{"id":3537,"date":"2008-10-24T09:14:06","date_gmt":"2008-10-24T07:14:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3537"},"modified":"2015-11-09T10:16:55","modified_gmt":"2015-11-09T09:16:55","slug":"das-fundament-des-elitaeren-klassenbewusstseins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3537","title":{"rendered":"Das Fundament des elit\u00e4ren Klassenbewusstseins"},"content":{"rendered":"<p>Ist eine Gesellschaft, die offen von &ldquo;sozial Schwachen&rdquo; und &ldquo;bildungsfernen Schichten&rdquo; spricht, eingebettet in ein sozialdarwinistisches Fundament? Meint eine solche Gesellschaft etwa damit, dass Armut und mangelnde Bildung vererbte M&auml;ngel sind? Oder handelt es sich bei solchen und &auml;hnlichen Begrifflichkeiten nur um ungl&uuml;cklich gew&auml;hlte Wortkonstrukte?<br>\nVon Roberto De Lapuente<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Dazu ein kurzer Abriss zur Geschichte der Evolutionstheorie:<\/strong><br>\nCharles Darwin weigerte sich viele Jahre, seine gewonnenen Erkenntnisse zu ver&ouml;ffentlichen. Er scheute den Konflikt mit der Religion, die ja seit Jahrhunderten von der Unver&auml;nderbarkeit der Natur und der Kreaturen predigte &ndash; Darwin aber hatte erkannt, dass diese Unver&auml;nderbarkeit ein M&auml;rchen sein muss. Als er sich dann doch dazu entschloss, seine Theorie offen zu legen &ndash; vielmehr wurde er dazu gen&ouml;tigt, weil ein anderer Laienwissenschaftler Darwins Theorie unabh&auml;ngig von ihm erahnte &ndash; entstand tats&auml;chlich ein wissenschaftlicher Disput dar&uuml;ber, inwiefern die Evolutionstheorie mit der Religion vereinbar sei.<\/p><p>W&auml;hrend sich diese Form der religi&ouml;sen Auseinandersetzung nur in England verbreitete, wurde um den Darwinismus &ndash; wie die Theorie nun immer &ouml;fter genannt wurde &ndash; in Deutschland ganz anders gerungen. Ernst Haeckel vertrat die Positionen der Evolutionstheorie, w&auml;hrend Rudolf Virchow sie strikt leugnete. Dies tat letzterer nicht, weil die Theorie wom&ouml;glich irrig w&auml;re, sondern weil sie nicht ins politische Konzept passte, besser verschwiegen werden sollte, um den Status quo nicht zu gef&auml;hrden. Der begeisterte Darwinist Haeckel baute die Theorie allerdings aus und verband sie mit dem damals grassierenden Nationalismus. Er radikalisierte Darwins Theorie dahingehend, in der Vererbung die Grundlage allen Existierenden erkennen zu wollen &ndash; und vor allem hievte er die Theorie in Sph&auml;ren menschlicher Gesellschaft. Darwin hatte sich strikt geweigert, die Evolutionstheorie anhand des Menschen zu erkl&auml;ren. Aus dieser Radikalisierung erwuchs &uuml;berdimensionales Herrenmenschengehabe, offener Rassismus und die ersten Ankl&auml;nge einer Untermenschentheorie. Da Blut alles war, da auch Intelligenz, Flei&szlig;, Leistungsf&auml;higkeit und dergleichen vererbt w&uuml;rden und nicht Produkt der Lebensverh&auml;ltnisse seien, so schlussfolgerte man aus dem Haeckelismus, k&ouml;nne man durch eine gelenkte Zuchtwahl die positiven Erbanteile expandieren, gleichzeitig die negativen und unwerten Erbtr&auml;ger zur&uuml;ckdr&auml;ngen. Dies habe mittels Sterilisationen und &ldquo;erbgesunden Eheverh&auml;ltnissen&rdquo; zu geschehen. Die Evolutionstheorie in Deutschland hatte also keinen wirklichen Verfechter, die Diskussion war gepr&auml;gt von Leugnern der Theorie und von denen, die die Theorie aus ihren niedertr&auml;chtigen Gef&uuml;hlen heraus interpretierten.<\/p><p>Der Schritt von der Sterilisation zur T&ouml;tung minderwertigen Lebens war nurmehr ein kleiner, wenngleich dieser erst mit Etablierung des Dritten Reiches zur realpolitischen M&ouml;glichkeit wurde. Davor wurde aber munter dar&uuml;ber spekuliert, wie man &ldquo;erbungesunde Subjekte&rdquo; entfernen k&ouml;nnte. Jetzt war der Sozialdarwinismus deutscher Schule nicht mehr auf Deutschland alleine beschr&auml;nkt, sondern fand im angels&auml;chsischen Raum Anklang. Ab 1907 verabschiedeten viele US-amerikanische Bundesstaaten Sterilisationsgesetze, die es erlaubten, &ldquo;Epileptiker, Schwachsinnige und Geistesschwache&rdquo; von Nachwuchs zu befreien. In einigen F&auml;llen wurden sogar Kastrationen vorgenommen. Die Eugenik war Kind seiner Zeit, nicht alleine nationalsozialistisches Sektierertum, sondern schon vormals, seit geraumer Zeit, geisterten Herrenmenschengehabe und Untermenschentum in den K&ouml;pfen der Eliten herum. Und dies nicht nur in deutschen K&ouml;pfen, sondern &uuml;berall in der industrialisierten Welt.