{"id":35118,"date":"2016-09-22T09:11:56","date_gmt":"2016-09-22T07:11:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35118"},"modified":"2019-04-29T12:04:21","modified_gmt":"2019-04-29T10:04:21","slug":"zerstoerte-ordnung-am-arbeitsmarkt-2-flexibilisierung-senkung-der-loehne-und-lohnnebenkosten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35118","title":{"rendered":"Zerst\u00f6rte Ordnung am Arbeitsmarkt (2): Flexibilisierung, Senkung der L\u00f6hne und \u201eLohnnebenkosten\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mehr Flexibilit&auml;t! Weniger Kosten! Weg mit der sozialen H&auml;ngematte! Aktiviert die Faulen! Die Forderungen neoliberaler Wissenschaftler und Arbeitgeber-Vertreter waren und sind eindeutig: Arbeitskraft sollte in ihren Augen so billig und flexibel wie irgend m&ouml;glich zur Verf&uuml;gung stehen. Entsprechende politische Ma&szlig;nahmen lie&szlig;en in Deutschland nicht allzu lange auf sich warten, wie Teil 2 der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35018\">Artikelreihe<\/a> von <strong>Patrick Schreiner<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35118#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] zeigt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1402\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-35118-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160922_Zerstoerte_Ordnung_am_Arbeitsmarkt_2_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160922_Zerstoerte_Ordnung_am_Arbeitsmarkt_2_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160922_Zerstoerte_Ordnung_am_Arbeitsmarkt_2_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160922_Zerstoerte_Ordnung_am_Arbeitsmarkt_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=35118-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160922_Zerstoerte_Ordnung_am_Arbeitsmarkt_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160922_Zerstoerte_Ordnung_am_Arbeitsmarkt_2_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Eine besonders h&auml;ufig genannte Ma&szlig;nahme, wenn es um die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes geht, ist die Schw&auml;chung des K&uuml;ndigungsschutzes. Sie ist seit mindestens den 1980er Jahren ein Dauerbrenner neoliberaler, arbeitgeberfreundlicher Arbeitsmarktpolitik &ndash; die derzeitigen Debatten und Politiken in Frankreich und Italien zeigen dies beispielhaft. Wie einst in Deutschland, ist es auch dort die Sozialdemokratie, die Axt an eine grundlegende Errungenschaft der Arbeiterbewegung legt.<\/p><p>Die Kritik am K&uuml;ndigungsschutz beruht auf der Annahme, dass Unternehmen die durch K&uuml;ndigungsschutz entstehenden Kosten schon bei der m&ouml;glichen Einstellung von Besch&auml;ftigten im Blick h&auml;tten. Je h&ouml;her der K&uuml;ndigungsschutz, desto h&ouml;her fielen entsprechend die sp&auml;teren Kosten aus &ndash; was wiederum dazu f&uuml;hre, dass die Unternehmen in vielen F&auml;llen von Einstellungen g&auml;nzlich absehen. Insbesondere ein drohendes Arbeitsgerichtsverfahren und eine m&ouml;gliche Verurteilung zu Entsch&auml;digungszahlungen trieben dabei angeblich die Kosten in die H&ouml;he (Bothfeld\/Ullmann 2003: 262-263).<\/p><p>Wie so oft, sieht die Realit&auml;t in den Betrieben in vielerlei Hinsicht anders aus, als es politische Debatten nahelegen. So zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass die Kosten durch K&uuml;ndigungsschutz weit &uuml;bersch&auml;tzt werden und Unternehmen ihr Einstellungsverhalten nicht von K&uuml;ndigungsschutzregelungen abh&auml;ngig machen. 