{"id":35092,"date":"2016-09-21T09:12:31","date_gmt":"2016-09-21T07:12:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35092"},"modified":"2019-04-29T12:52:29","modified_gmt":"2019-04-29T10:52:29","slug":"die-erbschaftssteuerreform-neuer-zement-fuer-die-ungerechte-deutsche-sozialstruktur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35092","title":{"rendered":"Die Erbschaftssteuerreform: Neuer Zement f\u00fcr die ungerechte deutsche Sozialstruktur"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland sind die Lebensverl&auml;ufe stark gepr&auml;gt vom famili&auml;ren Hintergrund &ndash; gem&auml;&szlig; der Forschungsergebnisse des <em>Deutschen Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung<\/em> aus dem Jahr 2013 ist es um die Chancengleichheit hierzulande &auml;hnlich schlecht bestellt wie in den USA. F&uuml;r die Entwicklungschancen des einzelnen Individuums sind dabei zwei Arten von Verm&ouml;gen zentral, die ihnen durch ihre famili&auml;re Herkunft buchst&auml;blich in die Wiege gelegt werden: Auf der einen Seite das Sach- und Finanzverm&ouml;gen, und auf der anderen Seite das Bildungs&rsquo;verm&ouml;gen&lsquo;. Von <strong>Kai Eicker-Wolf<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35092#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] und <strong>Jochen Nagel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNat&uuml;rlich kann die &ouml;ffentliche Hand die Verteilung von beiden Verm&ouml;genskategorien korrigieren. Dies sollte nach Auffassung der gro&szlig;en Mehrheit der Bev&ouml;lkerung auch geschehen, um so allen Menschen ein gutes Leben zu erm&ouml;glichen und das Sozialstaatsversprechen zu verwirklichen. Zentral sind in diesem Zusammenhang zwei Dinge: Zum einen muss die Steuerpolitik auf eine ausgeglichene Verteilung hinwirken. Und zum anderen sollte das Bildungssystem famili&auml;r bedingte Benachteiligungen ausgleichen. Ersteres kann der Staat durch eine progressive Besteuerung von Einkommen und Verm&ouml;gen erreichen. Auf dieser Grundlage kann er sich jene finanziellen Mittel beschaffen, die dann Voraussetzung f&uuml;r ein vern&uuml;nftig ausgestattetes Bildungssystem sind. <\/p><p>Werden die Entwicklung der Verteilung und das Bildungssystem in Deutschland unter die Lupe genommen, dann ergibt sich ein besorgniserregendes Bild. Das Dauerbekenntnis zu mehr &bdquo;Mehr-Geld-f&uuml;r-Bildung&ldquo;, das in keiner Sonntags-Rede von Politikerinnen und Politikern fehlen darf, erweist sich seit Jahren als ein leeres Versprechen: Nach den j&auml;hrlich publizierten Zahlen der OECD gibt kaum ein entwickeltes Land, gemessen an der Wirtschaftsleistung, weniger Geld f&uuml;r Bildung aus als Deutschland. Hieraus resultiert eine strukturelle Unterfinanzierung: Der Personalschl&uuml;ssel in deutschen Kitas liegt weit unter den Empfehlungen der Europ&auml;ischen Union und denen der p&auml;dagogischen Forschung, im Schulbereich fehlen Personal- und Sachmittel an allen Ecken und Enden (z.B. f&uuml;r spezifische F&ouml;rderung Bildungsbenachteiligter, eine sinnvolle Umsetzung der Inklusion, den gesellschaftlich erw&uuml;nschten Ausbau von echten Ganztagsschulen etc.), und auch die Hochschulen sind personell und sachlich vollkommen unterausgestattet. Gekr&ouml;nt wird dieser Zustand durch ein mehrgliedriges Schulsystem, dass nach der Grundschule eine Auslese vornimmt, deren Basis vor allem der sozio&ouml;konomische Hintergrund des Sch&uuml;lers oder der Sch&uuml;lerin ist. Gleichzeitig wird die Verteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen immer ungleicher: Die Profit- sind im Gegensatz zu den Lohneinkommen seit der Jahrtausendwende drastisch gestiegen, und die deutsche Verm&ouml;gensverteilung ist so ungleich wie in kaum einem anderen europ&auml;ischen Land. So verf&uuml;gen die reichsten zehn Prozent aller Haushalte &uuml;ber fast zwei Drittel des Nettoverm&ouml;gens in H&ouml;he von rund 8,8 Billionen