{"id":35205,"date":"2016-09-28T11:50:27","date_gmt":"2016-09-28T09:50:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35205"},"modified":"2019-07-09T11:48:09","modified_gmt":"2019-07-09T09:48:09","slug":"von-verlorenen-werten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35205","title":{"rendered":"Von verlorenen Werten"},"content":{"rendered":"<p>Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Familie von Giovanni Lo Porto, eines italienischen NGO-Mitarbeiters, der im Jahr 2015 durch einen US-amerikanischen Drohnen-Angriff in Waziristan get&ouml;tet wurde, von der US-Regierung eine Entsch&auml;digungssumme von 1,3 Millionen Dollar erh&auml;lt. Sowohl Lo Porto als auch Warren Weinstein, ein weiterer Zivilist, der damals den Tod fand, wurden von Al-Qaida-nahen K&auml;mpfern als Geiseln festgehalten. Doch w&auml;hrend nun die Familie eines Drohnen-Opfers &ndash; und in diesem Fall auch eines wei&szlig;en Europ&auml;ers &ndash; erstmals finanziell entsch&auml;digt wird, warten andere Menschen vergeblich darauf. Von <strong>Emran Feroz<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nAls Mohammad Azam an jenem Tag im Mai seine Schicht begann, war es anfangs lediglich ein weiterer sonniger Morgen in Taftan, einer Stadt in der pakistanischen Provinz Belutschistan. Wie jeder andere Taxifahrer auf dieser Welt hatte sich Azam vorgenommen, seinen Tag damit zu verbringen, einige Fahrg&auml;ste von A nach B zu fahren. Azam hatte keine Ahnung, dass dies sein letzter Arbeitstag sein w&uuml;rde. Am sp&auml;ten Nachmittag des 21. Mai wurde sein verbrannter K&ouml;rper &ndash; kaum identifizierbar &ndash; aufgefunden.  Zu seinem Unwissen war sein letzter Fahrgast Ziel eines US-amerikanischen Drohnen-Angriffs: Mullah Akhtar Mohammad Mansour, der damalige F&uuml;hrer der afghanischen Taliban. Azam wurde dasselbe Schicksal zuteil wie zahlreichen anderen Menschen, die tagt&auml;glich unter Drohnen leben &ndash; und zum Teil deshalb den Tod finden. Doch im Gegensatz zu Mansour fand Azams Name in der internationelen Berichterstattung <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2016\/05\/24\/world\/asia\/obama-mullah-mansour-taliban-killed.html\">kaum Erw&auml;hnung<\/a>.<\/p><p>Anfangs war nicht einmal klar, ob Mansour get&ouml;tet wurde. W&auml;hrend sowohl Washington als auch die afghanische Regierung in Kabul seinen Tod verk&uuml;ndeten, forderten andere Beobachter einen endg&uuml;ltigen Beweis f&uuml;r den Tod des Taliban-F&uuml;hrers. &ldquo;Fehler&rdquo; passierten in der Vergangenheit n&auml;mlich allzu oft. Immer wieder hie&szlig; es seitens Medien und Regierungsoffiziellen, dass dieser oder jener Extremistenf&uuml;hrer durch einen pr&auml;zise erscheinenden Drohnen-Angriff get&ouml;tet wurde &ndash; bevor er wieder lebendig in Erscheinung trat. Wer stattdessen getroffen wurde, blieb in nahezu allen F&auml;llen im Dunkeln. <\/p><p>Im Falle Mansours wurde seine Identit&auml;t erst best&auml;tigt, nachdem die pakistanische Regierung seine DNA mit der eines Familienmitglieds vergleichen lie&szlig;. Der Fall war damit abgeschlossen. Ein paar Tage sp&auml;ter wurde lediglich bekannt, dass ein r&uuml;cksichtsloserer und radikalerer Mann in Mansours Fu&szlig;stapfen getreten ist. Das andere Opfer, der bescheidene Taxifahrer Mohammad Azam, war so gut wie <a href=\"http:\/\/tribune.com.pk\/story\/1112502\/dna-report-confirms-mullah-mansours-death\/\">keine einzige Zeile wert<\/a>.<\/p><p>Mohammad Qasim, der Bruder Azams, ist emp&ouml;rt dar&uuml;ber. &ldquo;Mein Bruder war unschuldig&rdquo;, wiederholte er mir gegen&uuml;ber mehrmals. &ldquo;Wir &ndash; seine Familie &ndash; sind uns sicher, dass er nichts &uuml;ber die Identit&auml;t seines letzten Fahrgastes wusste. Wie viele andere Drohnen-Opfer hatte Azam keinerlei Verbindungen zu militanten Gruppierungen&rdquo;, so Qasim.<\/p><p>Laut Qasim wurde Azam am Tag seines Todes dar&uuml;ber informiert, dass ein lokaler Gesch&auml;ftsmann auf ein Taxi warte. Von Anfang an gab es mehrere Gr&uuml;nde, warum Mullah Mansours Identit&auml;t problematisch erschien. Als reisender Gesch&auml;ftsmann benutzte der Taliban-F&uuml;hrer gef&auml;lschte Dokumente und wies sich demnach mit einem anderen Namen aus. Dadurch konnte Mansour in mehrere Staaten problemlos ein- und ausreisen. Nach dem Drohnen-Angriff wurde etwa deutlich, dass er mehrere arabische Staaten in den letzten Jahren bereist hatte. Mehreren Berichten zufolge fand Mansours letzter Trip in den Iran statt. Von iranischen Beh&ouml;rden wird dies jedoch weiterhin geleugnet. Wie dem auch sei: In Anbetracht der Art und Weise, wie Mansour seine Identit&auml;t verschleierte, ist es schwer vorstellbar, dass ein einfacher Taxifahrer ihn kurz vor <a href=\"http:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2016-05-26\/taliban-says-ex-leader-often-visited-united-arab-emirates-iran\">seinem Tod entlarvt hat<\/a>.