ffentlich wirksame Kritik sto&szlig;en. Wie man es aber dreht und wendet: Bude sagt auf S. 86 f. nicht mehr und nicht weniger, als dass die jungen M&auml;nner der &bdquo;Unterschicht&ldquo; irrational sind, ihren Gef&uuml;hlen ausgeliefert, denen sie ungez&uuml;gelt Lauf lassen.<\/p><p>Andererseits wendet er sich deutlich gegen die &bdquo;g&auml;ngigen Defizithypothesen&ldquo; (ebd., S. 95), die blind sind f&uuml;r die Kompetenzen und die &bdquo;das Anderssein&ldquo; zum &bdquo;Defekt&ldquo; werden lassen (ebd., 102). Bude beruft sich in der Auseinandersetzung mit dieser Sichtweise auf die Ergeb&shy;nisse der Untersuchungen des Centre for Contemporary Cultural Studies der Universit&auml;t Bir&shy;mingham unter Federf&uuml;hrung von Paul Willis zum Verhalten von Arbeiterjugendlichen in englischen Gesamtschulen der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts (1979, 1982&sup2;; englische Aus&shy;gabe 1977). Er referiert die beobachteten Praktiken der Unterrichtsverweigerung &sbquo;ausbil&shy;dungsm&uuml;der Jugendlicher&rsquo;, das &bdquo;Rumh&auml;ngen, Bl&ouml;deln und Quatschen&ldquo; (Bude 2008, S. 93). Den &bdquo;spezifischen sozialen Sinn&ldquo; sieht er darin, dass sie ein Mittel sind, Ansehen in der Gruppe zu erlangen und dar&uuml;ber hinaus dazu dienen, Langeweile und Furcht zu vertreiben. Diese Erkl&auml;rung greift entschieden zu kurz. Etwas sp&auml;ter erw&auml;hnt er unvermittelt und ohne jede Erl&auml;uterung, dass diese Jugendlichen durch ihren &bdquo;Spa&szlig; am Widerstand&ldquo; &bdquo;am Vollzug ihres eigenen Schicksals mitwirken&ldquo; (ebd., S. 102). Leserinnen und Leser, die Willis&rsquo; Buch nicht kennen, werden mit diesen Bemerkungen nichts anfangen k&ouml;nnen.<\/p><p>Bude lobt an dem Buch von Willis die &bdquo;nach wie vor g&uuml;ltigen Beschreibungen&ldquo; (ebd., S. 139), schweigt aber zu der Fragestellung, dem Untersuchungsansatz und den Ergebnissen der Stu&shy;die.<\/p><p>In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts sind Paul Willis und seine Mitarbeiter der Frage nachgegangen, wie es kommt, dass Arbeiterkinder das mit bestem sozialdemokratischem Re&shy;formwillen auf den Weg gebrachte Angebot ablehnen, &uuml;ber die Bildungsangebote der Ge&shy;samtschule einen sozia&shy;len Aufstieg zu machen. Diejenigen, die am meisten f&uuml;r die neuen Chancen mobilisiert werden sollten, wiesen die Bildungsangebote am heftigsten zur&uuml;ck. Das &uuml;berraschende und leider nicht ganz einfache Ergebnis der Un&shy;tersuchungen von Willis an Gesamtschulen in Wolverhampton war: In den kul&shy;turellen Praxen der St&ouml;rung und Verweige&shy;rung gibt es eine Logik &bdquo;der Aufrichtigkeit und Illusionslosigkeit&ldquo;, sie enthalten &bdquo;Elemente einer profunden Kritik&ldquo;, und zwar am sozialde&shy;mokratischen Glauben, &bdquo;dass soziale Chancen durch Erziehung &sbquo;gemacht&rsquo; werden k&ouml;nnten, dass sozialer Aufstieg haupts&auml;chlich eine Frage des individuellen Strebens sei, dass Qualifi&shy;kation von selbst Wege er&ouml;ffne&ldquo; (Willis 1982, S. 197). Pers&ouml;nliche Entwicklung und gesellschaftliche Gleichheit sind nicht dasselbe. Denn selbst wenn es vielen gelingen mag, die Arbeiterklasse zu verlassen oder innerhalb von ihr h&ouml;here Berufspositionen einzunehmen, l&ouml;st sich dadurch die Klasse nicht auf: &bdquo;Zwischen wirklicher Gleichheit im Leben [&hellip;] und der blo&szlig;en Gleichheit der Chancen, diesem Banner der Bildungsreform, liegt eine ganze Welt.&ldquo; (Willis 1990, S. 11) Diesem Befund stimmt auch Bude zu, wenn er vom &bdquo;Wahn einer schulischen und erzieherischen Abschaffung von sozia&shy;lem Ausschluss&ldquo; spricht (Bude 2008, S. 105). Dieser &bdquo;Wahn&ldquo; hat freilich &bdquo;Methode&ldquo;: Er &bdquo;er&shy;setzt&ldquo; n&auml;mlich nicht nur Sozialpolitik durch Bildungspolitik, sondern erlaubt es, das Scheitern eines sozialen Aufstiegs durch Bildung den Individuen zuzurechnen: &bdquo;Faire Bildungschancen machen die teure, ineffiziente Sozialpolitik alten Stils entbehrlich. Wenn sich fast jeder selbst helfen k&ouml;nne, schw&auml;rmte schon Ludwig Ehrhard in den Anfangsjahren der Bundesrepublik, bleibe die Aufgabe des Sozialstaates darauf beschr&auml;nkt, Chancengleichheit und ein Mindest&shy;ma&szlig; an sozialer Sicherheit zu garantieren. je durchl&auml;ssiger das Bildungssystem, je leichter der soziale Aufstieg, desto schwieriger wird es f&uuml;r die Bequemeren, staatliche Transfers zu for&shy;dern. Sie m&uuml;ssen die Konsequenzen ihres Verhaltens selbst tragen.&ldquo; (Wirtschaftswoche Nr. 21, 14. 05. 1998, S. 31 [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>])<\/p><p>Der Spa&szlig; am Widerstand gegen die Schule, die Verweigerung schulischer Leistungsanforde&shy;rungen, das L&auml;cherlichmachen der Lehrer und der Anpasser und Streber ratifiziert eine Er&shy;kenntnis: dass es einen sozialen Aufstieg f&uuml;r alle durch Bildung nicht geben kann, dass die beste Bildung nichts n&uuml;tzt, wenn der Arbeitsmarkt stockt. Das Vertrackte an den kulturellen Praxen der An&shy;forderungsverweigerung, des Rausches usw. besteht darin, dass sich in ihnen Einsicht und Beschr&auml;nkung durchdringen. Die Einsichten und der illusionslose Blick auf die Realit&auml;t der betreuenden Institutionen bef&ouml;rdern eine Praxis der Selbstverurteilung und des Selbstaus&shy;schlusses. Im Eskapismus und den kleinen Rebellionen im Klassenzimmer, im Pro&shy;test und der Subversion, die Paul Willis in den 70er Jahren am Schulverhalten englischer Ar&shy;beiterkinder in der Gesamtschule beobachtet hat, bereiten sich seine Akteure auf die &Uuml;ber&shy;nahme untergeord&shy;neter Berufsrollen in Formen besonders niedriger, schmutziger und per&shy;spektivloser Lohnar&shy;beit vor. Das w&auml;re die systemtheore&shy;tisch-funktionalistische Pointe und Antwort auf die Frage &bdquo;How Working Class Kids Get Working Class Jobs&ldquo; (so der Untertitel der englischen Originalausgabe).