{"id":35294,"date":"2016-10-05T10:18:02","date_gmt":"2016-10-05T08:18:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35294"},"modified":"2018-12-27T11:35:02","modified_gmt":"2018-12-27T10:35:02","slug":"institution-m-ein-agent-der-nicht-aus-der-kaelte-kam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35294","title":{"rendered":"\u201eInstitution M.\u201c \u2013 ein Agent, der nicht aus der K\u00e4lte kam"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem 26. September 2016 steht Werner Maus in Bochum vor Gericht. Sein Berufsbild ist nicht ganz klar umrissen: Die einen nennen ihn <em>&bdquo;Privatdetektiv&ldquo;<\/em>, die anderen einen <em>&bdquo;Undercover-Agenten&ldquo;<\/em> oder <em>&bdquo;Selfmade-Agenten&ldquo;<\/em>. Mit semi-staatlichen Weihen statten ihn Bundesnachrichtendienst\/BND und &sbquo;Verfassungsschutz&rsquo; aus: Dort bekam er den Namen <em>&bdquo;Institution M.&ldquo;<\/em> (SZ vom 5.4.2016). Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nUnd in den Medien wird er &ndash; wider besseren Wissens &ndash; f&uuml;r ein <em>&bdquo;Phantom&ldquo;<\/em> gehalten.<\/p><p>Ganz wohlwollend ist mit dem Namen &sbquo;Phantom&rsquo; gemeint, dass er selten mit seinem echten Namen in Erscheinung tritt. Er verf&uuml;gt &uuml;ber ca. 30 Aliasnamen und entsprechende Ausweispapiere, in bester Qualit&auml;t, von den zust&auml;ndigen Beh&ouml;rden ausgestellt.<br>\nEr hat f&uuml;r viele gearbeitet, f&uuml;r das Bundeskriminalamt, den Inlandsgeheimdienst &bdquo;Verfassungsschutz&ldquo;, f&uuml;r den deutschen Auslandsgeheimdienst BND, f&uuml;r eine kolumbianische Pipeline-Firma, f&uuml;r deutsche Gro&szlig;unternehmen. F&uuml;r wen er alles noch gearbeitet hat, ist Verschlusssache.<\/p><p>Fest steht nur, dass er mit diesen Auftr&auml;gen ein Nettoverm&ouml;gen von ca. 72 Millionen Euro angeh&auml;uft hat.<\/p><p>Fest steht auch, dass er fast so viele Briefkastenfirmen, Stiftungen, Nummernkonten, Offshore-Firmen, also Geldverschleierungskonstruktionen besitzt wie Aliasidentit&auml;ten: Micuvi-Stiftung, Clayton Valley Limited, Merida, Micuwe, Wecumi &hellip;<br>\nDie Bochumer Staatsanwaltschaft wirft ihm in diesem Zusammenhang vor, mehr als 15 Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben und das mit einem <em>&bdquo;erheblichen und fortgesetzten Verschleierungsaufwand&ldquo;<\/em>.<\/p><p>Werner Mauss bestreitet die in Frage stehenden Verm&ouml;genswerte nicht. <em>&bdquo;Nur: Es seien nicht seine, sondern ein Geheimbund habe ihm das Geld lediglich zur Verf&uuml;gung gestellt, um f&uuml;r den Weltfrieden aktiv sein zu k&ouml;nnen. Das Geld verwalte er nur treuh&auml;nderisch und f&uuml;r seine Eins&auml;tze.