{"id":35141,"date":"2016-09-23T09:28:09","date_gmt":"2016-09-23T07:28:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35141"},"modified":"2023-05-31T14:58:43","modified_gmt":"2023-05-31T12:58:43","slug":"deutschland-in-der-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35141","title":{"rendered":"Deutschland in der Kritik"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160923_hanloser.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Deutschland scheint gel&auml;utert vor seiner Geschichte zu stehen: Man gedenkt routiniert der Vergangenheit, spricht sich staatsoffiziell gegen Antisemitismus aus, preist sich, Lehren aus der j&uuml;ngsten Vergangenheit gezogen zu haben und tut, wie man behauptet, alles nur M&ouml;gliche f&uuml;r Weltfrieden und gegen Armut. Aber ist dem wirklich so &ndash; oder ist nicht vielmehr die politische Linke inzwischen weitgehend in das neoliberale Projekt <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30286\">integriert<\/a> und zu radikaler Kritik daher gar nicht mehr in der Lage? Zu diesen Fragen sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Gerhard Hanloser<\/strong>, Herausgeber des Buches &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.unrast-verlag.de\/gesamtprogramm\/allgemeines-programm\/politik-gesellschaft\/deutschland-kritik-detail\">Deutschland.Kritik<\/a>&ldquo; &ndash; einer differenzierten Bestandsaufnahme dringend notwendiger undogmatischer und antiautorit&auml;rer Kritik an jenen deutschen Verh&auml;ltnissen, die man uns ob ihrer Grausamkeit so gern als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/alternativlos-merkels-verdrusswort-1574350.html\">alternativlos<\/a>&ldquo; zu verkaufen sucht und deren Analyse und Kritik seit jeher zu den Kernaufgaben der NachDenkSeiten geh&ouml;rt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Hanloser, wenn man den Medien Glauben schenken darf, geht es &bdquo;uns&ldquo;, uns &bdquo;Deutschen&ldquo;, doch so gut wie niemals zuvor. Warum da eine umfassende &bdquo;Deutschlandkritik&ldquo; &ndash; warum dieses Buch?<\/strong><\/p><p>Dieses &bdquo;wir&ldquo; und dieses &bdquo;uns&ldquo;, von dem Sie sprechen, war schon immer falsch und soll die soziale Realit&auml;t verkleistern. Tats&auml;chlich haben wir es mit einer enormen Spreizung der Einkommen und der sozialen Lebenssituationen zu tun &ndash; nicht nur in Deutschland. Die Occupy-Bewegung hat das in dem verk&uuml;rzten Begriff der 99 Prozent gegen die 1 Prozent widergespiegelt. &bdquo;Deutschlandkritik&ldquo; ist insofern ein Begriff, den man nur mit Augenzwinkern verwenden sollte. Nicht umsonst hat die historische Linke, wenn es ihr um Kritik ging, zuallererst die Kritik der politischen &Ouml;konomie betrieben.<\/p><p>Das hei&szlig;t, im Fokus linker Kritik sollten die kapitalistische Dynamik und die staatliche Ordnung der Herrschenden stehen. Wird dies vergessen, verdr&auml;ngt oder marginalisiert, kann auch jede vermeintliche Kritik nur vage bis falsch ausfallen, was sich brennend an der ein oder anderen Pauschalkritik zeigt. Schlie&szlig;lich ist so manche &bdquo;Israelkritik&ldquo; nur dann treffend, wenn sie materialistisch und ideologiekritisch auch den Sinn der Okkupationspraxis entschl&uuml;sselt und das Problem in der zionistischen und national-religi&ouml;sen Struktur des israelischen Staates erkennt. Dies arbeitet der israelische Soziologe Moshe Zuckermann in seinem Beitrag &bdquo;Jenseits