{"id":3520,"date":"2008-10-20T09:06:05","date_gmt":"2008-10-20T07:06:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3520"},"modified":"2019-02-15T12:45:22","modified_gmt":"2019-02-15T11:45:22","slug":"ist-der-kasinokapitalismus-am-ende-neoliberalismus-in-der-legitimationskrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3520","title":{"rendered":"Ist der \u201eKasinokapitalismus\u201c am Ende?- Neoliberalismus in der Legitimationskrise"},"content":{"rendered":"<p>Es w&auml;re verfr&uuml;ht zu glauben, der Neoliberalismus h&auml;tte seine Macht &uuml;ber das Bewusstsein von Millionen Menschen verloren, nur weil sie um ihr Erspartes f&uuml;rchten und mit ihren Steuergroschen einmal mehr die Zeche f&uuml;r Spekulanten und Finanzjongleure zahlen m&uuml;ssen. Gleichwohl bleibt zu hoffen, dass die globale Finanzmarktkrise zur &Uuml;berwindung der neoliberalen Hegemonie &ndash; hier verstanden als &ouml;ffentliche Meinungsf&uuml;hrerschaft des Marktradikalismus &ndash; und zur allgemeinen Rehabilitation der Staatsintervention beitr&auml;gt. Stellt man die Frage, was nach dem Neoliberalismus kommt, sollte man die beiden Perspektiven eines sich radikalisierenden und eines seri&ouml;ser auftretenden, noch subtiler agierenden Marktfetischismus nicht &uuml;bersehen. Von Christoph Butterwegge.<br>\n<!--more--><br>\nDie globale Finanzkrise, deren Folgen keineswegs bew&auml;ltigt sind, ist nicht nur eine Folge der zu freigiebigen Kreditvergabe amerikanischer Hypothekenbanken, sondern auch die zwangsl&auml;ufige Konsequenz eines nach neoliberalen Vorstellungen umgestalteten Bankensystems. Es verk&ouml;rpert jenen &bdquo;Kasinokapitalismus&ldquo; (Susan Strange), vor dessen Anf&auml;ngen schon der britische &Ouml;konom John Maynard Keynes gewarnt hat. Statt auf industrieller Wertsch&ouml;pfung beruht dieses System auf hoch spekulativen Geldanlagen mittels immer komplexerer Produkte (Derivate), die unvorstellbaren Reichtum bei wenigen Finanzmagnaten und immer mehr Armut nicht nur in der sog. Dritten Welt, sondern auch in den Konsumgesellschaften des Nordens entstehen lassen. Das neoliberale Projekt versch&auml;rft die sozialen Ungleichheiten in bislang nicht bekannter Form, verspricht Arbeitnehmer(inne)n, prek&auml;r Besch&auml;ftigten und Erwerbslosen jedoch immer noch mehr Wohlstand, dauerhaftes Wirtschaftswachstum und den Abbau der Massenarbeitslosigkeit &ndash; ganz so, als w&auml;ren nicht jedem Konjunkturaufschwung schon bald die Rezession und h&auml;ufig genug auch der B&ouml;rsencrash gefolgt.<\/p><p>Je st&auml;rker Hedgefonds, Private-Equity-Firmen und transnationale Konzerne das Wirtschaftsgeschehen auf dem ganzen Planeten beherrschten, ohne dass ihnen durch &ouml;ffentliche Institutionen, kompetente Aufsichtsorgane und politische Regulierungsmechanismen sp&uuml;rbar Grenzen gesteckt wurden, umso mehr nahm die Labilit&auml;t der Kapitalm&auml;rkte zu. Hier liegt ein zentraler Streitpunkt zwischen den Neoliberalen und ihren Kritiker(inne)n, die in den sich gegenw&auml;rtig h&auml;ufenden Kursst&uuml;rzen ein untr&uuml;gliches Indiz f&uuml;r das Scheitern jenes &ouml;konomischen Ansatzes sehen, der die Forderungen nach tiefgreifenden Strukturreformen, wirksamen Interventionsma&szlig;nahmen des Staates, planm&auml;&szlig;iger Wirtschaftslenkung und strengeren Finanzmarktkontrollen fast reflexhaft abwehrt.