{"id":357,"date":"2004-09-06T12:12:42","date_gmt":"2004-09-06T11:12:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=357"},"modified":"2016-03-26T15:38:08","modified_gmt":"2016-03-26T14:38:08","slug":"papagei-papageien-erst-sagt-es-der-experte-dann-ubernehmen-es-die-politiker-dann-plappern-es-alle-nach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=357","title":{"rendered":"Papagei-Papageien \u2013 Erst sagt es der Experte, dann \u00fcbernehmen es die Politiker, dann plappern es alle nach"},"content":{"rendered":"<p>Ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie vor allem die Wirtschaftsjournalisten v&ouml;llig unbeeindruckt von Tatsachen und ohne R&uuml;cksicht auf die Logik ihrer Argumente gebetsm&uuml;hlenhaft die st&auml;ndig wiederholten Parolen nachplappern findet sich im K&ouml;lner Stadt-Anzeiger vom 3. September. Der &bdquo;Kommentar&ldquo; von G&uuml;nther M. Wiedemann ist ein Beispiel unter zahllosen anderen f&uuml;r den Niedergang des kritischen Sachverstands in der ver&ouml;ffentlichten Meinung und f&uuml;r die Selbstimmunisierung der g&auml;ngigen Sachzwangrhetorik: &bdquo;Ist die Medizin auch sch&auml;dlich, so erh&ouml;hen wir halt die Dosis&ldquo;.<br>\n<!--more--><br>\nWir sagen auf den &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo; immer wieder, dass unsere Medien ihrer kritische W&auml;chterrolle gegen&uuml;ber der Politik nur noch unzul&auml;nglich nachkommen. Wir beklagen, dass viele Journalisten kritiklos nachplappern, was die Wirtschaftsverb&auml;nde, die Berater und ihnen folgend die Politiker vorsagen.<br>\nWir &auml;rgern uns dar&uuml;ber, dass die g&auml;ngigen Glaubenss&auml;tze nachgebetet werden, ohne die Aussagen auf ihre Wirksamkeit oder wenigstens auf ihre gedankliche Konsistenz zu &uuml;berpr&uuml;fen. Es ist als ob Papageien anderen Papageien nachkr&auml;hen.<br>\nEin Beispiel unter zahllosen anderen findet sich in einem Kommentar von G&uuml;nter M. Wiedemann im K&ouml;lner Stadt-Anzeiger vom Freitag, den 3. September.<br>\nDamit unsere Leser unsere allgemeine Kritik am Versagen der Medien an einem konkreten Beispiel nachvollziehen k&ouml;nnen, m&ouml;chten wir uns mit diesem Kommentar eines &bdquo;Papagei-Papageien&ldquo; (Tucholsky) einmal etwas detaillierter auseinandersetzen: <\/p><p>An dem besagten Freitag wird im K&ouml;lner Stadt-Anzeiger dar&uuml;ber berichtet, dass (obwohl schon 2003 1,3 Millionen Erwerbslose aus der Statistik gefallen sind) die &bdquo;Arbeitslosigkeit auf h&ouml;chstem August-Stand seit 1997&ldquo; angestiegen ist. Am selben Tag konnte man die &ndash; f&uuml;r die Konjunkturlage fast nach dramatischere &ndash; Nachricht lesen, dass die Zahl der Erwerbst&auml;tigen insgesamt um 0,3% zur&uuml;ckgegangen ist und dass die Lehrstellenl&uuml;cke &ndash; trotz des &bdquo;Ausbildungspaktes&ldquo; &ndash; mit 131 800 fehlenden Pl&auml;tzen um 18 700 gr&ouml;&szlig;er ist als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr.<br>\nAuf der selben Seite, auf der die h&ouml;here &bdquo;Flexibilit&auml;t&ldquo; der Arbeitslosen ger&uuml;hmt wird, untertariflich bezahlte Besch&auml;ftigung anzunehmen, findet man die Meldung, dass die j&auml;hrlichen Vorstandsgeh&auml;lter der 30 Dax-Unternehmen von 1,4 Millionen Euro im vergangenen Jahr um durchschnittlich 11 Prozent angestiegen sind. <\/p><p>An einem solchen Tag voller Meldungen &uuml;ber Misserfolge der herrschenden Agenda-Politik und voller Best&auml;tigungen der These, dass mit dieser Politik die Armen &auml;rmer und die Reichen reicher werden, schreibt der Wirtschafts-&bdquo;Fachmann&ldquo; des K&ouml;lner-Stadt-Anzeigers G&uuml;nther M. Wiedemann folgenden Kommentar: <\/p><blockquote><p>Wunsch und Wirklichkeit<\/p>\n<p>Die Kerndaten des Arbeitsmarktes f&uuml;r den Monat August bieten das bekannte trostlose Bild. Noch immer sind die Konjunkturimpulse zu schwach, als dass Arbeitslose wieder nennenswerte Chancen bek&auml;men&hellip;&ldquo; <\/p><\/blockquote><p>Logischerweise w&uuml;rde