{"id":3556,"date":"2008-10-30T17:02:06","date_gmt":"2008-10-30T16:02:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3556"},"modified":"2015-11-08T11:49:55","modified_gmt":"2015-11-08T10:49:55","slug":"mantel-oder-kuerbis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3556","title":{"rendered":"Mantel oder K\u00fcrbis?"},"content":{"rendered":"<p>Halloween mehrt seit Jahren seinen Anspruch, auch als eine Festlichkeit der Deutschen zu gelten. Mehr und mehr findet dieses Fest Einzug in den Kalender der hier lebenden Menschen &ndash; und dies, obwohl es keinerlei Tradition gibt, auf die sich dieses Fest st&uuml;tzen k&ouml;nnte. Eine andere Festlichkeit schwindet w&auml;hrenddessen, wird verst&auml;rkt ausgeh&ouml;hlt oder einfach verworfen &ndash; der Martinstag. Dass ein Fest obsiegt, w&auml;hrend ein anderes ins Hintertreffen ger&auml;t, ist nat&uuml;rlich kein einzigartiges Ph&auml;nomen, zumal die beiden erw&auml;hnten Festtage zeitlich eng zusammenfallen. Und wenn man bedenkt, dass es beispielsweise im Ingolst&auml;dter Raum Kinderg&auml;rten geben soll, die ganz basisdemokratisch die Kinderchen fragen, ob sie denn lieber dem heiligen Martin huldigen oder um einen K&uuml;rbis tanzen wollen, dann braucht man sich auch nicht mehr wundern, dass der Martinstag langsam aber sicher zum Relikt anderer, vergangener Tage wird. Von Roberto De Lapuente<br>\n<!--more--><br>\nWelche Wahl man den Kindern l&auml;sst ist einfach zu erl&auml;utern &ndash; es ist die Entscheidung zwischen Maskenball und Unmengen von S&uuml;&szlig;igkeiten oder Laternenbasteln und singendes Wandern durch einen kalten Novemberabend. Man k&ouml;nnte es auch philosophischer zur Auswahl bereiten: Es ist der Widerstreit zwischen plumpen Materialismus und zwischenmenschlichem Idealismus. Oder wenn wir die Terminologie Erich Fromms heranziehen: Eine Auseinandersetzung zwischen der Charakterstruktur des Habens und des Seins. Dass der kindliche Egoismus, der in dieser Phase des Lebens freilich notwendig ist, sich f&uuml;r das Haben entscheiden wird, d.h. f&uuml;r S&uuml;&szlig;igkeiten und Freude durch Verkleidung, ist nicht weiter verwunderlich. Die Kritiklosigkeit der Eltern und Erzieher zeichnet aber ein treffendes Gem&auml;lde dieser Gesellschaft.<\/p><p>Stellen wir die beiden Festlichkeiten einmal gegen&uuml;ber: Auf der einen Seite haben wir als Grundlage das Teilen, das Abgeben, das Entbehren. Martin teilt seinen Mantel mit einem Frierenden; er teilt, weil er seinen N&auml;chsten nicht in den K&auml;ltetod entschlummert wissen will. Er klammert sich nicht an seinen Besitz, sondern gibt ab, l&auml;sst teilhaben an seiner Besserstellung. Stattdessen auf der anderen Seite: Man &uuml;berrumpelt einen Menschen, klingelt bei ihm, l&auml;sst ihn wissen, dass er nun S&uuml;&szlig;es rauszur&uuml;cken habe &ndash; tut er dies aber nicht, darf er mit Saurem rechnen. Dabei wird nicht gefragt, ob die Person, die man gerade mit Erpressung n&ouml;tigt, &uuml;berhaupt die Mittel zum Abgeben hat. W&auml;hrend Martin nicht fragt, was der Obdachlose f&uuml;r ihn tun kann, falls er ihm ein St&uuml;ck seines Mantels reicht, wollen die kindlichen Rabauken bezahlt sein, wollen eine Gegenleistung daf&uuml;r, friedvoll zu bleiben, wollen &ldquo;Schutzgeld&rdquo; in ihrem Beutel sehen. Bei Martin lernen die Kinder Selbstlosigkeit, an Halloween das &ldquo;Prinzip der Gegenleistung&rdquo;; Martin lehrt R&uuml;cksichtnahme, &ldquo;der K&uuml;rbis&rdquo; Ansichnahme. W&auml;hrend Martin alleine mit seiner praktizierten Mitmenschlichkeit steht, er einer jener seltenen Menschen ist, die nicht blind am Notleidenden vorbeigehen, treten die kindlichen Erpresser in der Gruppe auf, sind durch ebendiese stark genug, um r&uuml;cksichtslos und ignorant loszuschlagen &ndash; hier St&auml;rke im Alleinsein, dort St&auml;rke durch entfesselte Gruppendynamik.