&ldquo;<\/em> (SZ vom 27.9.2016)<\/p><p>Es stellen sich also die Fragen: Was hat es mit diesen Geheimkonten auf sich? Was passiert, wenn jene, die dem System der monet&auml;ren Verschleierungen (Briefkastenfirmen, Nummernkonten, Stiftungskonstruktionen) offiziell den Kampf ansagen, Teil dieses Systems sind? Gibt es diesen von Werner Mauss genannten &bdquo;Geheimbund&ldquo;? <\/p><p><strong>Geheimkonten f&uuml;r den Weltfrieden<\/strong><\/p><p>Lassen wir einmal diesen von Werner Mauss ausgerufenen &bdquo;Stiftungszweck&ldquo;, dem Weltfrieden zu dienen, beiseite. Viel interessanter ist doch die Frage, wozu man &bdquo;Geheimkonten&ldquo; braucht, wenn man dem Weltfrieden dient? Ist das nicht so ehrenhaft und rechtschaffend, dass man es aller Welt gegen&uuml;ber dokumentieren kann?<\/p><p>Das liegt wohl ganz offensichtlich an den Mitteln, an den Methoden, die eingesetzt werden, um jenen &bdquo;Weltfrieden&ldquo; zu erhalten oder herzustellen. Methoden und Mittel, die, um es kurz zu machen, illegal und ggf. kriminell sind. Dass man dann trotzdem diese Mittel einsetzt, ist schon vielfach belegt. Gegebenenfalls muss man als Regierung das Risiko selbst eingehen (wie bei den vielen Kriegsl&uuml;gen, bei der Anwendung der Folter in den USA und der Einrichtung von &bdquo;geheimen Gef&auml;ngnissen&ldquo; auf der ganzen Welt). Aber selbstverst&auml;ndlich gibt man solche &bdquo;Auftr&auml;ge&ldquo; lieber ab, um gegebenenfalls jedes Wissen darum, jede Beteiligung daran abzulehnen. Deshalb gibt es so etwas wie den &bdquo;Geheimagenten&ldquo; Werner Mauss oder private Detekteien bzw. Securityfirmen, die auch (diskrete) Auftr&auml;ge von Polizei oder Geheimdiensten annehmen und ausf&uuml;hren. In den USA werden sie &bdquo;externe Dienstleister&ldquo; genannt. <\/p><p>Genau dies war der Job von Werner Mauss und genau deshalb bel&auml;uft sich sein bisher bekannt gewordenes Verm&ouml;gen auf &uuml;ber 70 Millionen Euro. Eine solche Summe verdient man nicht als &sbquo;Privatdetektiv&rsquo;, sondern mit der Abwicklung &sbquo;delikater&rsquo; Auftr&auml;ge.<br>\nDa beide Seiten, Auftraggeber wie Auftragnehmer, um das kriminelle Potential der Angelegenheit wissen, rechnen z.B. ein BKA oder ein BND diese gesch&auml;ftlichen Beziehungen nicht &uuml;ber offizielle, also &uuml;berpr&uuml;fbare Konten ab, sondern bedienen sich der Verschleierungsmethoden, denen sie in der &Ouml;ffentlichkeit den Kampf ansagen.<\/p><p>Dass bei solchen anonymisierten Konten keine Steuern abgef&uuml;hrt werden, versteht sich bei diesem Gesch&auml;ftsmodell von selbst. Von daher ist der gegen Werner Mauss erhobene Vorwurf der Steuerhinterziehung ein Beifang, ein unvermeidliches Nebenprodukt.<br>\nWenn man also den Nebenkriegsschauplatz verl&auml;sst, st&ouml;&szlig;t man auf weitaus interessantere Befunde.<\/p><p>Werner Mauss &amp; Co betreiben diese Geheimkonten seit Jahrzehnten. Das eine Konto befindet sich in Panama und ist durch die <em>&bdquo;Panama Papers&ldquo;<\/em> an die &Ouml;ffentlichkeit gelangt.<br>\nDieses Geheimkonto existiert seit 1985. Als Verschleierungsmethode hat man die &bdquo;Fond-Variante&ldquo; gew&auml;hlt. Der Fond hat den nicht gerade geheimnisvollen Namen: <em>&bdquo;Autoridades de seguridad del oeste&ldquo;<\/em>, soviel wie &bdquo;westliche Sicherheitsbeh&ouml;rden&ldquo;. Laut Werner Mauss wurde er mit 23 Millionen Dollar gef&uuml;llt und sollte &bdquo;Eins&auml;tze im Kampf gegen den internationalen Terrorismus&ldquo; (SZ vom 24.