{"id":35403,"date":"2016-10-14T09:17:08","date_gmt":"2016-10-14T07:17:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35403"},"modified":"2019-03-11T13:46:17","modified_gmt":"2019-03-11T12:46:17","slug":"buchrezension-mark-mazower-griechenland-unter-hitler-das-leben-waehrend-der-deutschen-besatzung-1941-1944-durch-heiko-flottau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35403","title":{"rendered":"Buchrezension Mark Mazower \u201eGriechenland unter Hitler &#8211; Das Leben w\u00e4hrend der deutschen Besatzung 1941-1944\u201c durch Heiko Flottau"},"content":{"rendered":"<p>Griechenland und die Griechen haben schon einmal unter deutscher Politik, in diesem Fall unter milit&auml;rischer Besatzung von 1941-1944 gelitten. Heiko Flottau hat ein Buch besprochen, das sich dieser Thematik widmet. Hier seine Rezension. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAlexis Tsipras fordert weiterhin Reparationen von Deutschland f&uuml;r die von Wehrmacht und SS im zweiten Weltkrieg angerichteten Sch&auml;den.<\/p><p>Angesichts des Vernichtungs- und Ausbeutungskrieges, den die deutsche Wehrmacht seit dem 1. September 1939 in Osteuropa f&uuml;hrte, sind die Leiden der griechischen Bev&ouml;lkerung in den Jahren 1941 bis 1944 &ndash; und im anschlie&szlig;enden B&uuml;rgerkrieg bis 1949 &ndash; fast in Vergessenheit geraten. Zum Verdruss der deutschen Bundesregierung aber fordert die griechische Linksregierung immer wieder einmal Reparationen in betr&auml;chtlicher H&ouml;he. <\/p><p>Nun hat der britische Historiker Mark Mazower eine exzellent recherchierte, detaillierte Studie unter dem Titel &bdquo;Griechenland unter Hitler &ndash; Das Leben w&auml;hrend der deutschen Besatzung 1941-1944&ldquo; vorgelegt. Wer dieses ausgezeichnete historische Werk liest, wird leicht zu dem Schluss kommen, dass die griechischen Anspr&uuml;che an Deutschland nicht nur propagandistische Ausbr&uuml;che im Kampf um einen Schuldenerlass mit der Europ&auml;ischen Union sind.  Denn im Verh&auml;ltnis zu seiner Einwohnerzahl hat Griechenland fast ebenso gelitten wie Polen bzw. die Sowjetunion.<\/p><p>Es begann mit einer gro&szlig;en Hungersnot, der, wie die britische BBC seinerzeit berichtete, etwa 500.000 Griechen zum Opfer gefallen seien. Autor Mazower h&auml;lt diese Zahl f&uuml;r zu hoch, schreibt aber, dass durchaus ca. 300.000 Griechen in den ersten Jahren der italienisch-deutschen Besatzung an Hunger gestorben seien. Ein Augenzeuge berichtete damals &uuml;ber die deutschen Invasoren, dass sie &bdquo;aus dem Lande lebten&ldquo;. Und: &bdquo;Sie haben keine Verpflegung f&uuml;r die Soldaten mitgebracht &hellip; sie a&szlig;en einfach in Restaurants.&ldquo;<\/p><p>Ein Amerikaner, der in Athen lebte, schrieb, an die Stelle von Moral und Disziplin sei ein &bdquo;kollektives Bewusstsein von Macht&ldquo; getreten, von den Gener&auml;len bis hinunter zu den einfachen Soldaten. Und der Musikwissenschaftler Minos Dounias schrieb, er habe 13 Jahre in Deutschland gelebt und nie sei er bestohlen worden. Jetzt auf einmal, unter der neuen Ordnung, sind sie zu Dieben geworden.