{"id":35303,"date":"2016-10-06T09:23:14","date_gmt":"2016-10-06T07:23:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35303"},"modified":"2019-04-29T10:09:56","modified_gmt":"2019-04-29T08:09:56","slug":"poroschenko-instrumentalisiert-ein-massaker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35303","title":{"rendered":"Poroschenko instrumentalisiert ein Massaker"},"content":{"rendered":"<p>Am 30. September wurde in der Ukraine des Massakers von Babyn Jar gedacht. Die Ermordung von mehr als 33.000 Kiewer Juden durch deutsche und ukrainische Nazis j&auml;hrte sich nun zum 75. Mal. Das Verbrechen ist Teil des &bdquo;vergessenen Holocausts&ldquo; in der Ukraine und verdient deshalb mehr Aufmerksamkeit. Doch anstatt die Mitschuld ukrainischer Nationalisten zu thematisieren, nutzte der ukrainische Pr&auml;sident die Gedenkfeier vor allem f&uuml;r seine heutigen politischen Zwecke. Von Stefan Korinth [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nSechs Millionen Juden wurden von den Nazis im Zweiten Weltkrieg ermordet. 1,5 Millionen der Opfer wurden auf dem Gebiet der Ukraine umgebracht. Dort baute man keine Gaskammern und keine Vernichtungslager. Nein, in der Ukraine gingen die Morde anders vonstatten. SS-Einsatzgruppen fuhren nach der Eroberung von Dorf zu Dorf, trieben die j&uuml;dischen Einwohner zusammen und massakrierten sie. Meist wurden sie erschossen. In einigen F&auml;llen aber auch in Brunnen oder Kohlesch&auml;chte gesto&szlig;en, in Geb&auml;ude getrieben und verbrannt oder in besonders sadistischen F&auml;llen lebendig eingemauert. Ukrainische Bewohner wurden von den Deutschen dabei h&auml;ufig zu Hilfsdiensten gezwungen und mussten etwa die Massengr&auml;ber zusch&uuml;tten.<\/p><p>Die ungeheure Dimension des Judenmordes in der Ukraine wird bislang nur selten hervorgehoben &ndash; sowohl in Deutschland als auch in der Ukraine. 1200 bis 2000 j&uuml;dische Massengr&auml;ber soll es verschiedenen Sch&auml;tzungen zufolge in der Ukraine geben. Nur einige hundert davon wurden bislang entdeckt. Und selbst dies ist nicht der offiziellen Holocaustforschung, sondern vor allem der pers&ouml;nlichen Initiative des franz&ouml;sischen Priesters Patrick Desbois zu verdanken. Seit 2004 reiste er mit einem kleinen Team durch die Ukraine und lokalisierte Massengr&auml;ber mit Hilfe greiser Augenzeugen.<\/p><p>Desbois hat in seinem Buch &bdquo;Der vergessene Holocaust&ldquo; von dieser oft sehr beschwerlichen Suche berichtet. Eine <a href=\"http:\/\/www.yahadmap.org\/#map\/\">Karte<\/a> der Organisation &bdquo;Yahad in unum&ldquo;, die Desbois&lsquo; Arbeit fortf&uuml;hrt und Exekutionsorte von Juden und Roma in Osteuropa aufsp&uuml;rt, verschafft einen Eindruck von der Dimension des Verbrechens.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich stelle mir vor, wie die Luftbilder der Ukraine auss&auml;hen, wenn man alle Massengr&auml;ber &ouml;ffnen k&ouml;nnte. Ein riesiger Friedhof voller namenloser Grabst&auml;tten, in die M&auml;nner, Frauen und Kinder hineingeworfen wurden. Kein Gr&auml;berfeld, ein Gr&auml;berland&ldquo;, schreibt Desbois. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><\/blockquote><p><strong>Massenmord in der Weiberschlucht<\/strong><\/p><p>Das einzige mehr oder weniger bekannte all dieser Massaker ist das von Babyn Jar (Weiberschlucht, russisch: Babij Jar) &ndash; eine Schlucht, die heute mitten in Kiew liegt und kaum noch als solche zu erkennen ist. Im September 1941 jedoch, als die Wehrmacht im Zuge ihres &Uuml;berfalls auf die Sowjetunion Kiew eroberte, markierte die Schlucht noch den Stadtrand und war teils Dutzende Meter tief. Am 29. und 30. September 1941 ermordeten die Nazis zehntausende Juden an