<\/p><p>Die nicht-funktiona&shy;listische Pointe besteht darin, dass die &Uuml;bernahme dieser Rolle, die Ein&shy;richtung in der Subal&shy;ternit&auml;t, nicht blind verl&auml;uft, sondern als Antizipation und insoweit auch als echtes Lernen (&bdquo;Learning to Labour&ldquo;). Diese &Uuml;bernahme resultiert nicht nur aus dem Spa&szlig; am Schei&szlig;, der Ablehnung der langweiligen Streber und der Lehrer in der Schule, dem Ver&shy;such hier und jetzt soviel wie m&ouml;glich vom Leben zu haben &ndash; bei Blindheit f&uuml;r das Morgen (oder auch Hellsicht: Was kann denn noch kommen??). In diesem Spa&szlig; werden eine ganze Menge Entscheidungen getroffen und dabei nicht nur Lernprozesse zur&uuml;ckgewiesen, sondern auch Lernprozesse gemacht. Das Lernen bezieht sich auf Formen von M&auml;nnlichkeit und K&ouml;r&shy;perlichkeit (u. a. Sexualit&auml;t), auf das &bdquo;Organisieren&ldquo; von Dingen und Gelegenheiten, auf das Leben und &Uuml;berleben auf der Stra&szlig;e. Dieses Lernen trifft &ndash; wie jedes andere Lernen auch &ndash; eine Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem und reproduziert damit die ein&shy;seiti&shy;gen Aufspaltungen zwischen Lebensklugheit und &bdquo;Schulgescheitheit&ldquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]. Im Vergleich zwi&shy;schen sich und den Strebern und Angepassten sehen sie nur die eigene &Uuml;berlegenheit (sexu&shy;elle Erfahrungen, k&ouml;rperliche St&auml;rke, Alltagsgewitztheit, St&auml;rke auf der Stra&szlig;e, mehr Spa&szlig; und thrill) und &bdquo;entwichtigen&ldquo; dabei die Kompetenzen der anderen, leugnen ihren Zukunfts&shy;bezug und schlie&szlig;en sich dabei von einem gro&szlig;en Teil geistiger T&auml;tigkeit ab, die dar&uuml;ber hin&shy;aus nur in ihren subalternen oder deformierten Formen erfahren und wahrgenommen wird (die geborgte Macht der Lehrer, die &bdquo;B&uuml;rohengste&ldquo; und &bdquo;Sesselfurzer&ldquo; usw.). So vollzieht sich die Ein&uuml;bung in eine Form von M&auml;nnlichkeit, die konform ist mit dem k&ouml;rperlichen Ausdruck von Arbeitskraft (labour). Es wird also etwas au&szlig;erhalb und ge&shy;gen die Schule gelernt, was f&uuml;r die &Uuml;bernahme bestimmter Funktionen im Arbeitsprozess von Bedeutung ist. Es gibt, gerade im Blick auf die &sbquo;unteren&rsquo; Ebenen der Industrie ein &bdquo;Auseinan&shy;dertreten von Erziehung und Produktion bei der Arbeiterklasse&ldquo; (Willis 1990, S. 20), und of&shy;fenbar nicht nur dort. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>In der sozialen Dimension ist es eine Entscheidung zwischen den Langweilern und den Kum&shy;pels, mit denen es immer etwas zu lachen gibt. Auch darin ist ein Transfer enthalten, den Willis in einer sp&auml;teren Reflexion von &bdquo;Spa&szlig; am Widerstand&ldquo; &bdquo;Isomorphie&ldquo; nennt. Arbeiter&shy;jugendliche wollen nicht so sehr die Jobs, die sie bekommen, sondern sie wollen in diesen Jobs mit den Leuten zusammen sein, mit denen sie bereits fr&uuml;her, in der Schule, Spa&szlig; hatten, anstatt mit karrieregeilen Langweilern in B&uuml;ros, Verwaltungen oder Lehrerzimmern herumzu&shy;sitzen. Und mit dieser Entscheidung lernt man zugleich Kumpelhaftigkeit, jene Ko&shy;operativi&shy;t&auml;t, die f&uuml;r den Vollzug subalterner Arbeiten so wichtig ist wie f&uuml;r die Kompensation ihrer Borniertheit. Die berufliche T&auml;tigkeit wird entwichtigt und in Kauf genommen: Sie wird den sozialen Beziehungen in der Arbeit und in der Freizeit untergeordnet. Die Arbeit veranlasst dieses Zusammensein und erzeugt die finanziellen Ressourcen f&uuml;r seine Fortsetzung in der Freizeit. Dieses Verh&auml;ltnis von Wichtigem und Unwichtigem findet sich auch in der Schule und erkl&auml;rt, dass Unterrichtsschw&auml;nzen nicht immer identisch ist mit Schulschw&auml;nzen. Der Unterricht wird geschw&auml;nzt und das h&auml;ufig in der Schule selbst, ihren Foyers, Hallen, Flu&shy;ren und H&ouml;fen, die zum Raum selbstbestimmter Kommunikation werden. Wenn man also das Thema Unterrichtsschw&auml;nzen im Unterricht oder in einer Pr&uuml;fungsarbeit aufgreift (und es spricht nichts dagegen, es zu tun), sollte man wenigstens die Gr&uuml;nde daf&uuml;r ernst nehmen und ihnen eine Stimme zu geben, anstatt, wie im Pr&uuml;fungstext der Fall, das Schw&auml;nzen als Vor&shy;schule der Kriminalit&auml;t zu denunzieren.<\/p><p>Der &bdquo;Spa&szlig; am Widerstand&ldquo;, die Verhaltsweisen der Rebellion, Subversion, Verweigerung und Unterlaufung sind kollektive Praktiken der Bedeutungs- und Sinngebung gegen&uuml;ber Instituti&shy;onen und Mitsch&uuml;lern und eine Positionierung gegen&uuml;ber dem Arbeitsleben. Die damit antizi&shy;pierte Berufst&auml;tigkeit wird nicht als minderwertig oder als Scheitern erfahren. Sie ist mit einer bestimmten Vorstellung von Ehre und Stolz fest verkn&uuml;pft. Dieser Zusammenhang unter&shy;scheidet sie von Verweigerungspraktiken unter den Bedingungen von Arbeitslosigkeit und prek&auml;rer Besch&auml;ftigung. Obwohl sich die heutigen Bildungsverweigerer in den Haupt- und Sonderschulen genauso zu verhalten scheinen wie die englischen lads der 70er Jahre, steht hinter ihnen &bdquo;nicht mehr&ldquo;, wie Bude zutreffend konstatiert, &bdquo;die psychische St&uuml;tze einer ar&shy;beiterlichen Stammkultur, die einen klaren Kanon hat, welche Techniken man zum Leben braucht und auf welche Bildung man getrost verzichten kann&ldquo; (Bude 2008, S. 128). Es fehlt vor allem das R&uuml;ckgrat dieser &bdquo;Stammkultur&ldquo;, die Erfahrung einer trotz konjunktureller Schwankungen einigerma&szlig;en sicheren Integration durch Arbeit. Dieselben Verhaltensweisen bekommen heute einen anderen Sinn. Sie sind the same, but different. Sie sind nicht mehr ungebrochen und vor allem learning to labour, sondern Ein&uuml;bung in eine Gesellschaft, in de&shy;ren produktivem Kern sie im besten Fall nur noch vor&uuml;bergehend gebraucht werden. [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Sie sind nicht mehr &bdquo;nur&ldquo; eine Weise des Selbstausschlusses von M&ouml;glichkeiten individuellen Auf&shy;stiegs, sondern eine Weise des Selbstausschlusses von jeder Integration in Gesellschaft &uuml;ber eine existenzsi&shy;chernde, Zukunftsplanung erm&ouml;glichende Arbeitst&auml;tigkeit, sie sind eine Weise der Selbstein&shy;kapselung in Milieus der &bdquo;Exklusion&ldquo; (vgl. Castel 2008, S. 69-86).