{"id":3510,"date":"2008-10-15T09:12:33","date_gmt":"2008-10-15T07:12:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3510"},"modified":"2015-11-09T11:33:29","modified_gmt":"2015-11-09T10:33:29","slug":"3510","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3510","title":{"rendered":"Die Landesbanken sind die schlimmsten"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;So richtig es ist, dass die Staaten bei den Banken Miteigent&uuml;mer werden: Glaubt irgendjemand, dass die Politik das Bankgesch&auml;ft besser betreibt als Ackermann &amp; Co? Wenn es so w&auml;re, wieso h&auml;tte dann in Deutschland die Krise vor allem die &ouml;ffentlichen Banken &ndash; von der SachsenLB bin zur BayernLB &ndash; erfasst?&ldquo; Das schreibt Uwe Vork&ouml;tter, der Chefredakteur der Frankfurter Rundschau in einem <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/top_news\/?em_cnt=1612729&amp;\">Leitartikel der FR<\/a> &ndash; und plappert damit einfach nach, was von den Privatbankern und Apologeten des privaten Bankensystems so vorgesagt wird. Eine Legende wird einfach weitergesponnen.<br>\nVon Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Es kommt hoffentlich selten vor, dass ich in meinen Beitr&auml;gen meine pers&ouml;nlichen Erfahrungen so direkt wiedergebe, aber bei Aussagen wie dieser von Uwe Vork&ouml;tter kann ich nicht mehr anders.<\/p><p>Ich war bis 1996 Sprecher von Johannes Rau. Ich kannte die enge Verbindung zwischen dem WestLB-Chef Neuber und Rau. Es ist gar nicht zu bestreiten, dass zwischen der landeseigenen Bank &ndash; immerhin geh&ouml;rte sie zu 43% dem Land &ndash; und der Landesregierung Absprachen getroffen wurden und die WestLB in vielen F&auml;llen einsprang, wenn ein Unternehmen im Lande in Schwierigkeiten geriet. Vielleicht oft nicht nach bankerischen Kriterien, aber meistens mit Erfolg. Man mochte das ein nordrhein-westf&auml;lisches MITI (&agrave; la Japan) nennen, aber es ging um konkrete Rettungsaktionen f&uuml;r Unternehmer und Arbeitnehmer.<\/p><p>Und dennoch wurde die WestLb unter Neuber zur viertgr&ouml;&szlig;ten Bank in Deutschland und sie stand gut da.<\/p><p>Ich halte die Legendenbildung &uuml;ber die politischen Intrigen, die da angeblich gesponnen wurden, f&uuml;r falsch oder zumindest ma&szlig;los &uuml;bertrieben. Man betrieb gemeinsam (Politik und Bank) Standort- und Wirtschaftspolitik und versuchte vor allem den Strukturwandel im Ruhrgebiet zu bew&auml;ltigen. Da mag Vieles nicht bank&uuml;blich abgelaufen sein, und man kann daran Kritik &uuml;ben. Doch letztlich war das meiste, was angepackt wurde, durchaus erfolgreich.<\/p><p>Nach Raus Wechsel ins Bundespr&auml;sidentenamt nach Berlin (1998) folgte Clement als Ministerpr&auml;sident des Landes NRW nach. Schon damals gab es (wie heute) ein Dr&auml;ngen der Finanzindustrie, die WestLB zu privatisieren, zumindest sollte sie sich aber wie eine private Gesch&auml;ftsbank aufstellen, und das Geflecht zwischen Politik und Landesbank sollte endlich zerschlagen werden. <\/p><p>Clement folgte diesen Einfl&uuml;sterungen, und so wurde J&uuml;rgen Sengera im Jahre 2001 als Nachfolger von Neuber regelrecht dazu gedr&auml;ngt, die WestLB in eine Gesch&auml;ftsbank umzuwandeln. Die Aufgaben einer F&ouml;rderbank sollte die &bdquo;NRW Bank&ldquo; &uuml;bernehmen. <\/p><p>Man hat also das &bdquo;Gew&auml;chs&ldquo; der WestLB, J&uuml;rgen Sengera, geradezu ins Investmentgesch&auml;ft gedr&auml;ngt. Und unerfahren wie er war, ging er einer Londoner Finanzinvestorin auf den Leim und fuhr der Bank dreistellige Millionenverluste ein. <\/p><p>Danach hat man einen &bdquo;echten&ldquo; Banker von der Deutschen Bundesbank, Thomas Fischer, geholt, und der hat eben die Spekulationsgesch&auml;fte betrieben, die echte Banker auch so trieben, er ist nur fr&uuml;her auf die Nase gefallen als seine Kollegen.<\/p><p>Fischers Nachfolger Alexander Stuhlmann hatte dann nur noch die Aufgabe, die angeschlagene WestLB irgendwie zu fusionieren. Inzwischen wurde auch er von einem &bdquo;internationalen&ldquo; Banker, Heinz Hilgert, abgel&ouml;st.<\/p><p>Was ich damit sagen will: Jedenfalls in Nordrhein-Westfalen ist die Politik der Finanzindustrie auf den Leim gegangen. Man hat die Landesbank auch mit &ouml;ffentlichem Druck in eine Gesch&auml;ftsbank umgewandelt und die Vorstandsmitglieder geradezu in Spekulations- und internationale Investmentgesch&auml;fte gedr&auml;ngt. <\/p><p>Harald Schartau als damaliger Wirtschafts- und Sozialminister und damit gleichzeitiger Verwaltungsratsvorsitzender der NRW Bank war geradezu stolz darauf, diesen Wechsel von einer F&ouml;rder- in eine Gesch&auml;ftsbank mit vorangetrieben zu haben, und der damalige Ministerpr&auml;sident Clement sowieso. Eigentlich sollte alles auf eine Privatisierung hinauslaufen, und die nachfolgende CDU-Regierung betreibt dies bis heute.