{"id":3574,"date":"2008-11-07T13:45:05","date_gmt":"2008-11-07T12:45:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3574"},"modified":"2015-11-08T11:29:55","modified_gmt":"2015-11-08T10:29:55","slug":"dass-meinungsmache-so-total-moeglich-ist-erstaunt-selbst-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3574","title":{"rendered":"Dass Meinungsmache so total m\u00f6glich ist, erstaunt selbst uns."},"content":{"rendered":"<p>Zum Verst&auml;ndnis der Irritation eine kleine Geschichte: Mir hilft gelegentlich ein aufgeweckter und begabter Abiturient beim Umgang mit dem Laptop. Am Tag, als die vier ehrenwerten Hessen bekannt gaben, sie k&ouml;nnten Andrea Ypsilanti nicht w&auml;hlen, kommentierte er st&ouml;hnend: &bdquo;Endlich ist die weg&ldquo;. Ich war erstaunt. Aber das war keine vereinzelte Reaktion. &Auml;hnlich kommentierten dem Sinne nach eine Reihe von Lesern der NachDenkSeiten. Sie verstanden und verstehen unsere kritische Kommentierung des Vorganges und unsere gro&szlig;e Sympathie f&uuml;r den Versuch von Frau Ypsilanti nicht. Das Urteil &bdquo;Wortbruch&ldquo; und die Vorw&uuml;rfe &bdquo;machtgeil&ldquo; und &bdquo;dilettantisch&ldquo; sind offensichtlich fest verankert und zwar in einem Kreis, der wie im Falle meines Helfers weit &uuml;ber den Bereich des eher konservativen und neoliberalen Teils unserer Gesellschaft hinausgeht. &ndash; Es gibt auch andere Stimmen &ndash; Menschen, die wie wir das Scheitern Andrea Ypsilantis als Ergebnis nicht ihrer Fehler sondern einer massiven Kampagne der Meinungsmache und der politischen Einflussnahme sehen. Einer aus dieser Gruppe, Wolfgang Fladung, hat den Umgang mit Ypsilanti mit dem Umgang mit Obama verglichen. Siehe Anlage.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zun&auml;chst noch zur Sache:<\/strong><br>\nEs war ein Fehler, sich vor der Wahl im Januar gegen eine Zusammenarbeit mit der Linken festzulegen. Das ist der Fehler, den die SPD insgesamt macht und der ihr die Option zur politischen F&uuml;hrung endg&uuml;ltig verbaut, auch 2009 nach der Bundestagswahl. Andrea Ypsilanti stand offensichtlich unter gro&szlig;em Druck, diese Linie auch f&uuml;r Hessen zu &uuml;bernehmen. &ndash; Diese Erkl&auml;rung &auml;ndert allerdings nichts an der Tatsache, dass ihre Entscheidung falsch war. Dass sie dann angesichts der quasi unl&ouml;sbaren Konstellation nach der Landtagswahl versuchte, eine L&ouml;sung auch unter Inkaufnahme des Bruchs ihrer Festlegung zu finden, ist nicht zu kritisieren. Das w&auml;re eigentlich sogar &ouml;ffentlich zu loben. So ist es in Hamburg geschehen, wo man sich zur nicht vorgesehenen und auch vorher von Seiten der Gr&uuml;nen jedenfalls abgelehnten schwarz-gr&uuml;nen Koalition vereinigte. Und so weiter.<\/p><p>Wir haben nach der Landtagswahl im Januar viel dazu geschrieben, analysiert und kommentiert. Wir haben auch die damals begonnenen massiven Kampagnen gegen jeden Versuch, in Hessen eine L&ouml;sung ohne Koch zu finden, beschrieben und immer wieder dokumentiert. Wir haben gezeigt, wie zum Beispiel die Bild-Zeitung und SpiegelOnline in gleicher Weise gegen den Versuch von Andrea Ypsilanti angingen und welche Hatz da stattfand. Auch Kurt Beck wurde das Opfer dieser Kampagne, als er versuchte, der SPD wieder eine F&uuml;hrungsoption zu &ouml;ffnen. Auch das haben wir im einzelnen dokumentiert.