2013 hat zudem der italienische Wirtschaftswissenschaftler Paolo Pini darauf hingewiesen, dass eine h&ouml;here Flexibilit&auml;t des Arbeitsmarkts zu einer geringeren Produktivit&auml;t und damit zu einer geringeren wirtschaftlichen Leistungsf&auml;higkeit einer Volkswirtschaft f&uuml;hrt (Pini 2013). Der niederl&auml;ndische Wirtschaftswissenschaftler Alfred Kleinknecht schlug mit guten Argumenten und Zahlen in die gleiche Kerbe; er zeigte zudem gemeinsam mit einigen Kollegen, dass die Arbeitslosigkeit in L&auml;ndern mit h&ouml;herer Flexibilit&auml;t des Arbeitsmarkts h&ouml;her ist und die Arbeitgeber weniger in die Kompetenzen ihrer MitarbeiterInnen investieren (Kleinknecht 2013).<\/p><p>Trotz guter &ndash; auch &ouml;konomischer &ndash; Argumente f&uuml;r den K&uuml;ndigungsschutz und gegen Arbeitsmarktflexibilisierung kam es in den vergangenen 35 Jahren zu deutlichen Verschlechterungen f&uuml;r Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Im sogenannten &ldquo;Lambsdorff-Papier&rdquo; von 1982, das das Ende der sozialliberalen Koalition und die neoliberale Wende der FDP bedeutete, hie&szlig; es noch recht vorsichtig: &ldquo;Keine Erweiterung des K&uuml;ndigungsschutzrechtes&rdquo;. 1985 beschloss die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung unter Helmut Kohl dann ein &ldquo;Besch&auml;ftigungsf&ouml;rderungsgesetz&rdquo;, das Leiharbeit (auf niedrigem Niveau allerdings) ausweitete und &bdquo;kapazit&auml;tsorientierte, variable Arbeitszeit&ldquo; (&bdquo;KAPOVAZ&ldquo;) sowie die Befristung von Arbeitsverh&auml;ltnissen erleichterte. Au&szlig;erdem wurden Sozialpl&auml;ne, die bei betriebsbedingten Massenentlassungen beachtet werden m&uuml;ssen, f&uuml;r die Arbeitgeber g&uuml;nstiger gestaltet. <\/p><p>Die Gewerkschaften hat man in jener Zeit gezielt und bewusst geschw&auml;cht: Das Streikrecht wurde 1986 empfindlich eingeschr&auml;nkt; durch eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes erhielten zudem kleine Gewerkschaften und Listen besseren Zugang zu den Betriebsr&auml;ten.<\/p><p>Die FDP hatte dabei noch deutlich weitergehende Forderungen. Mitte der 1990er Jahre ging die Regierung Kohl dann auch tats&auml;chlich einige Schritte weiter. Mit ihrem &ldquo;Programm f&uuml;r mehr Wachstum und Besch&auml;ftigung&rdquo; wurde der K&uuml;ndigungsschutz f&uuml;r kleine Unternehmen gelockert, zudem hat man die Befristung von Arbeitsverh&auml;ltnissen sowie einmal mehr Sozialplanregelungen f&uuml;r Arbeitgeber g&uuml;nstiger gestaltet (Zohlnh&ouml;fer 2001: 110-116 und 281-284). Das Arbeitszeitgesetz von 1994 flexibilisierte gegen den energischen Widerstand der Gewerkschaften die gesetzlichen Regelungen zu den Arbeitszeiten in Deutschland.<\/p><p>Der K&uuml;ndigungsschutz im engeren Sinne blieb in den 1980er Jahren noch unangetastet, in den schwarz-gelben 1990er Jahren kam es nur zu vorsichtigen Einschr&auml;nkungen, mit der rot-gr&uuml;nen Agenda 2010 zu einer weiteren &bdquo;Lockerung&ldquo;. Die wesentlichere Strategie der Kohl-Regierung &ndash; wie auch nachfolgend der rot-gr&uuml;nen Schr&ouml;der-Regierung &ndash; war eine andere: Man schuf Flexibilisierungsm&ouml;glichkeiten und reduzierte Kosten f&uuml;r Arbeitgeber durch Ma&szlig;nahmen, die nur einen Teil der Besch&auml;ftigten negativ trafen (Leiharbeit, befristet Besch&auml;ftigte, Besch&auml;ftigte