{"id":35399,"date":"2016-10-14T08:46:27","date_gmt":"2016-10-14T06:46:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35399"},"modified":"2019-01-04T12:23:45","modified_gmt":"2019-01-04T11:23:45","slug":"wirtschaftsnobelpreis-2016-neoklassik-reloaded","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35399","title":{"rendered":"Wirtschaftsnobelpreis 2016 \u2013 Neoklassik reloaded"},"content":{"rendered":"<p>Den Wirtschaftsnobelpreis[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35399#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] haben in diesem Jahr die &Ouml;konomen Oliver Hart und Bengt Holmstr&ouml;m f&uuml;r ihre Beitr&auml;ge zur Vertragstheorie erhalten. &bdquo;Die neuen theoretischen Werkzeuge, die Hart und Holmstr&ouml;m entwickelt haben, sind wertvoll f&uuml;r das Verst&auml;ndnis von Vertr&auml;gen und Institutionen &ndash; aber ebenso f&uuml;r m&ouml;gliche Fallstricke bei der Vertragsgestaltung&ldquo;, teilte die K&ouml;niglich-Schwedische Wissenschaftsakademie in Stockholm am Montag mit. Die Preistr&auml;ger h&auml;tten mit ihren Forschungen dabei geholfen, Probleme zu analysieren und L&ouml;sungen zu formulieren &ndash; etwa bei der Entlohnung von F&uuml;hrungskr&auml;ften oder bei der Ausgestaltung von Versicherungsvertr&auml;gen. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35399#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nSowohl Hart als auch Holmstr&ouml;m stammen aus Europa, lehren aber beide an der Ostk&uuml;ste der USA, Hart an der Harvard University, Holmstr&ouml;m am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Zusammen hatten sie im Jahre 1987 den Aufsatz &bdquo;The Theory of Contracts&ldquo; verfasst. Hart und Holmstr&ouml;m sind Vertreter der Institutionen&ouml;konomik, ein Forschungszweig, der der neoklassischen Schule zuzuordnen ist. Institutionen&ouml;konomen gehen davon aus, dass in einer &Ouml;konomie nicht nur die Produktion von G&uuml;tern und Dienstleistungen Kosten verursacht, sondern auch die Inanspruchnahme des institutionellen Rahmens, also all der Organisationen, Institutionen, Normen und Vorschriften, die eine Gesellschaft ausmachen.<\/p><p>Im Zentrum der Vertragstheorie, f&uuml;r die Hart und Holmstr&ouml;m ausgezeichnet wurden, steht die Analyse &bdquo;unvollst&auml;ndiger Vertr&auml;ge&ldquo;. Hier sind bei Vertragsabschluss nicht alle Modalit&auml;ten und Eventualit&auml;ten des Gesch&auml;fts bekannt. Beispielsweise kann ein Patient die Leistung eines Arztes mangels Fachwissens nur unzureichend einsch&auml;tzen, ein Kfz-Versicherer hat in der Regel keine Kenntnisse &uuml;ber den Fahrstil des Versicherungsnehmers, der Aktion&auml;r wei&szlig; nicht, inwieweit der angestellte Manager tats&auml;chlich in seinem Sinne handelt, und der Arbeitgeber kann nicht alle Handlungen des Arbeitnehmers &uuml;berblicken. Das unvollst&auml;ndige Wissen des Vertragspartners kann die jeweilige Gegenseite ausnutzen. Ein geschicktes Vertragsdesign soll hier helfen, die Vertragskosten zu minimieren. Bekannt ist all dies unter dem Schlagwort <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Prinzipal-Agent-Theorie\">Prinzipal-Agenten-Theorie<\/a>.<\/p><p>Kritiker behaupten nun gern, dass die Neoklassiker damit ihre realit&auml;tsferne Modellwelt nur etwas n&auml;her an die Realit&auml;t heranr&uuml;cken wollen, ohne jedoch ihre grundlegende Gleichgewichtsorientierung aufzugeben. Bei der Prinzipal-Agenten-Theorie handelt es sich allerdings noch um eine harmlosere Variante der Institutionen&ouml;konomik. Zu dem Fach z&auml;hlen n&auml;mlich auch Bereiche wie die &Ouml;konomie des Rechts, die &Ouml;konomie der Familie oder die &Ouml;konomie der Religion. Ein Vertreter dieser Richtung ist Gary Becker, der der ultraorthodoxen Chicago School angeh&ouml;rte und 1992 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Becker wurde daf&uuml;r ausgezeichnet, dass er das &ouml;konomische N&uuml;tzlichkeitskalk&uuml;l auf alle Lebensbereiche ausdehnte; auf die Rechtsprechung, die Ehe oder auch die Diskriminierung und das Verbrechen. Man bezichtigte ihn deswegen auch des &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/konjunktur\/gary-becker-der-oekonomische-imperialist\/6475968.html\">&ouml;konomischen Imperialismus<\/a>&ldquo;.