{"id":3583,"date":"2008-11-12T09:33:05","date_gmt":"2008-11-12T08:33:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3583"},"modified":"2019-02-15T12:44:26","modified_gmt":"2019-02-15T11:44:26","slug":"grosszuegige-koalition-anmerkungen-zur-erbschaftsteuerreform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3583","title":{"rendered":"Gro\u00dfz\u00fcgige Koalition &#8211; Anmerkungen zur Erbschaftsteuerreform"},"content":{"rendered":"<p>Silvester d&uuml;rften in den feinsten Kreisen unserer Gesellschaft die Champagnerkorken noch lauter als sonst knallen, weil die Gro&szlig;e Koalition sich nach jahrelangem Tauziehen auf eine Erbschaftsteuerreform geeinigt hat, die besonders Wohlhabende, Reiche und Superreiche beg&uuml;nstigt. &Uuml;berschattet wurden die ohnehin schwierigen Verhandlungen zwischen den Regierungsparteien zum Schluss von der bayerischen Landtagswahl. Im Wahlkampf wurde es f&uuml;r die CSU zu einer Prestigefrage, Villenbesitzersgattinnen am Starnberger See und Kinder von Konzernherren von der Erbschaftsteuer zu befreien. Nach der Wahl Horst Seehofers zum CSU-Vorsitzenden und zum bayerischen Ministerpr&auml;sidenten vollzogen die Unionsparteien den Schulterschluss und setzten die Sozialdemokraten noch mehr unter Druck, dem Drang nach b&uuml;rgerlicher Besitzstandswahrung nachzugeben. F&uuml;rchtend, die Erbschaftsteuer k&ouml;nnte ganz entfallen, wenn bis zum 1. Januar 2009 keine Neuregelung erfolgt, knickte die SPD schlie&szlig;lich ein, und die CSU konnte einen wichtigen Erfolg f&uuml;r sich verbuchen. Von Christoph Butterwegge<br>\n<!--more--><\/p><p>Gleichzeitig blieb die soziale Gerechtigkeit auf der Strecke. Kindern von Familienunternehmern soll die betriebliche Erbschaftsteuer vollst&auml;ndig erlassen werden, sofern sie die Firma zehn Jahre, und zu 85 Prozent, wenn sie das Unternehmen sieben Jahre lang lang fortf&uuml;hren und die Lohnsumme insgesamt mindestens zehn bzw. 6,5 Mal so hoch ist wie im letzten T&auml;tigkeitsjahr des Erblassers. Beschworen wird die Gefahr, dass der Sohn eines Handwerksmeisters den vom Vater geerbten Betrieb aufgrund finanzieller &Uuml;berforderung schlie&szlig;en und seine Mitarbeiter entlassen muss. Dies d&uuml;rfte jedoch in Wahrheit kaum vorgekommen sein, weil schon lange ein Freibetrag in H&ouml;he von 225.000 Euro existiert, ein zus&auml;tzlicher Bewertungsabschlag von 35 Prozent des Betriebsverm&ouml;gens die Steuerschuld ohnehin reduziert hat und das Finanzamt diese bisher zehn Jahre lang stunden konnte, um H&auml;rten im Einzelfall abzufedern. Ehepartner\/innen, die eine selbstgenutzte Luxusimmobilie erben und sie zehn weitere Jahre bewohnen, bleiben k&uuml;nftig von der Erbschaftsteuer verschont, und auch Kinder m&uuml;ssen diese nur dann entrichten, wenn die Wohnfl&auml;che 200 qm &uuml;berschreitet.<\/p><p>War die schwarz-rote Koalition schon mit ihrem fast &uuml;ber Nacht geschn&uuml;rten Paket zur Rettung maroder Banken gegen&uuml;ber Eignern, Brokern und B&ouml;rsianern ausgesprochen gro&szlig;z&uuml;gig, so ergie&szlig;t sich k&uuml;nftig ausgerechnet &uuml;ber den reichsten Familien unseres Landes ein weiterer Geldsegen. Dagegen erhalten die Armen kein so nobles Weihnachtsgeschenk: Als die Koalition k&uuml;rzlich beschloss, das Kindergeld f&uuml;r das erste und zweite Kind um 10 Euro und ab dem dritten Kind um 16 Euro pro Monat zu erh&ouml;hen, einigte man sich darauf, f&uuml;r Kinder von Hartz-IV-Bezieher(inne)n, die nicht in den Genuss des h&ouml;heren Kindergeldes kommen, weil es voll auf die staatliche Sozialleistung angerechnet wird, ein &bdquo;Schulbedarfspaket&ldquo; in H&ouml;he von 100 Euro pro Schuljahr zu schn&uuml;ren. Es wird allerdings nur bis zur 10. Klasse gew&auml;hrt, damit keine Missverst&auml;ndnisse dar&uuml;ber aufkommen, wer Abitur machen soll und wer nicht (&hellip;)<\/p><p>W&auml;hrend die Gro&szlig;e Koalition deutschen Unternehmerdynastien wie Burda und Oetker Steuergeschenke in Milliardenh&ouml;he macht, bittet sie Geringverdiener\/innen samt ihrem Nachwuchs seit dem 1. Januar 2007 st&auml;rker als vorher zur Kasse: Die Anhebung der Mehrwert- und Versicherungssteuer von 16 auf 19 Prozent trifft tagt&auml;glich besonders jene Familien hart, die praktisch ihr gesamtes Einkommen in den Konsum stecken (m&uuml;ssen). Angesichts der durch die Erbschaftsteuerreform wachsenden Glaubw&uuml;rdigkeits- und Gerechtigkeitsl&uuml;cke fragt man sich, wie CDU, CSU und SPD die Legitimit&auml;t des politischen System einer sozialen Marktwirtschaft bewahren wollen. Diese Parteien besch&auml;digen nicht nur sich selbst, sondern auch die parlamentarische Demokratie und die politische Kultur unseres Landes, was einen N&auml;hrboden f&uuml;r die Agitation und Propaganda von Rechtsextremisten bzw. -populisten schafft, wenn sich die globale Finanz- zu einer Weltwirtschaftskrise ausweitet und Arbeitslosigkeit sowie Armut m&ouml;glicherweise drastisch zunehmen. Es ist Zeit f&uuml;r eine grundlegende Kurskorrektur der Regierungspolitik, die jede Sensibilit&auml;t f&uuml;r soziale Unausgewogenheit verloren hat!<\/p><p>Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Seine letzten Buchver&ouml;ffentlichungen: &bdquo;Kritik des Neoliberalismus&ldquo;; &bdquo;Neoliberalismus. Analysen und Alternativen&ldquo;; &bdquo;Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland&ldquo;; &bdquo;Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut&ldquo; (alle im Jahr 2008 erschienen)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Silvester d&uuml;rften in den feinsten Kreisen unserer Gesellschaft die Champagnerkorken noch lauter als sonst knallen, weil die Gro&szlig;e Koalition sich nach jahrelangem Tauziehen auf eine Erbschaftsteuerreform geeinigt hat, die besonders Wohlhabende, Reiche und Superreiche beg&uuml;nstigt. &Uuml;berschattet wurden die ohnehin schwierigen Verhandlungen zwischen den Regierungsparteien zum Schluss von der bayerischen Landtagswahl. 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