<\/p><p>Deshalb kann man nur mit Vorbehalten von den &bdquo;nach wie vor g&uuml;ltigen Beschreibungen von Paul Willis&ldquo; (Bude) sprechen. G&uuml;ltig sind sie vor allem in methodologischer Hinsicht, in ihrer Subjektorientierung. Sie nehmen die Jugendlichen, deren Verhaltensweisen sie untersuchen, ernst, h&ouml;ren zu und versuchen zu &bdquo;verstehen&ldquo;. Das ist nicht in erster Linie eine ethische Hal&shy;tung, sondern Resultat eines gesellschaftstheoretischen Ansatzes von Cultural Studies, der Individuen nicht als passive Tr&auml;ger von Strukturen begreift, sondern als Akteure, die auf die Anforderungen gesellschaftlicher Individualit&auml;tsformen eine aktive und kreative Antwort ge&shy;ben, wohlgemerkt: eine Antwort auf Verh&auml;ltnisse, &uuml;ber die sie nicht verf&uuml;gen, sondern in de&shy;nen sie sich &bdquo;sinnstiftend&ldquo; einrichten. Die Individuen werden daher als aktiv Aneignende beg&shy;riffen in einem &bdquo;Vorgang des Konstruierens und Konstruiertseins&ldquo; (Willis, 1990, S. 13).<\/p><p>In der Perspektive dieses Ansatzes betreibt die &bdquo;Unterschichtendebatte&ldquo; in ihren wissen&shy;schaftlichen und journalistischen Facetten, denen wir dann als Textgrundlagen f&uuml;r die schrift&shy;lichen Hauptschulabschlussarbeiten begegnen, eine Exotisierung ihrer Untersuchungsobjekte zum ganz und gar Anderen. Dieses Verfahren des &bdquo;Othering&ldquo; (jemanden zum &bdquo;Anderen&ldquo; ma&shy;chen, herrichten) l&ouml;st die Individuen &bdquo;fein s&auml;uberlich aus ihren jeweiligen sozialen Bez&uuml;gen&ldquo; heraus, &bdquo;sodass jeder Kontext jenseits eines essenzialistisch gefassten Moralisch-Sittlichen, der das Verhalten der Untersuchungsobjekte erkl&auml;ren k&ouml;nnte, ausgespart&ldquo; wird (Habermas 2008, S. 116).<\/p><p><strong>Eigensinnige Kunden? Empirische Untersuchungen zu subjektiven Orientierungen der &bdquo;Aus&shy;geschlossenen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die deutsche &bdquo;Unterschichtendebatte&ldquo; kann nicht nur in den Kontext der bis ins 18. Jahrhun&shy;dert zur&uuml;ckreichende Tradition einer Rhetorik der Reaktion (Hirschman) gestellt werden, sie liest sich streckenweise wie eine Kopie der underclass&ndash;Debatte in den 1980er Jahren der USA, in der eine Verbindung von Auftragswissenschaft und Mediensturm die Anti-Sozialpo&shy;litik der Reagan-Administration rechtfertigte. Lo&iuml;c Wacquant hat bereits 1996 einen lesens&shy;werten Aufsatz verfasst, der diese Debatten rekonstruiert, und dabei an die zeitgen&ouml;ssische Kritik von Douglas G. Glasgow erinnert, der den Akteuren dieser Debatte die Geburt von drei &bdquo;gef&auml;hrlichen Mythen&ldquo; vorgehalten hat:<\/p><ul>\n<li>Jugendliche in den Ghettos h&auml;tten kein Interesse am sozialen Aufstieg.<\/li>\n<li>Sie bes&auml;&szlig;en keine Motivation zur Arbeit.<\/li>\n<li>Sie h&auml;tten gro&szlig;e Eile, die Zahl der Sozialhilfe Empf&auml;nger zu vergr&ouml;&szlig;ern. (Wacquant 2008, S. 65 f.)<\/li>\n<\/ul><p>Diese nun auch in der deutschen &bdquo;Debatte&ldquo; wieder aufgelegten Mythen widersprechen nicht nur den Erfahrungen der professionell mit diesen Menschen Befassten. Diese Erfahrungen haben mittlerweile selbst in die FAZ Eingang gefunden (vgl. Soldt 2008, S. 3) und sie werden durch neuere Ergebnisse empirischer Sozialforschung best&auml;tigt.<\/p><p>Einschl&auml;gig sind hier die Untersuchungen des Sonderforschungsbereichs 580 &bdquo;Gesellschaftli&shy;che Entwicklungen nach dem Systemumbruch&ldquo; am Institut f&uuml;r Soziologie der Universit&auml;t Jena unter Leitung von Klaus D&ouml;rre, und zwar das Projekt &bdquo;Eigensinnige Kunden. Der Einfluss strenger Zumutbarkeit auf die Erwerbsorientierung Arbeitsloser und prek&auml;r Besch&auml;ftigter&ldquo;. In ihm geht es um Folgendes:<\/p><p>&bdquo;Im Projekt wird die Transformation subjektiver Erwerbsorientierungen in den unteren Segmenten der Arbeits&shy;gesellschaft im Zuge einer aktivierenden Arbeitsmarktpolitik untersucht. Im Mittelpunkt stehen die Wechselbe&shy;ziehungen zwischen solchen Orientierungen bzw. Handlungsstrategien der betroffenen Personen und den Akti&shy;vierungsdiskursen sowie Instrumenten und Ma&szlig;nahmen des Forderns und F&ouml;rderns. In der ersten Projektphase liegt der Fokus auf folgenden Fragestellungen: Wie setzen sich die Adressaten einer aktivierenden Arbeitsmarkt&shy;politik mit den ver&auml;nderten, strengeren Anforderungen auseinander? F&uuml;hrt diese Auseinandersetzung zu Ver&auml;n&shy;derungen von vorhandenen Erwerbsorientierungen? Warum orientieren sich bestimmte Gruppen weiter am ers&shy;ten Arbeitsmarkt, w&auml;hrend andere sich in Prekarit&auml;t und Ausgrenzung einzurichten beginnen? Anders als die dezidiert effizienzorientierte Evaluationsforschung wollen wir diese Transformation aus der Perspektive der Adressaten aktivierender Arbeitspolitik rekonstruieren.