{"id":35838,"date":"2016-11-16T08:45:25","date_gmt":"2016-11-16T07:45:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35838"},"modified":"2019-07-09T10:56:23","modified_gmt":"2019-07-09T08:56:23","slug":"alle-sind-schuld-am-afghanischen-opiumanbau-nur-der-westen-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35838","title":{"rendered":"Alle sind schuld am afghanischen Opiumanbau \u2013 nur der Westen nicht"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161116_opium.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Es gibt manche Schlagzeilen, die jedes Jahr, nicht selten um dieselbe Zeit, immer wieder auftauchen. Eine davon ist jene um den rekordverd&auml;chtigen Opiumanbau in Afghanistan. Seit f&uuml;nfzehn Jahren wird das Thema j&auml;hrlich aufgerollt. Die neuesten UN-Zahlen werden genannt und die b&ouml;sen Buben &ndash; in diesem Fall wie gewohnt die Taliban &ndash; f&uuml;r das Dilemma verantwortlich gemacht. Wer das Geschehen etwas tiefgehender analysiert, wird allerdings feststellen, dass die Verantwortlichen auch im Westen sitzen. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAfghanistan hat ein Drogenproblem. Am Hindukusch wird sowohl angebaut, exportiert und konsumiert. Symbolisch hierf&uuml;r sind nicht nur die Bilder von Mohnfeldern, sondern auch st&auml;dtische Szenen. Das Kabuler Stadtbild ist, zumindest in einigen Gegenden, weiterhin gepr&auml;gt von Junkies. F&uuml;r die Beh&ouml;rden stellen diese ein Problem dar. Immer wieder wird versucht, die meist jungen M&auml;nner von &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen zu verbannen.<\/p><p>Doch einfach in Luft aufl&ouml;sen k&ouml;nnen sich die Drogenabh&auml;ngigen nicht. Stattdessen hat sich ihre Anzahl in den letzten Jahren dramatisch vervielfacht. Sch&auml;tzungen zufolge konsumieren &uuml;ber 4,5 Millionen Afghanen &ndash; sowohl in den st&auml;dtischen als auch in den l&auml;ndlichen Gebieten &ndash; Drogen. Hunderttausende von ihnen sind s&uuml;chtig.<\/p><p>Parallel zu der Anzahl der Abh&auml;ngigen stieg seit 2002 auch der Opiumanbau im Land permanent an. Kurz vor dem Einmarsch der NATO, sprich, w&auml;hrend des H&ouml;hepunkts der Taliban-Herrschaft, stammten rund f&uuml;nf bis zehn Prozent des weltweiten Schlafmohns aus Afghanistan &ndash; mittlerweile sind es mehr als neunzig Prozent. J&auml;hrlich werden neue Rekordernten erwartet, wie auch die UN-Berichte der vergangenen Jahre deutlich machen. Verantwortlich f&uuml;r die Misere werden oftmals nur die Afghanen gemacht. Dabei wird au&szlig;en vor gelassen, dass westliche Akteure beim Anstieg der afghanischen Drogenproduktion eine ma&szlig;gebliche Rolle spielen.<\/p><p>Afghanistan war einst bekannt als Land der Granat&auml;pfel, Melonen und Trauben. Auch andere Waren wie Lapislazuli, der ber&uuml;hmte, blau gl&auml;nzende Stein, geh&ouml;rten zu den wichtigsten Ausfuhrg&uuml;tern. Diese einstigen Exportschlager sind allerdings Relikte einer vergangenen Zeit. Gegenw&auml;rtig wei&szlig; man vor allem, dass der &ldquo;schwarze Afghane&rdquo; aus Afghanistan stammt und dass das Land der gr&ouml;&szlig;te Produzent und Exporteur von Opium ist.