deutscher Reflexe. Res&uuml;mee &uuml;ber Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik&ldquo; heraus. <\/p><p>Noch haltloser und ins Reaktion&auml;re spielend ist die viel zitierte &bdquo;Islamkritik&ldquo;, die kaum bef&auml;higt ist, irgendetwas Vern&uuml;nftiges &uuml;ber die Dynamik in islamischen Gesellschaften auszusagen. Der Pariser Journalist Bernhard Schmid zeigt in seinem Beitrag, dass &bdquo;Islamkritik&ldquo; oft nur Deckmantel ist f&uuml;r einen antimuslimischen Rassismus. Antimuslimische Attacken und Artikulationen nehmen in Deutschland sprunghaft zu und werden ja auch von der Pegida-Bewegung oder der AfD befeuert. Das scheint kein Sonderweg zu sein, Deutschland schlie&szlig;t hier an andere Nationen an, wie an Frankreich, wo es bereits viel breitere antimuslimische Bewegungen gibt, die sich auf einen Staatslaizismus beziehen k&ouml;nnen. Ein solcher ist in Deutschland noch nicht einmal gegeben, wo die gro&szlig;en christlichen Kirchen vom Staat unterst&uuml;tzt und mit Steuermitteln versehen werden.<\/p><p>&bdquo;Deutschlandkritik&ldquo; ist also mit Vorsicht zu genie&szlig;en und nicht zuf&auml;llig erinnert der Begriff eher an offizielle Staatspolitik und ihre mediale Verarbeitung: Deutschlandkritik &uuml;bt da die polnische Regierung oder man liest in den gro&szlig;en Medien von Erdogans harscher Deutschlandkritik&hellip; Offensichtlich scheint durch Kritik einer nationalen Einheit wenig Emanzipatorisches transportiert zu werden.<\/p><p>Das wei&szlig; die deutsche Linke nach der Wiedervereinigung sp&auml;testens seit dem Auftauchen sogenannter &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33624\">Antideutscher<\/a>&ldquo;, die meinten, man k&ouml;nne das eigene Kollektiv mit irgendwelchen Fahnen anderer Kollektive provozieren &ndash; der US-amerikanischen oder der israelischen beispielsweise. Sie wurden dann tats&auml;chlich zu Avantgarden einer bellizistischen, neokonservativen und neoliberalen Politik.<\/p><p>Eine solche angebliche &bdquo;Deutschlandkritik&ldquo; ist der Tod der historischen Linken. Was das von mir herausgegebene Buch in einem ersten Teil, der sich &bdquo;Deutschland.Kritik aktuell&ldquo; nennt, also pr&auml;sentiert, ist eine antikapitalistisch unterf&uuml;tterte Analyse unserer Welt, in der Deutschland eine hegemoniale und zusehends aggressive Rolle spielt, jedoch anders als noch in den Umbruchsjahren 1990\/91 erwartet.<\/p><p><strong>Worauf spielen Sie da an?<\/strong><\/p><p>Der Journalist Thomas Konicz skizziert in seinem Beitrag etwa die Herausbildung eines deutschen Europa, das sich unter anderem mit dem Hartz-IV-Programm zum Lehrmeister Europas in Sachen kapitalistische Modernisierung gemausert hat. Konicz beschreibt, wie Deutschland als Exportweltmeister und mit seiner abgestuften Lohnhierarchisierung andere Nationen im Sinn eines Neomerkantilismus in den Konkurs treibt und zum Anwalt einer Austerit&auml;tspolitik wird, die ihrerseits das damit einhergehende Versprechen eines Aufschwungs dieser L&auml;nder auf den St-Nimmerleinstag verschiebt.<\/p><p>Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse und spektakul&auml;r gegen&uuml;ber Griechenland durchgesetzte Spardiktate dr&uuml;cken die deutsche Dominanz in Europa aus, f&uuml;hren aber nicht zu einem ungebrochenen Aufstieg Europas, sondern der &ouml;konomische Zerfall in S&uuml;deuropa ist nur das Vorspiel f&uuml;r das generelle Zusammenklappen der EU, das sich ja dieser Tage drastisch zeigt.