&ldquo;<\/p><p>In den Regionen Bremen, Bremerhaven (im Westen) und in Jena sowie im Saale-Orla&ndash;Kreis (im Osten) wurden bis jetzt 53 Experteninterviews mit relevanten Akteuren der arbeitsmarktpolitischen Praxis gef&uuml;hrt und in denselben Gebieten bislang 99 Interviews mit &bdquo;aktivierten&ldquo;, langzeitar&shy;beitslosen Leistungsempf&auml;ngern. &bdquo;In einer zweiten Projektphase ist eine Wiederholungsbefra&shy;gung der Adressaten und die Ausweitung des interregionalen Vergleichs geplant. Zugleich soll das Projekt um eine internationale Vergleichsperspektive erg&auml;nzt werden.&ldquo;<\/p><p>Der generelle Befund dieser Untersuchung lautet: F&uuml;r das &bdquo;Bild einer kulturell relativ homo&shy;genen, aufstiegsunwilligen Unterschicht&ldquo; und die &bdquo;Diagnose einer kulturell verfestigten Un&shy;terschichtenmentalit&auml;t&ldquo; gibt es keine empirischen Anhaltspunkte (D&ouml;rre 2008, S. 11). &bdquo;In deutlichem Kontrast, ja h&auml;ufig in krassem Widerspruch zur generalisierenden Passivit&auml;tsver&shy;mutungen, sind die von uns befragten Arbeitslosen und prek&auml;r Besch&auml;ftigten durchaus aktiv. In ihrer gro&szlig;en Mehrzahl streben sie unabh&auml;ngig von strengen Zumutbarkeitsregeln nach ei&shy;ner regul&auml;ren, Existenz sichernden und sozial anerkannten Erwerbsarbeit.&ldquo; (Ebd., S. 19) M. a. W.: Der erstaunliche Befund der Untersuchung besteht darin, dass Menschen, die aus der &bdquo;Zone der Integration&ldquo; auf unabsehbare Weise ausgeschlossen sind und in die &bdquo;Zone der Pre&shy;karit&auml;t&ldquo; bzw. in die &bdquo;Zone der dauerhaften Entkopplung&ldquo; abgerutscht sind, dennoch an den ideologischen Werten einer sozialstaatlich eingehegten Lohnarbeit festhalten, und zwar relativ unbeeindruckt von der lebenspraktisch strukturierenden Wirkung der Langzeitarbeitslosigkeit, also relativ unabh&auml;ngig davon, ob und wann sie diese Erwerbsorientierung in eine praktische Lebensf&uuml;hrung umsetzen k&ouml;nnen (ebd. S. 31). [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/p><p>Allerdings bleibt die Erwerbsorientierung von der objektiven Lebenslage nicht unbeeinflusst, sondern erf&auml;hrt, abh&auml;ngig von den jeweiligen Chancen am Arbeitsmarkt, von Lebensalter und von biographischen Erfahrungen und akuter Lebenssituation usw., Auspr&auml;gungen und Modi&shy;fizie&shy;rungen, die die Jenaer Untersuchung zu drei Gruppen geb&uuml;ndelt hat:<\/p><p>Die &bdquo;Um-Jeden-Preis-Arbeiter&ldquo; (S. 20 ff.): Zu ihnen z&auml;hlen neben vielen Aufstockern und Selbstst&auml;ndigen auch junge, relativ gut ausgebildete Arbeitslose. Aus dem Interviewmate&shy;rial wird u.a. eine junge Frau zitiert, die zwischen ihrem ersten und zweiten Kind den Schulabschluss in der Abendschule nachgeholt und dann eine Ausbildung im zahntechni&shy;schen Bereich absolviert hat (S. 22). Die Autoren sehen in ihr ein Beispiel daf&uuml;r, &bdquo;dass der Aktivierungsimpuls nicht von strengen Zumutbarkeitsregeln ausging, sondern in einer normativen Grundorientierung tief verankert ist&ldquo; (S. 23).<\/p><p>Die &bdquo;Als-ob-Arbeitenden&ldquo; (S. 23 ff.): Sie halten an der Erwerbsorientierung fest, suchen aber aufgrund anhaltender Erwerbslosigkeit und nach vielf&auml;ltigen Entt&auml;uschungserfahrun&shy;gen nach Alternativen und Kompensationen. Es &ouml;ffnet sich eine wachsende Kluft zwi&shy;schen normativer Orientierung und gelebten Handlungsstrategien mit dem Zwang zur Aufrechterhaltung von Normalit&auml;tsfassaden (So tun, als gehe man zur Arbeit; der Ein-Euro-Job wird gegen&uuml;ber Nachbarn und Freunden als Normalarbeitsverh&auml;ltnis ausgege&shy;ben, ehrenamtliche Arbeit als Ersatz f&uuml;r Erwerbsarbeit). Die Tragf&auml;higkeit solcher &Uuml;ber&shy;br&uuml;ckungsversuche h&auml;ngt entscheidend ab von der Wertsch&auml;tzung, die die Betroffenen in ihrer &sbquo;Ersatzt&auml;tigkeit&rsquo; erfahren, und von dem Prestige, das sie ihrem jeweiligen T&auml;tigkeits&shy;bereich zumessen bzw. das diesem Bereich gesellschaftlich zugemessen wird.<\/p><p>Die Gruppe der bewussten &bdquo;Nicht-Arbeiter&ldquo; (S. 25 ff.): Die Autoren subsumieren hierun&shy;ter Formen des (tempor&auml;ren oder andauernden) (Selbst-) Ausschlusses und der Einkapse&shy;lung aufgrund der Antizipation tats&auml;chlicher oder vermeintlicher Chancenlosigkeit im Blick auf eine gesellschaftliche Integration durch Erwerbsarbeit. Formen dieses (Selbst-) Ausschlusses und der Einkapselung, also der individuellen Reproduktion von &bdquo;Exklusion&ldquo; w&auml;ren die &bdquo;Flucht&ldquo; in die Mutterrolle oder alle Versuche, Anerkennung in der Familie oder in einer &bdquo;Szene&ldquo; zu finden. Selbst wenn in diesen Formen &bdquo;Anerkennung&ldquo; gefunden wird, ist den Betroffenen bewusst, dass es sich um eine &bdquo;Privatisierung der Herstellung von Anerkennung&ldquo; handelt (vgl. Marquardsen 2008, S. 53), also nur um ein Surrogat der gesuchten und gew&uuml;nschten &ouml;ffentlichen Anerkennung durch Integration in die Arbeitsge&shy;sellschaft. Das macht diese Ersatzformen von Anerkennung in sich br&uuml;chig (s.u.). Zu den Formen der (Selbst-) Reproduktion von &bdquo;Exklusion&ldquo; geh&ouml;rt aber auch das, was auf den ersten Blick als Arbeitsverweigerung erscheint. Die Verfasser zeigen die Ambivalenz die&shy;ses Verhaltens eindrucksvoll am Fall von &bdquo;Herrn M&uuml;ller&ldquo;:<\/p><p>&bdquo;Herr M&uuml;ller ist 19 Jahre alt und lebt bei seiner&nbsp;Mutter. Sie war schon h&auml;ufiger arbeitslos und&nbsp;erh&auml;lt zu ih&shy;rem Minijob erg&auml;nzend ALG II;&nbsp;eine Schwester ist Mutter und Hausfrau. Eine&nbsp;weitere Schwester habe es &bdquo;am weitesten in&nbsp;der Familie gebracht&ldquo;: &bdquo;Ja und meine andere&nbsp;Schwester, die arbeitet als, keine Ah&shy;nung,&nbsp;jedenfalls was Besseres &hellip; Bin ich auch stolz.