{"id":3527,"date":"2008-10-21T15:12:58","date_gmt":"2008-10-21T13:12:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3527"},"modified":"2015-11-09T11:10:40","modified_gmt":"2015-11-09T10:10:40","slug":"die-aktuelle-debatte-um-konjunkturprogramme-von-meinungsmache-gepraegt-absolut-schraeg-und-weit-von-der-sache-entfernt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3527","title":{"rendered":"Die aktuelle Debatte um Konjunkturprogramme &#8211; von Meinungsmache gepr\u00e4gt, absolut schr\u00e4g und weit von der Sache entfernt."},"content":{"rendered":"<p>Die Debatte und auch die Entscheidungen zu konjunkturpolitischen Ma&szlig;nahmen sind nicht gepr&auml;gt von sachlichen Erw&auml;gungen, sondern vor allem vom Ergebnis einer Dauerpropaganda: Konjunkturprogramme sind Strohfeuer, sie bringen mehr Schulden &ndash; das glaubt nicht nur der Spitzen&ouml;konom der deutschen Wirtschaft H&uuml;ther, der sich gerade in <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/29\/0,3672,7392925,00.html\">ZDF-heute<\/a> zu Wort gemeldet hat. Das glaubt auch der Bundesfinanzminister, der uns unentwegt mit unglaublichen Wortkombinationen unterh&auml;lt &ndash; &ldquo;Ich warne auch davor, aus der H&uuml;fte etwas abzuschie&szlig;en, was eher Symbolpolitik sein k&ouml;nnte, &hellip; was nur Geld verbrennen w&uuml;rde&ldquo; (Siehe unten). Und leider glaubt vermutlich auch die Mehrheit unseres Volkes, dass dies so sei. Konjunkturprogramme seien Strohfeuer, das ist eine M&auml;r, die belegt, wie sehr ein Volk und seine Eliten manipuliert werden k&ouml;nnen. Quasi vollst&auml;ndig. Ein Wunder ist das nicht; denn auch Wirtschaftsforschungsinstitute, die noch bei der Begutachtung der Konjunkturprogramme in den siebziger Jahren vor allem Positives &uuml;ber ihre Wirkung notierten, behaupten heute das Gegenteil. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Die Analyse zum Denkfehler 15: &raquo;<a href=\"?p=1408\">Konjunkturprogramme sind Strohfeuer<\/a>&laquo; in der &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; von 2004 gilt immer noch. Diesen Text hatten wir in den NachDenkSeiten wiedergegeben. Hier ist er zu ihrer gef&auml;lligen Bedienung.<\/p><p>Die heute in Deutschland gef&uuml;hrte Debatte ist unglaublich unsachlich und voller Mittelma&szlig;. Ich will die wichtigsten Schw&auml;chen nennen:<\/p><p>Erstens: Konjunkturprogramme haben hier bei uns wie auch in anderen L&auml;ndern durchaus Arbeitspl&auml;tze geschaffen.<\/p><p>Zweitens: Sie waren nicht begleitet von h&ouml;heren Schulden. Im Gegenteil: mit der Verbesserung der Konjunktur wuchs auch die Chance zur Verringerung der Schuldenaufnahme. So geschehen in den siebziger Jahren nach dem Einbruch von 1974\/75 und den damals eingeleiteten konjunkturpolitischen Ma&szlig;nahmen einschlie&szlig;lich des sp&auml;teren Zukunftsinvestitionsprogramms (ZIP). So geschehen auch zum Ende der neunziger Jahre. <\/p><p>Wir haben den Zusammenhang von Konjunkturaufschwung und geringeren Schulden schon mehrmals in den NachDenkSeiten dokumentiert. &ndash; Dieser Zusammenhang ist auch per se logisch. Auch der jetzige Bundesfinanzminister hat das positiv erlebt: als die Konjunktur besser lief, sprudelten die Steuereinnahmen.<\/p><p>Drittens: Die Debatte von heute ist unglaublich verkrampft. Weil Konjunkturprogramme in Deutschland ge&auml;chtet sind &ndash; nicht in anderen L&auml;ndern, nach den Vorstellungen unserer Experten in Wissenschaft und Politik leben wir auf einer Insel der Unseligen -, d&uuml;rfen aktive Politiker das Wort Konjunkturprogramm nicht in den Mund nehmen. Also sprechen sie verkrampft von &bdquo;punktgenauen Ma&szlig;nahmen&ldquo; oder von &bdquo;branchenspezifischen Ma&szlig;nahmen&ldquo; oder sie z&auml;hlen einzelne Ma&szlig;nahmen nacheinander auf, um das Unwort vermeiden zu k&ouml;nnen. Bescheuert! Verzeihung.