<\/p><p><strong>Geheimkrieg der CIA spielte ma&szlig;gebliche Rolle<\/strong><\/p><p>Obwohl der Drogenanbau in Afghanistan wohl noch nie so hoch war wie zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt, hat er eine lange Geschichte. Schon die s&uuml;chtigen Mogul-Herrscher Indiens bezogen ihren Schlafmohn aus einigen Teilen des heutigen Afghanistans. Sp&auml;ter, w&auml;hrend der anglo-afghanischen Kriege, zeigten auch die Briten Interesse an der Droge. Dass die britische Krone schon damals viel vom Drogenhandel hielt, bewiesen unter anderem der Erste sowie der Zweite Opiumkrieg, der zwischen Gro&szlig;britannien und dem Kaiserreich China ausgetragen wurde. Beide Male verlie&szlig;en die Chinesen das Schlachtfeld als Verlierer und wurden darauffolgend von den Briten gezwungen, den Opiumhandel zu dulden.<\/p><p>Einen wahren Aufschwung erlebte der Opiumanbau am Hindukusch jedoch erst in den 1980er-Jahren, sprich, w&auml;hrend des Stellvertreterkrieges zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten. Der geheime Krieg der CIA und deren Unterst&uuml;tzung f&uuml;r verschiedene Mudschaheddin-Gruppierungen f&ouml;rderten den Opiumanbau, der als Finanzierungsquelle f&uuml;r den bewaffneten Kampf betrachtet wurde, massiv. Selbiges gilt allerdings auch f&uuml;r die zahlreichen und verheerenden Bombardements der Roten Armee, die in vielen Landesteilen die sensible &Ouml;kologie vernichteten und den Bauern nur der Opiumanbau blieb, um zu &uuml;berleben. Dies d&uuml;rfte unter den sp&auml;teren Bombardements der NATO nicht anders gewesen sein.<\/p><p>Ihre kurzsichtige und zerst&ouml;rerische Politik wollten die Kriegsarchitekten nicht einsehen. &ldquo;Unser Hauptauftrag war, den Sowjets so viel Schaden wie m&ouml;glich zuzuf&uuml;gen. Wir hatten nicht wirklich die Ressourcen oder die Zeit f&uuml;r eine Untersuchung des Drogenhandels. Ich glaube nicht, dass wir uns daf&uuml;r entschuldigen m&uuml;ssen. Jede Situation hat ihre Schattenseiten&rdquo;, meinte etwa Charles Cogan, der einst f&uuml;r die CIA-Operation in Afghanistan verantwortlich gewesen ist, in einem Interview im Jahr 1995.<\/p><p>Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges bildete sich Anfang der 1990er eine neue Regierung in Kabul, die haupts&auml;chlich aus jenen Mudschaheddin-Kriegsf&uuml;rsten bestand, die noch kurz zuvor von westlichen Staaten im Kampf gegen die Sowjetunion unterst&uuml;tzt wurden. Da die einzelnen Warlords damit besch&auml;ftigt waren, sich gegenseitig zu bekriegen und ihre eigenen Territorien auszubauen, hielt die Regierung nicht lange. Im Laufe dieses Zeitraums wurden St&auml;dte wie Kabul nahezu vollst&auml;ndig zerst&ouml;rt, parallel dazu schoss der Schlafmohnanbau in die H&ouml;he. Dies war alles andere als verwunderlich.<\/p><p><strong>Verbannung unter Taliban<\/strong><\/p><p>Die damaligen Akteure bereicherten sich nicht nur pers&ouml;nlich durch den Drogenanbau, sondern waren auf eine neue Geldquelle angewiesen. Da der Westen sich seit dem Sieg gegen die Sowjets stark zur&uuml;ckgezogen hatte, musste ein anderer Weg gefunden werden, um weiterhin Waffen zu beschaffen. Dies hatte zur Folge, dass allein im Jahr 1994 3.400 Tonnen Opium in Afghanistan produziert wurden. Im darauffolgenden Jahr waren es immer noch 2.300 Tonnen, was zum damaligen Zeitpunkt immer noch einen Gro&szlig;teil der weltweiten Produktion ausmachte.