{"id":35672,"date":"2016-11-04T09:11:20","date_gmt":"2016-11-04T08:11:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35672"},"modified":"2022-11-16T10:06:07","modified_gmt":"2022-11-16T09:06:07","slug":"mit-hartz-iv-haben-die-eliten-das-dauerfeuer-auf-lohnabhaengige-eroeffnet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35672","title":{"rendered":"&#8220;Mit Hartz IV haben die Eliten das Dauerfeuer auf Lohnabh\u00e4ngige er\u00f6ffnet&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Hartz IV sei Armut per Gesetz, sagen manche. Das stimmt, aber es ist noch viel mehr. Es ist auch ein Lohnsenkungs- und Sozialstandardsabbau-Programm. Ein Angriff auf das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes. Ein Entrechtungs- und Verelendungsregime. Und nicht zuletzt Teil einer &bdquo;<a href=\"https:\/\/le-bohemien.net\/2015\/02\/09\/die-ideologische-mobilmachung-der-republik\/\">ideologischen Mobilmachung<\/a>&ldquo;, die mittels der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25168\">Hartz-IV-Ideologie<\/a> Opfer zu T&auml;tern erkl&auml;rt, Menschen in ihrer Not also nicht nur im Stich l&auml;sst, sondern ihnen auch noch ein &ndash; von vielen geglaubtes &ndash; &bdquo;Selbst schuld!&ldquo; um die Ohren haut. Zu aktuellen Entwicklungen bei Hartz sowie notwendigem Widerstand hiergegen sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit der Journalistin und Hartz-IV-Kritikerin <strong>Susan Bonath<\/strong>. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7109\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-35672-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161104_Hartz_IV_Dauerfeuer_auf_Lohnabhaengige_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161104_Hartz_IV_Dauerfeuer_auf_Lohnabhaengige_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161104_Hartz_IV_Dauerfeuer_auf_Lohnabhaengige_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161104_Hartz_IV_Dauerfeuer_auf_Lohnabhaengige_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=35672-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161104_Hartz_IV_Dauerfeuer_auf_Lohnabhaengige_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"161104_Hartz_IV_Dauerfeuer_auf_Lohnabhaengige_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Frau Bonath, Sie sind vehemente Gegnerin des Hartz-IV-Armutsregimes und ver&ouml;ffentlichen in verschiedenen Medien immer wieder kritische Expertise hierzu. Aktuell stehen uns nun einige &bdquo;Reformen&ldquo; der &bdquo;Reform&ldquo; ins Haus. Was kommt da konkret auf uns zu? Was ist geplant?<\/strong><\/p><p>Ich berichte seit Jahren f&uuml;r die &bdquo;junge Welt&ldquo; &uuml;ber alle m&ouml;glichen Ausw&uuml;chse des Hartz-IV-Systems. Das zeigt mir deutlich, wie weit der Eingriff in die Gesellschaft reicht. Ein Beispiel: Dass die Regels&auml;tze schon zur Einf&uuml;hrung dieses Teils der Agenda 2010 im Januar 2005 kleingerechnet worden waren, r&auml;umten sp&auml;ter sogar Mitglieder der Hartz-Kommission ein. Demnach war zun&auml;chst schon 2005 von 500 Euro f&uuml;r Erwachsene die Rede gewesen. Dies wurde dann auf 345 Euro im Westen und 331 Euro im Osten kleingerechnet.<\/p><p>Von diesem &ldquo;Existenzminimum&rdquo; h&auml;ngen aber weit mehr Menschen ab, als &ldquo;nur&rdquo; die rund 4,4 Millionen Erwachsenen, die l&auml;nger als ein Jahr erwerbslos sind oder als Niedrigl&ouml;hner bzw. Minijobber aufstocken m&uuml;ssen. Von diesem Budget leben inzwischen auch deutlich &uuml;ber eine Million Erwerbsunf&auml;hige, also Kranke oder Behinderte, und Rentner, deren staatliche Bez&uuml;ge nicht zum Leben reichen. Hinzu kommen gut 1,6 Millionen Kinder. Die mickrigen Leistungen f&uuml;r rund eine Million Asylsuchende liegen sogar um mehr als zehn Prozent unter den Hartz-IV-S&auml;tzen.<\/p><p><strong>Wie hoch sind die S&auml;tze genau?<\/strong><\/p><p>Derzeit bekommen Alleinstehende 404 und Partner je 364 Euro &ndash;  plus eine &bdquo;angemessene&ldquo; Miete. Hier f&auml;ngt es schon an. Denn was angemessen ist, bestimmen die Kommunen. Die sind h&auml;ufig finanziell so klamm, dass sie Obergrenzen festlegen, f&uuml;r die Betroffene, wenn &uuml;berhaupt, h&ouml;chstens winzige, unsanierte Absteigen finden. Nehmen sie eine teurere Wohnung, m&uuml;ssen sie aus dem Regelsatz draufzahlen.