<\/p><p><strong>Neoliberale gegen den Sozialstaat und sinnvolle Staatseingriffe<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend sich der &bdquo;klassische&ldquo; Liberalismus als fortschrittliche Bewegung des B&uuml;rgertums in erster Linie gegen den Feudalstaat bzw. seine &Uuml;berreste richtete, bek&auml;mpft der Neoliberalismus, verstanden als (Wirtschafts-)Theorie, Sozialphilosophie und politische Strategie, die den Markt zum umfassenden gesellschaftlichen Regulierungsmechanismus erheben m&ouml;chte, jeglichen Staatsinterventionismus, der dem Kapital politische Fesseln anlegt. Seit der Weltwirtschaftskrise 1974\/75 richtete sich die Kritik am Interventionsstaat gegen Reformen, die eine SPD\/FDP-Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt nach der Sch&uuml;ler- bzw. Studentenbewegung und der Au&szlig;erparlamentarischen Opposition (ApO) am Ende der 1960er- bzw. zu Beginn der 1970er-Jahre verwirklicht hatte. F&uuml;r die weitere Entwicklung war das sog. Lambsdorff-Papier vom 9. September 1982 bedeutsam, dessen Forderungen nach sp&uuml;rbarer Verbesserung der Kapitalertr&auml;ge und einer &bdquo;Verbilligung des Faktors Arbeit&ldquo; durch Senkung der Sozialleistungsquote vor 25 Jahren zum Bruch der sozial-liberalen Koalition f&uuml;hrten. Die nachtr&auml;gliche Lekt&uuml;re des Memorandums l&auml;sst erkennen, dass es sich um das offizielle Drehbuch f&uuml;r die Wirtschafts- und Sozialpolitik bis heute handelte und der &bdquo;Marktgraf&ldquo; ein wichtiger Wegbereiter der neoliberalen Hegemonie war. So sehr entsprechen zahlreiche Ma&szlig;nahmen, die seither ergriffen wurden, dem dort niedergelegten Handlungskatalog: Von einer zeitlichen Begrenzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf zw&ouml;lf Monate &uuml;ber die Einf&uuml;hrung eines &bdquo;demografischen Faktors&ldquo; zur Beschr&auml;nkung der Rentenh&ouml;he (&bdquo;Ber&uuml;cksichtigung des steigenden Rentneranteils in der Rentenformel&ldquo;) bis zur st&auml;rkeren Selbstbeteiligung im Gesundheitswesen listete das Lambsdorff-Papier fast alle &bdquo;sozialen Grausamkeiten&ldquo; auf, welche die folgenden Bundesregierungen bis heute verwirklichten.<\/p><p>Nach dem Regierungswechsel Schmidt\/Kohl ging der Neoliberalismus, dem Vorbild Margaret Thatchers in Gro&szlig;britannien und Ronald Reagans in den USA folgend, auch in der Bundesrepublik von einer Fundamentalkritik am Interventionsstaat zur rigorosen &bdquo;Reform&ldquo;-Politik &uuml;ber. Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Kollaps aller &bdquo;realsozialistischen&ldquo; Staatssysteme in Ost- bzw. Ostmitteleuropa 1989 bis 1991 beeinflussen Neoliberale und Wirtschaftslobbyisten die &ouml;ffentliche Meinung, das soziale Klima und die politische Kultur unseres Landes noch st&auml;rker. Offenbar entfiel mit der &ndash; gar nicht mal attraktiven &ndash; Systemalternative die letzte Sperre gegen&uuml;ber der Transformation des &bdquo;rheinischen&ldquo; Modells der Sozialen Marktwirtschaft zum &bdquo;schweinischen&ldquo; Finanzmarkt- und Aktion&auml;rskapitalismus, wie er sich nunmehr fast auf der ganzen Welt durchsetzte.