&nbsp;Die ist sehr gut &hellip; Die hat immer gelernt&nbsp;und alles.&ldquo; Herr M&uuml;ller absolviert zum Interviewzeitpunkt&nbsp;eine Ma&szlig;nahme, die den&nbsp;Hauptschulabschluss zum Ziel hat. Aus der&nbsp;Sicht der ARGE geh&ouml;rt er zu denen, die&nbsp;kaum Eigeninitiative zeigen und aufgrund&nbsp;ihres Alters so&shy;wie der Vermittlungsdefizite&nbsp;gefordert und gef&ouml;rdert werden&nbsp;m&uuml;ssen. Da Herr M&uuml;ller schon&nbsp;mehrere Ma&szlig;&shy;nahmen abgebrochen&nbsp;hat, gilt er als unwillig und unf&auml;hig.&nbsp;Der Ma&szlig;nahmetr&auml;ger prognostiziert, dass&nbsp;er den Hauptschulabschluss wiederum nicht&nbsp;erreichen wird, u.a. weil er h&auml;ufig unentschuldigt fehlt. Das Verh&auml;ltnis zu den Mitarbeitern&nbsp;der ARGE beschreibt Herr M&uuml;ller als widerspr&uuml;chlich&nbsp;&ndash; einerseits als Autonomiever&shy;lust,&nbsp;andererseits aber auch als Unterst&uuml;tzung: &bdquo;Da&nbsp;sind schon ein paar, die eigentlich ganz nett&nbsp;sind, aber das ist halt das, was ich schon sagte,&nbsp;dass die von oben herab, das ist das, was nervt.&nbsp;Die reden halt mit Dir, als ob Du Schei&szlig;e&nbsp;w&auml;rst &hellip;&ldquo; (S. 26)<\/p><p>Bei n&auml;herer Betrachtung zeige Herr M&uuml;llers &bdquo;Arbeitsverweigerung&ldquo;, dass er eigentlich &bdquo;richtig&ldquo; arbeiten will, anstatt in Ersatzma&szlig;nahmen gesteckt zu werden. In seinem Ver&shy;halten diffundieren Wahrnehmungen von Chancen und von Chancenlosigkeit. Dass die Ersatzma&szlig;nahmen, in die er gesteckt wird, Verwahrungen sind, hat er mehrmals erfahren. Er h&auml;lt die ihm aufgezeigten Wege f&uuml;r &bdquo;wenig realistisch&ldquo;. Gleichzeitig aber wei&szlig; er, dass der Abbruch der Ma&szlig;nahme zur Erlangung des Hauptschulabschlusses auch keine L&ouml;sung seiner Probleme ist. Damit befindet sich &bdquo;Herr M&uuml;ller&ldquo; eher noch an der Schwelle zu einer bewussten Orientierung auf Nichtarbeit.<\/p><p>Wichtig ist noch die Beobachtung, dass, sollte &bdquo;Herr M&uuml;ller&ldquo; aus der Ma&szlig;nahme ausstei&shy;gen, die dann zu erwartenden Sanktionen der Leistungsk&uuml;rzung nicht greifen, weil sie durch &Uuml;berlebenstechniken der informellen Arbeit, durch die Familie und andere sozialen Kontakte zumindest teilweise kompensiert werden k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Konsequenzen f&uuml;r den Unterricht an (Abend-)Hauptschulen<\/strong><\/p><p>Wenn man der Meinung ist: so geht es nicht, man kann unseren Studierenden in der Hauptschule nicht dauernd diese Zerrspiegel des b&uuml;rgerli&shy;chen Vorurteils &uuml;ber die Unterschichten vorhalten, ergeben sich f&uuml;r Pr&uuml;fung und Unterricht folgende Optionen:<\/p><p>Man l&auml;sst die Finger von Problemthemen. Man reagiert auf zweifellos vorhandene und problematische Tendenzen der Kultur von Unterschichten-Jugendlichen und jungen Er&shy;wachsenen mit Ignorieren. Das lie&szlig;e sich so nur rechtfertigen, wenn in einer Lerngruppe solche aus der Sicht der Mittelschichten anr&uuml;chigen Verhaltensweisen nicht vertreten w&auml;ren. Das d&uuml;rfte eher ausnahmsweise der Fall sein.<\/p><p>Man setzt auf einen Perspektivenmix: Es gibt auch Erfahrungen der Erfolgs: Bew&auml;hrun&shy;gen in der Schule, neue Jobs, Entdeckung neuer M&ouml;glichkeiten und Entwicklung neuer F&auml;higkeiten. Das w&auml;re realistischer im Blick auf die Zusammensetzung unserer Haupt&shy;schulklasse und k&auml;me dem p&auml;dagogischen Optimismus entgegen. Die stabileren unter den Studierenden mit einem konkreten und beharrlich verfolgten Ziel setzten die Themen, bestimmen das Unterrichtsklima und rei&szlig;en die skeptischen und schwankenden, deren Unterrichtsbeteiligung eher diskontinuierlich ist, mit. Das w&auml;re sch&ouml;n, das kann sogar mal funktionieren, aber nicht immer.<\/p><p>Aber auch in diesem nicht sehr wahrscheinlichen Fall stellt sich die Frage, wie mit den weni&shy;ger sch&ouml;nen und braven Verhaltensweisen im Unterricht umgegangen werden kann. Diese Frage wird unabweisbar dann, wenn es sich um Studierende handelt, die nicht freiwillig ge&shy;kom&shy;men sind, um ein selbstgesetztes Bildungsziel zu erreichen, sondern die von der Arbeits&shy;agen&shy;tur die Auflage bekommen haben, unser Bildungsangebot wahrzunehmen. Und wenn die Klasse, wie dies an einigen Schulen bereits der Fall war, ein Kooperationsprojekt ist, kann es sein, dass nur solche Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen ihr angeh&ouml;ren.<\/p><p>In einem solchen Fall ist es vorgekommen, dass der Kooperationspartner von unseren Kolle&shy;ginnen und Kollegen verlangte, dass man auf keinen Fall &uuml;ber die geringen Chancen eines Hauptschulabschlusses im Unterricht reden d&uuml;rfe, denn das w&uuml;rde die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Ma&szlig;nahme nur demotivieren. Dumm war nur, dass eben diese Teilnehme&shy;rinnen und Teilnehmer schon bald bef&uuml;rchteten, dass ihre Hoffnungen in die Ma&szlig;nahme sich nicht erf&uuml;llten, und damit ihre zunehmenden Fehlzeiten begr&uuml;ndeten. Auch die, die freiwillig in unsere Hauptschulklassen kommen, k&ouml;nnen die Frage nach der Perspektive &uuml;ber den Hauptschulabschluss hinaus nicht verdr&auml;ngen und nicht immer gelingt es ihnen, angesichts m&ouml;glicher nicht sehr rosiger Aussichten rational mit der Institution Schule umzugehen. Dies gelingt am ehesten denen, die schon eine klare Perspektive &uuml;ber den Hauptschulabschluss hinaus haben. [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<\/p><p>Man kann also gar nicht die Frage umgehen, ob es eine Alternative zum Beaufsichtigungsdis&shy;kurs, der die Abschlusspr&uuml;fungen Deutsch beherrscht, und zur Problemtabuisierung gibt.