\/25. September 2016) finanzieren.<\/p><p>Die Panama Papers zeigen auch, dass das nicht alles war: <em>&bdquo;Mauss hatte offenbar Zugriff auf insgesamt zw&ouml;lf Briefkastenfirmen, die zwischen 1980 und 2014 in Panama und auf den Niederl&auml;ndischen Antillen gegr&uuml;ndet wurden.&ldquo;<\/em> (SZ vom 5.4.2016)<\/p><p>Halten wir also fest, dass es diese Geheimkonten, die mithilfe von Banken und passender nationaler Gesetzgebung kreiert werden, seit Jahrzehnten gibt. Halten wir ebenfalls fest, dass genau diese Geheimkonten von staatlichen Institutionen genauso genutzt werden wie von Firmen, die Werner Mauss in Anspruch nahmen.<\/p><p>Wenn man beides zusammenf&uuml;hrt, dann versteht man auch, dass seit Jahrzehnten der Kampf gegen &bdquo;Steueroasen&ldquo;, &bdquo;Schwarzgeld&ldquo; und &bdquo;Briefkastenwesen&ldquo; eine lupenreine Placebo-Veranstaltung ist.<\/p><p>Wenn etwa in- oder ausl&auml;ndische Geheimdienste illegale Operationen durchf&uuml;hren, wie zum Beispiel die Unterst&uuml;tzung rechter Parteien in Portugal durch den BND nach dem Sturz der Caetano-Diktatur 1974, die Bewaffnung der Contras in Nicaragua in den 80er Jahren durch den CIA oder die Einrichtung und Ausr&uuml;stung der &bdquo;Stay-Behind&ldquo;-Terrorgruppen ab den 60er Jahren von allen zusammen, dann wird das nicht in den jeweiligen nationalen Haushalten ausgewiesen. <\/p><p>Dann benutzt man denselben Weg wie die Firmen und Konzerne: Briefkastenfirmen, Tarnfirmen, Strohm&auml;nner. Es ist genau dieser gemeinsame Nutzen, der sie vor politischen und gesetzlichen Ver&auml;nderungen sch&uuml;tzt.<\/p><p>In diesem Kontext ist es dann auch mehr als aufschlussreich, dass der deutsche Finanzminister Sch&auml;uble als &bdquo;Konsequenz&ldquo; aus dem Panama-Skandal nicht etwa das Verbot solcher &bdquo;Briefkastenfirmen&ldquo; ank&uuml;ndigt, sondern ein internationales Register, das die Personen auff&uuml;hren soll, die sich hinter den &bdquo;Strohm&auml;nnern&ldquo; verbergen. Er m&ouml;chte also nicht den Untergrund verbieten, sondern als Gatekeeper sicherstellen, dass nur &bdquo;die Richtigen&ldquo; Zutritt erhalten.<\/p><p><strong>Geheimkonten als Tarnung von illegalen &bdquo;Kriegskassen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dass es solche Geheimkonten, solche monet&auml;ren Verschleierungssysteme seit Jahrzehnten gibt, liegt also nicht daran, dass man sie nicht unterbinden und strafrechtlich verfolgen k&ouml;nnte. Es liegt &ndash; wie das Beispiel Werner Mauss geradezu bilderbuchhaft illustriert &ndash; daran, dass diejenigen, die den Kampf dagegen f&uuml;hren m&uuml;ssten, selbst Teil dieses kriminellen Systems sind.