<br>\nDer Sozialdarwinismus, Hand in Hand mit seinem Bruder, dem Evolutionsrassismus, wurde zur Weltanschauung des B&uuml;rgertums. Eines B&uuml;rgertums, welches sich mehr und mehr als Elite verstand, als Pr&auml;torianergarde ihrer jeweiligen Nation. Hierbei berief man sich vor allem auf die Schriften Herbert Spencers, in denen er Mildt&auml;tigkeit und Hilfsbereitschaft am Armen als Zeichen von Schw&auml;che wertete. Denn damit w&uuml;rde man den &ldquo;Kampf ums Dasein&rdquo; und das &ldquo;&Uuml;berleben des St&auml;rksten&rdquo; unnat&uuml;rlich beeinflussen und dem Armen (durch Vererbung) zu Vorteilen verhelfen, die f&uuml;r ihn von Natur aus nicht vorgesehen waren &ndash; man w&uuml;rde also die Natur verf&auml;lschen. Noch Jahrzehnte nach Spencers Tod, w&uuml;rde ein &ldquo;b&ouml;hmischer Gefreiter&rdquo; ganz im Sinne Spencers argumentieren &ndash; manchmal so wortgetreu, dass man davon ausgehen muss, dass Hitler Spencers Schriften kannte. Durch Spencer war die Gesellschaftstheorie zum Naturgesetz erkl&auml;rt worden und die Eliten aller Herren L&auml;nder konnten sich wohlig von jeglicher sozialen Verantwortung dr&uuml;cken, konnten weiterhin ausbeuten und Pression aus&uuml;ben, weil dies ja ausdr&uuml;cklich dem Naturgesetz entspr&auml;che.<\/p><p>Wenn heute selbsterkl&auml;rte Eliten von &ldquo;sozial Schwachen&rdquo; und &ldquo;bildungsfernen Schichten&rdquo;, wenn sie zudem von so genannten &ldquo;Sozialhilfekarrieren&rdquo; sprechen, die &ldquo;generationen&uuml;bergreifend fortgef&uuml;hrt&rdquo; werden, dann sieht es doch sehr danach aus, als ob eine altbew&auml;hrte Theorie wiederbelebt worden w&auml;re. W&auml;hrend Friedrich Merz frohen Mutes von &ldquo;Sozialhilfefamilien&rdquo; sprechen darf, in denen der soziale Status quasi vererbt w&uuml;rde, fabuliert Oswald Metzger davon, wie Menschen den ganzen Tag betrunken und vollgefressen vor dem Fernsehger&auml;t sitzen, und ihre Kinder zuk&uuml;nftig in gleicher Weise vor sich dahinvegetieren werden. Gleichzeitig erkl&auml;ren die Eliten, dass das deutsche Bildungssystem durchl&auml;ssig sei, dass jeder eine Chance erhielte, wenn er nur qualifiziert genug sei &ndash; dabei au&szlig;er Acht lassend, dass gerade in Deutschland &ndash; so wie nirgends sonst in Europa &ndash; kaum Kinder aus der Unter- oder Arbeiterschicht in den Genuss eines Studiums kommen. Die fr&uuml;he Selektion derer, die auf das Gymnasium gehen werden, der damit vorgezeichnete Weg bereits ab dem zehnten Lebensjahr, will sich die Elite zudem bewahren &ndash; eine Einheitsschule, mit der M&ouml;glichkeit sp&auml;ter h&ouml;here Schulen &ndash; vielleicht ab der achten oder neunten Klasse &ndash; zu besuchen, kommt f&uuml;r sie nicht in Frage. Ihre Kinder sollen dem Elitestatus gem&auml;&szlig; geschult werden.<\/p><p>Im Wirken der Eliten, gerade im letzten Punkt das Schulsystem betreffend, wird erkennbar, dass sie nicht im System oder den Lebensverh&auml;ltnissen die Grundlage der Ungleichheit erkennen. Mutig genug, im Blut, in den Genen, kurz: in der Vererbung, die m&ouml;gliche Ungleichheit zu vermuten, sind sie freilich in Zeiten politischer Verbalkorrektheit nicht. Aber der Unterton schwingt mit, wenn sie ganze Familien als faules, nichtsnutziges Gesindel stilisieren, wenn sie Arme zu &ldquo;sozial Schwachen&rdquo; degradieren, wenn sie das Schulsystem trotz aller offensichtlichen M&auml;ngel als funktionierend betrachten. Schuld ist in ihren Augen nicht die Welt, wie sie ist &ndash; nicht das System, nicht Ausbeutung, nicht