<\/p><p>Und der K&ouml;lner Theoretiker Detlef Hartmann nimmt den Ukraine-Konflikt zum Anlass, um Deutschlands Rolle in einer Welt des Umbruchs zu analysieren, in der die versch&auml;rfte Entwertung von sozialen Lebenszusammenh&auml;ngen wie in der Ostukraine als Teil einer gr&ouml;&szlig;eren Transformation zu begreifen ist. Der sich best&auml;ndig modernisierende Kapitalismus mit seinen Innovationsoffensiven muss seines Erachtens nach stets Lebens- und Arbeitszusammenh&auml;nge neu zusammensetzen, ja, gegebenenfalls zertr&uuml;mmern. Mobilit&auml;t und Flexibilit&auml;t sind gefragt. Die Schaffung eines deutsch dominierten &bdquo;Mitteleuropa&ldquo; ist seines Erachtens ein zwar weit entferntes, jedoch klar angestrebtes Projekt der Bundesregierung in der Auseinandersetzung mit dem amerikanischen, japanischen, chinesischen Kapital.<\/p><p>Dabei l&auml;sst Deutschland immer aggressiver seine milit&auml;rische Zur&uuml;ckhaltung fahren und bereitet sich auch f&uuml;r den Eintritt in neue Kriege vor, zurzeit etwa durch <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/44\/44035\/1.html\">Remilitarisierung der Mentalit&auml;ten<\/a> und innerer Aufr&uuml;stung. Die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34525\">Terrorangst<\/a> kommt da gelegen. Es wird wahrscheinlich viele verwundern, dass Hartmann auch den islamistischen Terror vor diesem Hintergrund interpretiert: als gewaltsame Reaktion von M&auml;nnern, die Entwertungserfahrungen derart verarbeiten, dass sie andere zu unterwerfen und zu vernichten trachten. Er sieht darin Parallelen zur faschistischen Gewalt Anfang des 20. Jahrhunderts vorliegen. Darauf mit einer die westliche Zivilisation beschw&ouml;renden Kriegspolitik zu antworten, k&auml;me nur einer selbsterf&uuml;llenden Prophezeiung der islamistischen Avantgarden gleich. Sie sehen schon: die Beitr&auml;ge machen es sich nicht leicht mit schnellen, leicht konsumierbaren Antworten&hellip;<\/p><p><strong>In Ihrem eigenen Beitrag behandeln Sie die inzwischen sehr popul&auml;re und von antideutschen Kreisen gern und oft kolportierte These, das Erstarken des Antisemitismus im Hitlerfaschismus verdankten wir vor allem &bdquo;dem kleinen Mann&ldquo; und die Vernichtungslager seien Resultat einer fehlgeleiteten antikapitalistischen Revolte von unten. Eines der vielen Denkgeb&auml;ude, was die Trennung zwischen links und rechts zunehmend zu <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34504\">nivellieren<\/a> versucht. Kam der Faschismus eigentlich &bdquo;von unten&ldquo;, wie man uns neuerdings gerne glauben machen mag?<\/strong><\/p><p>Innerhalb der linken und marxistischen Tradition in Ost und West wurde der Faschismus als eine Form b&uuml;rgerlicher Herrschaft dargestellt. Er kam dieser Lesart zufolge also &bdquo;von oben&ldquo;. Prinzipiell ist diese Erkenntnis ja auch richtig und die vielen j&uuml;ngeren historischen Untersuchungen zu Einzelunternehmen und ihrem Profitieren im Dritten Reich best&auml;tigen blo&szlig;, was allerdings nicht so Recht ins Massenbewusstsein treten darf: Dass nat&uuml;rlich der NS-Faschismus im Dienste des Kapitals agierte.