{"id":3509,"date":"2008-10-14T15:27:52","date_gmt":"2008-10-14T13:27:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3509"},"modified":"2015-11-09T11:35:58","modified_gmt":"2015-11-09T10:35:58","slug":"nur-der-irre-uebt-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3509","title":{"rendered":"Nur der Irre \u00fcbt Kritik"},"content":{"rendered":"<p>Wer nicht mit dem Massenstrom schwimmt, wer sogar noch versucht ist, gegen die Str&ouml;mung anzuschwimmen, quasi einen Wasserfall von unten nach oben bezwingen m&ouml;chte, dem macht man es gemeinhin schwer. Schlimmer noch, man erkl&auml;rt solche Zeitgenossen dann und wann f&uuml;r geistig verwirrt, verschroben, vielleicht psychisch schwer angeschlagen, weswegen er die Segnungen des Massenspektakels nicht beherzigen will. Wenn einer nicht tut was alle tun, dann kann er nicht sein wie alle &ndash; und wenn sich diese Allgemeinheit als h&ouml;chst vern&uuml;nftig und weltzugewandt bezeichnet, vereinfachend gesagt als &ldquo;normal&rdquo; wahrnimmt, dann mu&szlig; derjenige, der nicht gerne in der Wanne der Allgemeinheit badet, h&ouml;chst unvern&uuml;nftig, weltfremd und damit &ldquo;unnormal&rdquo; sein. Und da man heute vornehm ist, da man niemanden der Idiotie bezichtigen will, strickt man sich daraus das Szenario, wonach der Entgegenschwimmer ein neurotischer Notfall sei, der eigentlich anders w&auml;re, wenn es ihm seine gesundheitlichen Zust&auml;nde nur erlaubten.<br>\n<!--more--><br>\nMarcel Reich-Ranicki ist ein solcher Neurotiker &ndash; einer der zu einem solchen stilisiert wird. Seine Kollegen aus den Weiten der Fernsehlandschaft &ndash; obwohl jemand wie Jenny Elvers oder Verona Feldbusch sicher keine Kollegen von Reich-Ranicki sind &ndash; f&uuml;hlten sich teilweise angegriffen, gar beleidigt. Anma&szlig;end sei es von ihm gewesen, so klare Worte zu finden, die Veranstaltung derart zu entweihen. Tageszeitungen nennen die offene Kritik sogar einen Eklat, einen regelrechten Skandal. Wenn einer also das ausspricht, was sich f&uuml;r ihn als Wahrheit aufdr&auml;ngt, wenn er freim&uuml;tig ist, dann ist er bereits eine Skandalnudel. Immerhin hat er sich nicht ungehemmt in den Sog des Veranstaltungsabends fallen lassen. Dass Reich-Ranickis Kritik zwar unverbl&uuml;mt und geradeaus ins Gesicht der TV-Macher war, er aber ganz Mann von Welt blieb, mit zuvorkommender Wortwahl, ohne beleidigende Worte, die Schuld sowieso eher bei sich selbst suchend, als bei den Anwesenden &ndash; denn schlie&szlig;lich habe er an einem solchen Ort auch nichts verloren, geh&ouml;re nicht dorthin -, er den Anwesenden zudem ihr Recht auf oberfl&auml;chliches Preisverleihen und gehirnfreies Klatschen nicht abgesprochen hat, wurde aber kaum &ouml;ffentlich thematisiert. Au&szlig;erdem war deutlich zu sp&uuml;ren, dass es ihm sehr unangenehm war &ndash; von Dreistigkeit, anma&szlig;ender Arroganz oder intellektueller Chuzpe keine Spur.<\/p><p>Dennoch, trotz seiner wortgewandten, aber doch sehr braven Kritik, war er au&szlig;enstehend, erlaubte sich eine Freiheit, die sich keiner der anwesenden Herrschaften in ihrer angez&uuml;chteten Kritiklosigkeit erlaubt h&auml;tte. Und eingebettet in dieser Sichtweise, indem der Kritiker oder Oppositionelle nicht ganz gesund sein kann, weil er ja dem &ldquo;gesunden Menschenverstand der Masse&rdquo; nicht folgt, erlaubte sich die Intendantin des WDR &ndash; Monika Piel &ndash; ein Urteil: &ldquo;Man darf es ihm nicht ver&uuml;beln. Er ist 88 Jahre alt, er ist krank und ich denke, dass der Abend f&uuml;r ihn einfach zu lang gewesen ist.