<\/p><p>Junge Erwachsene von 18 bis 24 Jahren erhalten hingegen nur 324 Euro, Jugendliche von 14 bis 17 Jahren bekommen 306, Sechs- bis Dreizehnj&auml;hrige 270 und Kleinkinder 237 Euro. Allerdings muss man bedenken, dass das Kindergeld von diesen Summen wieder abgezogen wird. Erh&auml;lt ein Kind noch Unterhalt vom getrenntlebenden Elternteil dazu und &uuml;bersteigt sein &bdquo;Einkommen&ldquo; den Regelsatz, wird das &uuml;bersch&uuml;ssige Geld sogar auf die Bez&uuml;ge des oder der Alleinerziehenden angerechnet.<\/p><p><strong>Und was kommt nun aktuell Neues auf die Betroffenen zu?<\/strong><\/p><p>Zum 1. August traten gerade weitere Verschlechterungen f&uuml;r Hartz-IV-Bezieher in Kraft. Es sind keine gro&szlig;en Sachen, sondern gut versteckte Perfidit&auml;ten. So wurde etwa das Sanktionssystem ausgeweitet, auch wenn man offiziell nicht daran ger&uuml;ttelt hat. Das hei&szlig;t: Zu den bisherigen Schikanen sind neue gekommen. Dabei waren die bisherigen wahrlich schlimm genug.<\/p><p>Nehmen wir etwa die 15- bis 24-J&auml;hrigen: F&uuml;r sie waren die Regeln schon 2007 derart versch&auml;rft worden, dass ein Sachbearbeiter vom Jobcenter sie nicht nur in jedwede Ausbildung, sondern auch in jeden Ein-Euro-Job, jedes unbezahlte Praktikum und jede Leihfirma verpflichten kann. Leistet etwa ein 17-j&auml;hriger Schulabg&auml;nger dem nicht Folge, darf dieser Sachbearbeiter ihm drei Monate lang den kompletten Regelsatz sperren. Um nicht zu verhungern, muss der Jugendliche dann um Essensgutscheine betteln. &Uuml;ber 25-J&auml;hrige werden weiterhin in Stufen sanktioniert: 30 Prozent beim ersten &ldquo;Vergehen&rdquo; innerhalb eines Jahres, dann 60 Prozent und schlie&szlig;lich erhalten sie nichts mehr, auch keine Miete.<\/p><p>Neu ist nun, dass diese Sachbearbeiter dar&uuml;ber hinaus jede Ablehnung eines Jobs, ja, sogar einen Jobverlust, wenn sie dem Klienten ein Mitverschulden vorwerfen, als &ldquo;sozialwidriges Verhalten&rdquo; auslegen k&ouml;nnen. Sie k&ouml;nnen ihm dann bis zu vier Jahre lang Ersatzforderungen stellen. Das hei&szlig;t: Das Amt zieht dem Erwerbslosen oder Aufstocker f&uuml;r die Dauer dieser Zeit dann einfach ein fiktives Einkommen, dass er h&auml;tte verdienen k&ouml;nnen, vom Regelsatz bis hin zum vollst&auml;ndigen Wegfall ab, v&ouml;llig unabh&auml;ngig davon, ob er finanziell bed&uuml;rftig ist. Das geht soweit, dass sogar alleinerziehenden M&uuml;ttern ein fiktiver Unterhalt angerechnet wird, wenn sie den Namen des Kindsvaters nicht preisgeben (k&ouml;nnen?). So jedenfalls formuliert es die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit in fachlichen Hinweisen.<\/p><p>Hinzu kommen viele weitere Spitzfindigkeiten, die eigentlich nichts als Erpressung und Entrechtung sind. Zum Beispiel der Bu&szlig;geldparagraph im Sozialrecht: Hierzu gab die Agentur k&uuml;rzlich eine Dienstanweisung heraus, wonach Jobcentermitarbeiter, die f&uuml;r &bdquo;Ordnungswidrigkeiten&ldquo; zust&auml;ndig sind, &auml;hnliche Kompetenzen haben wie Staatsanw&auml;lte. Das Einzige, was sie danach nicht d&uuml;rfen, sind &bdquo;freiheitsentziehende Ma&szlig;nahmen&ldquo; anzuordnen. Es geht hier keineswegs nur um Straftaten. Sie k&ouml;nnen Bu&szlig;gelder bis zu 5.000 Euro auch gegen Leistungsbezieher verh&auml;ngen, die &bdquo;Angaben nicht, nicht vollst&auml;ndig oder nicht rechtzeitig gemacht&ldquo; haben oder der Auskunft Dritter &ndash; etwa des Vermieters oder Arbeitgebers &ndash; nicht zustimmen. Selbst gegen Verwandte oder Bekannte des Leistungsberechtigten k&ouml;nnen sie vorgehen, wenn sie eine Beziehung vermuten oder Anhaltspunkte daf&uuml;r wittern, dass diese &bdquo;Verm&ouml;gensgegenst&auml;nde&ldquo; f&uuml;r Betroffene aufbewahren.<\/p><p>Oder nehmen wir die &bdquo;Umzugserlaubnis&ldquo;: Das Amt soll einen Wohnortwechsel nur noch genehmigen, wenn die neue Wohnung billiger als die alte ist. Angesichts &uuml;berall steigender Angebotsmieten ist das gar nicht machbar. Oder die erneut erweiterten Kontrollm&ouml;glichkeiten, die einen monatlichen Datenabgleich zur Ermittlung von Einkommen oder Ausgaben des Betroffenen und seiner Angeh&ouml;rigen erm&ouml;glichen, ganz ohne deren Zustimmung.