<\/p><p>Dennoch ist dies nur die halbe Wahrheit. Denn der Vernichtungsantisemitismus und die Mobilisierungskraft des NS-Faschismus, der ja eine <a href=\"http:\/\/www.unrast-verlag.de\/gesamtprogramm\/allgemeines-programm\/antirassismus\/krise-und-antisemitismus-48-detail\">Antwort auf die Krise von 1929 war<\/a>, stellte eine &Uuml;berforderung des klassischen Marxismus dar, seines Geschichtsoptimismus, seiner Annahme, Krise f&uuml;hre sozusagen per se zu revolution&auml;ren Aktionen der Arbeiterklasse und seiner teilweise simplen Machtsoziologie. In Anschluss an den dissidenten Marxisten und Psychoanalytiker Wilhelm Reich haben so die Vertreter der sogenannten Kritischen Theorie versucht, zu erkl&auml;ren, warum auch die Leute &bdquo;von unten&ldquo; teilweise f&uuml;r ein Projekt wie den Nationalsozialismus zu gewinnen waren, ja dem F&uuml;hrer bereitwillig entgegenarbeiteten. Eben auch bei der Massenvernichtung der Juden. Ohne auf die &bdquo;Massenpsychologie des Faschismus&ldquo; zu reflektieren, bleibt meines Erachtens jede Faschismusanalyse unterkomplex.<\/p><p>Im Buch zeichnet der Freiburger Punkrocker Michael Koltan die unterschiedlichen Vorstellungen vom Faschismus und der Rolle des Antisemitismus im NS bei den wichtigen K&ouml;pfen der Frankfurter Schule nach, die sich den massenpsychologischen Aspekten des Nationalsozialismus widmeten: bei Adorno und Horkheimer gerinnen sie zu spekulativer Geschichtsphilosophie, bei Herbert Marcuse und Franz Neumann jedoch, die den US-Geheimdiensten im Kampf gegen den Hitlerfaschismus zugearbeitet haben, werden wichtige Einsichten &uuml;ber Rolle und Funktion des Antisemitismus geliefert, die den blinden Fleck des Marxismus in dieser Hinsicht beheben konnten.<\/p><p>Dass die Geburt des NS-Faschismus aus der Krise des Kapitalismus 1929 und die ihn tragenden gesellschaftlichen Schichten und Klassen im &ouml;ffentlichen Diskurs verdr&auml;ngt wurden, daf&uuml;r stehen jeweils auf ihre Art die Namen Daniel Goldhagen und G&ouml;tz Aly: Der US-amerikanische Soziologe Goldhagen zeichnet eine schlichte Sonderwegs-Linie eines ewigen eliminatorischen Antisemitismus von Luther bis Hitler, den alle Deutschen als kulturellen Code geteilt h&auml;tten. Und der Berliner Historiker G&ouml;tz Aly, der aus der Linken kommt und in der Vergangenheit schon einmal bessere Forschung betrieben hat, sieht im Antisemitismus der Deutschen eine tendenziell egalit&auml;re Bereicherungsbewegung, die neidgef&uuml;ttert auf Enteignung der angeblich reicheren, flexibleren und kl&uuml;geren Juden abzielt. Der Antisemit ziele eigentlich darauf ab, Gleichheit herzustellen und sei mit seiner Vorstellung den marxistischen Egalit&auml;tsvorstellungen und klassenk&auml;mpferischen Ans&auml;tzen, die Kapitalisten zu enteignen, daher mit diesen auf eine Stufe zu stellen.<\/p><p>Nun ja, und im linken Milieu gibt es den US-amerikanischen Marxisten Moishe Postone, der im NS-Antisemitismus eine antikapitalistische Revolte gegen die &bdquo;abstrakte Seite des Kapitalverh&auml;ltnisses&ldquo; erblicken will. Alle drei eint, dass sie von Klassen- und Machtverh&auml;ltnissen im Nationalsozialismus absehen, dass sie die Rolle der &bdquo;kleinen Leute&ldquo; &uuml;berbetonen und ihnen daher die aggressiven Tr&auml;gerschichten des Nationalsozialismus aus dem Blick geraten.