in einfachen Dienstleistungen, Entlassene; die M&ouml;glichkeit, durch den Missbrauch von Werkvertr&auml;gen die Rechte abh&auml;ngig Besch&auml;ftigter zu umgehen, entwickelten die Arbeitgeber ab den 1990er Jahren hingegen eigenst&auml;ndig.) <\/p><p>Auf diese Weise blieben die Stammbelegschaften zun&auml;chst von direkten negativen Auswirkungen verschont. Sp&auml;testens in den 2000er Jahren aber sollte sich zeigen, dass es indirekte Auswirkungen auf sie sehr wohl gab: Die neuen, flexiblen Randbelegschaften traten in Konkurrenz zu den Stammbelegschaften; ihr Einsatz diente den Arbeitgebern als Disziplinierungsinstrument.<\/p><p>Eine etwas andere Zielrichtung hatten Debatten um angeblich (zu) hohe &ldquo;Lohnnebenkosten&rdquo; in Deutschland. Auch diese Diskussionen setzten in den 1980er Jahren ein, sie versch&auml;rften sich in den 1990er Jahren und fanden in den fr&uuml;hen 2000er Jahren ihren H&ouml;hepunkt. Nicht zuletzt die rot-gr&uuml;nen Reformen der &ldquo;Agenda 2010&rdquo; sind ganz wesentlich als Reaktion auch auf diese &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo;-Debatte zu verstehen. Seit etwa Mitte der 1990er Jahre galten die auf L&ouml;hne und Geh&auml;lter durch Arbeitgeber und Besch&auml;ftigte zu entrichtenden Sozialbeitr&auml;ge als eines der zentralen arbeitsmarktpolitischen Probleme; in Umfragen nannten (teils deutlich) mehr als die H&auml;lfte der Befragten deren Senkung als notwendiges Ziel. Es verging in den Jahren um die Jahrtausendwende kaum ein Tag, an dem nicht ein Politiker &ndash; welcher Partei auch immer &ndash; eine Senkung der &ldquo;Lohnnebenkosten&rdquo; forderte oder versprach (Trampusch 2009: 120-122).<\/p><p>&ldquo;Lohnnebenkosten&rdquo; werden je nach Zweck und politischem Interesse unterschiedlich definiert. Allgemein werden darunter jene Kosten des Arbeitgebers verstanden, die nicht in direkte Lohnzahlungen an die Besch&auml;ftigten flie&szlig;en. Dies schlie&szlig;t keineswegs nur gesetzliche &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; (wie insbesondere die Arbeitgeberanteile an den Sozialversicherungen) ein, gleichwohl bildeten diese den Schwerpunkt der Debatte und der von interessierter Seite ge&uuml;bten Kritik. Damit war es letztlich der Sozialstaat, der unter Beschuss geriet.<\/p><p>Schon diese Definition und Sichtweise ist allerdings problematisch, nimmt sie doch ausschlie&szlig;lich die Perspektive der Arbeitgeber ein. &ldquo;Lohnnebenkosten&rdquo; sind aber immer auch indirekte Einkommen der Besch&auml;ftigten, sie sind L&ouml;hne. Damit sind sie zugleich volkswirtschaftliche Nachfrage, da mit ihnen etwa Gesundheitsleistungen, Renten oder Arbeitslosengeld finanziert werden. Dieser Zusammenhang aber ger&auml;t rasch aus dem Blick, wenn man nur von &ldquo;Kosten&rdquo; spricht und nur die &bdquo;Kosten&ldquo;-Seite sehen m&ouml;chte.<\/p><p>Tats&auml;chlich spielte dieser Zusammenhang f&uuml;r die Mehrheit in Politik, Wissenschaft und Medien w&auml;hrend der Debatte um &ldquo;Lohnnebenkosten&rdquo; keine Rolle. Argumentiert wurde vielmehr, dass diese die Produktionskosten in Deutschland &uuml;berm&auml;&szlig;ig in die H&ouml;he trieben. Der bevorstehende demografische Wandel versch&auml;rfe dieses Problem nochmal drastisch. Deutschland verl&ouml;re an Wettbewerbsf&auml;higkeit, Investitionen unterblieben, Einstellungen w&uuml;rden nicht get&auml;tigt. Der Sozialstaat erweise sich zunehmend als unfinanzierbar.