<\/p><p>Man k&ouml;nnte den Beaufsichtigungsdiskurs nat&uuml;rlich einfach umwerten und dem konservativen Blick auf die Unteren als Barbaren das romantische Bild vom mehr oder weniger edlen Wil&shy;den entgegensetzen. Die symbolischen Praktiken und Gewaltrituale sind allerdings roh und brutal und wenig edel. Man kann sogar feststellen: sie haben &bdquo;eine reproduktive Funktion hinsichtlich der konservativen Ideologie&ldquo; (und der bestehenden Verh&auml;ltnisse) (Willis 1982, S. 271). Kochs Wahl&shy;kampf in Hessen 2007\/08 ist nicht an der Zur&uuml;ckweisung dieser Ideologie gescheitert, sondern daran, dass ihm nachgewiesen wurde, dass seine Sparpolitik nicht nur Sozialstaatsfunktionen, sondern auch die des Sicherheitsstaates so untergraben hat, dass die von ihm eingeforderten Ma&szlig;nahmen des &Uuml;berwachens und Strafens unzul&auml;nglicher umgesetzt werden als in anderen Bundesl&auml;n&shy;dern. Kann es daher etwas anderes geben, als die Praktiken der K&ouml;rperinszenierung und des Rauschs, des Eskapismus und der St&ouml;rungen, des Machismo, der Schl&auml;gereien und der Ein&shy;sch&uuml;chterung als &bdquo;unvern&uuml;nftig&ldquo; und &bdquo;barbarisch&ldquo; zu verdammen und den Beck zu machen: &bdquo;Wascht euch, rasiert euch, k&auml;mmt euch und h&ouml;rt auf, (uns) zu stinken!&ldquo;?<\/p><p>F&uuml;r den Unterricht in der (Abend-) Hauptschule ist es von entscheidender Bedeutung, &uuml;ber diese Alternativen der Beaufsichtigung und Ermahnung, der Umwertung und Romantisierung oder des Ignorierens und Laufenlassens hinauszukommen. Die vielen gut gemeinten Fortbil&shy;dungen und p&auml;dagogischen Tage zum Aufmerksamkeitsmanagement oder zur Methodenviel&shy;falt kann man sich schenken, wenn man sich um diese Problematik dr&uuml;ckt bzw. sie gar nicht erst wahrnimmt.<\/p><p>Die einfachsten Konsequenzen w&auml;ren:<\/p><ul>\n<li>Mehr Texte pr&auml;sentieren, in denen die Betroffenen selbst zur Sprache kommen, in denen sie mehr sind als stumme Objekte, &uuml;ber die gesprochen und verf&uuml;gt werden muss.<\/li>\n<li>Ernstmachen mit der Einsicht, dass auch das Leben von Troublemakern nicht von morgens bis abends im Trouble-Machen besteht.<\/li>\n<\/ul><p>Die schwierigen Fragen betreffen die gesamte Unter&shy;richtsorganisation: Wie reagieren wir auf St&ouml;rungen? Wie gehen wir vor, ohne zu ignorieren und zu beleidigen, und vermeiden dabei &bdquo;jede simplistische Sympathiebekundung&ldquo; (Willis 1982, S. 272)? Wie st&auml;rken wir Einsicht und Illusionslosigkeit, ohne zu demotivieren und zu entmutigen? Wie motivieren wir, ohne Illusionen zu schaffen?<\/p><p>Die Logik des hier im Anschluss an die Kritik Skizzierten legt es nahe, Fertigkeiten und Disziplin &uuml;ber die Durchf&uuml;hrung einer Art sozialer Selbstanalyse zu f&ouml;rdern, die die Ver&shy;schr&auml;nkung von Einsichten und Selbstausschluss deutlich macht.<\/p><p>M&ouml;gliche Themen, mit deren Bearbeitung man diese Selbstanalyse erreichen k&ouml;nnte, w&auml;ren:<\/p><ul>\n<li>Rolle von Qualifikationen und die Bedeutung von Arbeit f&uuml;r die Studierenden<\/li>\n<li>Ihr Verh&auml;ltnis zu geistiger und manueller Arbeit<\/li>\n<li>Die Verkn&uuml;pfung von T&auml;tigkeiten mit Geschlechterimages<\/li>\n<li>Rolle von Selbstbildern bei der Bewertung von T&auml;tigkeiten und bei der Konfrontation mit    Anforderungen; ist ihre Akzeptanz oder Zur&uuml;ckweisung auf Rationalit&auml;t oder Irrationalit&auml;t gegr&uuml;ndet?<\/li>\n<li>Was bedeuten St&ouml;rungen, Schl&auml;gereien, Eskapaden und was kommt dabei zum Aus&shy;druck?<\/li>\n<li>Was bedeuten Cliquen und Freundschaften, was sind ihre St&auml;rken und Schw&auml;chen?<\/li>\n<\/ul><p>Die Bearbeitung dieser Themen w&uuml;rde voraussetzen, dass die Lehrerinnen und Lehrer etwas &uuml;ber prek&auml;re Lebensverh&auml;ltnisse und ihre kulturell-symbolische Aneignung w&uuml;ssten, um etwa auff&auml;llige und f&uuml;r sich allein genommen strikt zu verurteilende Verhaltensweisen auf diese kulturelle Ebene in ihrer relativen Einheit hin &sbquo;lesen&rsquo; und verstehen zu k&ouml;nnen, anstatt sich davon nur pers&ouml;nlich beleidigt und abgesto&szlig;en zu f&uuml;hlen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li>Bude 2008: Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, M&uuml;nchen<\/li>\n<li>Bultmann 2001: Torsten Bultmann: &bdquo;Bestm&ouml;gliche Ausstattung jedes Einzelnen!&ldquo; Zur Bedeutungsumwandlung von Chancengleichheit in der aktuellen Bildungspolitik. In: Forum Wissenschaft Nr. 3, Juli 2001, 18. Jahrgang, S. 47-50<\/li>\n<li>Chass&eacute; 2007: Karl August Chass&eacute;: Unterschicht, prek&auml;re Lebenslageb, Exklusion &ndash; Versuch einer Dechiffrie&shy;rung der Unterschichtsdebatte. In: Kessl 2007, S. 17 &ndash; 37<\/li>\n<li>Castel 2000: Robert Castel: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Konstanz<\/li>\n<li>Castel 2008: Robert Castel: Die Fallstricke des Exklusionsbegriffs. In: Heinz Bude und Andreas Willisch (Hrsg.): Exklusion. Die Debatte &uuml;ber die &bdquo;&Uuml;berfl&uuml;ssigen&ldquo;. Frankfurt\/Main, S.69-86.<\/li>\n<li>Der s&uuml;&szlig;e Dunst des kranken Lebens. Wie der &sbquo;klinische Blick&rsquo; des Staatsapparates in den Abschlussarbeiten Deutsch der Abendhauptschule aus jungen Erwachsenen M&auml;ngelwesen macht. In: Infobrief 19, Juni 2008, S. 7-10<\/li>\n<li>D&ouml;rre 2007: Klaus D&ouml;rre: Prekarit&auml;t &ndash; eine Herausforderung f&uuml;r gewerkschaftliche Politik Internet<\/li>\n<li>D&ouml;rre 2008: Peter Bescherer, Klaus D&ouml;rre, Silke R&ouml;benack, Karn Schierhorn: Eigensinnige &sbquo;Kunden&rsquo;. Auswir&shy;kungen strenger Zumutbarkeitsregeln auf Langzeitarbeitslose und prek&auml;r Besch&auml;ftigte. In: SFB 508. Heft 26, April 2008, S. 10-36<\/li>\n<li>Habermas 2008: Rebekka Habermas: Wie Unterschichten nicht dargestellt werden sollen: Debatten um 1890 oder ;Cacatum non est pictum!