{"id":35780,"date":"2016-11-11T09:47:21","date_gmt":"2016-11-11T08:47:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35780"},"modified":"2022-11-16T10:04:14","modified_gmt":"2022-11-16T09:04:14","slug":"die-rentengehirnwaesche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35780","title":{"rendered":"Die Rentengehirnw\u00e4sche"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160208_balodis.jpg\" alt=\"Holger Balodis\" title=\"Holger Balodis\"><\/div><p>Die gewollte Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung und die damit verbundenen Kampagnen sind seit jeher eines der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=39\">Kernthemen<\/a> der NachDenkSeiten. In wohl kaum einen anderen Bereich gibt es in der &ouml;ffentlichen Debatten so viele Lobbyisten, die sich &bdquo;Rentenexperten&ldquo; nennen und am Ende des Tages doch nur die Einflussarbeit f&uuml;r die Finanzwirtschaft erledigen, die an der privaten Altersvorsorge f&uuml;rstlich verdient. Eine r&uuml;hmliche Ausnahme stellt da der Versicherungsexperte <strong>Holger Balodis<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35780#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] dar, mit dem <strong>Jens Wernicke<\/strong> f&uuml;r die NachDenkSeiten gesprochen hat.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6371\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-35780-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161111_Die_Rentengehirnwaesche_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161111_Die_Rentengehirnwaesche_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161111_Die_Rentengehirnwaesche_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161111_Die_Rentengehirnwaesche_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=35780-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161111_Die_Rentengehirnwaesche_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"161111_Die_Rentengehirnwaesche_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Balodis, in Zeiten, in denen eine immer gr&ouml;&szlig;ere Verarmung und Verelendung breiter Bev&ouml;lkerungsteile zu beobachten sind, bet&auml;tigen sich viele Medien als Sprachrohr der Oberen und vernebeln den B&uuml;rgern den Verstand. So hat etwa die Debatte &uuml;ber Armut immer skurrilere Z&uuml;ge angenommen, seitdem man nicht mehr &uuml;ber sozio&ouml;konomische Ausgrenzung spricht, sondern von &bdquo;gef&uuml;hlter Armut&ldquo; &ndash; so, als litten die Armen an einer Art &bdquo;kollektivem Wahn&ldquo;, den es nur zu therapieren gelte. Und auch die Debatte zur steigenden Altersarmut verl&auml;uft immer fragw&uuml;rdiger. Etwa, indem man uns beizubringen versucht, Altersarmut sei nur &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article158551719\/Die-Rente-ist-momentan-wieder-sicher.html\">ein Mythos<\/a>&ldquo; und jeder k&ouml;nne ja ohnehin &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/flexi-rente-103.html\">l&auml;nger arbeiten<\/a>&ldquo;. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen? In welcher Situation befinden wir uns?<\/strong><\/p><p>Wir stecken in der Renten- und Armutsdebatte mittendrin in einem Kampf um Worte. Altersarmut, die bereits jetzt ein riesiges Problem darstellt und nachweisbar weiterw&auml;chst, wird neuerdings schlicht wegdefiniert. Und was es demnach nicht gibt, muss man ja auch nicht bek&auml;mpfen. Damit wurde und wird massiv Einfluss genommen auf die Rentenpolitik der Bundesregierung.