<\/p><p>1996 wurde die Warlord-Regierung aus Kabul verjagt. Mullah Mohammad Omar und seine Taliban-K&auml;mpfer rissen die Macht an sich. Der Opiumanbau nahm allerdings, entgegen der vermeintlichen Glaubensgrunds&auml;tze der Taliban, vorerst kein Ende. Stattdessen war das Opiumgeld der Drogenbarone nun die gr&ouml;&szlig;te Steuereinnahme der Taliban. Der Opiumanbau wurde, vorerst zumindest, nicht verboten, obwohl er den Regeln des Islams eindeutig widersprach. 1999 wurden &uuml;ber 4.000 Tonnen Opium in Afghanistan produziert. Erst nachdem die Staatskasse etwas gef&uuml;llt war und die Handelsrouten im Norden des Landes ebenfalls unter Taliban-Kontrolle standen, sagte man den Drogenbossen den Kampf an.<\/p><p>Im Sommer 2000 ging daraus eine der erfolgreichsten Anti-Drogen-Kampagnen der Welt hervor. Mullah Omar, der damals unter anderem auch auf Dr&auml;ngen der UN handelte, erkl&auml;rte den Anbau von Drogen offiziell als &ldquo;unislamisch&rdquo; und verbannte ihn. Das Verbot zeigte sich innerhalb k&uuml;rzester Zeit als &auml;u&szlig;erst effektiv. Im Jahr 2001 erreichte der Opiumanbau in Afghanistan einen Tiefpunkt von rund 200 Tonnen. In manchen Gegenden, etwa der s&uuml;d&ouml;stlichen Provinz Helmand, die einst zu den ertragreichsten Provinzen des Landes geh&ouml;rte, wurde sogar nichts mehr produziert. Nur auf 8.000 Hektar wurde Opium angebaut.<\/p><p><strong>Dank der NATO florierte der Anbau erneut<\/strong><\/p><p>Als ein Jahr sp&auml;ter der Einmarsch der NATO begann, &auml;nderte sich dies abrupt. Die Taliban wurden gest&uuml;rzt und pl&ouml;tzlich florierte der Opiumanbau am Hindukusch von neuem. Jahr f&uuml;r Jahr werden neue Rekordzahlen verzeichnet. Laut UN wuchs im Jahr 2016 die Fl&auml;che zum Anbau vom Schlafmohn um zehn Prozent auf 201.000 Hektar, was das dritth&ouml;chste Niveau seit mehr als zwanzig Jahren darstellt. Demnach stieg die Opiumproduktion um 43 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 4.800 Tonnen wurden 2016 produziert. 2015 waren es &ldquo;nur&rdquo; 3.300 Tonnen. Viele Beobachter machen hierf&uuml;r den parallel stattfindenden Taliban-Vormarsch im Land verantwortlich. Die Wurzel des Problems wird dabei allerdings &uuml;bergangen. Der US-Historiker Alfred McCoy, der thematisch wohl zu den weltweit besten Kennern geh&ouml;rt, analysiert treffenderweise, dass ein Gro&szlig;teil der Instabilit&auml;t in Zentralasien das Erbe des verdeckten Afghanistankrieges der CIA in den 1980er-Jahren sei.<\/p><p>Dass der Opiumanbau ab 2001 abermals in die H&ouml;he schoss, ist nicht nur laut McCoy sondern auch laut anderer integrer Analysten ebenfalls die Schuld des Westens. Immerhin waren es die westlichen Streitkr&auml;fte, die sich im Kampf gegen die Taliban mit jenen Drogenf&uuml;rsten verb&uuml;ndeten, die schon in den Neunzigern das Sagen hatten. McCoy kritisiert auch die westliche Afghanistan-Politik im Allgemeinen, indem er hervorhebt, dass in keinster Weise etwas getan wurde, um die heimische und v&ouml;llig zerst&ouml;rte Agrarwirtschaft zu st&auml;rken, was einfache Bauern in die Arme des Schlafmohns trieb.