<\/p><p>Wenn z.B. ein gro&szlig;es Unternehmen L&ouml;segeld f&uuml;r ihren gekidnappten Mitarbeiter bereitstellt, und dieses Werner Mauss zukommen l&auml;sst, dann macht es das diskret, also so, dass keine &bdquo;Spuren&ldquo; zur&uuml;ckbleiben. Denn die offizielle Lesart wird sein, dass man kein L&ouml;segeld gezahlt hat. Also muss man das bereitgestellte L&ouml;segeld so transferieren, dass es in den Gesch&auml;ftsb&uuml;chern und &ndash;konten nicht auftaucht. <\/p><p>Wenn das BKA oder der Verfassungsschutz Werner Mauss damit beauftragen, &sbquo;auf eigene Faust&rsquo; nach RAF-Mitgliedern zu suchen, dann w&uuml;rde ich gerne die entsprechenden Kontobewegungen in den jeweiligen Beh&ouml;rden und Haushalten einsehen wollen &ndash; um festzustellen, dass es dort keine &bdquo;kompromittierenden&ldquo; Kontobewegungen geben wird.<br>\nUnd wenn Werner Mauss zu seiner Verteidigung sagt, dass er nur Treuh&auml;nder besagten Geheimkontos mit einem Budget von 23 Millionen Euro ist, das Geld aus vielen &bdquo;Quellen&ldquo; geflossen sei, dann mag man sich zurecht fragen, welchen &bdquo;Geheimbund&ldquo; er damit meint und ob es so etwas gibt.<\/p><p>Dass Werner Maus und seine Auftraggeber mit Millionen hantieren, mit Millionen dem &bdquo;Weltfrieden&ldquo; dienen, steht au&szlig;er Frage. Und dass man f&uuml;r diese Art von Gesch&auml;ften Geheimkonten benutzt, ist geradezu selbstverst&auml;ndlich. Dass die Verschleierung von Auftraggeber und Auftragnehmer, von Auftragsziel und Zahlungen alle miteinander verbindet, entspricht also durchaus der Struktur eines &bdquo;Geheimbundes&ldquo; &ndash; auch wenn es viel wahrscheinlicher ist, dass die verschiedenen Auftraggeber voneinander gar nichts wussten.<\/p><p>Umso bemerkenswerter ist deshalb auch die Antwort von drei befragten Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes\/BND. Sie wurden gefragt, ob der von Werner Mauss erw&auml;hnte &bdquo;Geheimfond&ldquo; tats&auml;chlich existieren k&ouml;nnte &ndash; bezugnehmend auf ihre eigenen Erfahrungen.<br>\nDie Antwort ist so kindisch und so verschleiernd wie ein Nummernkonto: <em>&bdquo;Auch in der Welt der Geheimen gehe es beim Geld zu wie in einer Beh&ouml;rde. Eine Geheimfonds-Konstruktion, wie sie Mauss beschreibt, k&ouml;nne es nicht geben.&ldquo;<\/em> (SZ vom 24.\/25. September 2016)<\/p><p>Die Gegenprobe auf diese offensichtliche Falschaussage w&auml;re eine ganz einfache und sicherlich die beste L&ouml;sung:<br>\nUnbestritten haben deutschen Beh&ouml;rden, vom BKA bis hin zum BND, Werner Mauss, ihre &bdquo;Institution M.&ldquo; mit Auftr&auml;gen versorgt. Daf&uuml;r haben sie bezahlt. Wenn es so stattgefunden haben soll, wie die drei BND-Mitarbeiter Glauben machen wollen, dann k&ouml;nnte man all dies in den entsprechenden &bdquo;B&uuml;chern&ldquo; nachweisen.<\/p><p>Es ist nicht allzu sehr gewagt, wenn ich sage, dass es diesen Nachweis nie geben wird.<\/p><p><em>Wolf Wetzel, Der Rechtsstaat im Untergrund |Big Brother, der NSU-Komplex und notwendige Illoyalit&auml;t, PapyRossa Verlag, K&ouml;ln 2015<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem 26. September 2016 steht Werner Maus in Bochum vor Gericht. 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