<\/p><p>Das alles hat nat&uuml;rlich mit Freiheit und Demokratie nichts zu tun. Angesichts dessen, dass Arbeitspl&auml;tze aufgrund von Maschinisierung und Automatisierung mehr abgebaut als neugeschaffen werden, ist es Irrsinn. Es geht hier einfach darum, Lohnabh&auml;ngige zu knechten, zu entm&uuml;ndigen und als ein Heer billigster Arbeitskr&auml;fte den profitierenden Privatunternehmen verf&uuml;gbar zu machen. Denn halbwegs frei kann ja nur sein, wer ohne Zwang seine Grundbed&uuml;rfnisse befriedigen kann. Hartz IV aber erpresst nach dem Motto: Wenn Du nicht verhungern und erfrieren willst, musst Du dich dem Markt vollst&auml;ndig unterwerfen.<\/p><p>Das l&auml;hmt die Betroffenen, macht sie depressiv, es hindert aber auch die Arbeitsplatzbesitzer daran, ihre Rechte einzufordern. Ihnen droht schlie&szlig;lich auch, in das Hartz-IV-System zu rutschen. Praktisch kann man es so beschreiben: Um nicht sanktioniert zu werden, kehren Hartz-IV-Bezieher auch f&uuml;r &ldquo;&acute;nen Appel und &acute;n Ei&rdquo; die Stra&szlig;en. Das aber hei&szlig;t auch: der bisher tarifentlohnte Stra&szlig;enkehrer kann einpacken und sich in das Billigstheer einreihen.<\/p><p><strong>Hartz IV und die Ausweitung des Niedriglohnsektors h&auml;ngen eng miteinander zusammen.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich, auch auf Besch&auml;ftigte wirkt Hartz IV wie ein Damoklesschwert. Dazu eine kurze Geschichte, die mir k&uuml;rzlich widerfahren ist: Ein 56-j&auml;hriger Telekomtechniker erz&auml;hlte mir, er sei einer der Letzten seiner Zunft mit einem &ldquo;alten&rdquo; Arbeitsvertrag. Das hei&szlig;t: Er bekommt Tariflohn und sechs Wochen Urlaub. Zudem k&ouml;nne und werde er die M&ouml;glichkeit nutzen, mit 58 oder 60 Jahren in Altersteilzeit zu gehen. Davon k&ouml;nnten die jungen Facharbeiter nur noch tr&auml;umen.<\/p><p>Denn heute stelle die Telekom Fachleute wie ihn nicht mehr selbst an, berichtete der Mann. Um Kosten zu sparen, heuere das Unternehmen nur noch g&uuml;nstige Drittfirmen an. Diese bezahlten so schlecht und seien meist nicht tarifgebunden, dass keine vern&uuml;nftige Arbeit mehr geleistet werden k&ouml;nne. Ich erg&auml;nze: Sie werden auch nicht f&uuml;r h&ouml;here L&ouml;hne streiken. Denn es warten Millionen Erwerbslose da drau&szlig;en, die vom Jobcenter unter Androhung des kompletten Entzugs aller Existenzmittel gezwungen werden k&ouml;nnen, diesen Job sogar f&uuml;r noch weniger zu machen. Genau diese Entwicklung war mit den Hartz-Gesetzen beabsichtigt.<\/p><p><strong>Beabsichtigt? Von wem denn und warum?<\/strong><\/p><p>Dass es darum ging, einen riesigen Billiglohnsektor zu schaffen f&uuml;r T&auml;tigkeiten, die angeblich weniger profitabel seien, sagte schon Altkanzler Gerhard Schr&ouml;der (SPD) vor der Einf&uuml;hrung von Hartz IV ganz offen. Dabei lehnte er sich an die &bdquo;Faulheitsdebatten&ldquo; an, die just nach der Wiedervereinigung begannen und dazu f&uuml;hrten, dass den Erwerbslosen die Schuld f&uuml;r ihr Scheitern im Arbeitsmarkt selbst zugeschoben wurde.<\/p><p>Das hatte ja Methode, denn die neue Bundesrepublik sah sich pl&ouml;tzlich einem Sechs-Millionen-Heer von Erwerbslosen gegen&uuml;ber, das einfach nicht schrumpfen wollte. In manchen St&auml;dten und D&ouml;rfern Ostdeutschlands verloren Anfang 1990 &uuml;ber 50 Prozent der Menschen ihren Arbeitsplatz. Viele Ausbildungen waren pl&ouml;tzlich nichts mehr wert. Das habe ich selbst erlebt. <\/p><p>Damit nun musste die Bundesregierung umgehen und gleichzeitig Deutschland zur Exportmacht in Europa aufbauen. Sprich: Wenn ich den Arbeitslosen Geld wegnehme und zugleich Millionen Besch&auml;ftigte f&uuml;r Minil&ouml;hne arbeiten lasse, sorge ich daf&uuml;r, dass die Kaufkraft im Inland schwindet. Dann muss die Wirtschaft exportieren, also m&ouml;glichst viele M&auml;rkte beliefern. Sonst w&uuml;rden ja die Profite einbrechen. Das ist gelungen.