&rsquo;. In: Linder 2008, S. 97-122<\/li>\n<li>Heite u.a. 2007: Catrin Heite, Alexandra Klein, Sandra Kandh&auml;u&szlig;er, Holger Ziegler: Das Elend der Sozialen Arbeit &ndash; Die &bdquo;neue Unterschicht&ldquo; und die Schw&auml;chung des Sozialen. In: Kessl 2007, S. 55 &ndash; 79<\/li>\n<li>Hirschman 1995: Albert O. Hirschman: Denken gegen die Zukunft. Die Rhetorik der Reaktion, FfM (amerikani&shy;sche Originalausgabe: 1991)<\/li>\n<li>H&uuml;rtgen 2008: Stefanie H&uuml;rtgen: Prekarit&auml;t als Normalit&auml;t. Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik 4\/2008, S. 113-119<\/li>\n<li>Kessl 2005: Fabian Kessl: Das wahre Elend? Zur Rede von der &bdquo;neuen Unterschicht&ldquo;. In: Widerspr&uuml;che, 25. Jg., Heft 98 (zitiert wird nach der Web-Fassung)<\/li>\n<li>Kessl 2007: Fabian Kessl, Christian Reutlinger, Holger Ziegler (Hrsg.): Erziehung zur Armut? Soziale Arbeit und die &bdquo;neue Unterschicht&ldquo;. Wiesbaden<\/li>\n<li>Lindner 2008: Rolf Lindner: &bdquo;Unterschicht&ldquo;. Eine Gespensterdebatte. In: Ders. Und Lutz Musner (Hrsg.): Unter&shy;schicht. Kulturwissenschaftliche Erkundungen der &bdquo;Armen&ldquo; in Geschichte und Gegenwart. Freiburg i. Br.\/Wien\/Berlin 2008, s. 9-17<\/li>\n<li>M&auml;ngel 2008: Annett M&auml;ngel: Oettingers &bdquo;Schei&szlig;-Privatsender&ldquo;. In: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik 2\/2008, S. 111<\/li>\n<li>Marquardsen 2008: Kai Marquardsen: Wie wirkt &bdquo;Aktivierung&ldquo; in der Arbeitsmarktpolitik? In: SFB 508. Heft 26, April 2008, S. 44-60<\/li>\n<li>Nolte 2004: Paul Nolte: Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik, M&uuml;nchen (und Bonn)<\/li>\n<li>Nolte 2006: Paul Nolte: Riskante Moderne. Die Deutschen und der neue Kapitalismus, M&uuml;nchen (und Bonn)<\/li>\n<li>Soldt 2008: R&uuml;diger Soldt: Jedes zweite Wort ist &sbquo;Ehre&rsquo;. FAZ vom 12. 07. 2008, S. 3<\/li>\n<li>Solga 2005: Heike Solga: Ohne Abschluss in die Bildungsgesellschaft. Die Erwerbschancen gering qualifizierter Personen aus soziologischer und &ouml;konomischer Perspektive. Opladen<\/li>\n<li>Tenorth, Heinz-Elmar 2008: Aufstieg durch Bildung &ndash; was das hei&szlig;en kann und was nicht. Gespr&auml;ch in der FAZ, 16. 09. 2008, S. 37<\/li>\n<li>Wacquant 2008: Lo&iuml;c Wacquant:  Die st&auml;dtische underclass im sozialen und wissenschaftlichen Imagin&auml;ren Amerikas [zuerst: frz. 1996]. In: Lindner 2008, S. 59-77<\/li>\n<li>Wie lange noch Abendhauptschule? &Uuml;berlegungen im Anschluss an den Bildungsbericht 2008. In: Infobrief 20, August 2008, S. 11-22<\/li>\n<li>Willis 1979, 1982&sup2;: Paul Willis: Spa&szlig; am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule. Frankfurt\/Main. FfM (Original: Learning to Labour. How Working class Kids get Working class Jobs, 1977<\/li>\n<li>Willis 1990: Paul Willis: Erziehung im Spannungsfeld zwischen Reproduktion und kultureller Produktion. In: Das Argument 179, S. 9-28<\/li>\n<li>Willis 1991: Paul Willis (unter Mitarbeit von Simon Jones, Joyce Canaan, Geoff Hurd): Jugend-Stile. Zur &Auml;s&shy;thetik der gemeinsamen Kultur, Hamburg<\/li>\n<li>Winkler 2007: Michael Winkler: S&rsquo; Lebbe iss doch, wie&rsquo;s iss. Unterschicht, Kultur und Soziale Arbeit &ndash; eine andere Geschichte. In: Kessl 2007, S. 103 &ndash; 133<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] So der Titel eines Artikels von Jan Feddersen in der taz vom 18.03.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>]  Die Landesfachgruppe Erwachsenenbildung der GEW Hessen hat die zentralen Deutschpr&uuml;fungen f&uuml;r Abendhauptschulen in Hessen seit ihrer Einf&uuml;hrung analysiert und ist zu diesem Ergebnis gekommen. Vgl. den Infobrief der Landesfachgruppe Nr. 19, Juni 2008: Der s&uuml;&szlig;e Duft des kranken Lebens.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>]  Wie unsinnig die Bezeichnung &bdquo;&ouml;ffentliche Soziologie&ldquo; ist, zeigt sich schon daran, wenn man sie mit ihrem Gegenteil konfrontiert: Ist alle bisherige\/andere Soziologie &bdquo;privat&ldquo; oder &bdquo;geheim&ldquo;? Haben nicht l&auml;ngst vor Bude und Nolte Ans&auml;tze des Fachs existiert, die sich &bdquo;der prinzipiellen Er&ouml;rterung &ouml;ffentlicher Fragen&ldquo; (Bude 2008, S. 7) gewidmet haben? Lebt Soziologie &ndash; bei Strafe ihres Untergangs &ndash; nicht vielmehr davon, &bdquo;&ouml;ffentliche Fragen&ldquo; zu behandeln, im Einzelnen und Besonderen das Allgemeine zu entdecken, begrifflich zu arbeiten, um empirische Sachverhalte zu erkl&auml;ren?<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>]  Das Wort wurde von Harald Schmitt popularisiert. Diejenigen, die sich heute &uuml;ber ein vermeintliches &bdquo;Unter&shy;schichtenfernsehen&ldquo; mokieren, haben in den 80 er Jahren alles getan, die &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten als an Hochkultur orientiertes, elit&auml;res &bdquo;Studienratsfernsehen&ldquo; zu attackieren und delegitimieren. Gest&uuml;tzt auf die &bdquo;Kirch-Kohl-Allianz&ldquo; wurde aber 1982 eine Medienpolitik verfolgt, die dazu gef&uuml;hrt hat, dass die Bundesrepu&shy;blik heute mit mehr als 30 Privatsendern &uuml;ber das europaweit umfassendste Angebot verf&uuml;gt: M&auml;ngel 2008, S. 111. Diese Medien orientieren sich an &bdquo;Quoten&ldquo;, d.h. sie bedienen eine Bev&ouml;lkerungsgruppe, die gr&ouml;&szlig;er als die Unterschichten ist, wie immer man diese quantitativ fasst (vgl. auch Winkler 2007, S. 117 f.)