<\/p><p>Die empirischen Daten schienen diese Analyse zu untermauern: W&auml;hrend die Beitragss&auml;tze zur Sozialversicherung in den sp&auml;ten 1990er und fr&uuml;hen 2000er Jahren tendenziell anstiegen, wenngleich seit Mitte der 1980er nur noch vergleichsweise leicht, erreichten die Arbeitslosenzahlen Rekordwerte. Bei den Sozialkassen standen den zu geringen Einnahmen (aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit) wachsende Ausgaben (aufgrund der Wiedervereinigung und einmal mehr hoher Arbeitslosigkeit) gegen&uuml;ber. Zugleich verzeichnete Deutschland ein Defizit in seiner Leistungsbilanz, &Uuml;bersch&uuml;sse im Au&szlig;enhandel brachen Anfang der 1990er Jahre deutlich ein. Auch dies war zwar im Wesentlichen auf die Wiedervereinigung und damit einhergehende Investitions- und Konsumbedarfe zur&uuml;ckzuf&uuml;hren (Beck 2014: 266-267 und 285), in der &ouml;ffentlichen und politischen Debatte aber wurden Sozialleistungen, hohe &ldquo;Lohnnebenkosten&rdquo; sowie ein &ldquo;sklerotischer&rdquo; Arbeitsmarkt f&uuml;r die Misere verantwortlich gemacht (Trampusch 2009: 116-122; Bontrup 2004). <\/p><p>So hie&szlig; es etwa bei dem um die Jahrtausendwende in der Sozialdemokratie einflussreichen Soziologen Wolfgang Streeck (2001): <\/p><blockquote><p>\nDass hohe Lohnnebenkosten vor allem am unteren Ende des Arbeitsmarkts ein gravierendes Besch&auml;ftigungshindernis sind, ist unbestritten und wird von OECD, EU, Weltbank usw. einhellig so gesehen; dieselbe Einsicht findet sich auch in zahlreichen von dieser und der vorigen Bundesregierung unterzeichneten Dokumenten im Rahmen der europ&auml;ischen Besch&auml;ftigungspolitik.\n<\/p><\/blockquote><p>Und mehr als 15 Jahre zuvor hie&szlig; es schon bei Helmut Kohl (Bertram\/Zundel 1985):<\/p><blockquote><p>\nWir sind ein rohstoffarmes Land, wir haben, von der Kohle abgesehen, keine eigenen Ressourcen. Wir m&uuml;ssen das alles drau&szlig;en in der Welt h&auml;ufig f&uuml;r viel Geld kaufen. Und wir m&uuml;ssen die Rohstoffe verarbeiten, veredeln, in Produkte umsetzen. Folglich sind bei uns die L&ouml;hne und die Lohnnebenkosten von gr&ouml;&szlig;ter Bedeutung. Das ist eine einfache Rechnung. Und wenn die Rechnung richtig ist, dann mu&szlig; ich mich doch fragen, wie wir in Zukunft bestehen wollen. Wir haben alle Chancen, aber: Wir m&uuml;ssen umdenken. Das wichtigste ist nicht mehr die Freizeit, sondern die Sicherung unserer Zukunft. Und es kann sein, da&szlig; das bedeutet, etwas fr&uuml;her aufstehen zu m&uuml;ssen und sich bestimmte Dinge nicht mehr erlauben zu k&ouml;nnen. Das hat mit &bdquo;neuer Armut&ldquo; &uuml;berhaupt nichts zu tun.\n<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;ber Sozialstaatlichkeit konnte in Deutschland nun kaum mehr positiv diskutiert werden. &ldquo;Lohnnebenkosten&rdquo; galten als Hindernisse, aus Sozialleistungen wurden &ldquo;Soziallasten&rdquo;. Der Wohlfahrtsstaat galt nun nicht mehr als Instrument der Absicherung und der Emanzipation von Menschen, nicht mehr als unabdingbarer Baustein einer demokratischen Teilhabegesellschaft. Er wurde vielmehr als kollektive Belastung und Hindernis angesehen. Zwar langsamer als von seinen neoliberalen Gegnern erhofft, aber doch stetig beobachtbar nahm seit den 1990er Jahren sein Ansehen in der Bev&ouml;lkerung ab (Butterwegge 2014: 107-111). Der daraufhin folgende Sozialabbau f&uuml;hrte unmittelbar zu einer Schw&auml;chung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern: Sie wurden erpressbarer. Angst griff um sich, wenn es darum ging, die eigenen (verbliebenen) Rechte einzufordern &ndash; oder gar um h&ouml;here L&ouml;hne zu k&auml;mpfen.