<\/p><p>Es ist einfach Unkenntnis der Hintergr&uuml;nde, wenn man, wie Vork&ouml;tter, nun den Landesbanken den &bdquo;schwarzen Peter&ldquo; zuschiebt. Selbstverst&auml;ndlich hat die Politik Fehler gemacht. Die WestLB von einer F&ouml;rderbank zu einer Gesch&auml;ftsbank zu machen und dabei ganz gezielt auf politischen Einfluss zu verzichten war grundfalsch. Aber es waren eben nicht mehr die klassischen F&ouml;rderbanken, die vor die Wand gefahren sind, sondern die zu Gesch&auml;ftsbanken umgewandelten Landesbanken.<\/p><p>Man mag nun nachtr&auml;glich der Politik vorhalten, dass sie das zugelassen, ja sogar bef&ouml;rdert hat. Aber waren Clement oder Schartau nicht willige Erf&uuml;llungsgehilfen ihrer Einfl&uuml;sterer aus der privaten Finanzindustrie? Es war doch zeitgeistig und bis vor kurzem modern, alles zu privatisieren und dem Investment-Hype zu folgen.<\/p><p>Ja, die Politik hat da auf der ganzen Linie versagt. Aber nur deshalb, weil sie unter dem massiven Druck der privaten Bankenlobby und der von ihr gepr&auml;gten ver&ouml;ffentlichten Meinung stand &ndash; und weil die Politik sich zum B&uuml;ttel der Finanzindustrie machen lie&szlig;.<\/p><p>Was lehrt uns das: Solange die Politik nur besinnungslos den Ratschl&auml;gen der Privatbanker folgt, kann man auf Landesbanken verzichten. Sie agieren dann nur noch dilettantischer als die Profis aus dem privaten Gesch&auml;ftsbankenbereich oder werden sogar wie etwa die IKB von den Privatbanken zum Schrottabladeplatz f&uuml;r faule Kredite missbraucht. Insofern gebe ich Uwe Vork&ouml;tter sogar Recht.<\/p><p>Solange sich die Politik nicht wieder darauf besinnt, was die ureigene Aufgabe von Landesbanken, ja des Bankenwesens insgesamt ist, und nicht entsprechende gesetzliche Vorgaben macht, wird der Staat und wird die Politik immer nur den von der Finanzindustrie vorgeschobenen S&uuml;ndenbock abgeben m&uuml;ssen.<\/p><p>Vork&ouml;tter h&auml;tte also besser auf den Esel (Finanzindustrie) statt auf den Sack (Staat) gehauen, dann h&auml;tte er die Wirklichkeit getroffen. <\/p><p>Leider arbeitet er mit dem &ndash; mit Verlaub &ndash; oberfl&auml;chlichen Nachgequatsche &bdquo;Die Landesbanken sind die schlimmsten&ldquo; nur den Ackermanns &amp; Co in die H&auml;nde, die nur allzu gern und viel zu oft die Politik zuerst nach ihrer Pfeife tanzen lie&szlig;en und, wenn es schief ging, dann den Zeigefinger auf den tanzenden Affen (Staat) richteten, um sich als Unschuldsengel aufzuspielen.<\/p><p>Dieses feige Doppelspiel der Finanzindustrie l&auml;sst mich auch so skeptisch sein gegen&uuml;ber dem von der Regierung vorgelegten &bdquo;Rettungspakt&ldquo; zur Stabilisierung der Finanzm&auml;rkte.<\/p><p>Wenn man erf&auml;hrt, dass dieses Konzept vor allem von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, von Martin Blessing und Klaus-Peter M&uuml;ller von der Commerzbank sowie von Paul Achleitner von der Allianz &ndash; unter Mithilfe des &bdquo;Managers im Beamtenstatus&ldquo; (&bdquo;Die Zeit&ldquo;) J&ouml;rg Asmussen, SPD, Staatssekret&auml;r im Bundesministerium der Finanzen, und des Bundesbank-&Ouml;konomen Jens Weidmann, Wirtschaftsberater von Kanzlerin Merkel (CDU), zustande gekommen ist, dann muss man bef&uuml;rchten, dass dieses Doppelspiel weitergetrieben wird: Die Finanzindustrie schiebt die Politik als Schutzschild vor sich her, und wenn es schief geht, ist der Schutzschild schuld und eben nicht der Schildtr&auml;ger.<\/p><p>Es ist ein Trauerspiel, dass sich die Politik (der Staat) so vorf&uuml;hren l&auml;sst.<\/p><p>Siehe dazu: Interview mit dem &Ouml;konomen Jagdish Bhagwati: <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/oekonomie\/_b=2059633,_p=30,_t=ftprint,doc_page=0;printpage\">&bdquo;Finanzindustrie hat zu viel Einfluss&ldquo;<\/a>.<\/p><p>P.S.:<br>\nIch bitte unsere Leserinnen und Leser um Nachsicht f&uuml;r diesen emotionalen Beitrag. Aber manchmal kann man angesichts des unreflektierten Nachplapperns interessengepr&auml;gter Parolen in den Medien schon die Contenance verlieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;So richtig es ist, dass die Staaten bei den Banken Miteigent&uuml;mer werden: Glaubt irgendjemand, dass die Politik das Bankgesch&auml;ft besser betreibt als Ackermann &amp; Co? 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