<\/p><p>Alle drei treibt dabei auch ein heftiges geschichtspolitisches Interesse um: G&ouml;tz Aly mit der Herabsetzung alles Linken, das er nur als totalit&auml;r rezipieren kann, wie beispielsweise die 68er, die er als direkte Kinder Hitlers skizziert und nicht etwa als eine Generation, die mit den autorit&auml;ren faschistischen Eltern abrechnen wollte. Und Goldhagen eben als F&uuml;rsprecher von Kriegen und Interventionen gegen neue Konstellationen, in denen angeblich eliminatorische Vernichtung um sich greife&hellip;<\/p><p><strong>Das klingt ja ein wenig wie die andere vermeintlich antifaschistische These, man m&uuml;sse &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26380\">die neuen Hitlers<\/a>&ldquo; dieser Welt mit Krieg bek&auml;mpfen, um Faschismus zu verhindern. Womit wir dann wieder bei der antideutschen Ideologie w&auml;ren, nehme ich an&hellip;<\/strong><\/p><p>Richtig, man kann sich noch erinnern, dass die Realogr&uuml;nen die Reste der linken und antimilitaristischen Gr&uuml;nen 1999 zum Kriegseintritt gegen Serbien &uuml;berstimmten. Die Kriegsbereitschaft in der gr&uuml;nen und sozialdemokratischen Staatslinken hatte Joschka Fischer mit seinem &bdquo;Nie wieder Auschwitz&ldquo; befeuert. Hier war die radikale und au&szlig;erparlamentarische Linke, die die &bdquo;Nie-wieder-Deutschland&ldquo;-Stimmung von 1989\/90 teilte, noch gegen den Krieg.<\/p><p>Mit 9\/11 setzte sich im antideutschen Milieu, also einigen Antifa-Gruppen, der Monatszeitung Jungle World sowie in marxistischen Lesekreisen, dann aber das durch, was sich 1991 bereits in der gro&szlig;en linken Publikumszeitschrift &bdquo;konkret&ldquo; bahnbrach: Man m&uuml;sse mit Bush senior bzw. junior <em>gegen<\/em> arabische und islamische Despoten und Terroristen vorgehen, um angeblich Israel zu sch&uuml;tzen &ndash; so viel auch zum au&szlig;enpolitischen Programm &ndash; und au&szlig;erdem der angeblich antiamerikanischen und antisemitischen Friedensbewegung eins auszuwischen &ndash; so viel zum innenpolitischen Programm.<\/p><p>Die deutsche Linke wird an diesem Irrsinn und seinen Folgen noch einige Jahre zu knabbern haben: Goldhagens Thesen wurden von dieser &ldquo;antideutschen&ldquo; Linken Mitte der 90er Jahre breit rezipiert und von ehemals &bdquo;antideutschen&ldquo;, nun neokonservativen Publizisten wie Matthias K&uuml;nzel, die am liebsten heute schon den Iran mit Bomben eindecken wollen, als ad&auml;quateste Theorie zur Erkl&auml;rung des NS-Antisemitismus betrachtet. War f&uuml;r Rot-Gr&uuml;n der neue Hitler noch der Serbe Milosovic, so ist er f&uuml;r die Antideutschen immer sehr arabisch, sitzt im Nahen Osten und liest den Koran.<\/p><p><strong>In welcher Situation sehen Sie die gesellschaftliche Linke denn aktuell? Ist es zutreffend, dass die Kritik zunehmend aus den Parlamenten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34608\">verschwindet<\/a> und wir es immer mehr mit einer Art neoliberaler Einheitspartei zu tun haben?<\/strong><\/p><p>Gab es fundamentale Kritik schon jemals im Parlament und hat sie dort einen angemessenen Platz? Mit dem Vater des Anarchismus Michael Bakunin &ndash; &uuml;ber dessen Deutschlandkritik der Anarchismusforscher Philippe Kellermann einen sch&ouml;nen Beitrag in dem Sammelband geschrieben hat &ndash; und dem Berliner Politikwissenschaftler Johannes Agnoli w&uuml;rde ich sagen: Nein.<\/p><p>Was Sie &uuml;ber die neoliberale Einheitspartei sagen, mag stimmen, viel schlimmer wiegt aber doch, dass eine im Kern neoliberale, konservative und islamfeindliche Anti-Immigrationspartei wie die AfD auch von Teilen der Arbeiter und Arbeitslosen als unangepasst, widerst&auml;ndig und wahrhaft anti-establishment angesehen wird. Diese wird aktuell als einzige Nicht-Einheitspartei rezipiert, wo sie doch nur die neoliberale Ideologie der Austerit&auml;t mit der kultur- und sozialrassistisch begr&uuml;ndeten Ausgrenzung anderer und einem rabiaten Konservativismus koppelt.