<\/p><p>Es war dann einer rot-gr&uuml;nen Bundesregierung vorbehalten, die gr&ouml;&szlig;ten Sozialk&uuml;rzungen der vergangenen 35 Jahre vorzunehmen. Dabei griffen sie so manche Idee des sogenannten &ldquo;Lambsdorff-Papiers&rdquo; von 1982 auf, die unter Helmut Kohl in den 1980ern und 1990ern nicht durchsetzbar war. Unter SPD-Bundeskanzler (1998-2005) Gerhard Schr&ouml;der wurden in den 2000er Jahren die Renten gek&uuml;rzt, das Renteneintrittsalter angehoben, die Steuern f&uuml;r Unternehmen und Gutverdienende gesenkt, die Handwerksordnung gelockert, die Finanzierung bestimmter Sozialbeitr&auml;ge zu Lasten der Arbeitnehmer verschoben, die Absicherung im Falle von Arbeitslosigkeit verschlechtert wie auch die Bedingungen f&uuml;r ihren Bezug versch&auml;rft (&bdquo;Hartz IV&ldquo;) und bestimmte Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung gestrichen. <\/p><p>Auch Tarifautonomie und Gewerkschaftsrechte gerieten unter Druck. Auch sie sahen sich zunehmender massiver Kritik ausgesetzt: Gewerkschaftsfresser mussten ihre Abneigung gegen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und deren Interessenvertretungen zeitweise kaum mehr verhehlen. Wie die Hetze gegen den Sozialstaat, erfuhr auch die Hetze gegen Tarifautonomie und Gewerkschaften einen H&ouml;hepunkt in den fr&uuml;hen 2000er Jahren. Bekannt ist das Zitat des langj&auml;hrigen FDP-Spitzenpolitikers Guido Westerwelle aus dem Jahr 2005:<\/p><blockquote><p>\nDie Gewerkschaften sind die wahre Plage in Deutschland.\n<\/p><\/blockquote><p>Die Hetze blieb nicht ohne Folgen: Forderungen nach einer Verbetrieblichung der Lohnverhandlungen wurden zumindest partiell aufgegriffen, Forderungen nach weniger Allgemeinverbindlicherkl&auml;rungen von Tarifvertr&auml;gen sogar in gro&szlig;em Umfang. Auch dies schw&auml;chte abh&auml;ngig Besch&auml;ftigte einmal mehr.<\/p><p>Gerhard Schr&ouml;der drohte in seiner Regierungserkl&auml;rung 2003 (&bdquo;Agenda 2010&ldquo;) mit der Einf&uuml;hrung gesetzlicher &Ouml;ffnungsklauseln f&uuml;r Tarifvertr&auml;ge. Durch sie h&auml;tte der Staat M&ouml;glichkeiten er&ouml;ffnet, auf betrieblicher Ebene von Tarifvertr&auml;gen abzuweichen &ndash; was in der Regel zu Verschlechterungen f&uuml;r die Besch&auml;ftigten f&uuml;hrt. Die Oppositionsparteien CDU\/CSU und FDP hatten schon vorher erfolglos, aber &ouml;ffentlichkeitswirksam entsprechende Gesetzentw&uuml;rfe in den Bundestag eingebracht. Angesichts dieser politischen Drohkulisse weiteten die Gewerkschaften tarifvertragliche &Ouml;ffnungsklauseln auf zahlreiche Branchen aus, in denen es diese bis dahin nicht gegeben hatte (Lesch 2016).<\/p><p>Im Ergebnis f&uuml;hrte diese Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zu nur noch schwachen Lohnsteigerungen und zu einer drastischen Ausweitung prek&auml;rer und schlecht bezahlter Arbeitsverh&auml;ltnisse. Gegen&uuml;ber den 1970er Jahren ist die Lohnquote in Deutschland von etwa 74 Prozent auf etwa 68 Prozent zur&uuml;ckgegangen, zeitweilig lag sie sogar nur bei etwa 64 Prozent. Damit flie&szlig;t von jedem Euro, der hierzulande verdient wird, immer weniger in die Taschen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Hinzu kommt: Schon in den 1990er Jahren war der Niedriglohnsektor hierzulande mit fast 20 Prozent der Besch&auml;ftigten gro&szlig;. Mittlerweile hat Deutschland einen der gr&ouml;&szlig;ten Niedriglohnsektoren im internationalen Vergleich &ndash; etwa ein Viertel der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist heute zu Niedrigl&ouml;hnen t&auml;tig (Kalina\/Weinkopf 2015). Da selbst der Mindestlohn ein Niedriglohn ist, wird er hiergegen wenig ausrichten.