<\/p><p>So hatte und hat diese Reform auch au&szlig;enpolitisch nicht zu untersch&auml;tzende Wirkung. Deutschland konnte sich einerseits als eine der st&auml;rksten europ&auml;ischen Wirtschaftsnationen auf Kosten von Millionen eigener B&uuml;rger und zugunsten des Exports behaupten. Andererseits werden in den L&auml;ndern, die importieren, Arbeitspl&auml;tze abgebaut. So wachsen auch dort Prekarisierung und Armut.<\/p><p>Bemerkenswert ehrlich redete hierzu Altkanzler Schr&ouml;der Anfang 2005 auf dem World Economic Forum in Davos. Er nahm da kein Blatt vor den Mund: Das Hauptziel der Agenda 2010, der Aufbau eines Niedriglohnsektors, sei mit den Hartz-Gesetzen erreicht worden. Dass auch Massenarmut und rapider Sozialabbau geplant waren, bekannte er ebenfalls. Er sagte zum Beispiel sinngem&auml;&szlig;, die Teilprivatisierung der Alters- und Gesundheitsvorsorge sei unumg&auml;nglich.<\/p><p><strong>Und das ist belegbar, verstehe ich recht?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich, <a href=\"http:\/\/www.gewerkschaft-von-unten.de\/Rede_Davos.pdf\">die Rede<\/a> finden Sie im Internet. Und auch viele politische Aussagen, die in alten Zeitungsartikeln hoch und runter zelebriert werden. Sehr brisant ist hier auch ein <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Standardartikel\/Ministerium\/Geschaeftsbereich\/Wissenschaftlicher_Beirat\/Gutachten_und_Stellungnahmen\/Ausgewaehlte_Texte\/001_a_gutachten_existenzsicherung_erwerbsanreiz.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3\">&bdquo;Gutachten&ldquo;<\/a> des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesfinanzministeriums aus dem Jahr 2008.<\/p><p>Unter dem Titel &bdquo;Existenzsicherung und Erwerbsanreize&ldquo; konstatiert der Beirat hierin etwa, dass mehr Besch&auml;ftigung im Niedriglohnsektor prinzipiell auf drei Wegen erreicht werden k&ouml;nne: Mit Sanktionen, F&ouml;rderungen f&uuml;r Unternehmen und sonstigen &bdquo;positiven Anreizen&ldquo;. Und w&ouml;rtlich hei&szlig;t es weiter: &bdquo;Wer Arbeitsm&ouml;glichkeiten ausschl&auml;gt, soll empfindliche K&uuml;rzungen seines Arbeitslosengeldes erfahren.&ldquo; Dazu seien auch Arbeitsgelegenheiten wie etwa Ein-Euro-Jobs und die Leiharbeit auszuweiten, damit jeder Betroffene irgendeinen Arbeitsplatz erhalte.<\/p><p>Schon damals, 2008, kurz nach der Einf&uuml;hrung der absolut unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen, sofortigen, dreimonatigen Vollsanktionen gegen Jugendliche, erschienen den Wissenschaftlern die Restriktionen bereits als &bdquo;nicht streng genug&ldquo;. So pl&auml;dierten sie beim Existenzminimum f&uuml;r &bdquo;weiteren Spielraum nach unten&ldquo;. Wie weit soll dieser reichen, frage ich mich, wenn man doch schon bei Null angekommen ist?<\/p><p><strong>Wir haben es also mit einer politisch verordneten und von vornherein beabsichtigten Entrechtung der Armen zu tun, die die L&ouml;hne senken und die Menschen mittels Verzweiflung zur Annahme von immer &bdquo;schlechterer Arbeit&ldquo; n&ouml;tigen? Eine geplante Verarmung zugunsten von mehr Reichtum f&uuml;r einige wenige?<\/strong><\/p><p>Dies zeigt deutlich, dass es hierbei nicht nur um die Belieferung von Unternehmen mit Billigstkr&auml;ften geht &ndash; denn wo Maschinen die Arbeit &uuml;bernehmen, kann man keine Arbeitspl&auml;tze herzaubern &ndash;, sondern auch um geplante und voll beabsichtigte Unterdr&uuml;ckung, um Entm&uuml;ndigung und Entw&uuml;rdigung. Menschen sollen gef&uuml;gig f&uuml;r ihre Verwertung gemacht werden. Denn Niedergedr&uuml;ckte wehren sich in der Regel nicht bzw. haben alleine von den Lebensumst&auml;nden her nur wenige M&ouml;glichkeiten dazu.<\/p><p>Es ging zudem um die Zerschlagung von Arbeiterorganisationen. Ganz konkret benennt der Wissenschaftliche Beirat in dem Papier das Ziel, die Gewerkschaften weiter zu schw&auml;chen. Da hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn die Arbeitslosen auf den Arbeitsmarkt dr&auml;ngen, m&uuml;ssten die L&ouml;hne soweit sinken, dass sie auch f&uuml;r gering Qualifizierte ein Markt r&auml;umendes Niveau erreichen. Wo dies heute noch tarifliche Untergrenzen verhindern, w&uuml;rden sich dann auch die Gewerkschaften letztlich nicht gegen eine st&auml;rkere Lohnflexibilit&auml;t wehren, wenn die Existenz der Besch&auml;ftigten auf andere Weise gesichert ist.