<\/p><p>Laut Mohammad Qasim war sein Bruder der Hauptern&auml;hrer seiner ganzen Familie. Azam hinterl&auml;sst eine Frau und vier Kinder. In jenem Monat, in dem Azam get&ouml;tet wurde, beantragte Qasim einen sogenannten First Investigation Report (FIR) in einer Polizeistation in Belutschistan. In dem Dokument fordert Qasim die Untersuchung der Todesumst&auml;nde seines Bruders und fordert Gerechtigkeit. Au&szlig;erdem macht er in dem handgeschriebenen Papier die USA f&uuml;r den Tod Azams verantwortlich. <\/p><p>Nun, Monate nach Azams Tod, steht die Familie weiterhin allein und machtlos dar. &ldquo;Niemand interessiert sich f&uuml;r den Tod meines Bruder. Kein einziger Politiker hat sein Beileid ausgedr&uuml;ckt. Obendrein sind wir zu arm. Wir k&ouml;nnen uns keinen Anwalt leisten, der uns und unser Anliegen repr&auml;sentiert&rdquo;, sagt Qasim.<\/p><p>Die Mehrheit der Familienangeh&ouml;rigen von Drohnen-Opfern ist schlichtweg zu arm, um politischen Druck auszu&uuml;ben. Doch nur durch solch eine Art von Druck ist es m&ouml;glich, internationale Aufmerksamkeit auf derartige Ungerechtigkeiten zu ziehen. Egal, ob in Pakistan, im Jemen, in Afghanistan oder in Somalia &ndash; die Drohnenmord-Kampagne der Obama-Administration hat mittlerweile Tausende von Leben gekostet. Familien wie jene Azams gibt es zahlreich. Sie leben in abgelegenen Regionen, deren Namen den Menschen im Westen meist total unbekannt sind und sind einem Krieg ausgesetzt, den sie nie begonnen haben. Die Opfer, die diese Menschen tagt&auml;glich aufbringen, werden kaum wahrgenommen. Sie sind unsichtbar. <\/p><p>Laut dem Bureau of Investigative Journalism, einer in London ans&auml;ssigen Organisation, die sich unter anderem auf den Drohnen-Krieg der Vereinigten Staaten fokussiert, sind mehr als achtzig Prozent der identifizierten Drohnen-Opfer in Pakistan Zivilisten. Im Jemen wurden im Jahr 2015 mehr Zivilisten Opfer von US-Drohnen als von Al-Qaida-Angriffen. In westlichen Medien finden derartige Fakten <a href=\"https:\/\/www.thebureauinvestigates.com\/2014\/10\/16\/only-4-of-drone-victims-in-pakistan-named-as-al-qaeda-members\/\">kaum Erw&auml;hnung<\/a>.<\/p><p>Eines sollte deshalb klar sein: W&auml;hrend wir uns niemals absolut sicher sein k&ouml;nnen, ob Mohammad Azam sich &uuml;ber die Identit&auml;t seines letzten Fahrgastes bewusst gewesen ist oder nicht, liegt es dennoch sehr nahe, dass er lediglich ein einfacher Taxifahrer gewesen ist, der tagt&auml;glich aufs Neue versucht hat, seine Familie zu ern&auml;hren. An jenem schicksalhaften Tag befand sich er sich wohl lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort. <\/p><p>Doch selbst wenn Azam Mullah Mansour gekannt h&auml;tte, m&uuml;ssen wir uns fragen, ob es legitim gewesen ist, ihn zu t&ouml;ten. Drohnen-Angriffe, vor allem jene in Gebieten wie Pakistan, Jemen oder Somalia, in denen offiziell kein Krieg herrscht (&ldquo;non-combat zones&rdquo;), stellen eine sehr klare, eindeutige Verletzung des internationalen Rechtes sowie etablierter Menschenrechtsstandards dar. Allem Anschein nach werden all diese Errungenschaften der letzten Jahrzehnte einfach &uuml;ber Bord geworfen, um ein paar bewaffnete M&auml;nner aus dem Weg zu r&auml;umen. <\/p><p>Tats&auml;chlich gibt es viele Werte und Errungenschaften, auf die der Westen stolz sein kann. Eine davon ist die Unschuldsvermutung, die zu den rechtlichen Grundsteinen demokratischer Gesellschaften und Staaten geh&ouml;rt. Doch Mohammad Azam und zahlreichen anderen Menschen, die weiterhin namenlos und unsichtbar bleiben werden, wurde dieses Recht auf grausame Art und Weise verwehrt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Familie von Giovanni Lo Porto, eines italienischen NGO-Mitarbeiters, der im Jahr 2015 durch einen US-amerikanischen Drohnen-Angriff in Waziristan get&ouml;tet wurde, von der US-Regierung eine Entsch&auml;digungssumme von 1,3 Millionen Dollar erh&auml;lt. Sowohl Lo Porto als auch Warren Weinstein, ein weiterer Zivilist, der damals den Tod fand, wurden von Al-Qaida-nahen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35205\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,171,161],"tags":[813,1573,304,305,366,1359],"class_list":["post-35205","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-militaereinsaetzekriege","category-wertedebatte","tag-drohnen","tag-jemen","tag-kriegsverbrechen","tag-menschenrechte","tag-obama-barack","tag-pakistan"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35205","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35205"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35205\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53252,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35205\/revisions\/53252"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35205"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35205"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}