<\/p><p>&Auml;hnlich M&uuml;ntefering, der meint, &bdquo;Konjunktur ist nicht das, was bei den Menschen ankommt&ldquo;. <\/p><p>An der Debatte um Konjunkturprogramme m&uuml;ssten auch Sprachforscher und Linguisten ihr Vergn&uuml;gen haben. Hier wird n&auml;mlich sichtbar, dass in der modernen politischen Debatte und Kommunikation unsinnige Wortkombinationen m&ouml;glich sind. M&uuml;nteferings Aussage und auch die von Steinbr&uuml;ck haben die Qualit&auml;t von &bdquo;Nachts ist es k&auml;lter als drau&szlig;en.&ldquo; Ich bedaure nach dem neuen Erlebnis dieser Debatte den Untertitel meines Buches &bdquo;Machtwahn&ldquo; wieder einmal nicht, &uuml;berhaupt nicht: &bdquo;Wie eine mittelm&auml;&szlig;ige F&uuml;hrungselite und zugrunde richtet.&ldquo;<\/p><p>Viertens: Man kann konjunkturpolitische Ma&szlig;nahmen einigerma&szlig;en gezielt planen, punktgenau aber auf keinen Fall. Man kann zum Beispiel wie beim Zukunftsinvestitionsprogramm vom M&auml;rz 1977 darauf setzen, dass in den Kommunen gezielt zukunftsf&ouml;rdernde Projekte in Angriff genommen werden. Jeder aktive B&uuml;rgermeister\/in konnte damals anschlie&szlig;end belegen, welche Projekte in ihrer\/seiner Gemeinde realisiert worden sind. Aus eigener Erfahrung in meinem fr&uuml;heren Wahlkreis wei&szlig; ich, dass viele sinnvolle Ma&szlig;nahmen damals realisiert worden sind.<\/p><p>Auch heute gibt es Bedarf. Auch heute k&ouml;nnte man ein solches Programm ohne Schwierigkeiten konzipieren und umsetzen. Wenn man alleine daran denkt, welch ungeheurer Bedarf bei Hochschulen und Schulen besteht, oder bei der Modernisierung kommunaler Kanalisationen, oder bei der Renaturierung von B&auml;chen. Das beste Konjunkturprogramm w&auml;re zus&auml;tzlich eine St&auml;rkung der Massenkaufkraft durch Verbesserung der L&ouml;hne. Zu konkreten Vorschl&auml;gen siehe auch das Programm von <a href=\"upload\/pdf\/081021%20Verdi%20Konjun%20kjturprogramm%2008-08%20Herbstgutachten.pdf\">Verdi [PDF &ndash; 196 KB]<\/a>. <\/p><p>F&uuml;nftens: Unser F&uuml;hrungspersonal tut in der Debatte um Konjunkturprogramme so, als k&ouml;nne man noch einige Zeit gelassen danebenstehen, um dann konjunkturpolitisch t&auml;tig zu werden, wenn es aus ihrer Sicht n&ouml;tig wird. Dahinter steckt die Vorstellung, dass solche Programme mit dem Umlegen eines Hebels geplant und zugleich umgesetzt werden k&ouml;nnen und auch schon wirken. Konjunkturpolitische Ma&szlig;nahmen brauchen in der Regel aber sowohl Planungs- als auch Entfaltungszeit. Wer nicht blind war, konnte schon seit langem, jedenfalls seit dem Sommer 2007 sehen, dass die Binnenkonjunktur eingebrochen ist. Damals gab es einen R&uuml;ckgang der Einzelhandelsums&auml;tze um 6% real. Das war ein klares Signal daf&uuml;r, aktiv zu werden. Wenn ich meine Sinne auch nur einigerma&szlig;en zusammen habe, dann kann ich als verantwortlicher Politiker angesichts dieser Diagnose nicht sagen: Warten wir mal ab.<\/p><p><strong>Einige Dokumente zur teilweise obskuren &ouml;ffentlichen Debatte um Konjunkturprogramme:<\/strong><\/p><p><strong>&ldquo;Punktgenaue Ma&szlig;nahmen&rdquo; in Milliardenh&ouml;he <\/strong><br>\nObwohl die Zielrichtung klar ist, sind beide Koalitionspartner weiterhin peinlichst darum bem&uuml;ht, das Wort Konjunkturprogramm zu vermeiden. Es gehe nicht um ein &ldquo;traditionelles, schuldenfinanziertes Konjunkturprogramm&rdquo;, sagte Regierungssprecher Steg. Vielmehr gehe es um &ldquo;punktgenaue&rdquo; und &ldquo;branchenspezifische&rdquo; Ma&szlig;nahmen.<\/p><p>M&uuml;ntefering erkl&auml;rte, die SPD rede nicht von einem Konjunkturprogramm, weil es nicht um die Konjunktur gehe. &ldquo;Konjunktur ist nicht das, was bei den Menschen ankommt&rdquo;. Es m&uuml;sse darum gehen, schnell Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, forderte M&uuml;ntefering. Er schlug die gleichen Ma&szlig;nahmen vor, die die Gro&szlig;e Koalition bereits in ihrem ersten Konjunkturprogramm beschlossen hatte: Lokale Auftr&auml;ge f&uuml;r Handwerker und kleine Unternehmen zur Geb&auml;udesanierung.