diesem Ort. Zuvor hatten sie einen Befehl in der Stadt ver&ouml;ffentlicht, der alle j&uuml;dischen Bewohner dazu aufrief, sich mit Ausweis, Geld und Wertsachen zu versammeln. <\/p><p>Wehrmacht und SS hatten den Mord gemeinsam beschlossen. Als Vorwand dienten Sprengstoffanschl&auml;ge der Roten Armee. Diese hatte vor ihrem R&uuml;ckzug zahlreiche Geb&auml;ude der Kiewer Prachtallee Kreschatik mit Sprengs&auml;tzen pr&auml;pariert und f&uuml;nf Tage nach Ankunft der Deutschen in die Luft gejagt. Deutsche Offiziere hatten sich dort einquartiert. Hunderte von ihnen und eine unbekannte Zahl Zivilisten starben. Die Schuld daf&uuml;r gaben die Nazis &ouml;ffentlich den Juden.<\/p><p>Rund 50.000 der urspr&uuml;nglich mehr als 200.000 Kiewer Juden waren in der Stadt verblieben. Die wehrf&auml;higen M&auml;nner waren zuvor schon in die sowjetische Armee eingezogen worden. Die die Geld hatten, hatten sich bereits abgesetzt. Zur&uuml;ckgeblieben waren von den Juden vor allem Arme, Alte, Frauen, Kinder und Behinderte. Sie rechneten mit einer Deportation, da der Sammelpunkt in der N&auml;he eines G&uuml;terbahnhofs lag. Der sp&auml;tere Schriftsteller Anatolij Kusnezow sah die Szenerie als damals Zw&ouml;lfj&auml;hriger und beschrieb sie in seinem Buch &bdquo;Babij Jar&ldquo;:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Mit br&uuml;llenden Kindern, mit Greisen und Kranken kroch die j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung weinend und fluchend hinaus. Ich sah verschn&uuml;rte B&uuml;ndel, sch&auml;bige Koffer aus Sperrholz, geflickte Taschen, Kisten mit Handwerkszeug. (&hellip;) In den  Toreinfahrten und Hauseing&auml;ngen standen die Bewohner und schauten. Einige von ihnen seufzten, andere lachten h&auml;misch oder riefen den Juden Schimpfworte zu. (&hellip;) Es zog h&uuml;gelauf nach Lukjanowka eine gro&szlig;e, l&uuml;ckenlose Menge, ein Meer von H&auml;uptern. Es ging das gesamte j&uuml;dische Podolviertel.&ldquo; [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><\/blockquote><p><strong>Exekution statt Deportation<\/strong><\/p><p>An den Sammelpunkten warteten deutsche Soldaten und ukrainische Hilfspolizisten auf die Menschen. Sie wurden durch mehrere Stra&szlig;ensperren geschleust, berichtete sp&auml;ter die Kiewer Schauspielerin Dina Pronitschewa, die das Massaker &uuml;berlebte. Viele Menschen vermuteten, dass hinter den Sperren Z&uuml;ge warteten. Die Juden mussten ihre Habseligkeiten ablegen und wurden nur noch abgez&auml;hlt und gruppenweise durchgelassen. Als in der Ferne regelm&auml;&szlig;ig Maschinengewehr-Garben zu h&ouml;ren waren, verstand Pronitschewa, was hier passierte.<\/p><p>Einen ukrainischen Polizisten bat sie, sie herauszulassen, da sie nur Begleitperson sei. Nach einem Blick in ihren Pass, der sie als J&uuml;din auswies, trieb der Ukrainer sie in die Menge zur&uuml;ck. Die Soldaten schlugen mit Gummikn&uuml;ppeln auf die Leute ein, auf die Gest&uuml;rzten lie&szlig;en sie die Hunde los. Die ukrainischen Hilfspolizisten, dem Akzent nach Westukrainer, seien sehr grob gewesen, erkl&auml;rte sie sp&auml;ter in ihrer Zeugenaussage. Wer sich zu langsam auszog, dem rissen sie die Kleider vom Leibe und pr&uuml;gelten in sadistischer Rage mit Kn&uuml;ppeln und Schlagringen auf sie ein. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Pronitschewa, die ihren Pass inzwischen zerrissen hatte, ging zu einem weiteren Ukrainer und bat ihn, sie herauszulassen. Dieser durchw&uuml;hlte ihre Handtasche. Er fand ein Arbeitsbuch und einen Gewerkschaftsausweis, alles Papiere, in denen die Nationalit&auml;t nicht vorkommt. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Ihr russischer Familienname schien sie zu retten: &bdquo;Setz dich dorthin. Sobald wir die Juden abgeknallt haben, lassen wir dich raus&ldquo;, sagte der Polizist zu ihr.