Unterdr&uuml;ckung, nicht die Armut. Schuld hat das Individuum &ndash; in ihm liegt der Grund der Schuldigkeit. Es liegt ihm quasi im Blut, ist seine pers&ouml;nliche biologische Konditionierung und ist, so muss man schlussfolgern, eben Ausdruck seiner Vererbung. Er ist leistungsschwach, weil sein Vater nur Hilfskraft war; er ist dumm, weil seine Mutter die Hauptschule abbrach oder die Sonderschule besuchte &ndash; dass Leistungsschw&auml;che und &ldquo;Dummheit&rdquo; wom&ouml;glich auf ein falsches Schulwesen, auf die Armut der Eltern oder auf die Gleichg&uuml;ltigkeit der Gesellschaft gegen&uuml;ber Unterschichtenkindern zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist, auf diese Idee kommen die Eliten freilich nicht. D&uuml;rfen sie gar nicht kommen, wenn sie ihr selbsterrichtetes Weltbild nicht zerst&ouml;ren, wenn sie darin weiter in wohliger Weltentr&uuml;cktheit leben wollen. Und wie sie eine Karriere, wie die des Albert Camus, erkl&auml;ren wollen, bleibt im Nebel ihrer bornierten Weltsicht gefangen. Denn Camus war Kind einer Analphabetin, die zudem nicht mit gro&szlig;em Intellekt gesegnet war &ndash; als Camus 1957 den Literaturnobelpreis erhielt, konnte seine Mutter nicht verstehen, was dies genau bedeuten soll. W&uuml;rde die Erblehre zutreffen, die so unterschwellig das Weltbild unserer Eliten kennzeichnet, so w&auml;re Camus niemals &uuml;ber den Status eines Hilfsarbeiters hinausgekommen.<\/p><p>Aber man muss es in drastischer Form klar formulieren: Wer heute so auftritt, wer leugnet, dass die reale Welt die Hauptschuld f&uuml;r soziale Ungleichheit tr&auml;gt, wer damit einem (meist) latenten Sozialdarwinismus fr&ouml;nt, in dem er die Schuld in den Genen des Dummen, Armen, Kranken oder Leistungsschwachen sieht, der ist Bestandteil einer alten Tradition, in der von &ldquo;Erbungesunden&rdquo; gesprochen wurde und in der es kein Tabu mehr war, von eugenischen Radikalschritten zu schw&auml;rmen. Auschwitz nahm seinen Anfang eben nicht mit Hitlers Machtergreifung, sondern schon lange vorher &ndash; der Massenmord an Juden, Sinti und Roma, an Homosexuellen, Kranken und Behinderten, fand bereits Jahrzehnte vorher in den K&ouml;pfen der Eliten statt. Und noch etwas ist zu erw&auml;hnen: Politische Gegner und Oppositionelle wurden im Dritten Reich verfolgt und als krank betrachtet, als gesellschaftszersetzende Elemente begriffen &ndash; der Sozialdarwinismus hat es erlaubt, aus jedem Missliebigen einen &ldquo;erbkranken Idioten&rdquo; zu machen. Mit dieser Scheinwissenschaftlichkeit l&auml;sst sich das elit&auml;re B&uuml;rgertum seit mehr als einem Jahrhundert blenden &ndash; und heute wieder mehr denn je.<\/p><p>Wer sich also in solcher Weise &auml;u&szlig;ert, genauer: wer sich in solcher sozialdarwinistischen Weise &auml;u&szlig;ert, der muss es sich gefallen lassen, dass man ihn als J&uuml;nger von Auschwitz bezeichnet &ndash; als jemanden, der aus der Geschichte nicht gelernt, f&uuml;r die Zukunft nichts begriffen hat. Freilich werden solche Zeitgenossen einen solchen Einspruch nur schwerlich dulden, werden sich so etwas nicht gefallen lassen wollen. Aber h&auml;tte man jene Sozialdarwinisten vor der Auschwitz-&Auml;ra mit Auschwitz konfrontiert, mit der Zukunft also, die aus dem Sozialdarwinismus erbl&uuml;hte, so h&auml;tten sie sich einen Vergleich mit den Zuk&uuml;nftigen auch verbeten. Auch hier stehen die heutigen J&uuml;nger ihren Vorfahren im Geiste, in nichts nach&hellip;<\/p><p>Geschrieben von Roberto J. De Lapuente, <a href=\"http:\/\/ad-sinistram.blogspot.com\/2008\/10\/der-fundament-des-elitren.html\">ad sinistram &ndash; ein oppositioneller Blog<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist eine Gesellschaft, die offen von &ldquo;sozial Schwachen&rdquo; und &ldquo;bildungsfernen Schichten&rdquo; spricht, eingebettet in ein sozialdarwinistisches Fundament? Meint eine solche Gesellschaft etwa damit, dass Armut und mangelnde Bildung vererbte M&auml;ngel sind? 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