<\/p><p>Der AfD gelingt es, glauben zu machen, wir w&uuml;rden von einem multikulturell verz&uuml;ckten, linksgr&uuml;nen sowie &bdquo;politisch korrekten&ldquo; Mainstream beherrscht, der von Angela Merkel &uuml;ber das gr&uuml;ne Milieu einer Claudia Roth bis zu m&auml;nnerhassenden Genderprofessorinnen an den deutschen Unis reichen. Die Linke habe einen Sieg in Kultur und Staat errungen, so die Klage, und man m&uuml;sse daher gegen den Ausverkauf Deutschlands, gegen Homoehe und Fr&uuml;hsexualisierung an Schulen als Sp&auml;tfolge von 68 und anderes rebellieren. Und diese Klage kommt an, besonders bei Leuten, die sich tats&auml;chlich von der Dynamik der kapitalistischen Beschleunigung und der Liberalisierung im Bereich medialer und kultureller &Uuml;berbauph&auml;nomene erdr&uuml;ckt f&uuml;hlen &ndash; und sich konservativ an deutsche und abendl&auml;ndische Identit&auml;ten klammern, was immer das sein mag.<\/p><p>Diese Leute werden von einem Medienmarkt bedient, der von der auflagenstarken Zeitschrift Compact des ehemaligen &bdquo;Antideutschen&ldquo; J&uuml;rgen Els&auml;sser reicht, der mittlerweile so deutsch denkt, handelt und agitiert, dass das Verdikt, die Antideutschen seien blo&szlig; negative und verkrampft sich verstellende Nationalisten gewesen, Plausibilit&auml;t erh&auml;lt, bis zur &bdquo;Jungen Freiheit&ldquo; oder verschw&ouml;rungstheoretischen Publikationen aus dem Kopp-Verlag.<\/p><p><strong>Was w&auml;re Ihr Appell, was t&auml;te in dieser Situation gerade am meisten not?<\/strong><\/p><p>Eine Linke, die unangepasst, widerst&auml;ndig und anti-establishment agiert, und zwar au&szlig;erhalb der Institutionen, als wahrhaft autonome Kraft. Wo ist etwa die Medien- und Ideologiekritik geblieben, die mit Anti-Springer-Kampagnen am Anfang der 68er-Protestbewegung stand? Das rechte Geraune von &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; ist zwar nicht aufkl&auml;rerisch, erhascht aber dennoch einen Zipfel der Wahrheit.<\/p><p>Die Linke h&auml;tte die Aufgabe, eine aufkl&auml;rerische Kritik der Medienmacht zu formulieren. Sie muss gleichzeitig die Idee der Solidarit&auml;t nicht nur propagieren, sondern auch umsetzen k&ouml;nnen. Ein Einknicken vor migrationsfeindlichen Stimmungen, wie das aktuell teilweise zu beobachten ist, sorgt nur daf&uuml;r, dass Kernbestandteile linken Denkens wie Solidarit&auml;t und das Festhalten am Gedanken der globalen Gleichheit unterh&ouml;hlt werden.<\/p><p>Was wir aber haben, das ist eine Partei wie &bdquo;Die Linke&ldquo;, in der es zumindest Vielen inzwischen offenbar vor allem um P&ouml;stchenjagd geht, ansonsten aber wenig radikale, im Sinne von &bdquo;an die Wurzel gehende&ldquo; Antworten auf die brennenden Fragen unserer Zeit zu finden sind. Und auch eine wirkliche au&szlig;erparlamentarische Linke gibt es nicht mehr; die, die es gibt, hat weitgehend jeden Kontakt zu den Ausgebeuteten und Abgeh&auml;ngten verloren und bedient sich inzwischen fast nur noch einer Sprache, die kaum verstanden wird &ndash; das ist durchaus auch als Selbstkritik gemeint &ndash; oder sich auf die Artikulation von Anliegen des &bdquo;Patchwork der Minderheiten&ldquo; festgelegt und damit jeglichen universalistischen Anspruch aufgegeben hat.