<\/p><p>Rolf-E. Breuer, als Vorstandssprecher der Deutschen Bank ein prominenter F&uuml;rsprecher des Neoliberalismus, erkl&auml;rte die Finanzm&auml;rkte in einem Artikel der ZEIT (v. 27.4.2000) zur &bdquo;f&uuml;nften Gewalt&ldquo; und relativierte die Bedeutung demokratischer Verfassungsorgane. Zwischen der Politik und offenen Finanzm&auml;rkten existiere in Zeiten der Globalisierung nicht blo&szlig; eine &bdquo;weitgehende Interessenkongruenz&ldquo;, sondern Letztere seien auch &bdquo;effiziente Sensoren&ldquo; gegen&uuml;ber Fehlentwicklungen in einem Land, das schlecht regiert werde, ohne dass sie eine bestimmte Politik erzw&auml;ngen. Regierungen sollten Anlegerw&uuml;nsche, in denen Breuer die westlichen Wertvorstellungen manifestiert w&auml;hnt, deshalb auch viel st&auml;rker als bisher ber&uuml;cksichtigen: &bdquo;Die berechtigten Interessen in- und ausl&auml;ndischer Investoren, der Wunsch der Finanzmarktteilnehmer nach Rechtssicherheit und Stabilit&auml;t m&uuml;ssen respektiert werden. Diese W&uuml;nsche stehen freilich nicht im Gegensatz zu den Grundorientierungen einer an Wohlstand und Wachstum orientierten Politik, sondern sind mit ihnen identisch. Offene Finanzm&auml;rkte erinnern Politiker allerdings vielleicht etwas h&auml;ufiger und bisweilen etwas deutlicher an diese Zielsetzungen, als die W&auml;hler dies verm&ouml;gen.&ldquo; Nach den Erfahrungen der letzten Zeit verwundern solche anma&szlig;enden, Selbst&uuml;bersch&auml;tzung und Demokratiefeindschaft ausdr&uuml;ckenden Formulierungen noch mehr, als dies bei kritischen Zeitgenoss(inn)en damals bereits der Fall war.<\/p><p><strong>Kritik des Neoliberalismus<\/strong><\/p><p>Mit einer Deregulierung der M&auml;rkte sowie einer (Re-)Privatisierung &ouml;ffentlicher G&uuml;ter und sozialer Risiken zielt der Neoliberalismus auf &bdquo;Kapitalismus pur&ldquo;, also eine Marktgesellschaft ohne entwickelten Wohlfahrtsstaat und wirtschaftspolitischen Interventionismus. W&auml;hrend der Interventionsstaat abgelehnt wird, avanciert der Markt zum universellen Regelungsmechanismus, obwohl er die Gesellschaft im &bdquo;S&auml;urebad der Konkurrenz&ldquo; (Karl Marx) zersetzt, sie in Arm und Reich spaltet sowie die Rivalit&auml;t zwischen und die Brutalit&auml;t von Menschen tendenziell f&ouml;rdert. Neoliberal zu sein meint folglich nicht nur, den Markt f&uuml;r die effizienteste Regulierungsinstanz der Gesellschaft zu halten und auf Distanz gegen&uuml;ber dem bestehenden, als b&uuml;rokratisch verteufelten (Sozial-)Staat zu gehen. Neoliberal zu sein bedeutet auch mehr, als die Handlungsmaxime &bdquo;Privat vor Staat&ldquo; zu beherzigen. Neoliberal hei&szlig;t letztlich, unsozial und unsensibel f&uuml;r die wachsenden Existenzprobleme von Millionen Menschen &ndash; Arbeitnehmer(inne)n, Erwerbslosen und ihren Familien sowie Rentner(inne)n &ndash; zu sein. Indem planm&auml;&szlig;ig immer mehr Gesellschaftsbereiche dem Prinzip der Profitmaximierung unterworfen werden, nehmen die Handlungsr&auml;ume von Individuen, die zu &bdquo;Kunden&ldquo; und damit zu Objekten der Werbeindustrie herabgew&uuml;rdigt werden, sowie die Entscheidungsautonomie demokratischer Institutionen zumindest tendenziell ab.