{"id":35254,"date":"2016-09-30T16:46:26","date_gmt":"2016-09-30T14:46:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35254"},"modified":"2019-03-11T13:45:16","modified_gmt":"2019-03-11T12:45:16","slug":"shimon-peres-gilt-als-friedensheld-israels-doch-seine-politische-biographie-spricht-oft-eine-andere-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35254","title":{"rendered":"Shimon Peres gilt als Friedensheld Israels. Doch seine politische Biographie spricht oft eine andere Sprache."},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160930_peres.jpg\" title=\"Shimon Peres\" alt=\"Shimon Peres\"><\/div><p>Die Welt hat Abschied genommen von einem israelischen Staatsmann, der sein Leben f&uuml;r den Frieden in Nahost und f&uuml;r die Vers&ouml;hnung mit den Pal&auml;stinensern gearbeitet hat. Das ist die offizielle Version, jene welche die meisten Politiker und die meisten Medien verk&uuml;nden. Doch betrachtet man die politische Vita von Shimon Peres, kommen ganz andere Details ans Licht. Der an der Universit&auml;t Exeter lehrende israelische Historiker Ilan Pappe &ndash; bekannt durch sein Buch &bdquo;The Ethnic Cleansing of Palestine &ndash; kommt zu einem ganz anderen Schluss. Er schreibt, Peres habe viele politische Positionen in seinem Leben ausgef&uuml;llt, so etwa den Posten des Generalsekret&auml;rs im Verteidigungsministerium, die Position des Verteidigungsministers, den Posten f&uuml;r die Entwicklung &nbsp;der 1967 im Sechstagekrieg eroberten Gebiete; schlie&szlig;lich sei er Premierminister &nbsp;und Pr&auml;sident gewesen. &bdquo;In all diesen &nbsp;Rollen&ldquo;, so schreibt Professor Pappe, &bdquo;trugen seine Entscheidungen und die Politik, welche er verfolgte, zur Zerst&ouml;rung des pal&auml;stinensischen Volkes bei. Peres tat nichts, um den Frieden zu f&ouml;rdern, und er trug nicht zur Vers&ouml;hnung zwischen Pal&auml;stinensern und Israelis bei.&ldquo; Von Heiko Flottau [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35254#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nEin vernichtendes Urteil. Doch vollkommen ungerecht ist es nicht. Im April 1996 besuchte der Autor dieses Beitrags den kleinen Ort Qana im S&uuml;dlibanon. Als Nachfolger &nbsp;des von einem militanten Siedler, Yigal Amir im November 1995 ermordeten Premier Yitzhak Rabin befahl Shimon Peres die Bombardierung des S&uuml;dlibanon, wo sich die Hisbollah seit langem gegen die israelische Besatzung wehrte. In Israel standen Parlamentswahlen bevor, Shimon Peres wollte sich, so lautete damals die allgemeine Einsch&auml;tzung, als harter K&auml;mpfer gegen die Islamisten der Hisbollah beweisen. Daher ordnete er die  gro&szlig;fl&auml;chige Bombardierung des S&uuml;dlibanon an. Auf einen UN-Posten, der mit Soldaten aus Fidschi besetzt war, hatten sich Hunderte Pal&auml;stinenser gefl&uuml;chtet,&nbsp;vor allem Frauen und Kinder. Versehentlich, wie die Israelis sp&auml;ter erkl&auml;rten, habe eine Bombe&nbsp;am 18.April 1996 den UN-Posten getroffen. &nbsp;106 Menschen starben, darunter viele Kinder, 116 wurden verletzt. Ein paar Tage sp&auml;ter wurden die Toten in Qana begraben, Tausende, darunter viele Journalisten, wohnten der Trauerfeier bei.<\/p><p>Politisch hat das Bombardement Shimon Peres nichts genutzt, Bei den sp&auml;teren Wahlen wurde nicht er, der harte K&auml;mpfer gegen die Hisbollah, sondern Benjamin Netanjahu zum Premier gew&auml;hlt.