<\/p><p>Auch der Sozialstaat wurde abgebaut bzw. deutlich st&auml;rker auf die Interessen von Arbeitgebern und Unternehmen zugeschnitten. Die Absicherung im Alter ist heute in Deutschland gerade bei Besch&auml;ftigten mit unterdurchschnittlichen Einkommen im internationalen Vergleich mit am schlechtesten. Bei Besch&auml;ftigten mit durchschnittlichen Einkommen steht Deutschland kaum besser da (OECD 2015). Und die Verschlechterungen bei der Absicherung von Arbeitslosen &ndash; Stichwort Zumutbarkeit, Stichwort Hartz-IV-Regelsatz &ndash; f&uuml;hren dazu, dass erwerbslose Besch&auml;ftigte quasi jeden Job zu quasi allen Bedingungen annehmen m&uuml;ssen. <\/p><p>Diese Politik hat entscheidend auch dazu beigetragen, dass die Export&uuml;bersch&uuml;sse Deutschlands heute exorbitant hoch sind. Schon auf dem H&ouml;hepunkt der Debatten um angeblich mangelnde Wettbewerbsf&auml;higkeit exportierte Deutschland mehr, als es importierte. Ein echtes Problem bestand in dieser Hinsicht also auch damals nicht. In den letzten Jahren lagen die Export&uuml;bersch&uuml;sse mit f&uuml;nf bis acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts nochmal h&ouml;her. Damit lebt Deutschland unter seinen Verh&auml;ltnissen: Es exportiert Arbeitslosigkeit, wird zum Gl&auml;ubiger zahlreicher anderer Volkswirtschaften und damit zu einem Unsicherheitsfaktor im Weltma&szlig;stab (Treeck 2013; Grunert 2016). Erkauft mit wachsender sozialer Ungleichheit und Unsicherheit. <\/p><p>Die Bef&uuml;rworterinnen und Bef&uuml;rworter einer neoliberalen Arbeitsmarktpolitik aber feiern diese Entwicklung als Erfolg ihrer Politik. Ja mehr noch: Europa, insbesondere die Krisenstaaten im S&uuml;den des Kontinents, sollen es den Deutschen nachmachen. So etwa Joachim Pfeiffer, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Wirtschaft und Energie der CDU-Fraktion, 2012 im Bundestag:<\/p><blockquote><p>\nDeutschland ist wettbewerbsf&auml;hig. Wir sollten das nicht verstecken. Wir k&ouml;nnen vielmehr auf unsere Export&uuml;bersch&uuml;sse stolz sein. Das gilt nicht nur f&uuml;r Deutschland, sondern f&uuml;r ganz Europa. Ohne die deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse h&auml;tte die Euro-Zone insgesamt ein Handelsbilanzdefizit. Dann w&auml;ren wir in der gleichen Situation, in der sich jetzt die USA befinden. Das will ich nicht. Ich will, dass &ndash; auch was G&uuml;ter und Dienstleistungen anbelangt &ndash; die Euro-Zone wettbewerbsf&auml;hig ist.\n<\/p><\/blockquote><p>Die Kritik etwa an einem angeblich zu umfangreichen K&uuml;ndigungsschutz, an zu hohen L&ouml;hnen und &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo;, an Gewerkschaften, an einem zu rigiden Arbeitsmarkt und einem vermeintlich belastenden Sozialstaat kannte (und kennt bis heute) viele Argumente. Das vermutlich wichtigste ist die Globalisierung (Abelshauser 2004: 493-500) und ihre vermeintliche Unumg&auml;nglichkeit &ndash; und eng damit zusammenh&auml;ngend die Sorge um &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo;. Es steht auch hinter der eben zitierten Aussage Pfeiffers. Mit diesem Argument wird sich der dritte und letzte Teil dieser kleinen Artikelreihe befassen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li>Abelshauser, Werner (2004): Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945. Bonn.