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>]  Hirschman identifiziert an der reaktion&auml;ren Kritik an den Fortschritten der Freiheit seit 1789 drei rhetorische Hauptstrategien: eine Sinnverkehrungsthese, eine Vergeblichkeitsthese und eine Gef&auml;hrdungsthese. Orientiert an T. H. Marshalls Drei-Jahrhunderte-Schema der Menschenrechte (individuelle Freiheitsrechte im 18., staatsb&uuml;r&shy;gerliche Partizipationsrechte im 19. und soziale Anspruchsrechte im 20. Jahrhundert) zeigt er, wie diesen drei Entwicklungssch&uuml;ben der Menschenrechte drei reaktion&auml;re Wellen folgen. Das von ihm ber&uuml;cksichtigte Material ordnet er dann unter die genannten rhetorischen Strategien. Dabei f&auml;llt ihm auf: &bdquo;fast jeder Gedanke, der eine Zeitlang aus dem allgemeinen Gesichtskreis verschwunden war, wird leicht mit einer neuen Einsicht verwech&shy;selt.&ldquo; (Ebd., S. 37)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>]  Zitiert nach Bultmann 2001, S.50. Bultmann zeigt in seinem instruktiven Aufsatz, wie die neoliberal gewende&shy;ten sozialdemokratischen Parteien in den 90er Jahren alle noch vorhandenen Verkn&uuml;pfungsversuche zwischen Chancengleichheit und gesellschaftlicher Emanzipation und Gleichheit aufgel&ouml;st haben. Mit zum Teil demselben Material, aber ohne Bezug auf Bultmann: Solga 2005, S. 48 ff. &ndash; Auch der Berliner Professor f&uuml;r Historische Erziehungswissenschaft Heinz-Elmar Tenorth wendet sich, &auml;hnlich wie Bude, gegen die &bdquo;Illusion&ldquo; und das &bdquo;unseri&ouml;se Versprechen&ldquo;, durch Bildungschancen soziale Ungleichheit beseitigen zu wollen. Deutlicher aber als Bude zeigt Tenorths Argumentation, zu welchen Konsequenzen das &bdquo;aufkl&auml;rte falsche Bewusstsein&ldquo; seine Anleihen bei kritischer Gesellschaftsanalyse treibt. Weil reformistische Bildungspolitik nicht erreicht, was sie erreichen zu wollen vorgibt, l&auml;sst man sie am besten gleich ganz sein. Den &bdquo;Risikogruppen&ldquo; des Bildungssystems sei ohnehin nicht zu helfen, da ihnen die &bdquo;Grundeinstellung&ldquo; fehle und sie stattdessen dem Fatalismus und der Gewalt anhingen. Bildung sei in diesem Milieu weder verankert noch geachtet. In dieser Situation k&ouml;nne man nichts anderes tun, als das bestehende Bildungssystem aufrechtzuerhalten: &bdquo;Man darf kein Bildungssystem installieren, in dem man die Eltern daf&uuml;r bestraft, dass sie an die Bildungskarrieren ihrer Kinder denken. Und genau das tut man, wenn man zum Beispiel das Gymnasium abschafft.&ldquo; (Tenorth 2008, S. 37)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>]  Mit &bdquo;schulgescheit&ldquo; werden (nicht nur in Hessen) Menschen bezeichnet, die in der Schule sehr gut waren, aber im Leben gescheitert sind bzw. eine eher bescheidene, wenig glamour&ouml;se Berufslaufbahn eingeschlagen haben.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>]  In den letzten Jahren sind die Jungen als Problemgruppe im Kontrast zu den M&auml;dchen als Bildungsgewinnerin&shy;nen entdeckt oder erfunden worden. Merkw&uuml;rdigerweise nehmen aber diese &sbquo;defizit&auml;ren&rsquo; Jungen immer noch die h&ouml;heren und besser bezahlten Berufspositionen ein als die M&auml;dchen. Offenbar eine weitere Form des Auseinan&shy;dertretens von Schulerziehung und Produktion bzw. Beruf.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>]  Es w&auml;re interessant zu untersuchen, inwieweit das Freizeitverhalten von besch&auml;ftigten Jugendlichen einge&shy;schr&auml;nkt oder ver&auml;ndert wird, wenn Jugendliche keine Besch&auml;ftigung finden. Eine Folie b&ouml;te Willis 1991.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>]  Zu Castel vgl. Castel 2000; eine gute Einf&uuml;hrung nicht nur in die franz&ouml;sische Prekarisierungsforschung und &ndash;theorie gibt Stefanie H&uuml;rtgen 2008. Hinweise im oben zitierten Forschungsbericht finden sich auf den Seiten 12-14.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>]  Hierzu ausf&uuml;hrlicher der Infobrief der Landesfachgruppe Erwachsenenbildung der GEW Hessen Nr. 20, August 2008: Wie lange noch Abendhauptschule?<\/p>\n<\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Anmerkung:<\/strong> Siehe zu diesem Beitrag auch die Buchrezension <a href=\"?p=3489\">&bdquo;Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft&ldquo;<\/a> von Heinz Bude <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entdeckung der &bdquo;neuen Unterschicht(en)&ldquo; zu Beginn des neuen Jahrtausends ist kein so&shy;ziologisches, kein wissenschaftliches Datum, sondern das Produkt einer der politischen Pro&shy;paganda dienenden &bdquo;&ouml;ffentlichen Soziologie&ldquo;, in der einige Wissenschaft&shy;ler &ndash; vor allem Paul Nolte und Heinz Bude &ndash; als professorale Autorit&auml;ten, aber auch als akti&shy;ver Teil einer publizistischen Welle fungieren. Diese hat in Deutschland<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3503\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[140,123,132],"tags":[387,442,1635,389,425],"class_list":["post-3503","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-kampagnentarnworteneusprech","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-bude-heinz","tag-eigenverantwortung","tag-nolte-paul","tag-sozialrassismus","tag-unterschicht"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3503","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3503"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3503\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28539,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3503\/revisions\/28539"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3503"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3503"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3503"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}