<\/p><p>Das Massaker von Qana war nur eine Station im politischen Leben von Peres,&nbsp;welche&nbsp;die Legende vom ewigen Friedensfreund &nbsp;ein wenig in Frage stellt. Schon 1947, ein Jahr vor der offiziellen Staatsgr&uuml;ndung, war Shimon Peres vom sp&auml;teren Premier David Ben Gurion &nbsp;in westliche L&auml;nder entsendet worden, um Waffen zu kaufen &ndash; Waffen, die dann im Krieg von 1948\/49 gegen die Pal&auml;stinenser<br>\neingesetzt wurden. <\/p><p>Nachdem der &auml;gyptische Staatspr&auml;sident Gamal Abdel Nasser 1956 den noch in britischem Besitz befindlichen Suezkanal verstaatlicht hatte, kam es zu einer bezeichnenden Koalition der damals schon geschw&auml;chten Kolonialm&auml;chte England und Frankreich zusammen mit dem Siedlerstaat Israel. Alle drei &uuml;berfielen &Auml;gypten, Israel besetzte z.B, die Halbinsel Sinai, Nasser schien verloren. Doch zwei Ereignisse machten den &Auml;gypter pl&ouml;tzlich zum Sieger. US-Pr&auml;sident Dwight D. Eisenhower wehrte &nbsp;sich vehement gegen den von der Dreierkoalition gegen &Auml;gypten angezettelten &nbsp;Krieg. Und: zur gleichen Zeit walzten sowjetische Truppen den ungarischen &nbsp;Volksaufstand nieder. Politische Folge: der Westen konnte nicht einerseits &nbsp;in Nahost Krieg f&uuml;hren und andererseits das sowjetische Vorgehen in Ungarn verurteilen. Die drei Interventionsm&auml;chte Frankreich, England und Israel mussten ihren Krieg abblasen.  <\/p><p>Und die Rolle von Shimon Peres? Peres war damals stellvertretender Generaldirektor im israelischen Verteidigungsministerium. Den Forschungen von Ilan Pappe zufolge hatte Peres 1956 die Invasion &Auml;gyptens unterst&uuml;tzt &nbsp;und hatte, sozusagen als Gegenleistung f&uuml;r diese Kooperation, von Frankreich das Wissen zur Entwicklung der israelischen Atombombe bekommen.<\/p><p>Nach dem Krieg von 1967, in welchem Israel Ost-Jerusalem, das Westjordanland und die Sinaihalbinsel eroberte, wurde Shimon Peres Minister f&uuml;r Einwanderung und Integration. Als solcher war er auch verantwortlich f&uuml;r die gerade eroberten Gebiete. In dieser Zeit begann der sp&auml;ter immer intensiver werdende Siedlungsbau. Zwar hat ihn Peres oft nicht aktiv unterst&uuml;tzt. Aber viele Siedler stellten die Regierung vor vollendete Tatsachen und forderten nachtr&auml;glich die Legitimierung ihrer ohne Genehmigung gebauten Siedlungen. Meistens gab Peres nach. Aktiv gegen den Siedlungsbau hat er sich kaum gewendet.<\/p><p>Immerhin aber kam Peres im Laufe seiner politischen Laufbahn zu der Erkenntnis, dass der Konflikt mit den Pal&auml;stinensern nicht milit&auml;risch gel&ouml;st werden k&ouml;nne. Und er wandte sich auch gegen die israelische Invasion des Libanon im Jahre 1982, infolge derer unter der Leitung von Ariel Sharon Israel bis nach Beirut vordrang und die PLO unter Jassir Arafat aus dem Libanon nach Tunis vertrieb. 1985 befahl er als Premierminister den R&uuml;ckzug der meisten israelischen Truppen aus dem Libanon.<\/p><p>Schlie&szlig;lich bekam Shimon Peres sogar den Friedensnobelpreis. zusammen mit Jassir Arafat &nbsp;und Yitzhak Rabin. Das war im Jahr 1994. Zuvor hatten Israelis und Pal&auml;stinenser in Geheimverhandlungen&nbsp;in Oslo einen, damals sagte man Friedensvertrag&ldquo;, ausgehandelt.