<\/p><p><strong>Wer genau &uuml;bt hier welchen Einfluss aus?<\/strong><\/p><p>Dahinter stehen dieselben Kreise, die bereits die Renten-Kehrtwende unter Schr&ouml;der und Riester vorbereitet hatten. Besonders tut sich da die sogenannte <em>Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft<\/em>, kurz INSM, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35597\">hervor<\/a>. Aber auch das Institut der deutschen Wirtschaft. Da tauchen immer wieder Prognos-Gutachten auf, unter anderem finanziert vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft oder der INSM. Dazu Stellungnahmen und Gutachten des wissenschaftlichen Beirates im Bundeswirtschaftsministerium, und alle behaupten im Kern: Altersarmut g&auml;be es nur im Einzelfall. Als Massenph&auml;nomen existiere es nicht. Den Rentnern gehe es gut und selbst bei sinkendem Rentenniveau werde es ihnen in 20 oder 30 Jahren noch viel bessergehen als heute.<\/p><p><strong>Das klingt nach etwas, das der franz&ouml;sische Soziologe Pierre Bourdieu einmal als rationale Demagogie bezeichnet hat &ndash; mit den Mitteln der Wissenschaft Macht aus&uuml;ben und manipulieren. Warum tun diese Kreise das? Worum geht es Ihnen?<\/strong><\/p><p>Nun, diese Institutionen betreiben Interessenpolitik. Sie vertreten die Interessen gro&szlig;er Wirtschaftszweige und der Arbeitgeberverb&auml;nde &ndash; und deren generelles Ziel ist es, dass die Steuern und Sozialabgaben niedrig bleiben. Und man darf auch nicht vergessen, dass beispielsweise die Finanzwirtschaft an der Schw&auml;chung der gesetzlichen Rente pr&auml;chtig verdient. Es ist also aus deren Sicht sehr sinnvoll, mit pseudowissenschaftlichen Beitr&auml;gen vermeintlich &bdquo;objektiv&ldquo; zu beweisen, dass es keine verbreitete Altersarmut gibt. Sonst best&uuml;nde die Gefahr, dass die Politik wom&ouml;glich die Demontage der gesetzlichen Rente doch noch korrigiert. Und wenn daraufhin die Arbeitgeberbeitr&auml;ge f&uuml;r die Rente stiegen, eine Erwerbst&auml;tigenversicherung eingef&uuml;hrt w&uuml;rde und klar w&uuml;rde, dass mehr Steuermittel f&uuml;r die gesetzliche Rente ben&ouml;tigt werden, w&auml;re das f&uuml;r interessierte Kreise nat&uuml;rlich sehr &auml;rgerlich.<\/p><p>Technisch l&auml;uft die Verschleierung der Altersarmut folgenderma&szlig;en ab: Den Berechnungen liegen in der Regel keine Menschen mit tats&auml;chlichen Einkommen, sondern theoretische Konstrukte zugrunde, die dann unter der Pr&auml;misse fiktiver Bedingungen weiter fortgeschrieben werden. Fast immer rechnet man dabei mit dem Standardrentner, einem Phantom, das 45 Jahre lang durchschnittlich &ndash; derzeit pro Jahr rund 36.000 Euro &ndash; verdient hat. Arbeitslosigkeit, Teilzeitbesch&auml;ftigung, schwere Krankheiten, vorzeitige Verrentung &ndash; all das existiert f&uuml;r den Standardrentner nicht. Und wenn man ihn gar 47 oder 50 Jahre arbeiten l&auml;sst und die Lohnentwicklung in den kommenden Jahren optimistisch hochrechnet, kommt man leicht auf traumhafte Renten in der Zukunft. Doch das wirkliche Leben ist anders. Die Realit&auml;t nimmt einen ganz anderen Weg.