<\/p><p>Gegenw&auml;rtig stammen mehr als neunzig Prozent des weltweiten Opiums aus Afghanistan. Bedeutende Produzenten befinden sich etwa in den s&uuml;dlichen Provinzen Kandahar und Helmand. &Uuml;ber die Jahre hinweg lag der Drogenanbau in Kandahar fest in der Hand des Karzai-Clans, aus dem auch der letzte Pr&auml;sident des Landes, Hamid Karzai, stammt. Einer seiner Br&uuml;der, Ahmad Wali Karzai, der 2011 durch ein Attentat get&ouml;tet wurde, war ein einflussreicher Drogenboss, den man laut &ldquo;New York Times&rdquo; unter anderem auch auf der Gehaltsliste des CIA wiederfinden konnte.<\/p><p>Dass man die CIA oft mit Drogengesch&auml;ften assoziiert, ist &uuml;brigens kein Zufall. Der britische &ldquo;Independent&rdquo; stellte im Januar 2010 fest, dass der US-amerikanische Geheimdienst jene Flugzeuge, die haupts&auml;chlich f&uuml;r die Entf&uuml;hrung sogenannter Terrorverd&auml;chtiger benutzt wurden, auch f&uuml;r den Transport von Drogen verwendet hat. Im Wrack eines solchen Flugzeugs, welches 2004 in Nicaragua abgest&uuml;rzt war, fand man eine Tonne Kokain.<\/p><p>Auch die Briten sollen w&auml;hrend ihrer Stationierung in Afghanistan Kontakte zu Drogenproduzenten und Schmugglern gepflegt haben. Ende 2011 meinte Yousef Ali-Waezi, ein Regierungsbeamter und Berater Karzais, dass britische Soldaten ma&szlig;geblich am afghanischen Drogenhandel beteiligt seien. Konkret hob Ali-Waezi hervor, dass die stationierten Briten in Helmand den dortigen Anbau nicht nur tolerierten, sondern auch f&ouml;rderten. Zum damaligen Zeitpunkt wurde allein in Helmand mehr Opium angebaut als in ganz Kolumbien, Marokko oder Burma.<\/p><p><strong>Mehr Terror, mehr Drogen<\/strong><\/p><p>Demnach stammt auch das meiste Heroin auf den Stra&szlig;en Europas aus dieser Region. Sch&auml;tzungen zufolge sterben j&auml;hrlich 100.000 Menschen an aus Afghanistan stammenden Drogen. Das Ganze erscheint in einem besonders zynischen Licht, da Gro&szlig;britanniens ehemaliger Premierminister Tony Blair einst behauptet hat, dass der Kampf gegen den Drogenanbau einer der Hauptgr&uuml;nde f&uuml;r die Intervention in Afghanistan gewesen sei.<\/p><p>&Uuml;berraschend wird der weiter betriebene Opiumanbau aufgrund der gegenw&auml;rtigen Verh&auml;ltnisse vor Ort weiterhin nicht sein &ndash; auch wenn westliche Gazetten dies j&auml;hrlich so darstellen. Da am Anbau jeder profitiert, sind nahezu alle wichtigen politischen Akteure in Afghanistan mehr oder weniger daran beteiligt.<\/p><p>Zudem gewinnt man den Eindruck, dass auch westliche Akteure ein eher profitables Verh&auml;ltnis zur Drogenproduktion pflegen. Vor allem das Verh&auml;ltnis der Amerikaner zu den afghanischen Drogen &auml;hnelt jenem in einigen s&uuml;damerikanischen Staaten und macht deshalb vor allem eines deutlich: Sowohl der &ldquo;Krieg gegen den Terror&rdquo; als auch der &ldquo;Krieg gegen die Drogen&rdquo; haben weder Terror noch Drogen aus der Welt geschaffen. Stattdessen existiert beides heute mehr als zuvor.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/3f7ead0b91004cc8857589303ed9652e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161116_opium.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Es gibt manche Schlagzeilen, die jedes Jahr, nicht selten um dieselbe Zeit, immer wieder auftauchen. Eine davon ist jene um den rekordverd&auml;chtigen Opiumanbau in Afghanistan. Seit f&uuml;nfzehn Jahren wird das Thema j&auml;hrlich aufgerollt. 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