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Auf Deutsch k&ouml;nnte man sagen: Wir zahlen den Billigarbeitern eine Aufstockung auf Hartz-IV-Niveau und die Gewerkschaften halten ihre Klappe. Das propagierte Denkmuster &bdquo;Arbeit um jeden Preis&ldquo; sitzt ja auch in den K&ouml;pfen der Gewerkschaftsfunktion&auml;re. So demonstrierten einzelne Gewerkschaften in der Vergangenheit nicht nur f&uuml;r Erhalt von Arbeitspl&auml;tzen in der umweltsch&auml;dlichen Braunkohle- oder in der kriegstreiberischen R&uuml;stungsindustrie. Sie verb&uuml;ndeten sich auch mit den Arbeitgebern und stimmten teilweise sogar den von diesen geforderten Verschlechterungen bei Arbeitsbedingungen zu. Auch gegen die Einf&uuml;hrung der Agenda 2010 muckte keine Gewerkschaft auf. Entweder durchblickten sie das damals nicht oder sie waren bereits so stark eingefriedet in das System, dass sie mitspielten, obwohl sie verstanden, worum es geht.<\/p><p>Bei den Beratungen zur j&uuml;ngsten Hartz-IV-Reform hat der Deutsche Gewerkschaftsbund zwar einige Versch&auml;rfungen und rigide Sanktionen kritisiert. Gegen K&uuml;rzungen des Existenzminimums an sich hat er sich aber nicht positioniert. Doch gerade dieses Instrument zwingt die Massen erst in den Niedriglohnsektor, es ist der Motor. G&auml;be es eine bedingungslose Grundsicherung, k&ouml;nnte jeder Betroffene Nein zu prek&auml;ren Jobs sagen.<\/p><p><strong>Nun sagen Sie mir aber: Wenn solche Leute offen zugeben, dass die Entrechtung und Verarmung breiter Bev&ouml;lkerungsteile ihr erkl&auml;rtes Ziel war und ist &ndash; warum schreitet dann kein Staatsanwalt ein, zerrt niemand diese Leute vor Gericht?<\/strong><\/p><p>In unserem Wirtschaftssystem haben gro&szlig;e private Konzerne und Banken das Sagen. Sie sind, wie wir unter anderem an den Massen von Lobbyisten im Bundestag, an eigenen Unternehmert&auml;tigkeiten von bezahlten Politikern und riesigen Beraterfirmen, die Gesetze schreiben, sehen, eng mit dem Polit- und Staatsapparat verbandelt.<\/p><p>Und zu diesem Apparat geh&ouml;rt nun einmal auch die Justiz, die nat&uuml;rlich die Aufgabe hat, das so sch&ouml;n als &bdquo;freiheitlich-demokratische Grundordnung&ldquo; betitelte System zu st&uuml;tzen. Ein kurzfristiger St&uuml;tzpfeiler f&uuml;r den Reichtum derer, die das Sagen haben, ist und war dabei stets der Sozialabbau im eigenen Land. Massenarmut ist also systemimmanent. Ein Staatsanwalt, der hier einschreiten w&uuml;rde, d&uuml;rfte wohl die l&auml;ngste Zeit Staatsanwalt gewesen sein.<\/p><p><strong>Diese &bdquo;Macht der Wenigen &uuml;ber die Vielen&ldquo; ist ja aber so ziemlich das genaue Gegenteil dessen, was man gemeinhin unter Demokratie versteht. W&uuml;rden Sie denn so weit gehen, Rainer Mausfeld zuzustimmen, der argumentiert, der Neoliberalismus sei die Ideologie der Eliten zur finalen &Uuml;berwindung der Demokratie? Oder vielleicht David Harvey, dessen wunderbare &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.rotpunktverlag.ch\/cgi-bin\/germinal_shop.exe\/VOLL?session_id=B64B9F19-C883-4300-87E7-54B158D2E791&amp;titel_nummer=5000343&amp;titel_id=5000343&amp;caller=rotpunkt\">Kleine Geschichte des Neoliberalismus<\/a>&ldquo; folgender Klappentext ziert: &bdquo;L&auml;ngst kritisieren auch bekannte Wirtschaftswissenschaftler wie Joseph Stiglitz, ehemaliger Chef&ouml;konom der Weltbank, die &sbquo;Ausw&uuml;chse&lsquo; des Neoliberalismus und beklagen die wachsende soziale Ungleichheit als dessen unerw&uuml;nschtes Nebenprodukt. Falsch, sagt David Harvey: Weshalb kommt diesen Leuten denn &sbquo;nie der Gedanke, dass die soziale Ungleichheit wom&ouml;glich von Anfang an der Zweck der ganzen &Uuml;bung war&lsquo;? Die neoliberale Wende, so Harvey, wurde in den 70er-Jahren zu dem alleinigen Zweck eingeleitet, die Klassenmacht einer gesellschaftlichen Elite wiederherzustellen, die bef&uuml;rchtete, dass ihre Privilegien nachhaltig beschnitten werden k&ouml;nnten&ldquo;&hellip;<\/strong><\/p><p>Ich gebe Rainer Mausfeld in Vielem Recht. Er beschreibt sehr gut, wie die Propagandamaschine der &#1045;liten funktioniert und wie sie uns alle in die Hamsterr&auml;der ihres Lohnarbeitsmarktes eingefriedet hat. Allerdings w&uuml;rde ich nicht von einem Umbau zur &Uuml;berwindung der Demokratie sprechen.