Euro. Je weiter man in der Verm&ouml;genshierarchie nach oben steigt, desto gr&ouml;&szlig;er die Konzentration: Die reichsten 0,1 Prozent &ndash; das sind 40.000 von 40 Millionen Haushalten &ndash; besitzen mehr als 17 Prozent des Verm&ouml;gens in Deutschland. <\/p><p>Die jetzt anstehende Erbschaftssteuer-Reform h&auml;tte eigentlich genutzt werden k&ouml;nnen, den beschriebenen Zustand zu &auml;ndern und eine Bildungsoffensive einzuleiten. Erforderlich ist besagte Reform, weil das Bundesverfassungsgericht die unzureichende Besteuerung des Betriebsverm&ouml;gens kritisiert hat: Dieses bleibt in den meisten F&auml;llen steuerfrei, wenn der geerbte Betrieb in der bestehenden Form nur lange genug fortgef&uuml;hrt wird. An dieser Regelung soll sich &ndash; geht es nach dem Gesetzentwurf der Bundesregierung &ndash; auch in Zukunft kaum etwas ver&auml;ndern, da die schwarz-rote Koalition  nur rudiment&auml;re &Auml;nderungen vorgenommen hat. Ein weiteres Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht ist damit nur eine Frage der Zeit. Vor allem aber wird das Aufkommen aus der Erbschaftsteuer kaum steigen: Es liegt in der Regel j&auml;hrlich zwischen vier und f&uuml;nf Milliarden Euro, bei einem Erbschaftsvolumen in H&ouml;he von 200 bis 300 Milliarden Euro pro Jahr! Da diese Steuer zu 100 Prozent in die Landeskassen flie&szlig;t, leidet dann weiter jene Gebietsk&ouml;rperschaftsebene unter zu geringen Einnahmen, die wesentlich f&uuml;r die Bildungsausgaben in Deutschland verantwortlich ist. <\/p><p>Da in Deutschland auch eine allgemeine Verm&ouml;gensteuer fehlt, bleibt letztlich alles beim Alten: Reiche Erben werden weiterhin aufgrund ihrer sozialen Herkunft doppelt privilegiert, da sie durch Erbschaften ein gro&szlig;es leistungsloses Einkommen erhalten, und zudem auch noch bessere Bildungs- und damit Verdienstm&ouml;glichkeiten haben. Wenig verm&ouml;gende Personen hingegen erleben ihren sozialen Status als zementiert: Die Aufstiegschancen f&uuml;r sie und ihren Nachwuchs bleiben stark eingeschr&auml;nkt, das Versprechen vom Aufstieg durch Leistung bleibt ein leeres Versprechen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Dr. Kai Eicker-Wolf<\/strong> ist &Ouml;konom und Politikwissenschaftler und seit 2003 Referent in der Abteilung Wirtschafts- und Strukturpolitik beim DGB Bezirk Hessen-Th&uuml;ringen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland sind die Lebensverl&auml;ufe stark gepr&auml;gt vom famili&auml;ren Hintergrund &ndash; gem&auml;&szlig; der Forschungsergebnisse des <em>Deutschen Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung<\/em> aus dem Jahr 2013 ist es um die Chancengleichheit hierzulande &auml;hnlich schlecht bestellt wie in den USA. F&uuml;r die Entwicklungschancen des einzelnen Individuums sind dabei zwei Arten von Verm&ouml;gen zentral, die ihnen durch ihre famili&auml;re Herkunft<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35092\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[151,206,137,132],"tags":[430,535,408,1265,520,291],"class_list":["post-35092","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildungspolitik","category-chancengerechtigkeit","category-steuern-und-abgaben","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-bildungsausgaben","tag-erbschaftsteuer","tag-soziale-herkunft","tag-steuerbefreiung","tag-vermoegensteuer","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35092","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35092"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35092\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51306,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35092\/revisions\/51306"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35092"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35092"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35092"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}