<\/p><p>Scrollen Sie, wenn Sie dieses Thema interessiert, einfach ab Ende Januar 2008 durch die NachDenkSeiten oder geben sie in der Suchfunktion das Stichwort Ypsilanti ein.<br>\nDass der &bdquo;Wortbruch&ldquo; zu dem beherrschenden und von einer &uuml;berwiegenden Mehrheit zutiefst ernst genommenen Vorwurf werden konnte, ist bemerkenswert.<br>\n&Auml;hnliches gilt noch mehr f&uuml;r die beiden anderen Vorw&uuml;rfe:<\/p><p>Andrea Ypsilanti sei &bdquo;machtgeil&ldquo;. Dass sie den Wechsel in Hessen wollte, war von Anfang an klar. Jeder Spitzenkandidat will eine Wahl gewinnen und dann auch das Ergebnis umsetzen, wenn es irgendeine M&ouml;glichkeit dazu gibt. Vor allem auch dann, wenn es nahezu keine Alternative gibt. Andrea Ypsilanti hat man also in einer breiten &Ouml;ffentlichkeit etwas &uuml;bel genommen, was man bei anderen Politikern als selbstverst&auml;ndlich und ehrenwert hinnimmt.<\/p><p>&Auml;hnlich erstaunlich ist die weite Verbreitung des Vorwurfs, sie sei &bdquo;dilettantisch&ldquo; vorgegangen, sie habe &bdquo;gepatzt&ldquo;. Ich habe mir bei Auftauchen dieser Vorw&uuml;rfe den Kopf zerbrochen, an was man diesen Vorwurf festmachen k&ouml;nnte. Ich habe auch genau hingeschaut und nach Belegen gesucht. Ich fand keine einigerma&szlig;en schl&uuml;ssigen Belege. Im Gegenteil. Die hessische Landesvorsitzende hat sich unglaubliche M&uuml;he gemacht, ihre Entscheidung breit abzusichern. Sie ist auf Regionalkonferenzen im Land herumgereist. Sie hat Probeabstimmungen veranlasst. Was war daran &bdquo;gepatzt&ldquo;? Sicher findet man, wenn man lange sucht, irgendwelche Fehler. Aber solches gab es auch bei Schmidt und Brandt und Wehner und Kohl. Was dazu jetzt bei Ypsilanti stattgefunden hat, ist jedenfalls bemerkenswert.<\/p><p><strong>Was k&ouml;nnten die Ursachen dieser weiten Verbreitung der Verurteilung Ypsilantis gewesen sein? Wie ist es m&ouml;glich, die Gehirne einer so gro&szlig;en Mehrheit einheitlich zu pr&auml;gen?<\/strong><\/p><ol>\n<li>Die Kampagne gegen Ypsilanti war und ist von einem breiten B&uuml;ndnis von Wirtschaft, Politik und Medien getragen. Vermutlich wurden im konkreten Fall auch effiziente Public Relations-Agenturen eingesetzt. Damit wurde eine tausendfache Wiederholung der gleichen Botschaften erreicht. Dies ist in vielen F&auml;llen schon alleine so erdr&uuml;ckend, dass viele Menschen dem erliegen.<\/li>\n<li>Hinzu kommt im konkreten Fall, dass die Botschaften gegen Andrea Ypsilanti von sehr verschiedenen Ecken ausgesandt wurden. Das erh&ouml;ht die Glaubw&uuml;rdigkeit auch von unwahren Behauptungen so sehr, dass die L&uuml;ge zur Wahrheit werden kann. Aus den Reihen der Bundes-SPD wurde &uuml;ber Dilettantismus und Patzer geklagt. Der Vorwurf Wortbruch wurde von vielen Sozialdemokraten und Gr&uuml;nen weiter getragen. Wenn die Impulse aus diesen Ecken sich mit der Kampagne der Union und der Wirtschaft vereinigen, dann ist ihre Glaubw&uuml;rdigkeit sehr hoch. Man kann dann niemandem ver&uuml;beln, dass er oder sie die Vorw&uuml;rfe glaubt und f&uuml;r wichtig h&auml;lt.