<\/p><p>Das von mir herausgegebene Buch &bdquo;Deutschland.Kritik&ldquo; erinnert ja nicht umsonst an eine ganze Traditionslinie antiautorit&auml;rer linker Tradition. So w&uuml;rdigt der Historiker Christoph J&uuml;nke den libert&auml;r-marxistischen Sozialpsychologen Peter Br&uuml;ckner, der die Besonderheit der post-faschistischen BRD-Konstellation mit ihrem Untertanengeist kritisierte und dennoch an eine internationale Debatte um eine Erneuerung von sozialen K&auml;mpfen jenseits der starren Gewerkschaftsapparate ankn&uuml;pfen wollte.<\/p><p>Ein solcher Zugang zur Wirklichkeit muss aktualisiert werden. Von der subversiven Kraft der 60er-Bewegungen lie&szlig;e sich diesbez&uuml;glich einiges lernen, nicht umsonst wollen ja die neoliberal gewendeten F&uuml;rsprecher des Bestehenden wie G&ouml;tz Aly den Bannstrahl &uuml;ber die 68er-Revolte verh&auml;ngen. Der Antisemitismus-, Antiamerikanismus- und Faschismusvorwurf ist dabei zum beliebtesten Diskursjoker geworden, wenn es darum geht, das Erbe der Fundamentalopposition madig zu machen. Dies zeigt der Protestforscher und Politologe Markus Mohr in seinem Beitrag &uuml;ber &bdquo;Die &lsquo;antideutsche&rsquo; Geschichtsschreibung des Linksradikalismus in der Bundesrepublik nach 1967&ldquo;.<\/p><p>Und auch an die Erfahrungen der osteurop&auml;ischen Subkulturen und staatsfernen Linken l&auml;sst sich ankn&uuml;pfen, wie die der DDR-Opposition entstammende Aktivistin Anne Seeck in ihrem Beitrag &uuml;ber &bdquo;Die DDR &ndash; zu wenig sozialistisch, zu deutsch&ldquo; zeigt. Sie insistiert darauf, dass es keinen Grund gibt, sich einer Ostalgie f&uuml;r die autorit&auml;re Gartenzwergidylle der DDR, die in vielen Verkehrsformen und praktizierten Sekund&auml;rtugenden deutsche Mentalit&auml;ten konserviert und blo&szlig; rot angestrichen hat, zu beflei&szlig;igen. Seeck endet dann mit dem Appell, dem ich mich nur anschlie&szlig;en kann:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine Reflexion &uuml;ber Verkn&uuml;pfung von Freiraumpraxis, Nachdenken &uuml;ber Utopien und Aktivit&auml;t im gesellschaftlichen Umbruch 1989 kann f&uuml;r eine heutige Linke und ihre Alternativendiskussion jenseits des Kapitalismus &auml;u&szlig;erst wertvoll sein.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Gerhard Hanloser<\/strong>, Jahrgang 1972, studierte Soziologie, Geschichte, P&auml;dagogik und Germanistik in Freiburg im Breisgau. Hanloser lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer und Publizist. Er ver&ouml;ffentlichte 2004 eine der bekanntesten Darstellungen und Kritiken der Antideutschen: &bdquo;<em>Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken: Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik<\/em>&ldquo; im Unrast-Verlag.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <strong><a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a><\/strong> &uuml;ber neue Texte bestellen.<\/em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/9843487b16e04ef0ab3cba48b1527c6c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160923_hanloser.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Deutschland scheint gel&auml;utert vor seiner Geschichte zu stehen: Man gedenkt routiniert der Vergangenheit, spricht sich staatsoffiziell gegen Antisemitismus aus, preist sich, Lehren aus der j&uuml;ngsten Vergangenheit gezogen zu haben und tut, wie man behauptet, alles nur M&ouml;gliche f&uuml;r Weltfrieden und gegen Armut. 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