&rdquo;<\/p><p>Da hat sie also frei von der Leber weg ausgesprochen, was diese ganze Gesellschaft ausmacht: Der Andere ist der Kranke! Wer nicht spurt, wer sich nicht einreiht, wer nicht abnickt, was man eigentlich gar nicht abnicken m&ouml;chte, der mu&szlig; krank sein. Wenn der Kritiker noch dazu einige Lebensjahre auf dem Buckel hat, dann ist sein Kranksein ja offensichtlich und als feststehende These quasi abgesegnet. Wer aus der Masse r&uuml;ckt, wer seine Stellung innerhalb der Masse verr&uuml;ckt, der ist ebendies &ndash; verr&uuml;ckt. Kurzum: Man spricht jedem, der nicht so ist wie der &ldquo;gez&uuml;chtete Mensch der Massengesellschaft&rdquo;, den Verstand ab. Man macht aus ihm einen Zeitgenossen, der nicht mehr richtig wahrnimmt; in Krankheit schwelgend nur noch vernebelte Bilder sieht, weswegen sein Urteil ebenso vernebelt ausfallen mu&szlig;. Der Kritiker ist krank, meist sogar psychisch angeschlagen, leidet unter Verfolgungs&auml;ngste oder ist ein neurotischer Verschw&ouml;rungstheoretiker. Der andere Blickwinkel auf eine Sache ist der Allgemeinheit &ndash; denen, die Allgemeinheit formen &ndash; h&ouml;chst fragw&uuml;rdig. Der Blick von oben oder unten, von der anderen Seite, von Innen heraus, ist Verrat an der Allgemeinheit &ndash; sie gibt vor, von welchem Blickwinkel aus zu betrachten ist; aufgrunddessen: wie zu bewerten und zu reagieren ist.<\/p><p>Und wenn die Schwimmenden im Massenstrom eben klatschen und d&uuml;rftige Fernsehsendungen pr&auml;miert sehen wollen, dann tut man, was in aller Zwanglosigkeit verlangt wird &ndash; aber wehe dem, der es nicht tut! Wir sperren keinen solchen Kritiker ein &ndash; zumindest keinen, der nur das Fernsehprogramm kritisiert -, diese Zeiten sind pass&eacute;, zumindest meistens! Aber krank und nicht recht bei Sinnen ist er allemal, und dies will man auch in aller &Ouml;ffentlichkeit formuliert haben. Sein Gef&auml;ngnis ist die Ver&auml;chtlichmachung seiner Person, dort sperrt man ihn in aller &Ouml;ffentlichkeit ein bzw. aus. Nur der Verbl&ouml;dete &uuml;bt Kritik, hei&szlig;t es dann. Oder der Kranke und psychisch Ungesunde. Ein Vernunftsmensch h&auml;tte sich artig bedankt und viel gelobt. Schade nur, dass man laut Grundgesetz das Recht auf ein eigene Weltanschauung hat, sonst k&ouml;nnte man diese kritisierenden Irren in eine Anstalt stecken&hellip;<\/p><p>Ob allerdings Menschen wie Monika Piel, die so schamlos aus einem Kritiker ein orientierungslos gewordenes Menschlein stilisieren, nicht in einer solchen Anstalt gut aufgehoben w&auml;ren, wird die Geschichte noch zu kl&auml;ren haben. Wom&ouml;glich wird man die J&uuml;nger des Ver&auml;chtlichmachens niemals internieren, weil sie dann &ndash; in ferner Zukunft &ndash; nicht mehr unter den Lebenden weilen. Aber verlachen wird man die Dummheit derer, die so zielgerichtet Kritiker abgekanzelt haben, mit aller Arroganz der jeweiligen Gegenwart gegen&uuml;ber der Vergangenheit, mit der Ruppigkeit des dann aktuellen Zeitgeistes gegen&uuml;ber den vergangenen Geistern. Und man wird klarmachen, was eine solche Behandlung eines Freidenkers ist: ein Verbrechen an seiner Pers&ouml;nlichkeit &ndash; aber auch an der Gesellschaft, die man mittels solcher Tricks von einer gegens&auml;tzlichen Sichtweise entfremden will.<\/p><p>Wahrscheinlich sind diese Zeilen als Ausgeburt eines Irren zu betrachten. Man schn&uuml;re mir schnell die Zwangsjacke fester, damit ich meine (mitlesende) Umwelt nicht in die Irre f&uuml;hre&hellip;<\/p><p><em>Roberto J. De Lapuente vom Blog ad sinistram hat uns diesen Beitrag zur Verf&uuml;gung gestellt<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/ad-sinistram.blogspot.com\/2008\/10\/nur-der-irre-bt-kritik.html\">ad-sinistram.blogspot.com<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer nicht mit dem Massenstrom schwimmt, wer sogar noch versucht ist, gegen die Str&ouml;mung anzuschwimmen, quasi einen Wasserfall von unten nach oben bezwingen m&ouml;chte, dem macht man es gemeinhin schwer. 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