{"id":35292,"date":"2016-10-05T09:14:55","date_gmt":"2016-10-05T07:14:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35292"},"modified":"2019-02-04T10:07:06","modified_gmt":"2019-02-04T09:07:06","slug":"weil-die-geschichte-von-den-siegern-geschrieben-wird-muessen-die-besiegten-ihre-geschichten-erzaehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35292","title":{"rendered":"Weil die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, m\u00fcssen die Besiegten ihre Geschichten erz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p>Was ist das, Heimat? Der geografische Zufall allein schafft keine Heimat. Es sind D&uuml;fte, Ger&auml;usche, es ist die Sprache, in jedem Fall ist es Geborgenheit, eine Zuflucht vor dem Irrsinn der Tage. Kann Heimat &uuml;berall sein, wo man Freunde findet, Rettung in der Musik oder in B&uuml;chern? Und was macht das mit einem Menschen, wenn ihm die Heimat geraubt wird? Ein Text von Max Uthoff und ein Auszug dem Buch &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/ich-bleibe-immer-der-vierjaehrige-junge-von-damals\/\">Ich bleibe immer der vierj&auml;hrige Junge von damals<\/a>&rdquo; &uuml;ber das Leben von Argyris Sfountouris und das SS-Massaker von Distomo 1944.<br>\n<!--more--><br>\nDas Erste, was ich von Argyris Sfountouris sah, war diese Fotografie. Ein Schwarzwei&szlig;foto, das ihn als kleinen Jungen zeigt, der sehr konzentriert und neugierig in das Auge des Betrachters blickt. Ich wusste, dass dieser kleine Junge einer der wenigen &Uuml;berlebenden des SS-Massakers von Distomo war. Ich wusste auch, dass Argyris Sfountouris bis heute vergeblich darum k&auml;mpft, eine Entsch&auml;digung von Deutschland zu bekommen. Wir hatten ihn als Gast in unsere Kabarettsendung &raquo;Die Anstalt&laquo; eingeladen. Meine Mitstreiter und ich wollten eine Sendung &uuml;ber die fatalen Folgen machen, die die Sparpolitik der Troika in Griechenland anrichtet. Und wir wollten in einem Gespr&auml;ch mit unserem Gast klarmachen, dass Deutschland, welches seine Kriegsschulden gegen&uuml;ber Griechenland praktisch nie bezahlt hatte, welches gegen&uuml;ber den Opfern von Distomo nahezu keine Entsch&auml;digung geleistet hatte, sich besser zur&uuml;ckhalten sollte mit dem Mantra &raquo;Schulden m&uuml;ssten immer zur&uuml;ckgezahlt werden&laquo;.<\/p><p>Als ich Argyris Sfountouris am Tag der ersten Probe traf, war ich sofort eingenommen von ihm. Er ist ein Mann der alten Schule, wie man sagt, wenn man jemanden beschreibt, der h&ouml;flich, charmant und zur&uuml;ckhaltend ist. Ein feiner, &auml;lterer Herr, in dessen Gesicht sich der wache Blick des kleinen Jungen wiederfindet. Mit funkelndem Verstand und trockenem Humor ermahnte er uns, auf keinen Fall die b&ouml;sesten Gags der Sendung zu streichen.<\/p><p>Am Tag der Livesendung lenkte ein depressiver Pilot der Germanwings ein Flugzeug in die Berge S&uuml;dfrankreichs, 149 Menschen starben. An einem Tag mit so vielen toten Deutschen w&auml;re es mehr als unangebracht gewesen, die historische Schuld Deutschlands satirisch zu untersuchen, schon um unseren Gast und dessen Anliegen zu sch&uuml;tzen. Dennoch war es ein seltsames Gef&uuml;hl: Die Generation meines Gro&szlig;vaters hatte fast die gesamte Verwandtschaft von Argyris Sfountouris ausgel&ouml;scht, die Generation meines Vaters f&auml;delte einen schmutzigen Deal ein, um den &Uuml;berlebenden nichts zahlen zu m&uuml;ssen. Und ich bat an diesem Abend Argyris Sfountouris um Verst&auml;ndnis, dass die Sendung erst sp&auml;ter ausgestrahlt werden k&ouml;nne, aus R&uuml;cksicht gegen&uuml;ber den Gef&uuml;hlen der Deutschen.