<\/p><p>Die Halloween-Praktik passt in unsere Zeit, in unsere Gesellschaft wie die Faust aufs Auge. W&auml;hrend wir den Kindern einmal im Jahr einen solchen z&uuml;gellosen Freiraum lassen, scheint in der Welt der Erwachsenen der Halloween-Geist losgebrochen zu sein. Es ist eben nicht nur der kindliche Egoismus, der mehr Freude an Halloween als am Martinstag entstehen l&auml;&szlig;t, sondern auch die Tatsache, dass ersteres Fest einfach besser ins Hier und Jetzt passt. &ldquo;S&uuml;&szlig;es oder Saueres!&rdquo; k&ouml;nnte auch &ldquo;Lohnk&uuml;rzung oder Arbeitsplatzabbau!&rdquo; hei&szlig;en; oder &ldquo;Integration oder Ausweisung!&rdquo;; oder in ganz misanthropischer Form &ldquo;Arbeit oder Hunger!&rdquo;; und in weltpolitische Formel gegossen: &ldquo;Erd&ouml;l oder Krieg!&rdquo;. Dies sind die &uuml;blichen Erpressungsverh&auml;ltnisse, die man dann mit Sachzw&auml;ngen abstrakt rechtfertigen will. An Halloween legt man das Fundament einer solchen Weltsicht &ndash; nur im Kleinen freilich, nur begrenzt und mit kindlicher Naivit&auml;t gew&uuml;rzt, aber doch in einer solchen Weise, dass auch den Kindern klar wird, dass man mit Erpressung und unfreundlicher Miene, gru&szlig;losem Verhalten, dreisten Spr&uuml;chen etc. zum materiellen Erfolg kommt. Verziehung die man als Erziehung tituliert!<br>\nIm Gegenlicht steht da dann der Heilige Martin &ndash; wenn man ihn &uuml;berhaupt noch zur Kenntnis nimmt -, der abgibt und am Ende mit weniger dasteht als urspr&uuml;nglich. Aber, und das unterschl&auml;gt die materielle Gesinnung gerne, an diesem Weniger nicht leidet, sondern bereichert ist, weil er die Bande des Miteinander gekn&uuml;pft hat, weil sein Teilen ein Akt nicht nur des Gebens war, sondern auch ein solcher des Entgegennehmens &ndash; die Hilfe ist f&uuml;r Martin nicht nur ein Akt des Weggebens, sondern ein Zustand der angenommenen Mitmenschlichkeit.<\/p><p>Das Schwinden des Martinstag zugunsten von Halloween ist sicherlich keine isolierte Erscheinung, sondern geht Hand in Hand mit der geistig-moralischen Umstrukturierung unserer Tage, in denen Nehmen seliger denn Geben ist. Wir zeigen unseren Kindern sowieso schon viel zu h&auml;ufig, dass nur das Materielle von Bedeutung ist, man sich vor allem am Haben zu orientieren habe. Der Sozialarbeiter ist nichts, aber der Rechtsanwalt alles &ndash; solche Einteilungen lehren wir schon unsere Kinder. Und an Halloween zeigen wir ihnen, wie man es zu was bringt in dieser Welt, w&auml;hrend es der Heilige Martin, dieser armselige Trottel, zu nichts gebracht hat, weil er aus seinem Mantel nicht zwei oder drei machen konnte, sondern diesen auch noch halbierte.<\/p><p><em>Geschrieben von Roberto J. De Lapuente vom <a href=\"http:\/\/ad-sinistram.blogspot.com\/2008\/10\/mantel-oder-krbis.html\">Blog ad sinistram<\/a>. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Halloween mehrt seit Jahren seinen Anspruch, auch als eine Festlichkeit der Deutschen zu gelten. Mehr und mehr findet dieses Fest Einzug in den Kalender der hier lebenden Menschen &ndash; und dies, obwohl es keinerlei Tradition gibt, auf die sich dieses Fest st&uuml;tzen k&ouml;nnte. Eine andere Festlichkeit schwindet w&auml;hrenddessen, wird verst&auml;rkt ausgeh&ouml;hlt oder einfach verworfen &ndash;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3556\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[161],"tags":[],"class_list":["post-3556","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wertedebatte"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3556","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3556"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3556\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28320,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3556\/revisions\/28320"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3556"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3556"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3556"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}