<\/p><p>Stundenlang musste sie auf einer Anh&ouml;he gemeinsam mit anderen Begleitpersonen ansehen, wie nackte, blutverschmierte Juden an ihr vorbeitaumelten. Mit eigenen Augen habe sie gesehen, wie mehrere dieser Menschen auf dem Weg zur Erschie&szlig;ung schlagartig graue Haare bekamen. Hinter einer Sandmauer wurden die Menschen reihenweise erschossen und st&uuml;rzten hinunter. Viele Kinder wurden von den Soldaten einfach in die Schlucht geworfen. Ein deutscher Offizier befahl, auch die Begleitpersonen zu t&ouml;ten. Pronitschewa sprang w&auml;hrend der Erschie&szlig;ung im Dunkeln rechtzeitig in die Schlucht, hatte mehrfach gro&szlig;es Gl&uuml;ck und konnte schlie&szlig;lich entkommen.<\/p><p>Neben den rund 300 Deutschen vom SS-Sonderkommando 4a (Einsatzgruppe C), der Wehrmacht, des Sicherheitsdienstes (SD) und der Polizei waren auch 1200 Ukrainer an dem Massaker als T&auml;ter beteiligt, wie der deutsch-ukrainische Gewerkschafter und Autor Roman Danyluk schreibt. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Darunter zwei Bataillone ukrainischer Hilfspolizisten unter Kommando von Petro Zakhvalynski und wahrscheinlich Teile der &bdquo;Bukowiner Kurin&ldquo;, einer Kampfeinheit der &bdquo;Organisation Ukrainischer Nationalisten&ldquo; (OUN). Diese stand unter dem Kommando von Petro Wojnowsky,  ber&uuml;hmt ber&uuml;chtigt als &bdquo;der Judenschl&auml;chter&ldquo;, der zuvor bereits eine Reihe von m&ouml;rderischen antij&uuml;dischen Pogromen in der Bukowina (S&uuml;dwestukraine) organisiert hatte.<\/p><p><strong>Gedenkfeier mit halben Wahrheiten<\/strong><\/p><p>Nun gab es in Kiew zum 75. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar eine Gedenkfeier, an der auch Bundespr&auml;sident Joachim Gauck teilnahm. In der bisherigen ukrainischen Erinnerungskultur spielte der Massenmord von Babyn Jar so gut wie keine Rolle. Deutsche Medien wiesen in ihren Berichten immer wieder darauf hin, dass dies mit dem Antisemitismus in der Sowjetunion zu tun gehabt habe.<\/p><p>Dies ist jedoch nur zum Teil korrekt. Tats&auml;chlich gab es schon w&auml;hrend des Krieges ein J&uuml;disches Antifaschistisches Komitee (JAK) in der Sowjetunion, das gezielt antisemitische Verbrechen der Deutschen dokumentierte, mit Zeugen sprach und auch Massengr&auml;ber &ouml;ffnete. Doch die Herausgabe der Dokumentation (<a href=\"http:\/\/amzn.to\/2dvQ8Ma\">Schwarzbuch<\/a>) wurde 1947 von Josef Stalin verboten, weil darin auch die Kollaboration vieler Sowjetb&uuml;rger mit den Nazis sichtbar wurde. Opfer der Shoah wurden fortan nicht mehr als &bdquo;j&uuml;disch&ldquo;, sondern als &bdquo;friedliche sowjetische B&uuml;rger&ldquo; bezeichnet.<\/p><p>Doch der Hinweis auf die Sowjetunion taugt heute nur noch bedingt als Erkl&auml;rung, denn die UdSSR existiert schon seit 25 Jahren nicht mehr. Trotzdem hat sich am Umgang mit dem &bdquo;vergessenen Holocaust&ldquo; in der Ukraine kaum etwas ge&auml;ndert. In ukrainischen Schulb&uuml;chern etwa spielen sowohl der Judenmord als auch einheimische Kollaborateure bis heute so gut wie keine Rolle. (<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/45\/45633\/1.html\">&bdquo;Ukraine: Geschichtsunterricht mit Beigeschmack&ldquo;<\/a>)<\/p><p>Nun k&ouml;nnte man die gro&szlig;e Gedenkfeier zum 75. Jahrestag des Massakers als Fortschritt in dieser Sache sehen, wenn nicht weiter die ukrainischen T&auml;ter verschwiegen w&uuml;rden und Pr&auml;sident Petro Poroschenko den Termin nicht erneut zur politischen Instrumentalisierung im derzeitigen Konflikt mit Russland genutzt h&auml;tte.