<\/p><p>Tats&auml;chlich verdienen rund 40 Prozent der Besch&auml;ftigten inzwischen richtig mies und nur wenige werden die unterstellten Versicherungsjahre tats&auml;chlich schaffen. Das Rentnerparadies ist also in weiter Ferne, wenn man mal von den Beamten absieht. Dennoch setzen INSM &amp; Co. alles daran, Politik und Gesellschaft einzuh&auml;mmern, es gebe keinen Reformbedarf bei der Rentenh&ouml;he. Es ist genau wie vor den Riester-Reformen: Die Gesellschaft soll einer regelrechten Gehirnw&auml;sche unterzogen werden.<\/p><p><strong>Die Lage ist also ernst und die genannten Institutionen tun alles, um das zu verschleiern, zu vertuschen, den Leuten einzureden, dass es gar kein Elend gebe &ndash; bestenfalls bedauerliche Einzelf&auml;lle individueller Versagernaturen. Wie ernst ist die Lage denn konkret?<\/strong><\/p><p>Bereits heute bezieht deutlich &uuml;ber eine Million Rentner aufstockende Grundsicherungsleistungen. Das hei&szlig;t, ihre Rente reicht nicht zum Leben. Anspr&uuml;che haben aber vermutlich weitere zwei Millionen Rentner, die sich aus Scham nicht zum Amt trauen.<\/p><p>Schon in wenigen Jahren wird die Zahl der armen Alten explodieren: Rund 13 Millionen der heute versicherungspflichtig Besch&auml;ftigten verdienen so wenig, dass ihre Rente unterhalb der Grundsicherung liegen wird.<\/p><p>Dazu kommen Millionen von Langzeitarbeitslosen, schlecht verdienende Solo-Selbstst&auml;ndige und Mini-Jobber. Wer nicht das Gl&uuml;ck hat, dass ihn oder sie ein gut verdienender Ehepartner unterst&uuml;tzt, landet dann unweigerlich in der Altersarmut. Europaweit steht das deutsche Rentensystem bei der Behandlung der Klein- und Mittelverdiener ganz hinten.<\/p><p><strong>Nehme ich das richtig wahr: Immer mehr Menschen werden schwer krank und dann mit einer unzureichenden Erwerbsminderungsrente abgespeist. Immer mehr Menschen landen nach jahrzehntelanger Arbeit in einer Rente auf Hartz IV-Niveau. Und es trifft nicht nur Unqualifizierte und Kleinverdiener. Dennoch wird das Ganze weitgehend ignoriert. Was geschieht hier: Frisst, wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t, der Kapitalismus zunehmend seine Kinder &ndash; und redet ihnen dabei aber stets aufs Neue ein, es l&auml;ge ja an ihnen selbst?<\/strong><\/p><p>Das ist weniger eine Systemfrage als eine Frage, sagen wir es mal altmodisch: der Anst&auml;ndigkeit. L&auml;nder wie die Schweiz oder &Ouml;sterreich zeigen, dass man auch KIein- und Normalverdienern eine sehr ordentliche Rente zahlen kann. Und dass das die Wirtschaft keineswegs ruiniert. Im Gegenteil. Doch hierzulande glauben die Arbeitgeber, dass sie bessere Renten f&uuml;r alle unbedingt mit Hilfe ihrer Propagandatruppe INSM verhindern m&uuml;ssen. Und das Perfide daran: Sie tun dabei noch so, als ginge es ihnen darum, die aktiv Besch&auml;ftigten vor zu hohen Beitr&auml;gen zu sch&uuml;tzen. So wird k&uuml;nstlich ein Kampf &bdquo;Jung gegen Alt&ldquo; angeheizt, um von den wahren Interessen abzulenken. Dabei belegen Umfragen: die Jungen w&uuml;rden gerne etwas mehr zahlen, wenn sie daf&uuml;r sp&auml;ter armutsfeste Renten bek&auml;men.<\/p><p>Renten bilden ja die Lebensgrundlage f&uuml;r &uuml;ber 20 Millionen Menschen im Land. Warum ausgerechnet Angriffe auf diesen Bereich der Daseinsvorsorge, der mehr oder minder jeden von uns unmittelbar betrifft?