&ldquo;<\/p><p>Vor allem requirierte das deutsche Offizierscorps G&uuml;ter in gro&szlig;em Stil. Diese sozusagen offiziellen Pl&uuml;nderungen waren eine der Ursachen f&uuml;r die Hungersnot. Der Autor schreibt, dass innerhalb von drei Wochen deutscher Besatzung von der Insel Chios 25.000 Orangen, 4.500 Zitronen und 100.000 Zigaretten abtransportiert worden seien. Die Offiziere beschlagnahmten zudem Baumwolle und Leder f&uuml;r Schuhsohlen &ndash; alles transportierten sie nach Norden ab. Zur Verwendung durch die deutsche Wehrmacht. Auch wurden Rosinen, Feigen und Reis sowie Oliven&ouml;l beschlagnahmt und so dem normalen Ern&auml;hrungszyklus der Griechen entzogen. Der Autor zitiert einen Angestellten einer amerikanischen &Ouml;lfirma:<\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Die Deutschen pl&uuml;ndern, soviel sie k&ouml;nnen, sowohl offen als auch, indem sie die Griechen zwingen, Waren gegen wertlose Geldscheine zu verkaufen&hellip;&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;ber das physische Leiden der Bev&ouml;lkerung, besonders in Gro&szlig;st&auml;dten wie Athen, die keine Reserven an Nahrungsmitteln hatte wie D&ouml;rfer auf dem Lande, schreibt der Autor: &bdquo;Das letzte Stadium vor dem Tod war die totale k&ouml;rperliche und geistige Ersch&ouml;pfung. An diesem Punkt brachen Menschen zusammen und konnten aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen. Sie verhungerten. Der Autor schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;So wie es den Beh&ouml;rden nicht gelungen war, die Lebenden zu versorgen, gelang es ihnen nun auch nicht, sich um die Toten zu k&uuml;mmern. Ausgemergelte K&ouml;rper lagen oft stundenlang in den Stra&szlig;en, bis st&auml;dtische Karren sie abholten. Dann wurden sie auf Berge anderer Leichen geworfen und beim n&auml;chstgelegenen Friedhof abgeladen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nat&uuml;rlich entwickelte sich auch griechischer Widerstand gegen die deutschen (und italienischen) Besatzer. Viele in Griechenland stationierte Soldaten kamen, wie der Autor bemerkt, &bdquo;von den blutigen Schlachtfeldern der Ostfront und Jugoslawiens&ldquo;, und die Verhaltensweisen, die dort von ihnen gefordert worden waren, wendeten sie nun gegen die griechischen Andarten (Aufst&auml;ndische) an. Bis zum R&uuml;ckzug der Deutschen 1944 hatten diese mehr als 1.000 D&ouml;rfer zerst&ouml;rt, die H&auml;user von etwa einer Million Griechen waren gepl&uuml;ndert bzw. niedergebrannt, viele Ernten waren von den Deutschen vernichtet worden, Kirchen waren ausgeraubt, etwa 20.000 Zivilisten waren von Wehrmacht und SS ermordet worden. <\/p><p>Am schrecklichsten erging es den Einwohnern des Dorfes Kommeno &ndash; gelegen in Westgriechenland. Das Dorf war lange Zeit vom Krieg verschont worden. Eines Tages aber kam eine deutsche Milit&auml;rpatrouille und entdeckte, eigener Wahrnehmung nach, Aufst&auml;ndische im Dorf. Ein paar Tage sp&auml;ter kam die Wehrmacht zur&uuml;ck und ver&uuml;bte ein Massaker an der Dorfbev&ouml;lkerung. Am 12.August 1943 ermordete die Wehrmacht 317 Einwohner, darunter 172 Frauen. 97 der Toten waren j&uuml;nger als f&uuml;nfzehn Jahre. Kommeno, schreibt der Autor, &bdquo;bot einen albtraumhaften Anblick. Sechs Stunden der totalen Verw&uuml;stung folgte eine schaurige Stille, die nur durch das Knacken brennender Balken  durchbrochen wurde.