<\/li>\n<li>Beck, Stefan (2014): Vom Fordistischen zum Kompetitiven Merkantilismus. Die Exportorientierung der Bundesrepublik Deutschland zwischen Wirtschaftswunder und Europ&auml;ischer Krise. Marburg.<\/li>\n<li>Bertram, Christoph\/ Zundel, Rolf (1985): &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1985\/10\/ich-bin-zufrieden-mit-dem-erfolg\/komplettansicht\">Ich bin zufrieden mit dem Erfolg<\/a>&ldquo;. Interview mit Helmut Kohl. (04.08.2016).<\/li>\n<li>Bontrup, Heinz-Josef (2004): Zu hohe L&ouml;hne und Lohnnebenkosten: Eine &ouml;konomische M&auml;r. In: WSI Mitteilungen 6 (2004). S. 313-318.<\/li>\n<li>Bothfeld, Silke\/ Ullmann, Karen (2004): K&uuml;ndigungsschutz in der betrieblichen Praxis. Nicht Schreckgespenst, sondern S&uuml;ndenbock. In: WSI Mitteilungen 5 (2004). S. 262-270.<\/li>\n<li>Brandt, Torsten\/ Schulten, Thorsten (2008): Auswirkungen von Privatisierung und Liberalisierung auf die Tarifpolitik in Deutschland. Ein vergleichender &Uuml;berblick. In: Brandt, Torsten\/ Schulten, Thorsten et al. (Hg.): Europa im Ausverkauf. Liberalisierung und Privatisierung &ouml;ffentlicher Dienstleistungen und ihre Folgen f&uuml;r die Tarifpolitik. Hamburg. S. 68-91.<\/li>\n<li>Br&uuml;tt, Christian (2011): Workfare als Mindestsicherung. Von der Sozialhilfe zu Hartz IV &ndash; Deutsche Sozialpolitik 1962 bis 2005. Bielefeld.<\/li>\n<li>Butterwegge, Christoph (2014): Krise und Zukunft des Sozialstaates. 5. Auflage. Wiesbaden.<\/li>\n<li>Eichengreen, Barry (2008): Globalizing Capital. A History of the international Monetary System. 2. Auflage. Princeton\/ Oxford.<\/li>\n<li>Eicker-Wolf, Kai (2015): Personalnot im Gesundheits- und Pflegebereich: Der Krankenhaussektor. In: WISO-Info 1 (2015). S. 19-26.<\/li>\n<li>Europ&auml;ische Kommission (2010): <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/economy_finance\/publications\/occasional_paper\/2010\/pdf\/ocp61_en.pdf\">The Economic Adjustment Programme for Greece<\/a>. (25.04.2015). Br&uuml;ssel.<\/li>\n<li>Flecker, J&ouml;rg (2014): Was ist da schiefgegangen? Liberalisierung &ouml;ffentlicher Dienstleistungen und die Qualit&auml;t der Besch&auml;ftigung. In: Prausm&uuml;ller, Oliver\/ Wagner, Alice (Hg.): Reclaim Public Services. Bilanz und Alternativen zur neoliberalen Privatisierungspolitik. Hamburg. S. 25-40.<\/li>\n<li>Grunert, G&uuml;nther (2016): <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/2016\/08\/das-deutsche-ueberschussmodell-absurd-aber-weiterhin-populaer\/\">Deutsche Export&uuml;bersch&uuml;sse &ndash; absurd und popul&auml;r<\/a>. (05.08.2016).<\/li>\n<li>Jaworski, Jascha (2016): <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/2016\/07\/die-agenda-2010-und-der-eigentliche-ort-notwendiger-reformen\/\">Die Agenda 2010 und der eigentliche Ort notwendiger Reformen<\/a>. (31.07.2016).<\/li>\n<li>Kalina, Thorsten\/ Weinkopf, Claudia (2015): Niedriglohnbesch&auml;ftigung 2013: Stagnation auf hohem Niveau. IAQ-Report 3 (2015).<\/li>\n<li>Kleinknecht, Alfred (2013): <a href=\"http:\/\/media.boeckler.de\/Sites\/A\/Online-Archiv\/11659\">Schadet die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes der Innovation?<\/a> (04.08.2013).