<\/p><p>Hier geht es um gewaltige Betr&auml;ge: In der gesetzlichen Rente werden j&auml;hrlich &uuml;ber 250 Milliarden Euro verteilt. Wenn nur ein Teil dieses Geldes auf die private Altersvorsorge umgeleitet wird, dann bedeutet das ein exzellentes Gesch&auml;ft. Und es ist nat&uuml;rlich ein Kampf der Ideologien. Wenn breiter Konsens best&uuml;nde, dass nur eine umlagefinanzierte staatliche Rente f&uuml;r alle B&uuml;rger eine ausk&ouml;mmliche Rente im Alter bieten kann und das auch tats&auml;chlich umgesetzt w&uuml;rde, w&auml;re dem Gesch&auml;ftsmodell der sogenannten kapitalgedeckten Altersvorsorge weitgehend der Boden entzogen. Deswegen die massiven Angriffe von INSM und IW gegen jede Form von Rentenerh&ouml;hungen. Deshalb die st&auml;ndigen Zweifel an der Zukunftsf&auml;higkeit der Rente und die Warnungen vor der angeblichen demografischen Katastrophe. Nat&uuml;rlich bei&szlig;t sich die Katze damit selbst in den Schwanz: Denn wenn das staatliche System so mies wie behauptet w&auml;re, dann sollte doch auch die drohende Altersarmut eine logische Konsequenz sein.<\/p><p>Aber nat&uuml;rlich ist alles genau andersherum: Nicht das Rentensystem ist schlecht, sondern die verantwortlichen Politiker tun seit fast 20 Jahren mit wenigen Ausnahmen alles daf&uuml;r, es zu ruinieren.<\/p><p><strong>Gibt es unter den, bitte entschuldigen Sie die H&auml;rte meiner Worte, Apologeten des Sozialabbaus Akteure, die man besonders im Auge behalten muss?<\/strong><\/p><p>Da f&auml;llt mir nat&uuml;rlich sofort Professor Bernd Raffelh&uuml;schen ein. Der <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/kampagne\/rente-muss-gerecht-bleiben\/Renten-werden-steigen.html\">verk&uuml;ndet<\/a> auf der INSM-Homepage in einem Video gro&szlig;spurig: &bdquo;Es gibt keine Altersarmut in Deutschland. Sie ist quasi irrelevant.&ldquo; Folgerichtig h&auml;lt er eine weitere Senkung des Rentenniveaus f&uuml;r h&ouml;chst sinnvoll und notwendig.<\/p><p>Diese Haltung hat sich nun offenbar auch in der Bundesregierung durchgesetzt. Finanzstaatssekret&auml;r Jens Spahn, CDU, meldet sich als Protagonist der J&uuml;ngeren immer wieder zu Wort und <a href=\"http:\/\/www1.wdr.de\/mediathek\/audio\/wdr5\/wdr5-morgenecho-interview\/audio-immer-nur-die-alten-100.html\">erkl&auml;rt<\/a>: Altersarmut sei kein Thema. Allenfalls bei Erwerbsgeminderten und Solo-Selbstst&auml;ndigen sieht er ein gewisses Armutsrisiko. Das Rentenniveau f&uuml;r alle wieder anzuheben oder auch nur auf heutigem Stand einzufrieren, sei hingegen f&uuml;r die Beitragszahler nicht zumutbar.<\/p><p><strong>Aber so einen Unfug kontert doch sicher die sogenannte sozialdemokratische Partei in Regierungsverantwortung prompt und pointiert?<\/strong><\/p><p>Leider nein. Ganz im Gegenteil, selbst die zust&auml;ndige Ministerin Andrea Nahles hat das Problem steigender Altersarmut offenbar noch gar nicht als solches erkannt. Sie spricht zwar nebul&ouml;s von Haltelinien beim Rentenniveau, doch das w&uuml;rde den Millionen Schlechtverdienern, Teilzeitbesch&auml;ftigten, Mini-Jobbern und Langzeitarbeitslosen auch nichts nutzen. Die brauchen eine deutliche Anhebung ihrer Armutsrenten auf ein Niveau oberhalb der Grundsicherung. Bislang hat Nahles aber kein Konzept geliefert, was den millionenfachen Marsch in die Altersarmut stoppen k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Immerhin soll sich aber die Absicherung &uuml;ber Betriebsrenten nun deutlich verbessern.