<\/p><p><strong>Totgesagte leben l&auml;nger: der Neoliberalismus ist quicklebendig<\/strong><\/p><p>Seit geraumer Zeit scheint es, als erlebe der (Wohlfahrts-)Staat eine Renaissance und als neige sich die Periode der Privatisierung von Unternehmen, &ouml;ffentlicher Daseinsvorsorge und sozialen Risiken ihrem Ende zu. Noch ist die neoliberale Hegemonie jedoch ungebrochen und versch&auml;rft nicht nur die soziale Asymmetrie, bedeutet vielmehr auch eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie, weil sie politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozess entwertet. Viele (junge) Menschen resignieren vor der scheinbaren &Uuml;bermacht des &Ouml;konomischen gegen&uuml;ber dem Politischen und ziehen sich ins Privatleben zur&uuml;ck, statt sich f&uuml;r eine bessere Welt, zu engagieren.<\/p><p>Marktradikale m&uuml;ssten nach dem Scheitern ihrer Liberalisierungs-, Deregulierungs- und Privatisierungskonzepte eigentlich in Sack und Asche gehen, haben aber schon wieder Oberwasser. Sie waren nie gegen Staatsinterventionen ganz allgemein, sondern nur gegen solche, die M&auml;rkte und Profitm&ouml;glichkeiten beschr&auml;nken. Dagegen sind selbst massive Eingriffe wie das deutsche 480 Mrd.-Paket zur Rettung der Banken und des Finanzsektors ausgesprochen erw&uuml;nscht, wenn hierdurch die B&ouml;rsen stabilisiert und die Gewinnaussichten der Unternehmen verbessert werden. Dabei handelt es sich um einen marktkonformen Staatsinterventionismus im Sinne der Gro&szlig;wirtschaft, die selbst entsprechende Konzepte vorgeschlagen und gemeinsam mit den zust&auml;ndigen Ministerien entwickelt hat. <\/p><p>Das f&uuml;r den Gegenwartskapitalismus kennzeichnende Kasino im Finanzmarktbereich wird derzeit nicht &ndash; wie etwa die globalisierungskritische Organisation attac verlangt &ndash; geschlossen, sondern mit Steuergeldern saniert und modernisiert. Angela Merkel wollte ausgerechnet Hans Tietmeyer, zun&auml;chst Staatssekret&auml;r im Finanzministerium, dort eigentlicher Verfasser des Lambsdorff-Papiers, sp&auml;ter Pr&auml;sident der Bundesbank und Kuratoriumsvorsitzender der &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM), zum Chefberater f&uuml;r die Reorganisation der Finanzm&auml;rkte ernennen. Da sollte mithin der Bock zum G&auml;rtner gemacht werden, wenn nicht der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden, was die fehlende Bereitschaft der Bundeskanzlerin unterstreicht, einen wirklichen Neuanfang zu wagen.<\/p><p>Selbst die FAZ (v. 8.10.2008) spricht vom Neoliberalismus mittlerweile in der Vergangenheitsform: &bdquo;Der Neoliberalismus war eine Abenteuergeschichte, und die ganze Gesellschaft fieberte mit. Heute kommt sie uns vor wie eine K&auml;pt&rsquo;n-Blaub&auml;r-Story. Wir brauchen eine neue Geschichte.&ldquo; Zwar befindet sich der Neoliberalismus in einer Legitimationskrise, seinen dominierenden Einfluss auf die Massenmedien und die &ouml;ffentliche Meinung sowie die politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse b&uuml;&szlig;te er bisher jedoch keineswegs ein. Obwohl die Finanzmarktkrise von den angels&auml;chsischen Musterl&auml;ndern einer &bdquo;freien Marktwirtschaft&ldquo; ausging, ist die neoliberale Hegemonie in der Bundesrepublik, der Europ&auml;ischen Union und den USA bisher ungebrochen. Die &ouml;ffentliche Meinungsf&uuml;hrerschaft der Marktgl&auml;ubigen fu&szlig;t darauf, dass sie entweder die Fehlentscheidungen einzelner Personen (Spitzenmanager, Investmentbanker) oder das Versagen des Staates und seiner Kontrollorgane (Politiker, Finanzaufsicht) f&uuml;r das Fiasko verantwortlich machen. Neoliberale &uuml;berraschen durch flotte Spr&uuml;che (Friedrich Merz: &bdquo;Mehr Kapitalismus wagen!