<\/p><p><strong>Kein &bdquo;einzigartiger Schreckensort&ldquo;<\/strong><\/p><p>Bundespr&auml;sident Gauck bekannte in seiner Rede korrekterweise die Schuld deutscher T&auml;ter. Falsch lag er jedoch darin, die Schlucht als &bdquo;einzigartigen Schreckensort&ldquo; zu bezeichnen. Das ist sie nicht &ndash; bei allem Horror, der dort geschah. Die Opferzahl, die Verachtung menschlichen Lebens und die Grausamkeit, mit der die Nazis in Babyn Jar Menschen vom S&auml;ugling bis zum Greis nur wegen ihrer Abstammung ermordeten, war weder in der Ukraine noch in anderen Teilen Europas einzigartig, sondern ein erschreckend allt&auml;glicher Bestandteil der Shoah.<\/p><p>Gauck wies bei seinem Auftritt nicht auf die ukrainischen T&auml;ter hin. Dies ist durchaus nachvollziehbar, k&ouml;nnte man meinen, denn als Vertreter Deutschlands w&uuml;rde dies eher unangebracht sein. Genauso unangebracht, wie etwa zum 75. Jahrestag des Kriegsbeginns den heutigen russischen Pr&auml;sidenten in die N&auml;he Adolf Hitlers zu r&uuml;cken. Doch genau dies tat Gauck vor zwei Jahren in Danzig. So verfestigt sich der Eindruck, Gauck hat die Ukraine nun aus politischer Verbundenheit geschont.<\/p><p>Auf jeden Fall aber w&auml;re es Aufgabe des ukrainischen Pr&auml;sidenten in dessen Rede gewesen, auf den ukrainischen Teil der Schuld an Babyn Jar hinzuweisen. Doch auch dieser unterlie&szlig; es. Tats&auml;chlich h&auml;tte Poroschenko sich in der heutigen Ukraine damit sogar strafbar gemacht. Hatte er doch selbst erst im vergangenen Jahr ein Gesetz unterschrieben, dass die Kader der OUN und die nationalistischen Partisanen der Ukrainischen Aufst&auml;ndischen Armee (UPA) offiziell zu Unabh&auml;ngigkeitsk&auml;mpfern ernennt. Vorw&uuml;rfe, diese Organisationen h&auml;tten sich an Massakern beteiligt, erkl&auml;rt das Gesetz zum kriminellen Akt. Wissenschaftler hatten es in einem offenen Brief vehement <a href=\"http:\/\/krytyka.com\/en\/articles\/open-letter-scholars-and-experts-ukraine-re-so-called-anti-communist-law\">kritisiert<\/a>.<\/p><p><strong>Poroschenko setzt auf Instrumentalisierung<\/strong><\/p><p>Doch Poroschenko befasste sich gar nicht erst mit der Vergangenheit. In seinen Augen ist die &bdquo;Trag&ouml;die von Babyn Jar&ldquo; eine Warnung vor Regimen, die auch heute die Menschenrechte nicht achten. Solche Regime seien eine Gefahr f&uuml;r die ganze Menschheit. Auch in heutigen Zeiten rechtfertigten F&uuml;hrer mancher L&auml;nder ihre K&auml;mpfe wie einst Hitler mit &bdquo;historischer Gerechtigkeit&ldquo;, erkl&auml;rte der ukrainische Pr&auml;sident.<\/p><p>Auch heute dem&uuml;tigten Aggressoren internationale Gesetze und wirke die UNO wie der damalige V&ouml;lkerbund, sagte er weiter. Die &bdquo;russische Propaganda&ldquo; bezeichne die Krim-Eingliederung als &bdquo;Anschluss&ldquo;. Wenn dies alles so sei, &bdquo;wo ist die Garantie, dass wir von der Wiederholung der anderen tragischen Seiten der Vergangenheit immun sind?&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.kyivpost.com\/ukraine-politics\/poroshenko-calls-international-community-prevent-recurrence-crimes-humanity.html\">fragte<\/a> Poroschenko.<\/p><p>Babyn Jar sei  eine Erinnerung an den schrecklichen Preis politischer Kurzsichtigkeit. Nachsicht provoziere Aggressoren nur, meinte er. Die Logik dahinter ist bekannt. Appeasement ist falsch, denn das verst&auml;rkt den Landhunger von Aggressoren. Das war auch exakt Gaucks Argumentation in Danzig 2014. Gegen diese Aggressoren m&uuml;ssten fr&uuml;hzeitig milit&auml;rische Mittel eingesetzt werden. Ohne es konkret zu sagen, ist offensichtlich, dass Poroschenko mit diesen Worten auf Wladimir Putin zielt. Jeder versteht: Putin ist der Hitler von heute, die Krim ist das Sudetenland und wenn wir ihn nicht pr&auml;ventiv angreifen, folgt bald eine Invasion und ein weiteres Babyn Jar in der Ukraine.