{"id":35317,"date":"2016-10-07T08:44:28","date_gmt":"2016-10-07T06:44:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35317"},"modified":"2019-07-09T11:46:58","modified_gmt":"2019-07-09T09:46:58","slug":"von-krieg-kapitalismus-und-ungleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35317","title":{"rendered":"Von Krieg, Kapitalismus und Ungleichheit"},"content":{"rendered":"<p>Im Kontext der sogenannten Fl&uuml;chtlingskrise liegt der Fokus vor allem auf dem kriegerischen Geschehen an sich. Dass Menschen in erster Linie vor bewaffneten Konflikten in ihren Heimatl&auml;ndern fliehen, ist richtig. Das neoliberale System dahinter, das haupts&auml;chlich auf Ungleichheit beruht und die Kriegsmaschinerie am Leben erh&auml;lt, ger&auml;t dabei allerdings in den Hintergrund. Symptomatisch hierf&uuml;r sind die Fl&uuml;chtlinge selbst. Obwohl sie alle gute und nachvollziehbare Gr&uuml;nde f&uuml;r ihre Flucht haben, stellen sie keineswegs eine homogene Gruppe dar. Denn auch hier sind die Reichen und Wohlhabenden klar im Vorteil, wie das Beispiel Afghanistan deutlich macht. Von <strong>Emran Feroz<\/strong> aus Kabul.<br>\n<!--more--><br>\nErleichtert verl&auml;sst Rahim das Passamt in Kabul. Der 30-j&auml;hrige Afghane hat endlich all die notwendigen Dokumente abgeben k&ouml;nnen, die er f&uuml;r seinen neuen Pass braucht. Rahims Plan steht fest: Wie die meisten anderen Afghanen, die vor dem Passamt warten, m&ouml;chte auch er Afghanistan verlassen, anfangs &uuml;ber legalem Weg. Um dies zu tun, ben&ouml;tigt er jedoch einen neuen Reisepass, den es erst seit vergangenem Jahr gibt. Dieser kostet umgerechnet etwa siebzig Euro &ndash; und sehr viel Geduld. <\/p><p>Rahim will zuerst in die T&uuml;rkei, wo viele seiner Verwandten bereits auf ihn warten. Ob er dann auch weiter nach Europa ziehen wird, wei&szlig; Rahim noch nicht. &bdquo;In der T&uuml;rkei kann ich gut leben. Ich habe hier gut verdient und einiges angespart&ldquo;, so der 30-J&auml;hrige. Eigenen Angaben zufolge arbeitete Rahim mehrere Jahre mit der NATO zusammen. Was er genau gemacht hat, will er nicht verraten. Mit rund 2.500 US-Dollar Gehalt verdiente er allerdings weitaus mehr als die absolute Mehrheit Afghanistans. Mit einem j&auml;hrlichen BIP pro Kopf von 2.000 US-Dollar (Stand 2015) geh&ouml;rt Afghanistan weiterhin zu den &auml;rmsten L&auml;ndern der Welt. <\/p><p>Rahim konnte sich und seiner Familie eine sch&ouml;ne Wohnung in einem teuren Viertel in Kabul anmieten. Wie viele andere Afghanen, die &uuml;ber dem Durchschnitt leben, flog er einmal im Jahr nach Indien, um sich dort von guten &Auml;rzten untersuchen zu lassen. Au&szlig;erdem bezahlte er die Schlepper f&uuml;r mehrere seiner Familienmitglieder, um diese sicher ins Ausland zu schaffen. <\/p><p>Dass der f&uuml;r afghanische Verh&auml;ltnisse gut situierte Rahim dennoch fliehen will, ist verst&auml;ndlich. In Afghanistan herrscht n&auml;mlich immer noch Krieg. Laut der UN wurden allein im ersten Halbjahr 2016 mindestens 1.601 Zivilisten get&ouml;tet sowie 3.565 weitere verletzt &ndash; ein H&ouml;chststand seit dem Beginn der Z&auml;hlung im Jahr 2009. Schauplatz des Krieges ist auch Kabul, welches Rahim kaum verl&auml;sst. In den letzten Wochen und Monaten fanden regelm&auml;&szlig;ig Bombenanschl&auml;ge statt. &bdquo;Man wei&szlig; hier nie, ob man von der n&auml;chsten Bombe erwischt wird&ldquo;, sagt Rahim. <\/p><p><strong>Auch unter Fl&uuml;chtlingen ist Ungleichheit pr&auml;gend<\/strong> <\/p><p>Doch w&auml;hrend Rahim sich die Flucht