<\/p><p>Denn in einem Wirtschaftssystem, in welchem fast die gesamte Wirtschaft in privater Hand ist, kann es keine wirkliche Demokratie geben, jedenfalls keine solche, in der wirklich die Bev&ouml;lkerung die Macht h&auml;tte. Es ist doch so: Einerseits sind wir alle von der Wirtschaft abh&auml;ngig. Andererseits aber haben jene, denen die Konzerne, die Ackerb&ouml;den, die Immobilien, das Wasser, die &Ouml;lquellen und andere Rohstoffe geh&ouml;ren, die alleinige Entscheidungsmacht &uuml;ber die Verteilung ihrer Produkte. Sie zwingen die Mehrheit, f&uuml;r ihre L&ouml;hne arbeiten zu gehen. Und f&uuml;r diese L&ouml;hne m&uuml;ssen sie dann ihre Waren erwerben. Um uns glauben zu machen, wir k&ouml;nnten mitentscheiden, wird uns das brillante Schauspiel der parlamentarischen Demokratie vorgef&uuml;hrt.<\/p><p>Viele f&uuml;hren hier die Phase der sozialen Marktwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ins Feld. Damals herrschte in der alten BRD nahezu Vollbesch&auml;ftigung. Arbeitnehmerrechte wurden ausgebaut oder &uuml;berhaupt erst eingef&uuml;hrt. Dies wird als Beleg daf&uuml;r gesehen, dass Kapitalismus regulierbar sei.<\/p><p>Ich halte das f&uuml;r Quatsch. Wir m&uuml;ssen fragen: Warum funktionierte diese soziale Marktwirtschaft kaum l&auml;nger als 20 Jahre? Denn schon in den 70ern begann sie zu br&ouml;ckeln, als die Arbeitslosigkeit &uuml;ber die Eine-Million-Marke kletterte (und die ersten Faulheitsdebatten begannen).<\/p><p>Der eine Grund f&uuml;r das kurzfristige Funktionieren dieses Sozialstaats ist: Damals lag ein Gro&szlig;teil der Wirtschaft am Boden. Das Land war vom Krieg zerst&ouml;rt. H&auml;user, Infrastruktur, Betriebe: alles musste aufgebaut werden. Die Wirtschaft konnte nur wachsen und suchte naturgegeben dringend Arbeitskr&auml;fte. Zweitens hatten die Menschen gerade einen grausamen Krieg erlebt. Man musste ihnen Versprechungen machen, damit sie beim Wiederaufbau und Wirtschaftswachstum mitspielten. Drittens musste man sich vom Ostblock abgrenzen. Wie h&auml;tte man die DDR als das &#1042;&ouml;se schlechthin darstellen k&ouml;nnen, wenn die Stra&szlig;en von Obdachlosen und Bettlern bev&ouml;lkert gewesen w&auml;ren? Es musste den Menschen gut gehen, um sie zu Anh&auml;ngern des Kapitalismus zu erziehen. Menschen, denen es gut geht, neigen wenig dazu, ein Wirtschaftssystem zu hinterfragen.<\/p><p>Doch irgendwann war eben alles aufgebaut, der Markt ges&auml;ttigt. Naturgem&auml;&szlig; brachen die Profite ein. Die Unternehmen begannen damit, Arbeitskr&auml;fte zu entlassen. Die wachsende Maschinisierung und Automatisierung sorgte daf&uuml;r, dass die Erwerbslosigkeit noch schneller stieg und mit ihr die Binnenkaufkraft weiter sank. Das hei&szlig;t ja nicht, dass weniger produziert wurde &ndash; im Gegenteil: Das Warenangebot wurde immer reichhaltiger. Nur mussten sich mehr Unternehmer nach anderen M&auml;rkten umsehen. Deutschland produzierte mit immer weniger Arbeitern weiter und entwickelte sich zur gr&ouml;&szlig;ten Exportnation Europas. Von nun an musste man Absatzm&auml;rkte sichern, neue erobern. Doch auch dort werden die Menschen ja nicht reicher. Die Wirtschaft aber muss weiterwachsen. So war es schon damals nur eine Frage der Zeit, wann sich Deutschland aktiv aufgrund eigener Interessen an Kriegen beteiligt.<\/p><p>Kurz gesagt: Die Herrschaft Besitzender &uuml;ber Besitzlose existiert bereits, seit es wirtschaftliches Privateigentum gibt. Und Staaten waren schon immer ein Konstrukt der Eliten, um diese Verh&auml;ltnisse in Recht und Gesetz zu gie&szlig;en, sie in ihrem Sinne den &ouml;konomischen Bedingungen anzupassen. Und hierzu eine kurze Anmerkung: Auch Leiharbeit und prek&auml;re Jobs sind nichts Neues im Kapitalismus. Schon zum Beginn des Industriezeitalters, als gro&szlig;e Produktionsbetriebe entstanden, heuerten privilegierte Vorarbeiter Tagel&ouml;hner quasi als ihre Leiharbeiter an. Eltern verliehen ihre Kinder in reiche Haushalte. Das Normalarbeitsverh&auml;ltnis war eine reine Erscheinung der Nachkriegsjahre.