<\/li>\n<li>Lesch, Hagen (2016): Fl&auml;chentarifvertrag und Tarifpartnerschaft in Deutschland. In: IW-Analysen 107 (2016).<\/li>\n<li>OECD (2015): <a href=\"http:\/\/www.oecd-ilibrary.org\/docserver\/download\/8115201e.pdf?expires=1469982739&amp;id=id&amp;accname=guest&amp;checksum=7EF7BB7AA78C307F3CBF8995E76C137D\">Pensions at a Glance<\/a>. (31.07.2016).<\/li>\n<li>Pini, Paolo (2013): <a href=\"https:\/\/keynesblog.com\/2013\/03\/20\/produttivita-e-regimi-di-protezione-del-lavoro\/\">Produttivit&agrave; e regimi di protezione del lavoro<\/a>. (04.08.2016).<\/li>\n<li>Richter-Steinke, Matthias (2011): <a href=\"https:\/\/repositorium.uni-muenster.de\/document\/miami\/2e0088ac-65de-4095-9022-1ffb6a7463f4\/diss_richter-steinke_buchblock.pdf\">Auswirkungen von Privatisierung auf Gewerkschaften. Die Privatisierung der europ&auml;ischen Eisenbahnen am Beispiel der Deutschen Bahn im Kontext von Liberalisierung, Europ&auml;isierung und Globalisierung<\/a>. (28.04.2011). M&uuml;nster.<\/li>\n<li>Schreiner, Patrick (2014): <a href=\"http:\/\/www.annotazioni.de\/post\/1357\">Krisenpolitik in der EU: Lohnquoten im freien Fall<\/a>. (04.08.2016).<\/li>\n<li>Schreiner, Patrick (2015): <a href=\"http:\/\/www.annotazioni.de\/post\/1431\">Freihandelsabkommen: H&ouml;chste Standards sichern &ndash; Billig-Strategien verhindern<\/a>. (04.08.2016).<\/li>\n<li>Statistisches Bundesamt (2014): Gesundheit. Grunddaten der Krankenh&auml;user. Fachserie 12 Reihe 6.1.1. Wiesbaden.<\/li>\n<li>Streeck, Wolfgang (2001): Tarifautonomie und Politik. Von der konzertierten Aktion zum B&uuml;ndnis f&uuml;r Arbeit. In: Gesamtverband der metallindustriellen Arbeitgeberverb&auml;nde (Hg.): Die deutschen Arbeitsbeziehungen am Anfang des 20. Jahrhunderts. K&ouml;ln. S. 76-102.<\/li>\n<li>St&uuml;tzle, Ingo (2013): Austerit&auml;t als politisches Projekt. Von der monet&auml;ren Integration Europas zur Eurokrise. M&uuml;nster.<\/li>\n<li>Tofaute, Hartmut (1994): Der gro&szlig;e Ausverkauf. Die Privatisierung von Bundesunternehmen durch die Regierung Kohl. K&ouml;ln.<\/li>\n<li>Trampusch, Christine (2009): Der ersch&ouml;pfte Sozialstaat. Transformation eines Politikfeldes. Frankfurt\/ New York.<\/li>\n<li>Treeck, Till van (2014): <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/apuz\/175492\/globale-ungleichgewichte-im-aussenhandel-und-der-deutsche-exportueberschuss?p=all\">Globale Ungleichgewichte im Au&szlig;enhandel und der deutsche Export&uuml;berschuss<\/a>. (05.08.2016).<\/li>\n<li>Zohlnh&ouml;fer, Reimut (2001): Die Wirtschaftspolitik der &Auml;ra Kohl. Eine Analyse der Schl&uuml;sselentscheidungen in den Politikfeldern Finanzen, Arbeit und Entstaatlichung, 1982-1998. Wiesbaden.<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Patrick Schreiner<\/strong> lebt und arbeitet als hauptamtlicher Gewerkschafter in Berlin. Er schreibt regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r die NachDenkSeiten zu wirtschafts-, sozial- und verteilungspolitischen Themen.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/05b1c303c4164fc296b641adbf3e1ee8\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr Flexibilit&auml;t! Weniger Kosten! Weg mit der sozialen H&auml;ngematte! Aktiviert die Faulen! Die Forderungen neoliberaler Wissenschaftler und Arbeitgeber-Vertreter waren und sind eindeutig: Arbeitskraft sollte in ihren Augen so billig und flexibel wie irgend m&ouml;glich zur Verf&uuml;gung stehen. 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