leisten kann, ist dies bei vielen anderen Afghanen nicht der Fall. Gegenw&auml;rtig existieren mindestens 1,2 Millionen Binnenfl&uuml;chtlinge im Land. Die meisten von ihnen fliehen regelm&auml;&szlig;ig von der einen Provinz in die andere. Gleichzeitig werden t&auml;glich 5.000 Afghanen aus dem benachbarten Pakistan abgeschoben und sind ebenfalls gezwungen, Schutz in ihrer vom Krieg geschundenen Heimat zu suchen. All diese Menschen geh&ouml;ren der unteren, extrem verarmten Schicht des Landes an, die im Gegensatz zu Rahim vom westlichen Milit&auml;reinsatz nicht profitiert hat. <\/p><p>Das beschriebene Szenario ist das Resultat einer extremen Ungleichheit, die in Afghanistan weiterhin pr&auml;sent ist. Vor allem in Gro&szlig;st&auml;dten wie Kabul fallen pomp&ouml;se Villen und luxuri&ouml;se Wohnungen stets neben &auml;rmlichen Baracken oder heruntergekommenen Zeltsiedlungen auf. Ironischerweise wurden &ndash; indirekt nat&uuml;rlich &ndash; zahlreiche internationale Hilfsgelder in die Errichtung Ersterer investiert und nicht in die Beseitigung Letzterer.  <\/p><p>Dies ist alles andere als verwunderlich. Im Jahr 2016 ist Afghanistan n&auml;mlich weiterhin ein korrupter Staat, der von einer kleinen Elite, haupts&auml;chlich bestehend aus Kriegsherrn, Politikern und Milit&auml;rpersonal, die seit 2001 durch den Westen an die Macht gebracht wurden, gef&uuml;hrt und ausgebeutet wird. Im j&auml;hrlich erscheinenden Korruptionsindex der NGO Transparency International belegt das Land stets einen Spitzenplatz.<\/p><p>Durch die anhaltende Korruption werden die Reichen stets reicher. Eine der wichtigsten Quellen ihres Reichtums sind die internationalen Hilfsgelder in Milliardenh&ouml;he. Dass diese Gelder weiterhin flie&szlig;en werden, wurde in dieser Woche deutlich. In Br&uuml;ssel hat die internationale Gemeinschaft Afghanistan weitere f&uuml;nfzehn Milliarden Euro f&uuml;r die n&auml;chsten vier Jahre zugesichert. Zeitgleich wurde mit der EU ein Papier unterzeichnet, was die Abschiebung von Zehntausenden von Afghanen garantieren soll. Das Prozedere, welches in den Medien als &bdquo;Abkommen&ldquo; bezeichnet wurde, kann man allerdings mit gutem Recht auch schlichte Erpressung nennen. <\/p><p>Es ist eine Erpressung, von der eben nicht nur die EU, sondern auch die reiche Polit-Elite Afghanistans profitieren wird. Diese will n&auml;mlich um jeden Preis ihren Status behalten und ihr Geld akquirieren. Zeitgleich wissen die Verantwortlichen, dass ihr Land nicht sicher ist. Die Familien zahlreicher afghanischer Politiker, auch jene des Pr&auml;sidenten und des Regierungschefs, leben seit langem im sicheren Ausland. <\/p><p><strong>Neoliberales &bdquo;Nation Building&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die katastrophale Wirtschaftslage Afghanistans geh&ouml;rt zu den Resultaten des jahrelangen Krieges. Der Westen wollte sich in diesem Punkt als besonders erfolgreich darstellen, was jedoch scheiterte. Obwohl die Weltbank immer wieder von einem &bdquo;bemerkenswerten Wachstum&ldquo; der afghanischen Wirtschaft sprach (von 2002 bis 2014, also der &bdquo;Hauptzeit&ldquo; des westlichen Milit&auml;reinsatzes, betrug das Wachstum durchschnittlich neun Prozent pro Jahr, danach fiel es auf 1,5 Prozent), sah die Realit&auml;t anders aus. De facto hat es n&auml;mlich gar kein wirkliches Wachstum gegeben. Vielmehr handelte es sich um eine k&uuml;nstliche Blase, die man vor allem durch Auftr&auml;ge im Sicherheits- oder Logistikbereich &ndash; also durch das Aufrechterhalten der Kriegsmaschinerie &ndash; am Leben hielt. Seit dem zum Teil erfolgten R&uuml;ckzug der NATO-Truppen Ende 2014 herrscht eine Wirtschaftskrise im Land, welche die Regierung mit einem extrem neoliberalen Austerit&auml;tsmodell bek&auml;mpfen will. Auch in diesem Punkt wollen sich die westlichen Staaten in neokolonialer Manier als Heilsbringer darstellen. &bdquo;Nur durch unsere Pr&auml;senz konnte die Wirtschaft wachsen&ldquo;, lautet hier die Devise, nachdem man das Land in das neoliberale System eingegliedert und davon abh&auml;ngig gemacht hat.<\/p><p>De facto war das westlich-neoliberale &bdquo;Nation Building&ldquo; am Hindukusch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Akteure wie die Weltbank oder der Internationale W&auml;hrungsfond (IWF) waren in diesem Kontext federf&uuml;hrend, indem sie bereits kurz nach Beginn des Milit&auml;reinsatzes die neue, vom Westen installierte Regierung von Hamid Karzai zu wirtschaftlichen &bdquo;Reformen&ldquo; dr&auml;ngten. Ziel war der neoliberale Marktumbau &ndash; ein Konzept, das sich schon in anderen besetzten L&auml;ndern als untauglich erwies und alles andere als dazu beitrug, die soziale Lage zu verbessern oder das Land zu stabilisieren. <\/p><p>Das Resultat dieser Politik war, dass Afghanistan die kaum vorhandene, einheimische Wirtschaft nicht sch&uuml;tzen konnte und sich stattdessen der &uuml;berm&auml;chtigen, ausl&auml;ndischen Konkurrenz &ouml;ffnen musste. Das afghanische Staatswesen konnte dadurch kaum profitieren. Stattdessen bereicherten sich Einzelpersonen aus dem Polit- und Warlord-Milieu massiv. <\/p><p>An dieser Realit&auml;t wird sich auch in den n&auml;chsten Jahren nichts &auml;ndern. Die milliardenschweren Hilfsgelder werden weiterhin von der korrupten Elite verschluckt. Das meiste Geld wird ohnehin nicht lange in Afghanistan verweilen, sondern bald wieder nach Dubai und anderswo verfrachtet. All dies ist nichts Neues und geschah immer wieder, wie die letzten f&uuml;nfzehn Jahre gezeigt haben. Zeitgleich wird auch der Krieg kein Ende finden, neue Fl&uuml;chtlinge werden generiert und das System der Ungleichheit bleibt erhalten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Kontext der sogenannten Fl&uuml;chtlingskrise liegt der Fokus vor allem auf dem kriegerischen Geschehen an sich. Dass Menschen in erster Linie vor bewaffneten Konflikten in ihren Heimatl&auml;ndern fliehen, ist richtig. Das neoliberale System dahinter, das haupts&auml;chlich auf Ungleichheit beruht und die Kriegsmaschinerie am Leben erh&auml;lt, ger&auml;t dabei allerdings in den Hintergrund. Symptomatisch hierf&uuml;r sind die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35317\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,127,171,132],"tags":[1952,351,423,374,1055,589,304,312,291,402,600],"class_list":["post-35317","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-militaereinsaetzekriege","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-abschiebung","tag-afghanistan","tag-austeritaetspolitik","tag-eliten","tag-fluechtlinge","tag-iwf","tag-kriegsverbrechen","tag-reformpolitik","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-wachstum","tag-weltbank"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35317"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35317\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53251,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35317\/revisions\/53251"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35317"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}