<\/p><p>So geht es immer nur darum, wie die besitzende Klasse die Macht &uuml;ber den Rest aus&uuml;bt. Das k&ouml;nnen b&uuml;rgerliche Parlamente sein, aber eben auch Faschismus. Wenn eine m&auml;chtige Kapitalfraktion meint, mittels dieser Demokratie ihre Pfr&uuml;nde nicht mehr sichern zu k&ouml;nnen, wird sie immer nach einer diktatorischen Durchsetzung streben. Gerade in Krisenzeiten &ndash; dass das System in immer k&uuml;rzeren Abst&auml;nden Kapitalverwertungskrisen produziert, ist sogar neoliberalen &Ouml;konomen bekannt &ndash; droht es uns immer, dass die Eliten ihre Interessen diktatorisch durchzusetzen versuchen. Dass das Interesse seitens des Kapitals vorhanden ist, zeigen die Hartz-Gesetze, aber auch die zunehmende &Uuml;berwachung und Aufr&uuml;stung. Ob es nun im Faschismus enden wird oder nicht, kann ich nicht sagen.<\/p><p>Um es einmal mit einem der reichsten M&auml;nner der Welt, Warren Buffet, zu <a href=\"https:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Warren_Buffett\">sagen<\/a>: &bdquo;Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg f&uuml;hrt, und wir gewinnen.&rdquo; &ndash; Das stimmt absolut, und zwar f&uuml;r jede Phase dieses kapitalistischen Wirtschaftssystems.<\/p><p><strong>Was setzen wir all dem entgegen? Welche Handlungen w&auml;ren seitens der Zivilgesellschaft notwendig? Was raten Sie?<\/strong><\/p><p>Das gr&ouml;&szlig;te Problem ist, und da bin ich ganz bei Rainer Mausfeld: Die meisten Menschen sind sich ihrer abh&auml;ngigen Situation gar nicht bewusst. Zurecht sind inzwischen viele w&uuml;tend &uuml;ber die Politik, aber angesichts der augenscheinlichen &Uuml;bermacht des Systems mit all seinen Hamsterr&auml;dern f&uuml;hlen sie sich oft hilflos. Das macht es nat&uuml;rlich f&uuml;r rechte Gruppen, die schlichte L&ouml;sungen anbieten, einfach, Anh&auml;nger zu finden. Es m&uuml;sste also erst einmal Bewusstsein daf&uuml;r, wer wen beherrscht, wachsen, damit Solidarit&auml;t unter Lohnabh&auml;ngigen &ndash; und damit meine ich Jobbesitzer sowie Erwerbslose gleicherma&szlig;en &ndash; entstehen kann.<\/p><p>Dass alleine die entrechteten und kleingehaltenen Erwerbslosen in der n&auml;chsten Zeit eine schlagkr&auml;ftige Gegenwehr organisieren, glaube ich nicht. Zum einen liegt es daran, dass es auch psychisch etwas mit Menschen macht, wenn sie alles verlieren und dann in einem extrem bevormundenden G&auml;ngelsystem festh&auml;ngen. Da sagt ihnen dann ein zwanzig Jahre j&uuml;ngerer Sachbearbeiter mit gestylter Frisur, dass sie &ndash; umgangssprachlich &ndash; als n&auml;chstes Steine schleppen m&uuml;ssen, um ihre magere Existenzsicherung nicht zu verlieren. Darum haben auch viele Angst, &uuml;berhaupt den Kampf zu wagen.<\/p><p>Die Gegenwehr gibt es dennoch. Aber gek&auml;mpft wird recht vereinzelt, h&ouml;chstens in kleinen Gruppen. Dass sich Menschen auch wehren, zeigen die vielen Widerspr&uuml;che und Klagen, etwa gegen Sanktionsbescheide. Die Sozialgerichte waren noch nie so gut ausgelastet wie jetzt. Und immerhin: Rund 40 Prozent der Kl&auml;ger gewinnen.<\/p><p>Aktuell versuchen es Aktivisten mit einer Verfassungsbeschwerde gegen die neue Reform. Daf&uuml;r haben sie eine Vorlage vorbereitet. Dies ist in Ausnahmef&auml;llen ohne einen Rechtsweg m&ouml;glich &ndash; bei dem man sich jahrelang durch die Instanzen schleppen m&uuml;sste und geringe Chancen hat, &uuml;berhaupt beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe zu landen &ndash; und zwar dann, wenn man unmittelbar durch ein neues Gesetz betroffen ist. Die Frist zum Einreichen dieser Beschwerde betr&auml;gt ein Jahr.<\/p><p>Aktuell haben sich nach meiner Kenntnis mehrere Dutzend Betroffene daran beteiligt. Das Bundesverfassungsgericht versuchte, wie erwartet, die Eingaben zun&auml;chst abzuw&uuml;rgen. Mit einer passenden, vorbereiteten Antwort, gelang es inzwischen mehreren, ein Aktenzeichen zu ergattern. Das hei&szlig;t: Die Beschwerde wird der Richterkammer in Karlsruhe vorgelegt werden. Wie mir Gerichtssprecher Michael Allmendinger erkl&auml;rte, wurde allerdings schon eine ohne jede Begr&uuml;ndung abgewiesen. Das k&ouml;nnen die so einfach &ndash; was ja auch einmal mehr zeigt, dass es nicht so weit her mit einer Demokratie ist.