<\/strong><\/p><p>Das klingt erst mal gut, dabei handelt es sich aber um einen riesigen Etikettenschwindel. Klassische Betriebsrenten sind eine gute Sache, wenn der Chef seinen Besch&auml;ftigten eine Rente f&uuml;rs Alter zusagt und das voll &uuml;ber den Betrieb finanziert. Doch das, was die Bundesregierung jetzt f&ouml;rdern will, ist etwas ganz Anderes: Es nennt sich Entgeltumwandlung und dabei zahlt der Arbeitnehmer den Beitrag in der Regel voll aus der eigenen Tasche.<\/p><p>Zwar spart er mit seiner Einzahlung zun&auml;chst meist kr&auml;ftig Steuern und Sozialabgaben, doch am langen Ende ist es leider allzu oft ein Verlustgesch&auml;ft. In der Rentenphase sind n&auml;mlich volle Steuern, Krankenkassen- und Pflegebeitr&auml;ge zu zahlen. Und zwar Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeitrag vom Rentner allein. Und was oft vergessen wird: Mit der Entgeltumwandlung sinken die Anspr&uuml;che aus der gesetzlichen Rente. Das kann im Alter zehntausende Euro kosten und schon rutscht die hochgepriesene sogenannte &bdquo;Betriebsrente&ldquo; gewaltig ins Minus.<\/p><p>Wenn Andrea Nahles nun also die Betriebsrenten in Form der Entgeltumwandlung ausbaut, schw&auml;cht sie damit die gesetzliche Rentenkasse weiter. Sie erweist sich damit als w&uuml;rdige Nachfolgerin von Walter Riester. Man k&ouml;nnte auch sagen als Totengr&auml;berin der Rente.<\/p><p><strong>Auch die Gewerkschaften geben bez&uuml;glich der Rente und ihrer Sicherung ein eher <a href=\"http:\/\/www.seniorenaufstand.de\/der-kongress-lacht-und-sollte-wuetend-sein\/\">trauriges Bild<\/a> ab. Bei Vielen lautet die Devise inzwischen offenbar: Wenn wir es schon nicht verhindern k&ouml;nnen, verdienen wir an der Verelendung zumindest noch mit. Stichwort &bdquo;<a href=\"http:\/\/archiv.bav-anlegerschutz.de\/html\/body_vorsicht_falle.html\">MetallRente<\/a>&ldquo;. Haben die Gewerkschaften inzwischen die Seite gewechselt?<\/strong><\/p><p>So ganz neu ist das leider nicht. Bereits die Riester-Reform wurde seinerzeit von den Gewerkschaften abgenickt, weil man zusammen mit der Riester-Rente f&uuml;r alle Arbeitnehmer ein gesetzliches Recht auf Entgeltumwandlung eingef&uuml;hrt hatte. Es geht da sicher nicht ums Mitverdienen, aber um Einfluss. Betriebsrenten werden ja oft tarifvertraglich geregelt. Da er&ouml;ffnet sich also ein Spielfeld f&uuml;r gewerkschaftliche Einflussnahme. Ob das die Renten f&uuml;r die Arbeitnehmer deutlich verbessert, bleibt abzuwarten. Denn operativ wird das Gesch&auml;ft von Pensionskassen und Direktversicherungen in der Regel von Allianz &amp; Co gemacht, wie das Beispiel der Metallrente zeigt. Es bleibt in jedem Fall die Tatsache, dass Betriebsrenten in Form von Entgeltumwandlung die gesetzliche Rente enorm schw&auml;chen. Das kann eigentlich nicht im Interesse der Gewerkschaften sein.