<\/p><p>Trotz alldem, was ihm durch dieses Land angetan wurde, hegt er keinen Groll gegen seine Bewohner; die Verbrechen der Nazis haben ihm nicht die Lust an der Musik, der Dichtung, der Literatur dieses Landes geraubt. Argyris Sfountouris ist ein Weltb&uuml;rger, ein Humanist und ein ungemein genauer Beobachter der politischen Entwicklung. Ich traf ihn sp&auml;ter noch einmal in Z&uuml;rich. Wir wollten uns kurz auf einen Kaffee treffen. Drei Stunden sp&auml;ter verlie&szlig; ich das Kaffeehaus, berauscht von einem Gespr&auml;ch, in dessen Verlauf mir Argyris nicht nur die griechische Nachkriegsgeschichte, sondern auch einen ungemein kenntnisreichen Abriss der europ&auml;ischen Entwicklung der letzten Zeit darlegte: pointiert, detailreich, erhellend. Der Standpunkt, von dem aus Argyris die Welt betrachtet, ist der des neugierigen Philanthropen, dessen Verst&auml;ndnis von Gerechtigkeit sich eben nicht aus rein pers&ouml;nlichen Motiven speist. Sein Blick auf die Welt ist der des Vielgereisten, des Vertriebenen, des Sehns&uuml;chtigen.<\/p><p>Wer die Geschichte des Lebens von Argyris Sfountouris liest, kann dies immer auch im Lichte der Worte tun, die Roger Willemsen einmal &uuml;ber Dieter Hildebrandt schrieb: &raquo;Man muss einen Menschen nicht daf&uuml;r loben, dass er alt geworden ist, sondern f&uuml;r die Entscheidungen seines Lebens: abertausende von kleinen und gro&szlig;en Entscheidungen, immer wieder f&uuml;r die richtige Sache, den guten Gedanken, den bed&uuml;rftigen Menschen. Der Humanist hat ein Bild vom ganzen Menschen und seiner W&uuml;rde, er hat die Courage, sich zu schaden, sch&uuml;tzt die seinen und ihren Lebensraum, er versteht die Herrschaft der Mehrheit als ein Protektorat f&uuml;r die Minderheit.&laquo;<\/p><p>Dieses Buch erz&auml;hlt die Geschichte eines Menschen, dem die Eltern und seine Heimat geraubt wurden und der sich dann aufgemacht hat, um ein ereignisreiches, leidenschaftliches und gl&uuml;ckliches Leben zu f&uuml;hren.<\/p><p>Man t&auml;usche sich aber nicht: Ein furchtbares Erlebnis wie das Massaker von Distomo hinterl&auml;sst niemanden unbeschadet. Und nicht jeder hat den Willen, das Gl&uuml;ck und die Kraft, danach ein erf&uuml;lltes Leben zu f&uuml;hren. Die kleine Schwester von Argyris Sfountouris lebt, vom SS-Terror traumatisiert, seitdem in einem griechischen Pflegeheim. Eine bitterb&ouml;se Volte der Geschichte hat dazu gef&uuml;hrt, dass Kondylia Sfountouris jetzt noch einmal Opfer der Deutschen wurde. Durch die Griechenland vor allem unter F&uuml;hrung Wolfgang Sch&auml;ubles aufgezwungenen &raquo;Reformen&laquo; hat sich die Rente Kondylias um 300 Euro gemindert, w&auml;hrend durch die erzwungene Erhebung einer Mehrwertsteuer auf Heimleistungen ihre Versorgung um 150 Euro teurer geworden ist.<\/p><p>Deutschland hat diesen Krieg offiziell verloren, stiehlt sich aber als gro&szlig;er Sieger der Nachkriegsgeschichte aus der Verantwortung f&uuml;r die Opfer. Gerade weil die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, m&uuml;ssen die Besiegten ihre Geschichten erz&auml;hlen.<\/p><p><em>Das Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/ich-bleibe-immer-der-vierjaehrige-junge-von-damals\/\">Ich bleibe immer der vierj&auml;hrige Junge von damals. Das SS-Massaker von Distomo und der Kampf eines &Uuml;berlebenden um Gerechtigkeit<\/a>&ldquo; von Patric Seibel ist am 4. Oktober im Westend Verlag erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist das, Heimat? Der geografische Zufall allein schafft keine Heimat. Es sind D&uuml;fte, Ger&auml;usche, es ist die Sprache, in jedem Fall ist es Geborgenheit, eine Zuflucht vor dem Irrsinn der Tage. Kann Heimat &uuml;berall sein, wo man Freunde findet, Rettung in der Musik oder in B&uuml;chern? Und was macht das mit einem Menschen, wenn<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35292\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[171,208,156,161],"tags":[423,1555,304,1366,1525,966],"class_list":["post-35292","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-militaereinsaetzekriege","category-rezensionen","category-schulden-sparen","category-wertedebatte","tag-austeritaetspolitik","tag-griechenland","tag-kriegsverbrechen","tag-reparationen","tag-uthoff-max","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35292","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35292"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35292\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49001,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35292\/revisions\/49001"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}