<\/li>\n<li>Im konkreten Fall spielte eine Rolle, dass Ypsilanti eine Frau ist und dass sie aus einer Arbeiterfamilie kommt und &ndash; was wichtig ist &ndash; ihre Herkunft nicht verleugnet, sich also nicht angepasst hat. Die mittel- und oberschichtgepr&auml;gte Welt der Chefredakteure nimmt einem Gerhard Schr&ouml;der nicht &uuml;bel, wo er herkommt, weil man sich bei ihm &ndash; fr&uuml;h erkennbar &ndash; auf die Anpassung verlassen konnte. Bei Frau Ypsilanti war das anders. Sie wurde in diese Kreise nicht aufgenommen.<\/li>\n<li>Dass Andrea Ypsilanti so anders behandelt wurde und wird als Obama, hat mit Verschiedenem zu tun: Koch war nicht ganz so verhasst wie Busch und damit abstrahlend auf McCaine, Koch verschwand zeitweise im Gesamtgebilde der Union. Diese wollten die deutschen Medien mehrheitlich nicht schw&auml;chen. In den USA gab es eine &auml;hnliche R&uuml;cksicht auf die Republikaner nicht. Der Wunsch nach Wandel\/Change war also in den USA und Hessen in ein verschiedenes Umfeld eingebettet. &ndash; Dass die deutschen Medien so sehr und vor allem in den letzten Tagen von Obama schw&auml;rmten, hat zum einen etwas mit dem alten Bandwaggon-, dem Mitzieh-Effekt zu tun, zum anderen damit, dass vor allem der konservative Teil der deutschen Medien, das ist die Mehrheit, das Feiern des Sieges von Obama nutzen konnte und nutzen kann, um den von Bush bewirkten Imageverlust der USA auf einen Schlag wettzumachen. Ohne in der Politik viel ge&auml;ndert zu haben, bekamen die USA &uuml;ber Nacht ein neues Image. Diesen Effekt einkalkulierend haben sich viele der US-ge- und bestimmten Medien in Deutschland auf die Werbung f&uuml;r diesen neuen Pr&auml;sidenten eingelassen &ndash; unabh&auml;ngig von der Tatsache, dass man seine inhaltlichen Positionen mehrheitlich nicht mittr&auml;gt. Davon kann man sich auch sp&auml;ter noch distanzieren.<\/li>\n<\/ol><p>Meine Antworten sind Versuche zur Erkl&auml;rung. Vielleicht gibt es Studenten der Kommunikationswissenschaft und der Politologie, die sich bei ihrer Promotion diesem Thema zuwenden. Vielleicht gibt es unter dem Eindruck des Wandels in den USA sogar Professoren, die sich der erfolgreichen Indoktrination im Falle Ypsilanti zuwenden. Material gibt es genug &ndash; allein auf den NachDenkSeiten schon sehr viel.<\/p><p>Die erlebte weitgehende Gleichschaltung ist f&uuml;r das Projekt www.NachDenkSeiten.de wie f&uuml;r alle am Aufbau einer Gegen&ouml;ffentlichkeit Beteiligten ern&uuml;chternd. Aber aufgeben werden wir deshalb nicht. Im Gegenteil.<\/p><p><em>Auch Analysen wie die folgende ermuntern uns dazu.<\/em><\/p><p><strong>Anlage:<\/strong><\/p><p><strong>Obama &amp; Ypsilanti<br>\nDazu Wolfgang Fladung am 6.11. an NDS:<\/strong><\/p><p>die Kommentare rund um die beiden Ereignisse &ndash; die &ldquo;Abwahl&rdquo; von Frau Ypsilanti und die Wahl von Herrn Obama &ndash; haben mir doch stark zu denken gegeben, und starken Brechreiz verursacht. Dort der zum neuen Heilsbringer und Heiland hochgejubelte &ldquo;schwarze Kennedy&rdquo; Obama und hier die st&uuml;mperhafte und dilettierende Ypsilanti, die dank vier heldenhafter und aufrechter Demokraten daran gehindert wurde, Hessen durch &ouml;kosozialistische Experimente zugrunde zu richten. <\/p><p>Obamas Heiligenschein konnte nat&uuml;rlich nur so gro&szlig; werden, weil er gegen&uuml;ber dem B&ouml;sewicht und Versager Bush sich so gl&auml;nzend abheben konnte. Ich r&auml;ume ihm durchaus ein, das er nicht nur ein Dampfplauderer ist, sondern