&ldquo;) und staatstragendes Verhalten (FDP-Vorsitzender Guido Westerwelle). Sehr geschickt nutzen prominente Neoliberale die Talkshows und andere &ouml;ffentliche B&uuml;hnen, um &bdquo;der Politik&ldquo; den Schwarzen Peter zuzuschieben und ihnen staatliches Kontrollversagen vorzuwerfen.<\/p><p>Es w&auml;re verfr&uuml;ht zu glauben, der Neoliberalismus h&auml;tte seine Macht &uuml;ber das Bewusstsein von Millionen Menschen verloren, nur weil sie um ihr Erspartes f&uuml;rchten und mit ihren Steuergroschen einmal mehr die Zeche f&uuml;r Spekulanten und Finanzjongleure zahlen m&uuml;ssen. Gleichwohl bleibt zu hoffen, dass die globale Finanzmarktkrise zur &Uuml;berwindung der neoliberalen Hegemonie &ndash; hier verstanden als &ouml;ffentliche Meinungsf&uuml;hrerschaft des Marktradikalismus &ndash; und zur allgemeinen Rehabilitation der Staatsintervention beitr&auml;gt. Stellt man die Frage, was nach dem Neoliberalismus kommt, sollte man die beiden Perspektiven eines sich radikalisierenden und eines seri&ouml;ser auftretenden, noch subtiler agierenden Marktfetischismus nicht &uuml;bersehen.<\/p><p><strong>Folgen der Weltfinanzkrise f&uuml;r Staat, Wirtschaft und Gesellschaft<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend die das Krisendebakel wesentlich mit verursachenden Hasardeure und Spekulanten mittels des &bdquo;Finanzmarktstabilisierungsfonds&ldquo; aufgefangen werden, m&uuml;ssen Arme und Arbeitslose die Suppe, welche uns Banker, Broker und B&ouml;rsianer eingebrockt haben, vermutlich ausl&ouml;ffeln. Wenn die Gro&szlig;e Koalition ausgerechnet auf dem Scheitelpunkt von einer Konjunktur- zur Krisensituation die Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung auf 2,8 Prozent, d.h. den niedrigsten Stand seit der Weltwirtschaftskrise 1974\/75 senkt, sind drastische Leistungsk&uuml;rzungen bereits vorprogrammiert. Die vergleichbare Sanierung des schwedischen Bankensektors bildete w&auml;hrend der 1990er-Jahre den Rahmen f&uuml;r einen Um- bzw. Abbau des dortigen Sozialstaates, was sich hier und jetzt wiederholen k&ouml;nnte. Da die Haushalte von Bund und L&auml;ndern durch B&uuml;rgschaften und Kredite in Milliardenh&ouml;he strapaziert sind, lassen sich Leistungsk&uuml;rzungen nat&uuml;rlich leichter als sonst legitimieren. Statt Konjunkturprogramme aufzulegen und die Binnenkonjunktur durch gezielte Steigerung der &ouml;ffentlichen Investitionen anzuregen, neigt die Bundesregierung zu einer Versch&auml;rfung ihres Austerit&auml;tskurses. Wenn sie &uuml;berhaupt noch Geld f&uuml;r &bdquo;Wohltaten&ldquo; zugunsten der B&uuml;rger\/innen hat, gibt sie es so aus, dass Transferleistungsempf&auml;nger\/innen und sozial Benachteiligte nicht in den Genuss von Verg&uuml;nstigungen kommen, etwa im Falle eines Vorziehens der steuerlichen Absetzbarkeit von Beitr&auml;gen zur Krankenversicherung, die Bundeswirtschaftsminister Glos empfiehlt.