&ldquo;<\/p><p>Dieses Massaker ist eingebettet in eine gro&szlig;fl&auml;chige Partisanenbek&auml;mpfung. Denn keineswegs hatten sich die Griechen ihrem Schicksal ergeben und sich willenlos den deutschen Besatzern gebeugt. Die Widerstandsbewegung EAM\/ELAS beherrschte zeitweise gro&szlig;e Teile Griechenlands, baute dort eine eigene Verwaltung auf, f&uuml;hrte Gerichtsbarkeit in den D&ouml;rfern selbst ein (damit die Einwohner nicht mehr die langen Wege in die n&auml;chsten St&auml;dte gehen mussten). Partisanengebiete konnten zeitweise nur betreten werden, wenn man den von den Partisanen ausgestellten Ausweis dabei hatte. Die Widerstandsbewegung versuchte, ein demokratisches Griechenland aufzubauen, das sich von den verkrusteten Machtverh&auml;ltnissen der Vorkriegszeit deutlich unterscheiden sollte.<\/p><p>Entsprechend m&ouml;rderisch waren die deutschen Gegenma&szlig;nahmen. Autor Mark Mazower schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Bis zur Befreiung Ende 1944 wurden mehr als 1.000 D&ouml;rfer zerst&ouml;rt. Eine Million Griechen hatten mit ansehen m&uuml;ssen, wie die Deutschen ihre H&auml;user pl&uuml;nderten, niederbrannten, die Ernte vernichteten, die Kirchen ausraubten. Mehr als 20.000 Zivilisten wurden von Wehrmachtssoldaten get&ouml;tet oder verwundet, erschossen, erh&auml;ngt oder zusammengeschlagen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Katastrophaler H&ouml;hepunkt der deutschen Besatzung auch in Griechenland: Verfolgung und Deportation der Juden. Hier zun&auml;chst eine Vorbemerkung.  Solange &ndash; bis zum Sturz Mussolinis im Jahre 1943 &ndash; die Italiener ihre Besatzungszone im Lande hatten, weigerten sie sich hartn&auml;ckig und mit Erfolg, an der von Eichmann organisierten Verfolgung und Vertreibung teilzunehmen. &bdquo;Die Italiener&ldquo;, schreibt der Autor, &bdquo;lehnten die deutsche Judenpolitik vollkommen ab.&ldquo;  <\/p><p>Solange, so hei&szlig;t es weiter, Italien die s&uuml;dliche Zone Griechenlands kontrolliert habe, seien die j&uuml;dischen Gemeinden dort sicher gewesen. Doch nachdem die Deutschen im September 1943 die Macht in ganz Griechenland &uuml;bernommen h&auml;tten, sei der Schutz f&uuml;r die Juden durch die Italiener weggefallen. Der Schutz, den Italien den griechischen Juden bot, stellt &ndash; im zeitgen&ouml;ssischen Zusammenhang gesehen &ndash; kein kleines Ruhmesblatt der italienischen Geschichte dar.<\/p><p>Die Verfolgung der Juden war in Berlin lange vorbereitet worden, schon in den Vorkriegsjahren &ndash; obwohl Griechenland damals noch kein Kriegsziel war. Seit 1938, schreibt der Autor, h&auml;tten deutsche, in Griechenland stationierte Diplomaten Informationen &uuml;ber die St&auml;rke der j&uuml;dischen Gemeinden an die SS in Berlin geschickt. Diesen Mitteilungen zufolge lebten etwa 70.000 bis 80.000 Juden im Lande. Soldaten der Wehrmacht durchforsteten seit dem Jahr 1941 j&uuml;dische Bibliotheken und raubten etwa 10.000 B&uuml;cher und Manuskripte.