versuchen will, trotz aller Widrigkeiten und vor allem mitten in eine Rezession hinein die USA wieder auf einen anderen Kurs zu bringen. Kann nat&uuml;rlich sein, da&szlig; das Leck auf der Titanic USA unter der Wasserlinie schon zu gro&szlig; ist, um noch geschlossen zu werden. Aber einen Bonus hat er bei mir. Jetzt will er also die Steuern f&uuml;r Reiche erh&ouml;hen, alternative Energien f&ouml;rdern, endlich zur&uuml;ck zum Multilateralismus und damit auch  zur&uuml;ck in die Weltgemeinschaft der K&auml;mpfer gegen den Klimawandel. Er will das Wall-Street-Kasino und seine internationalen Ableger an die Kandare nehmen und daf&uuml;r sorgen, da&szlig; 50 Millionen Amerikaner eine staatliche Krankenversicherung erhalten. F&uuml;r Bildung und f&uuml;r die marode Infrastruktur sollen wieder mehr Mittel flie&szlig;en. F&uuml;r all diese Vorhaben wird er gelobt, gefeiert, als neuer Superstar &ndash; bei uns bis tief in die Parteien CDU und FDP hinein. <\/p><p>Und Ypsilanti? Auch sie wollte mit Hilfe des &ldquo;&Ouml;ko-Fundis&rdquo; Scheer (U. Vork&ouml;tter in der FR) eine dezentrale Energieversorgung mit erneuerbaren Energien schaffen, mehr Geld f&uuml;r soziale Projekte und f&uuml;r Bildung ausgeben, und, wie auch Obama, schlechtem Geld nicht weiterhin gutes hinterher werfen. Aber der &ldquo;Change&rdquo; des Obama durfte auf keinen Fall auf Ypsilanti &uuml;bertragen werden. Es mu&szlig;te hei&szlig;en: &ldquo;She shouldn&rsquo;t, and therefore she couldn&rsquo;t&rdquo;. Zweierlei Ma&szlig;, was Schwarz-Gr&uuml;n in Hamburg durfte, darf  Andrea noch lange nicht. <\/p><p>Im Gegenteil; f&uuml;r all das, f&uuml;r was Obama gelobt und gefeiert wird, wird sie verbal geteert und gefedert, durch den Schlamm taktischer und strategischer Fehler gezogen und wegen ihrer angeblichem pers&ouml;nlichem Machtwahn &amp; nat&uuml;rlich hoher Ignoranz geschuldeten Verblendung gepr&uuml;gelt. All dies wird mit irgendwelchen Umfrage-Ergebnissen, bei denen sich angeblich mehr als 2\/3 der Hessen gegen ihre Pl&auml;ne ausgesprochen haben, unterf&uuml;ttert. Seltsam nur, das in der angeblich Ypsilanti-feindlichen FR immer wieder Umfrageergebnisse auftauchten, die eine andere Sprache sprachen. Seltsam auch, da&szlig; die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, auch eine andere Meinung hatten und bei der Hessen-Wahl sie als Hoffnungs-Tr&auml;gerin angesehen haben, und die vorher bestrittene Tolerierung durch die Linkspartei als verzeihlichen Fehler ansehen, da notwendig, um auch in Hessen endlich umzusteuern.. Aber vielleicht kenne ich ja die falschen Leute? <\/p><p>Mich w&uuml;rde sehr stark interessieren, ob bei Ihnen auch diese Verbindung der Ereignisse &ndash; und deren kommentierte Widerspr&uuml;chlichkeit &ndash; gesehen wird.<br>\nMit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nWolfgang Fladung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Verst&auml;ndnis der Irritation eine kleine Geschichte: Mir hilft gelegentlich ein aufgeweckter und begabter Abiturient beim Umgang mit dem Laptop. Am Tag, als die vier ehrenwerten Hessen bekannt gaben, sie k&ouml;nnten Andrea Ypsilanti nicht w&auml;hlen, kommentierte er st&ouml;hnend: &bdquo;Endlich ist die weg&ldquo;. Ich war erstaunt. 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