<\/p><p><strong>Poroschenko missbraucht Gedenkfeier<\/strong><\/p><p>Poroschenko bewies mit seiner Rede kein Interesse an dieser Veranstaltung im Sinne der Opfer oder der historischen Wahrheit, sondern nur im Sinne seiner Au&szlig;enpolitik. Er gibt der Geschichte, die ihm selbst nicht zur Ehre gereicht, einen politischen Spin, um dem russischen Pr&auml;sidenten eins auszuwischen bzw. einen Krieg gegen Russland zu rechtfertigen.<\/p><p>Und tats&auml;chlich w&auml;re es auch ganz und gar nicht im Interesse Poroschenkos gewesen, bei einer Gedenkfeier mit vielen internationalen Beobachtern auf das historische Babyn Jar zu blicken und Organisationen wie die OUN hervorzuheben. Da k&ouml;nnte man dann im Westen ja auch mal genauer hinschauen.<\/p><p>Denn immerhin hat Poroschenko selbst nicht nur im Parteib&uuml;ndnis &bdquo;Nascha Ukraina&ldquo; nach der Orangenen Revolution mit der OUN-Nachfolgeorganisation (&bdquo;Kongress Ukrainischer Nationalisten&ldquo;) zusammengearbeitet. Die Nationalisten waren auch beim Maidan im paramilit&auml;rischen B&uuml;ndnis &bdquo;Rechter Sektor&ldquo; bewaffnet aktiv, verjagten mit Todesdrohungen und Ultimatum den bis dato amtierenden Pr&auml;sidenten Janukowitsch und erm&ouml;glichten Poroschenko so erst sein heutiges Pr&auml;sidentenamt.<\/p><p>Bei der Gedenkfeier marschierte der Pr&auml;sident dann mit dem Rechtsradikalen und OUN-Fan Andrij Parubij, dem Gr&uuml;nder der Sozial-Nationalen Partei (heute Swoboda), der es mittlerweile zum ukrainischen Parlamentspr&auml;sidenten gebracht hat, und z&uuml;ndete Kerzen an. Mehr Verh&ouml;hnung der j&uuml;dischen Opfer geht praktisch nicht.<\/p><p><strong>Historische Helden wollten judenfreien Staat<\/strong><\/p><p>Aber auch ein genauerer Blick in die Geschichte w&auml;re Poroschenko unangenehm gewesen: Tats&auml;chlich war die OUN eine faschistische Gruppierung und Verb&uuml;ndete Hitlers, die einen judenfreien, totalit&auml;ren, ukrainischen Nationalstaat erschaffen wollte. OUN-Mann Jaroslaw Stezko, der 1941 erster Pr&auml;sident der unabh&auml;ngigen Ukraine werden sollte, sprach sich offen f&uuml;r die Judenvernichtung aus. Ihm zufolge sollte die Ukraine aktives Glied in der &bdquo;neuen faschistischen Ordnung Europas&ldquo; sein. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Erst nachdem  die Deutschen die Gr&uuml;ndung einer unabh&auml;ngigen Ukraine untersagten, stellten sich Teile der Organisation (OUN-B) gegen Hitler. Andere Teile (OUN-M) blieben bis Kriegsende treu an deutscher Seite und halfen sogar, eine ukrainische SS-Division aufzustellen.<\/p><p>Schon im Sommer 1941, als die Wehrmacht in die Sowjetunion einfiel, rollte unmittelbar nach dem sowjetischen R&uuml;ckzug eine Welle antij&uuml;discher Pogrome durch die Westukraine. Auch diese hatten zu einem gro&szlig;en Teil OUN-Aktivisten auf eigene Faust durchgef&uuml;hrt. In vielen kleineren Orten passt der Begriff des Pogroms nicht mal, dort hatten die OUN-Milizen Juden gezielt und oft mithilfe vorbereiteter Listen exekutiert, stellte der Osteuropahistoriker Kai Struve fest. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] In ihrem fanatischen Antikommunismus sahen die ukrainischen Nationalisten die j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung pauschal als Unterst&uuml;tzer der Sowjetunion an. Zudem ging es ihnen darum, das Gebiet eines zuk&uuml;nftigen ukrainischen Staates ethnisch zu s&auml;ubern. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Auch ukrainische Hilfspolizisten waren an zahlreichen weiteren Erschie&szlig;ungen von Juden in der Ukraine beteiligt, zudem wurden sie eingesetzt, um Vernichtungslager der Nazis auf polnischem Gebiet zu bewachen. Der 2011 in Deutschland wegen Beihilfe zum Mord an &uuml;ber 28.000 Menschen verurteilte John Demjanjuk ist nur das bekannteste Beispiel hierf&uuml;r. Auch die Partisanen der UPA (einer Ausgr&uuml;ndung der OUN-B) ermordeten ab 1942 unz&auml;hlige Juden, die sich in die westukrainischen W&auml;lder gefl&uuml;chtet hatten.<\/p><p>Nat&uuml;rlich gab es auch tausende Ukrainer, die Juden w&auml;hrend des Krieges halfen und vor dem Tode bewahrten. &Uuml;ber 2500 von ihnen wurden durch den Staat Israel als &bdquo;Gerechte unter den V&ouml;lkern&ldquo; ausgezeichnet. Tats&auml;chlich werden es noch sehr viel mehr gewesen sein. Auf diese Lebensretter weisen ukrainische Offizielle und Lehrb&uuml;cher auch gern hin &ndash; das dunkle Kapitel der Mitschuld an Judenmorden wird jedoch verschwiegen. <\/p><p><strong>Israelischer Pr&auml;sident benennt die T&auml;ter<\/strong><\/p><p>Der Einzige, der das Thema in der vergangenen Woche ansprach, war der israelische Pr&auml;sident Reuven Rivlin ein paar Tage vor dem Jahrestag im ukrainischen Parlament. Er warnte davor, ein zweites Verbrechen zu begehen, indem man vergesse und leugne, was damals geschah. Es sollte sich herausstellen, dass Rivlin mit dem Satz &uuml;berraschend direkt auf die ukrainische Geschichtsschreibung zielte. &bdquo;Viele der Kollaborateure waren Ukrainer, darunter die ber&uuml;chtigtsten Mitglieder der OUN, die in vielen F&auml;llen Pogrome und Massaker an Juden begangen und Juden an Deutsche ausgeliefert haben.&ldquo; [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><p>Eine Reihe ukrainischer Offizieller <a href=\"http:\/\/foreignpolicy.com\/2016\/09\/30\/israels-president-confronts-ukrainians-with-their-past\/\">reagierte<\/a> barsch ablehnend auf die Rede und wollte die historisch erwiesene Schuld der Nationalhelden nicht wahrhaben. Volodymyr Viatrovych, Leiter des Instituts f&uuml;r Nationales Gedenken, <a href=\"http:\/\/en.interfax.com.ua\/news\/general\/373113.html\">sprach<\/a> von sowjetischen Mythen, die Rivlin verbreitet habe. Auch Parlamentssprecherin Irina Gerashchenko sprach von alter Sowjetpropaganda, Rivlin habe einen unangemessenen Zeitpunkt f&uuml;r seine Worte gew&auml;hlt und solle lieber die territoriale Integrit&auml;t der Ukraine unterst&uuml;tzen.<\/p><p>Pr&auml;sident Poroschenko sagt in Babyn Jar lediglich: &bdquo;Kollaborateure stellen nicht die V&ouml;lker dar, denen sie angeh&ouml;ren.&ldquo; Ernstgemeinte Aufarbeitung sieht anders aus. Doch wie die anderen Teile seiner Rede zeigten, war das auch gar nicht Poroschenkos Absicht.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] <strong>Stefan Korinth<\/strong> ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler aus Hannover.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Patrick Desbois: Der vergessene Holocaust. Die Ermordung der ukrainischen Juden. Eine Spurensuche. Berlin, 2010, Seite 234.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Anatolij Kusnezow: Babij Jar. Die Schlucht des Leids. M&uuml;nchen, 2001, Original London 1970, Seite 93 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Anatolij Kusnezow: Babij Jar. Die Schlucht des Leids. Seite 106<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] In der Sowjetunion galt &bdquo;J&uuml;disch&ldquo; nicht nur als Religionszugeh&ouml;rigkeit sondern auch als eigene Nationalit&auml;t.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Roman Danyluk: Freiheit und Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ukraine aus libert&auml;rer Sicht. Lich, 2010, Seite 143.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Roman Danyluk: Freiheit und Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ukraine aus libert&auml;rer Sicht. Seite 141.