<\/p><p>Deshalb pl&auml;diere ich dringend f&uuml;r mehr Beteiligung. Betroffene sollten mindestens dem obersten Gericht Arbeit verschaffen. M&ouml;glich ist das bis zum 31. Juli 2017. In der Beschwerde werden etliche Verst&ouml;&szlig;e gegen Grundrechte angemahnt, wie die Menschenw&uuml;rde in Verbindung mit dem Sozialstaatsgebot, die Berufsfreiheit, das Verbot der Zwangsarbeit oder das Recht auf k&ouml;rperliche Unversehrtheit. Das ist aber nur ein Punkt, an dem man r&uuml;tteln kann &ndash; und sollte.<\/p><p><strong>Noch ein letztes Wort?<\/strong><\/p><p>Ich denke, wir m&uuml;ssen von den einseitigen Klagen der Betroffenen wegkommen. Noch wird es von vielen, die noch nicht selbst damit Erfahrungen gesammelt haben, f&auml;lschlicherweise als &ldquo;Gejammer auf hohem Niveau&rdquo; wahrgenommen. Besch&auml;ftigte m&uuml;ssen aber begreifen, dass es in ganz gro&szlig;em Ma&szlig;e auch ihnen schadet, dass es gerade als Programm zum Abbau von Arbeitnehmerrechten, zur Prekarisierung des &ldquo;Arbeitsmarktes&rdquo; eingef&uuml;hrt wurde. Ich behaupte sogar, dass die totale Verarmung jener, die im Arbeitsprozess nicht mehr gebraucht werden, als &ldquo;Kollateralschaden&rdquo; in Kauf genommen wurde. Wir m&uuml;ssen verstehen: Mit Hartz IV haben die Eliten das Dauerfeuer auf alle Lohnabh&auml;ngigen und kleinen Selbst&auml;ndigen er&ouml;ffnet &ndash; zugunsten der m&auml;chtigen Profiteure.&nbsp;<\/p><p>Wir brauchen mehr Bildung und viel mehr Widerstand. Wir m&uuml;ssen uns dar&uuml;ber bewusst sein, welcher Klasse wir angeh&ouml;ren. Wir m&uuml;ssen begreifen, dass uns nichts Anderes &uuml;brigbleibt als ein gemeinsames Gegensteuern gegen die neoliberale Doktrin, unter der die meisten von uns auf die eine oder andere Weise leiden. Nur dann k&ouml;nnen wir Solidarit&auml;t entwickeln, sogar mit Menschen, die wir vielleicht privat weniger leiden k&ouml;nnen.<\/p><p>Auch f&uuml;r die Erwerbslosen selbst lohnt sich der Mut. Ich pl&auml;diere seit langem daf&uuml;r, jedem Bescheid zu widersprechen. Und sei es nur, weil er schwer verst&auml;ndlich ist &ndash; was sie alle sind. 90-seitige Bescheide f&uuml;r eine Alleinerziehende mit Kindern und Nebenjob sind ja gang und g&auml;be. Die Angst ist in vielen F&auml;llen unbegr&uuml;ndet, denn in der Regel haben die Jobcentermitarbeiter auch keine Lust auf Stress und lassen &bdquo;Querulanten&ldquo; irgendwann mehr in Ruhe als den Rest.<\/p><p>Und ganz wichtig: Betroffene d&uuml;rfen sich auf keinen Fall gegen Fl&uuml;chtlinge ausspielen lassen. Die sitzen ja im selben Boot wie sie selbst, haben es wegen mangelnder Sprachkenntnisse gar noch schwerer.<\/p><p>Wir hier unten m&uuml;ssen aufh&ouml;ren, uns als Konkurrenten &ndash; so wie es die Eliten gerne h&auml;tten &ndash; wahrzunehmen. F&uuml;r die Arbeitslosigkeit sind weder die Hartz&mdash;IV-Bezieher noch die Fl&uuml;chtlinge verantwortlich. Betroffene &ndash; seien es Erwerbslose oder Niedrigl&ouml;hner, sollten vielmehr in jedem Mitbetroffenen einen potenziellen Kampfgef&auml;hrten sehen.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Susan Bonath<\/strong>, geboren in der DDR, arbeitet seit 12 Jahren als freie Journalistin und berichtet seit 2010 f&uuml;r die junge Welt. Arbeitsschwerpunkte unter anderem &ldquo;Arbeit und Soziales&ldquo;. Seit 2015 schreibt Sie auch f&uuml;r KenFM. Sie lebt in Sachsen-Anhalt.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\"><strong>eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/strong><\/a> &uuml;ber neue Texte bestellen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/276800915e4148f3b420e77af71b562a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hartz IV sei Armut per Gesetz, sagen manche. Das stimmt, aber es ist noch viel mehr. Es ist auch ein Lohnsenkungs- und Sozialstandardsabbau-Programm. Ein Angriff auf das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes. Ein Entrechtungs- und Verelendungsregime. 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