<\/p><p>Tausende von Juden lebten in Saloniki. Ihre H&auml;user wurden konfisziert, der j&uuml;dische Friedhof wurde zerst&ouml;rt, Grabsteine dienten zum Bau von Stra&szlig;en. <\/p><p>In Griechenland selber erhielten die Juden gro&szlig;e Unterst&uuml;tzung. Der Autor schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Alles in allem legten die orthodoxen Griechen gegen&uuml;ber den Juden einen Edelmut an den Tag, der in Europa seinesgleichen sucht. Besonders in Zentralgriechenland halfen Nichtjuden Hunderten von Juden, sich zu verstecken oder zu fliehen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Den Genozid durch Wehrmacht und SS konnte diese griechische Hilfsbereitschaft allerdings nicht verhindern. &Uuml;ber einen Transport von Juden berichtet der Autor folgendes: die Juden<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;wurden im Beisein des Referates IV B4 (der Gestapo-Abteilung f&uuml;r Judenangelegenheiten) in einem Zug nach Auschwitz eingepfercht. Als sie in der zweiten Aprilwoche 1944 nach einer grauenvollen Reise dort eintrafen, wartete bereits Dr. Josef Mengele an der Rampe. Er selektierte 320 M&auml;nner und 328 Frauen f&uuml;r seine &bdquo;Forschungen&ldquo;. Die &uuml;brigen wurden sofort vergast und in den Krematorien verbrannt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Soweit die Recherchen des britischen Historikers Mark Mazower. Griechenland wurde 1944 von Wehrmacht und SS befreit. Doch noch waren die Leiden der Bev&ouml;lkerung nicht zu Ende. W&auml;hrend die Widerstandsorganisation EAM\/ELAS, grob gesagt, einen reformerisch-linken politischen Kurs verfolgte, vertrat die eher rechtsgerichtete Regierung einen eher konservativen Kurs. Es kam zu milit&auml;rischen Auseinandersetzungen, die in einen veritablen B&uuml;rgerkrieg ausarteten.<\/p><p>In dessen Verlauf unterst&uuml;tzten die Briten, die nach dem deutschen Abzug in Griechenland milit&auml;risch eingegriffen hatten, die Konservativen. Titos Jugoslawien sowie die Sowjetunion unter Stalin halfen der Widerstandsbewegung EAM\/ELAS. So kam das geplagte Griechenland in die geopolitische Mangel. Schon zuvor aber hatten sich Churchill und Stalin darauf geeinigt, dass Griechenland zur westlichen, zur britisch-amerikanischen Einflusszone geh&ouml;ren solle. Damit waren die &bdquo;Linken&ldquo; der EAM\/ELAS eigentlich schon verloren.<\/p><p>Dann kam, 1948, der seinerzeit mit dem Attribut &bdquo;weltpolitisch&ldquo; versehene Bruch zwischen Tito und Stalin. Der jugoslawische Partisanenf&uuml;hrer und Revolutionsheld sagte sich vom sowjetischen Diktator los und rief seinen eigenen, unabh&auml;ngigen Weg zum Sozialismus aus. Die Folge f&uuml;r Griechenland: Tito, der zusammen mit Stalin die Linken im B&uuml;rgerkrieg unterst&uuml;tzt hatte, beendete die Unterst&uuml;tzung der EAM\/ELAS. Diese politische Kehrtwende f&uuml;hrte zum Sieg der politischen Rechten in Griechenland.<\/p><p>Der B&uuml;rgerkrieg war zu Ende und damit hatte auch das Leiden der Menschen ein Ende. Ein Ende aber hatten auch die Bem&uuml;hungen um politische Reformen. Die &uuml;berkommene politische Klientengesellschaft erlebte ihre Wiederauferstehung. Unter dieser politischen Restauration hat das Land im Grunde bis heute zu leiden.<\/p><p><strong>Mark Mazower<\/strong>: <em>Griechenland unter Hitler &ndash; Das Leben w&auml;hrend der deutschen Besatzung 1941-1944<\/em>, Titel der englischen Originalausgabe: <em>&bdquo;Inside Hitler`s Greece: The Experience of Occupation, 1941-1944&ldquo;<\/em>, 528 Seiten, 29,99 Euro, S. Fischer Verlage<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Griechenland und die Griechen haben schon einmal unter deutscher Politik, in diesem Fall unter milit&auml;rischer Besatzung von 1941-1944 gelitten. 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