man jetzt erwarten, dass &Uuml;berlegungen angestellt w&uuml;rden, wie durch eine vern&uuml;nftige Wirtschaftspolitik die Konjunktur wieder oder besser in Gang gebracht werden k&ouml;nnte. Aber nein, da st&ouml;&szlig;t unser Autor offenbar an ein inzwischen allgemein verbreitetes Tabu. Er springt gedanklich um und schreibt: <\/p><blockquote><p>Und dennoch gibt es Hoffnungsschimmer. Obwohl die mit &bdquo;Hartz IV&ldquo; verbunden Reformen noch gar nicht in Kraft sind, zeigen sie Wirkung: Es w&auml;chst die Bereitschaft von Arbeitslosen, bislang abgelehnte Jobs anzunehmen, weil die alte Arbeitslosenhilfe wegfallen wird. Offenbar erkennen immer mehr, dass es besser ist, selbst eine Arbeit auszuw&auml;hlen, als sp&auml;ter wom&ouml;glich zu einem &bdquo;Ein-Euro-Job&ldquo; gezwungen zu werden. Eine erfreuliche Tendenz, die mehr Bewegung am Arbeitsmarkt bringt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Also nicht eine aktive Konjunkturpolitik, damit &bdquo;Arbeitslosen wieder eine nennenswerte Chance bek&auml;men&ldquo;, sondern untertariflich bezahlte und unterwertige Arbeit durch die Drohung auf Verlust der Arbeitslosenhilfe oder der &bdquo;Zwang&ldquo; zu &bdquo;Ein-Euro-Jobs&ldquo; sind der &bdquo;Hoffnungsschimmer&ldquo;.<br>\nWie soll aber mit Billigjobs die lahmende Nachfrage gesteigert und damit die Konjunktur in Gang kommen die wieder Arbeit nachfragen lie&szlig;e?<br>\nSeit 1. Januar 2003 haben wir doch Hartz I und II. Seit eindreiviertel Jahren haben wir doch Ich-AGs, Bildungsgutscheine, Personal-Service-Agenturen, Mini-Jobs &ndash; und dennoch haben wir mehr Arbeitslose.<br>\nKann man also den &bdquo;Hoffnungsschimmer&ldquo; wirklich nur in noch mehr Ich-AGs oder Min-Jobs sehen?<br>\nIn einem Punkt hat der Autor allerdings auf makabre Weise Recht: Der Arbeitsmarkt kommt schon in &bdquo;Bewegung&ldquo;. Aber was soll mit Billig- Niedriglohn- oder &bdquo;Ein-Euro-Jobs&ldquo; anderes in Gang kommen als ein allgemeines Lohndumping, in dem tariflich abgesicherte normale Arbeitsverh&auml;ltnisse in Niedriglohnverh&auml;ltnisse umgewandelt werden.<br>\nAm Schluss seines Beitrags d&auml;mmert es dem Autor dann doch wieder, wenn er gesteht, dass mit Billig-Jobs wohl kaum neue Arbeitspl&auml;tze geschaffen werden: <\/p><blockquote><p>Das allein ist aber nicht ausreichend. Es bedarf auch neuer Jobs, die dann kommen, wenn die Lohnzusatzkosten sinken. Die bisherigen Trippelschritte gen&uuml;gen nicht.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Ist unserem Wirtschafts-Journalisten eigentlich v&ouml;llig entgangen, dass er mit seiner Bef&uuml;rwortung der Billig-Jobs gerade der Erh&ouml;hung der Lohnnebenkosten das Wort redet? Denn die Billig- oder Mini-Jobber zahlen weder Steuern noch Sozialversicherungsbeitr&auml;ge, sie m&uuml;ssen deshalb von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern in einem tariflich bezahlten Job mitgetragen werden. Wie sollen also mit mehr Billig-Jobs die Lohn&ldquo;zusatz&ldquo;kosten sinken? <\/p><p>Aber solche Wirkungszusammenh&auml;nge &uuml;bersieht unser &bdquo;Wirtschafts&ldquo;-Journalist geflissentlich, er macht einmal mehr einen Gedankensprung und greift ohne weitere Begr&uuml;ndung die g&auml;ngige Behauptung auf, dass unsere Arbeitslosigkeit darauf zur&uuml;ck zu f&uuml;hren sei, dass die Lohnnebenkosten zu hoch seien. <\/p><p>Dabei wird ausgeblendet, dass Lohn- und Lohnnebenkosten allenfalls ein Faktor unter vielen anderen daf&uuml;r sind, ob Unternehmen ihre Produktion ausweiten oder investieren. Wichtiger oder jedenfalls mindestens so wichtig f&uuml;r die Entscheidungen in den Unternehmen sind etwa die Umsatz- und Absatzerwartungen, die Gewinne, die Zinsentwicklung, die Qualit&auml;t und die Effizienz der Arbeit, die Steuerbelastungen, der &Ouml;lpreis oder der Dollarkurs usw. <\/p><p>Weil seit Jahrzehnten st&auml;ndig behauptet wir, die Lohn- und die Lohnnebenkosten seien zu hoch, wird daraus immer noch kein ausschlaggebender Faktor zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit.<br>\nEinmal davon abgesehen, dass die Lohnkosten in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gesunken und die Arbeitslosigkeit dennoch dramatisch gestiegen ist, m&uuml;sste man sich doch vor Augen halten, dass der Lohnkostenanteil 2001 beim verarbeitenden Gewerbe bei 21 Prozent lag.<br>\nDie Lohn- und Lohnnebenkosten machen etwa beim neuen DaimlerChrysler-Werk in Th&uuml;ringen gerade noch 6 &ndash; 8 Prozent des Gesamtaufwandes aus. Bei der Volkswagen AG bel&auml;uft sich der Personalaufwand auf insgesamt 17 Prozent der Gesamtaufwendungen des Konzerns; L&ouml;hne und Geh&auml;lter machen dabei 14 Prozent und die Lohnnebenkosten gerade mal 3 Prozent.<br>\nSelbst wenn also den Arbeitgebern durch die Gesundheits-, die Rentenreform oder durch die Reformen des Arbeitsmarktes &ndash; wie man heute besch&ouml;nigend sagen soll &ndash; einige Prozentpunkte an den Lohnnebenkosten einsparen k&ouml;nnen, so macht das am gesamten Produktionsaufwand allenfalls Bruchteile von Prozentpunkten aus.<br>\nUnd mit solch minimalen Einsparungen sollen also Millionen von neuen Arbeitspl&auml;tzen geschaffen werden? <\/p><p>Solche Fragen stellen sich f&uuml;r den Autor aber erst gar nicht mehr: Er endet schlicht mit einer weiteren g&auml;ngigen Parole: <\/p><blockquote><p>Die bisherigen Trippelschritte gen&uuml;gen nicht.&ldquo; <\/p><\/blockquote><p>Will sagen: Man muss in noch viel gr&ouml;&szlig;eren Schritten die Arbeitgeberanteile an den sozialen Sicherungssystemen &ndash; und nichts anderes sind die Lohnnebenkosten &ndash; auf die Nettoeinkommen der Arbeitnehmer verlagern &ndash; sprich deren Nettoeinkommen schm&auml;lern &ndash; dann endlich wird es Arbeitspl&auml;tze vom Himmel regnen.<br>\nEs ist das g&auml;ngige, inzwischen zwanzig Jahre erfolglos propagierte Rezept: Ist die Medizin auch sch&auml;dlich, so erh&ouml;hen wir halt die Dosis. <\/p><p>&Uuml;brigens: Zu der Begeisterung &uuml;ber die Niedrigl&ouml;hnen passt denn auch die Nachricht &uuml;ber die ma&szlig;lose Steigerung der Managergeh&auml;ltern: Wenn man die ohnehin schon kleinen Kuchenst&uuml;ckchen der Lohnempf&auml;nger eben noch kleiner macht, k&ouml;nnen sich die Gewinn-Einkommensbezieher und deren Manager ein gr&ouml;&szlig;eres St&uuml;ck aus dem Kuchen herausschneiden. Aber auch das geh&ouml;rt ja inzwischen auch zu den &uuml;blich gewordenen Denktabus. <\/p><p>Quellenhinweis: Die hier angef&uuml;hrten Zahlen sind dem neuen Buch von Albrecht M&uuml;ller, Die Reforml&uuml;ge, 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren, entnommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie vor allem die Wirtschaftsjournalisten v&ouml;llig unbeeindruckt von Tatsachen und ohne R&uuml;cksicht auf die Logik ihrer Argumente gebetsm&uuml;hlenhaft die st&auml;ndig wiederholten Parolen nachplappern findet sich im K&ouml;lner Stadt-Anzeiger vom 3. September. Der &bdquo;Kommentar&ldquo; von G&uuml;nther M. Wiedemann ist ein Beispiel unter zahllosen anderen f&uuml;r den Niedergang des kritischen Sachverstands in der ver&ouml;ffentlichten<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=357\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,140,183],"tags":[1737,375,288,312,479,244],"class_list":["post-357","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-medienkritik","tag-ein-euro-jobs","tag-ksta","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik","tag-reservearmee","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/357","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=357"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/357\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32522,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/357\/revisions\/32522"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=357"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=357"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=357"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}