<br>\n(<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,585333,00.html\">Auszug aus SPON 20.10.2008<\/a>)<\/p><p><strong>Steinbr&uuml;ck zum Thema &ndash; eine Aneinanderreihung von Worth&uuml;lsen und Vorurteilen:<\/strong><\/p><p>&ldquo;Wir reden von keinem Konjunkturprogramm&rdquo;, hob er hervor.<br>\n&ldquo;Ich warne auch davor, aus der H&uuml;fte etwas abzuschie&szlig;en, was eher Symbolpolitik sein k&ouml;nnte, &hellip; was nur Geld verbrennen w&uuml;rde&rdquo;, erkl&auml;rte Steinbr&uuml;ck. Er sei nicht bereit, auf solche Vorschl&auml;ge umfassender Programme einzugehen.<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/d\/invest\/meldung.aspx?id=87067691\"><br>\nSteinbr&uuml;ck FAZ 20.10.2008<\/a><\/p><p><em>Aus Ihrer Partei gibt es Forderungen nach einem Konjunkturprogramm. Sind Sie dabei?<\/em> <\/p><p><strong>Steinbr&uuml;ck:<\/strong> Ich mahne zur Zur&uuml;ckhaltung, weil damit leicht falsche, &uuml;berholte Vorstellungen verkn&uuml;pft sind. Denn ich wei&szlig; nicht, wohin das Geld am Ende geht. N&uuml;tzt es wirklich der Inlandsnachfrage oder wandert es in die Sparquote oder gar ins Ausland? Wer aus der H&uuml;fte schie&szlig;t, verbrennt wom&ouml;glich nur Steuergeld und steht am Ende mit mehr Schulden da. Und die Konjunktur hat gar nichts davon.<br>\nInterview in der NRZ 20.10.2008<\/p><p><strong>Der Vertreter der deutschen Industrie, Professor H&uuml;ther:<\/strong><br>\n&ldquo;Konjunkturpakete nur ein Strohfeuer&rdquo;<br>\nIW-Direktor H&uuml;ther &uuml;ber die Regierungspl&auml;ne eines Konjunktur-Rettungspakets<br>\n<a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/29\/0,3672,7392925,00.html\">ZDF Heute 20.10.2008<\/a><\/p><p>Und zum Spa&szlig; noch aus der FTD:<br>\n<strong>Konjunkturpolitischer Reich-Ranicki<\/strong><br>\nAus aktuellem Anlass m&ouml;chten wir an dieser Stelle hin und wieder Kandidaten nominieren, die mit ihrem Bl&ouml;dsinn stark dazu beitragen, das Niveau der Debatte &uuml;ber Konjunkturprogramme in Deutschland ganz furchtbar flach zu halten. Eine Art konjunkturpolitischer Reich-Ranicki-Preis sozusagen. Nachnominiert werden hiermit die Institute(Herbstgutachten). Heute: NRW-Pr&auml;ses J&uuml;rgen R&uuml;ttgers.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/wirtschaftswunder\/index.php?op=ViewArticle&amp;articleId=1637&amp;blogId=10\">FTD<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte und auch die Entscheidungen zu konjunkturpolitischen Ma&szlig;nahmen sind nicht gepr&auml;gt von sachlichen Erw&auml;gungen, sondern vor allem vom Ergebnis einer Dauerpropaganda: Konjunkturprogramme sind Strohfeuer, sie bringen mehr Schulden &ndash; das glaubt nicht nur der Spitzen&ouml;konom der deutschen Wirtschaft H&uuml;ther, der sich gerade in <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/29\/0,3672,7392925,00.html\">ZDF-heute<\/a> zu Wort gemeldet hat. Das glaubt auch der Bundesfinanzminister,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3527\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,30],"tags":[290,551,299,319,325,253],"class_list":["post-3527","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-huether-michael","tag-konjunkturprogramme","tag-lohnentwicklung","tag-staatsschulden","tag-steinbrueck-peer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3527","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3527"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3527\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28382,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3527\/revisions\/28382"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}