&nbsp;Israel sollte sich aus den st&auml;dtischen Gebieten wie etwa Ramallah mit seiner vollkommen pal&auml;stinensischen Bev&ouml;lkerung zur&uuml;ckziehen und diese Regionen &nbsp;einer neu zu gr&uuml;ndenden Pal&auml;stinensischen Autonomiebeh&ouml;rde unterstellen. Dieser &bdquo;Zone A&ldquo; wurde eine &bdquo;Zone B&ldquo; zugesellt, welche unter gemeinsamer israelisch-pal&auml;stinensischer Kontrolle stehen sollte. <\/p><p>Aber &uuml;ber 60 Prozent des Landes, die so genannte &bdquo;Zone C&ldquo;, &nbsp;stehen &nbsp;bis heute unter vollkommen israelischer Verwaltung. &nbsp;Die Hoffnung damals: im Laufe der Zeit sollte sich aus dieser verquickten geographischen Aufteilung ein pal&auml;stinensischer Staat entwickeln. Wie die Geschichte zeigt, wurde das Modell ein vollkommener Fehlschlag. Politiker wie Benjamin Netanjahu, Ariel Sharon und &nbsp;Ehud Barak &nbsp;(Premier von 1999 bis 2001) waren niemals Unterst&uuml;tzer des Plans. Und Shimon Peres? Jedermann wusste damals, dass Jassir Arafat in Oslo aus einer sehr schwachen Position gehandelt hatte. Im Golfkrieg von 1991, in welchem die USA den Irak aus Kuwait vertrieben hatte, hatte &nbsp;Arafat Saddam Hussein unterst&uuml;tzt. &nbsp;So musste Arafat, kurz gesagt, in Oslo akzeptieren, was man ihm bot. Und das war nichts, oder jedenfalls nicht viel. Man darf annehmen, dass die israelischen Friedensnobelpreistr&auml;ger &nbsp;Rabin und Peres dies wussten.<\/p><p>Durch sein zivilisiertes, westlichen Vorstellungen und politischen Friedenerwartungen angepasstes politische Gebaren gelang es Peres in sp&auml;teren Jahren, sich von Hardlinern wie Yitzhak Shamir, Menachem Begin und Benjamin Netanjahu zu unterscheiden.&nbsp;Er pr&auml;sentierte sich, sozusagen, als das westliche Gesicht Israels. Man darf annehmen, dass er in seinem Herzen gewiss einen friedlichen Ausgleich mit den Pal&auml;stinensern &nbsp;suchte.&nbsp;Doch viele seiner politischen Taten, die im Westen kaum wahrgenommen oder aus dem Bewusstsein verdr&auml;ngt werden, haben nicht zu dieser Vers&ouml;hnung beigetragen. Ob das dennoch von Peres aufgebaute und im &nbsp;Westen bereitwillig akzeptierte Image eines Friedensf&uuml;rsten zuk&uuml;nftigen historischen Forschungen stand halten wird, ist die spannende Frage, deren Beantwortung die Aufgabe zuk&uuml;nftiger Historikergenerationen ist.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Heiko Flottau<\/strong> war von 1985 bis 1992 und von 1996 bis 2004 Nahostkorrespondent der S&uuml;ddeutschen Zeitung, mit Sitz in Kairo, von 2005 bis 2009 freier Journalist in Kairo.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160930_peres.jpg\" title=\"Shimon Peres\" alt=\"Shimon Peres\"\/><\/div>\n<p>Die Welt hat Abschied genommen von einem israelischen Staatsmann, der sein Leben f&uuml;r den Frieden in Nahost und f&uuml;r die Vers&ouml;hnung mit den Pal&auml;stinensern gearbeitet hat. Das ist die offizielle Version, jene welche die meisten Politiker und die meisten Medien verk&uuml;nden. Doch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35254\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,11],"tags":[1519,945,1043,1557,1583,747,1878,367,303,2356],"class_list":["post-35254","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-strategien-der-meinungsmache","tag-atomwaffen","tag-aegypten","tag-frankreich","tag-israel","tag-libanon","tag-nachruf","tag-naher-osten","tag-nobelpreis","tag-palaestina","tag-pappe-ilan"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35254","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35254"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35254\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50046,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35254\/revisions\/50046"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35254"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35254"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35254"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}