<\/p><p><strong>Das klingt ja durchweg alles andere als rosig. Was m&uuml;sste geschehen, was t&auml;te not, um diesen Entwicklungen Einhalt zu gebieten? Brauchen wir eine Art &bdquo;sozialen Aufstand&ldquo; im Land gegen all die Zumutungen des neoliberalen Sozialabbaus? Oder zumindest doch eine Art &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.seniorenaufstand.de\/\">Seniorenaufstand<\/a>&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Definitiv ja. Wir brauchen eine Protestbewegung mindestens von der St&auml;rke, wie sie sich gegen Ceta und TTIP formiert hat. Der Seniorenaufstand in Kiel ist ein erstes, zartes Pfl&auml;nzchen und die Initiatoren machen eine tolle Arbeit. Aber gegen die &ouml;ffentliche Meinungsmache anzukommen ist nicht einfach, denn es ist der INSM und den Arbeitgebern gelungen, einen Keil zwischen Jung und Alt zu treiben. Die Jungen glauben gar nicht mehr, dass eine gute Rente m&ouml;glich ist und dass sich der Kampf daf&uuml;r lohnt. Wenn aber nur Alte protestieren, wirkt es wie ein Kampf der Alten um ihre Pfr&uuml;nde. Und das schreckt die Jungen umso mehr ab. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Die Jungen m&uuml;ssen verstehen, dass alles, was f&uuml;r die Rentner erreicht wird, auch ihnen sp&auml;ter nutzt.<\/p><p><strong>Gibt es etwas, das jeder und jede von uns tun kann? Jeder einzelne?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich. Jeder sollte in seinem pers&ouml;nlichen Umfeld in Gespr&auml;chen das System der gesetzlichen Rente verteidigen, insbesondere gegen&uuml;ber der j&uuml;ngeren Generation. Nur wenn wir der Gehirnw&auml;sche mutig begegnen, haben wir eine Chance.<\/p><p><strong>Noch ein letztes Wort?<\/strong><\/p><p>Wir brauchen ganz dringend zwei Entscheidungen:<\/p><ol>\n<li>Eine Mindestrente, damit all jene, die im Mindestlohnsektor oder in Teilzeit arbeiten, die lange arbeitslos waren oder krankheitsbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden, nicht in die Altersarmut rauschen.<\/li>\n<li>Den Umstieg auf eine Erwerbst&auml;tigenversicherung: alle Erwerbst&auml;tigen, also auch Selbstst&auml;ndige, Freiberufler, Beamte und Politiker sollten einzahlen und eine gesetzliche Rente beziehen.<\/li>\n<\/ol><p>Das w&auml;re nicht nur gerecht, macht die Rentenfinanzen stabiler, sondern schafft auch Raum f&uuml;r notwendige Umverteilungen zugunsten der Geringverdiener. Es ist ein ganz wichtiger Baustein f&uuml;r eine gute Rente f&uuml;r alle.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Holger Balodis<\/strong>, Jahrgang 1960, berichtete zusammen mit Dagmar H&uuml;hne 25 Jahre lang als Fachautor f&uuml;r die ARD-Magazine &bdquo;Monitor&ldquo;, &bdquo;Plusminus&ldquo; und &bdquo;Ratgeber Recht&ldquo;. Er ist ausgewiesener Experte auf den Gebieten Altersvorsorge, Versicherungen und Finanzen. Im Jahr 2012 ver&ouml;ffentlichte er den Spiegel-Bestseller &bdquo;Die Vorsorgel&uuml;ge&ldquo;. 2014 folgte f&uuml;r das Deutsche Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) die Untersuchung &bdquo;Privatrenten als (un)geeignetes Instrument der Altersvorsorge&ldquo;. Das aktuelle Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/garantiert-beschissen\/#.VqD2A089b-U\">Garantiert beschissen!<\/a>&ldquo; erschien 2015 im Westend Verlag.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/35a26f498cd4454e9ee0154e31186ea5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160208_balodis.jpg\" alt=\"Holger Balodis\" title=\"Holger Balodis\"\/><\/div>\n<p>Die gewollte Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung und die damit verbundenen Kampagnen sind seit jeher eines der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=39\">Kernthemen<\/a> der NachDenkSeiten. 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