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Kai Struve: Deutsche Herrschaft, Ukrainischer Nationalismus, Antij&uuml;dische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine. Berlin, Boston, 2015. Seite 642.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Die heutige Westukraine (Ostgalizien) geh&ouml;rte nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen. Und war eine ethnisch sehr vielf&auml;ltige Region. Der Journalist Joseph Roth, der 1924 die Region bereiste, schrieb bspw. &uuml;ber eine kleine ostgalizische Stadt: &bdquo;Man h&ouml;rte russisch, polnisch, rum&auml;nisch, deutsch und jiddisch. Es war wie eine kleine Filiale der gro&szlig;en Welt.&ldquo; Und &uuml;ber Lemberg (ukrainisch Lwiw, polnisch Lwow): &bdquo;Nationale und sprachliche Einheitlichkeit kann eine St&auml;rke sein, nationale und sprachliche Vielf&auml;ltigkeit ist es immer. In diesem Sinn ist Lemberg eine Bereicherung des polnischen Staates. Es ist ein bunter Fleck im Osten Europas.&ldquo;  Heute leben keine 2000 Juden mehr in der Stadt. Die polnische Bev&ouml;lkerung der Region wurde 1943\/1944 in einem grausamen Krieg durch ukrainische Nationalisten vertrieben oder ermordet.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Die Passage im englischen Wortlaut &bdquo;But we must not be partners in the second crime. We must not play a part in the sin of forgetting or denial. Around 1.5 million Jews were murdered in the territory of modern-day Ukraine during the Second World War; in Babi Yar, and in many other places of murder. They shot them in the valleys, in the woods, into pits, into mass graves. Many of the collaborators were Ukrainian, among the most notorious the members of the OUN who carried out pogroms and massacres against the Jews and in many cases handed them over to the Germans. It is true, there were more than 2,500 Righteous Among The Nations, lone candles who shone in the darkness of humanity. Yet the majority remained silent.&rdquo; Eine umfassende englisch-sprachige Dokumentation der Rede findet sich <a href=\"http:\/\/www.israelnationalnews.com\/News\/News.aspx\/218402\">hier<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 30. September wurde in der Ukraine des Massakers von Babyn Jar gedacht. Die Ermordung von mehr als 33.000 Kiewer Juden durch deutsche und ukrainische Nazis j&auml;hrte sich nun zum 75. Mal. Das Verbrechen ist Teil des &bdquo;vergessenen Holocausts&ldquo; in der Ukraine und verdient deshalb mehr Aufmerksamkeit. Doch anstatt die Mitschuld ukrainischer Nationalisten zu thematisieren,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35303\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,212,171,11],"tags":[764,1289,304,835,416,1315,915,259,260,990,966],"class_list":["post-35303","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antisemitismus","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-gauck-joachim","tag-holocaust","tag-kriegsverbrechen","tag-nationalismus","tag-nationalsozialismus","tag-poroschenko-petro","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-ukraine","tag-wehrmacht","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35303","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35303"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35303\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51278,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35303\/revisions\/51278"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35303"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35303"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35303"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}