<\/p><p>Da sich die Verteilungsk&auml;mpfe um knapper werdende gesellschaftliche Ressourcen und die Finanzmittel des Staates zwangsl&auml;ufig intensivieren, d&uuml;rfte das soziale Klima hierzulande demn&auml;chst erheblich rauer werden. Ohne historische Parallelen &uuml;berstrapazieren und durch den Blick zur&uuml;ck die aktuelle Krisensituation dramatisieren zu wollen, denkt man unwillk&uuml;rlich an die Weltwirtschaftskrise gegen Ende der 1920er-\/Anfang der 1930er-Jahre. Damals leiteten Bankpleiten und B&ouml;rsenzusammenbr&uuml;che international den Niedergang von Unternehmen und Entlassungswellen ein, die Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau sowie Not und Elend gro&szlig;er Bev&ouml;lkerungskreise nach sich zogen, bevor der NSDAP und ihrem &bdquo;F&uuml;hrer&ldquo; Adolf Hitler am 30. Januar 1933 die Macht&uuml;bernahme gelang. Der schnelle Aufstieg des Nationalsozialismus w&auml;re ohne diese spezifischen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen kaum m&ouml;glich gewesen.<\/p><p>&Auml;hnlich gro&szlig; ist heute die Gefahr f&uuml;r die Demokratie, wenn der Sozialstaat erneut durch eine Weltwirtschaftskrise und einen drastischen Besch&auml;ftigungseinbruch unter Druck ger&auml;t. Nie gestaltet sich der geistig-politische N&auml;hrboden f&uuml;r Rechtsextremisten g&uuml;nstiger, als wenn diese auf die &bdquo;Juden von der amerikanischen Ostk&uuml;ste&ldquo; verweisen und vom sozialen Abstieg bedrohten Gesellschaftsschichten geeignete S&uuml;ndenb&ouml;cke pr&auml;sentieren k&ouml;nnen. Wenn sich bei der ohnehin erodierenden Mittelschicht die Furcht ausbreitet, in den von der Finanzkrise erzeugten Abw&auml;rtssog hineingezogen zu werden, sind irrationale Reaktionen und Rechtstendenzen mehr als wahrscheinlich. Davon k&ouml;nnte wiederum ein Signal an die Eliten ausgehen, das bestehende Gesellschaftssystem durch autorit&auml;re Herrschaftsformen zu konsolidieren. Sofern das parlamentarische Repr&auml;sentativsystem in einer solchen Umbruchsituation scheinbar blockiert und diskreditiert ist und die Politik der etablierten Parteien als durch m&auml;chtige Lobbygruppen korrumpiert gilt, haben rechtsextreme bzw. -populistische Gruppierungen relativ gute Chancen, die politische Kultur des Landes ma&szlig;geblich zu beeinflussen und auch bei Wahlen erfolgreich zu sein. Umso wichtiger w&auml;re es, fundierte gesellschaftspolitische Alternativkonzepte zum Neoliberalismus zu entwickeln und m&ouml;glichst viele Menschen f&uuml;r eine soziale, humane und demokratische Krisenl&ouml;sung zu gewinnen.<\/p><p><em>Prof. Dr. Christoph Butterwegge, geb. 1951, lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln und ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates von attac. Im Laufe des Jahres 2008 hat er die B&uuml;cher &bdquo;Kritik des Neoliberalismus&ldquo;, &bdquo;Neoliberalismus. Analysen und Alternativen&ldquo;, &bdquo;Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut&ldquo; sowie &bdquo;Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland&ldquo; ver&ouml;ffentlicht.<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es w&auml;re verfr&uuml;ht zu glauben, der Neoliberalismus h&auml;tte seine Macht &uuml;ber das Bewusstsein von Millionen Menschen verloren, nur weil sie um ihr Erspartes f&uuml;rchten und mit ihren Steuergroschen einmal mehr die Zeche f&uuml;r Spekulanten und Finanzjongleure zahlen m&uuml;ssen. 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