<\/p><p>Im Vergleich dazu sind Hart und Holmstr&ouml;m eher gem&auml;&szlig;igtere Vertreter ihrer Fachrichtung. Gleichwohl kn&uuml;pft das Nobelkomitee mit seiner Entscheidung vom vergangenen Montag nahtlos an die Tradition Anfang der der neunziger Jahre an, als quasi jedes Jahr ein Neoklassiker mit den Forschungsschwerpunkten Institutionen&ouml;konomik oder Kapitalm&auml;rkte mit dem Nobelpreis <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_Tr%C3%A4ger_des_Alfred-Nobel-Ged%C3%A4chtnispreises_f%C3%BCr_Wirtschaftswissenschaften\">ausgezeichnet wurde<\/a>. Man erinnere sich: Damals war gerade der real existierende Sozialismus zusammengebrochen, und der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama verk&uuml;ndete das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ende_der_Geschichte\">&bdquo;Ende der Geschichte&ldquo; (im Hegelschen Sinne)<\/a>. Der Kapitalismus schien obsiegt zu haben.<\/p><p>Dass es mit der neoklassischen Theorie aber vielleicht doch nicht so weit her ist, d&uuml;rfte das Nobelkomitee sp&auml;testens 1998 gemerkt haben. Damals brach der Hedgefonds Long-Term Capital Management (LTCM) zusammen, eine handfeste Finanzmarktkrise konnte gerade noch abgewendet werden. Im Direktorium des LTCM sa&szlig;en aber ausgerechnet die US-&Ouml;konomen Myron Scholes und Robert C. Merton, die ein Jahr zuvor den Nobelpreis erhielten und nach deren Erkenntnissen der LTCM konstruiert war. Ihre hochmathematischen Modelle hatten einfach nicht die russische W&auml;hrungskrise auf dem Schirm, die zu der Zeit die Finanzm&auml;rkte ersch&uuml;tterte.<\/p><p>Ein besonders fanatischer Kritiker des Wirtschaftsnobelpreises ist allerdings Nassim Nicholas Taleb, Finanzanalyst und Autor des Bestsellers &bdquo;Der Schwarze Schwan&ldquo;. Taleb h&auml;lt die K&ouml;niglich-Schwedische Akademie in Stockholm gar f&uuml;r eine &bdquo;Gefahr f&uuml;r die Gesellschaft&ldquo;. Diese habe n&auml;mlich erst jene &Ouml;konomen popul&auml;r gemacht, deren Theorien <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/traegt-nobelpreis-mitschuld-an-finanzkrise-1.7946964\">die Welt in die Finanzkrise st&uuml;rzten<\/a>. Gemeint hat Taleb damit die US-Wissenschaftler Harry Markowitz, Merton Miller und William Sharpe, die 1990 f&uuml;r ihre Portfolio-Theorie pr&auml;miert wurden. Deren Modelle w&uuml;rden extreme Risiken untersch&auml;tzen und die Menschen in riskante Anlagen treiben. Und &uuml;ber die LTCM-Bankrotteure Merton und Scholes will Taleb gleich nach deren Preisverleihung gesagt haben: &bdquo;In einer Welt, in der diese beiden den Nobelpreis bekommen, kann alles passieren. Jeder kann Pr&auml;sident werden&ldquo;. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] <strong>Thomas Trares<\/strong> ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Dazu schreibt uns unser Leser A.H.: Der eigentliche Name des allgemein so bezeichneten Wirtschaftsnobelpreises lautet <strong>Alfred-Nobel-Ged&auml;chtnispreis f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften<\/strong> und hat nichts mit Alfred Nobel zu tun. Der gute Name Alfred Nobels wird streng genommen missbraucht, um das Ansehen der Wirtschaftswissenschaften zu steigern. Die Wirtschaftswissenschaften schm&uuml;cken sich mit fremden Federn, die von der Schwedischen Reichsbank  seit 1968 gestiftet werden. Ein Schelm, wer B&ouml;ses dabei denkt. Es steht einiges Interessantes dazu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alfred-Nobel-Ged%C3%A4chtnispreis_f%C3%BCr_Wirtschaftswissenschaften\">bei Wikipedia<\/a>.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/7ee47b57bb534e8e83ca982374da05d5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Wirtschaftsnobelpreis[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35399#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] haben in diesem Jahr die &Ouml;konomen Oliver Hart und Bengt Holmstr&ouml;m f&uuml;r ihre Beitr&auml;ge zur Vertragstheorie erhalten. &bdquo;Die neuen theoretischen Werkzeuge, die Hart und Holmstr&ouml;m entwickelt haben, sind wertvoll f&uuml;r das Verst&auml;ndnis von Vertr&auml;gen und Institutionen &ndash; aber ebenso f&uuml;r m&ouml;gliche Fallstricke bei der Vertragsgestaltung&ldquo;, teilte die K&ouml;niglich-Schwedische Wissenschaftsakademie in Stockholm<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35399\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[30],"tags":[1048,367],"class_list":["post-35399","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-neoklassische-wirtschaftstheorie","tag-nobelpreis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35399","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35399"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35399\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48242,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35399\/revisions\/48242"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}