{"id":3585,"date":"2008-11-12T11:14:52","date_gmt":"2008-11-12T10:14:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3585"},"modified":"2015-11-08T11:25:04","modified_gmt":"2015-11-08T10:25:04","slug":"schuldnerberatung-ein-ganz-normaler-vormittag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3585","title":{"rendered":"Schuldnerberatung &#8211; Ein ganz normaler Vormittag."},"content":{"rendered":"<p>Die Schulden sind heute f&uuml;r viele Menschen und Familien ein zentrales Problem. Schuldnerberatung ist eine wichtige soziale Aufgabe. Viele NDS-Leser kennen sie  nur vom H&ouml;rensagen. Deshalb habe ich  den Schuldnerberater der AWO Roth-Schwabach, Wolfgang Hunner, den ich anl&auml;sslich eines Seminars traf, gebeten, aufzuschreiben, wie ein normaler Vormittag bei ihm aussieht. Hier ist sein Bericht, erg&auml;nzt um ein Papier zu den Zielen der Schuldner- und Insolvenzberatung (Anlage)<br>\n <!--more--><br>\n<strong>Schuldnerberatung<\/strong><\/p><p>Morgens acht Uhr. Der Arbeitstag beginnt. Da steht schon ein kleines, rotes Auto vor der T&uuml;r. <\/p><p>Frau S. wartet bereits. Sie ist psychisch krank und hat weniger als 10 Gl&auml;ubiger. Sie ist erwerbsunf&auml;hig und erh&auml;lt eine kleine Rente so um 800,00 &euro;. Das ist gerade genug zum Leben. Ganz aufgeregt berichtet Sie:<\/p><p>Am Vortag war Sie in der Bankfiliale. Die sonst so freundliche Bankangestellte erkl&auml;rt ihr unmissverst&auml;ndlich, dass sie ihr kein Geld auszahlen wird. &ldquo;Tut mir leid&rdquo;, rief die Angestellte nicht gerade leise, &ldquo;Ihr Konto wird gepf&auml;ndet.&rdquo; Frau S. f&uuml;hlt sich pl&ouml;tzlich von allen Anwesenden angestarrt. Sie verl&auml;sst wie bet&auml;ubt den Schalterraum und schafft es gerade noch bis nach Hause, bevor ihr die Tr&auml;nen kommen. Sie muss doch etwas zu Essen kaufen, die Miete wird demn&auml;chst auch f&auml;llig. Wenn jetzt auch die Miete nicht mehr &uuml;berwiesen wird.<\/p><p>Wird ein Konto gepf&auml;ndet, ist Eile geboten. Sozialleistungen m&uuml;ssen innerhalb einer bestimmten Frist abgehoben werden. Das ist im &sect; 55 SGB I geregelt. Da bis zum Einzug der Bankkarte schon einige Tage seit dem Eingang der Pf&auml;ndung vergangen sein k&ouml;nnen, kann jeder Tag Verz&ouml;gerung ein Tag zuviel sein. <\/p><p>Zun&auml;chst haben wir mit der Bankangestellten telefoniert, damit die Sachlage bez&uuml;glich der Sozialleistungen gekl&auml;rt wird. Im Gespr&auml;ch besteht die Bankangestellte darauf, dass das kleine noch vorhandene Guthaben der Pf&auml;ndung unterworfen ist und &uuml;berwiesen wird. Also m&uuml;ssen wir, nachdem Frau S. beruhigt und aufgekl&auml;rt ist, sie an das zust&auml;ndige Amtsgericht verweisen, damit die n&ouml;tigen Antr&auml;ge bez&uuml;glich des Guthabens gestellt werden k&ouml;nnen. Bis zur Freigabe wird die Bank keine &Uuml;berweisungen mehr ausf&uuml;hren. Jede &Uuml;berweisung kostet bis dahin je nach Bank zwischen 4 und 10 &euro;. F&uuml;r eine Rentnerin mit gerade mal 800 &euro; Einnahmen ist das jede Menge Geld. <\/p><p>Ein Blick in die Zukunft von Frau S.: Kurz darauf kommt der n&auml;chste Schock. Sie erh&auml;lt Post von ihrer Bank. Kurz und knapp wird ihr mitgeteilt, dass die Bank das Konto gek&uuml;ndigt hat. Diesmal versucht es Frau S. selbst telefonisch. Der Bankmitarbeiter erkl&auml;rt, dass der Bank die Weiterf&uuml;hrung der Gesch&auml;ftsverbindung nicht mehr zuzumuten ist, murmelt etwas von Allgemeinen Gesch&auml;ftsbedingungen und legt auf. Wie soll Sie ohne Konto leben? Es steht wieder ein Besuch bei der Schuldnerberatungsstelle an. Diesmal telefonieren wir mit der kontof&uuml;hrenden Bank, verweisen auf die Selbstverpflichtung der Banken die besagt, jedem B&uuml;rger ein Konto auf Guthabenbasis einzurichten. Manchmal wird die K&uuml;ndigung dann zur&uuml;ckgenommen. Die n&auml;chsten Arbeitsschritte k&ouml;nnten aber auch das Auffinden eines Rechtsanwaltes sein, der rechtliche Schritte pr&uuml;ft und ggf. einleitet. <\/p><p>Eine Freigabe bei einer Kontopf&auml;ndung oder der Erhalt einer Kontoverbindung vermindern die Verbindlichkeiten nat&uuml;rlich um keinen Euro. Sie schaffen jedoch zun&auml;chst einmal die Voraussetzungen, damit &uuml;berschuldete Personen menschenw&uuml;rdig leben k&ouml;nnen. Ist diese Grundlage gelegt, kann in einem n&auml;chsten Schritt eine Schuldensanierung von uns angegangen werden. Dies erfolgt dann in weiteren Terminen.<\/p><p>Es ist jetzt 9.00 und der erste vereinbarte Beratungstermin steht an. Es ist der erste pers&ouml;nliche Kontakt zur Familie T. Es handelt sich um ein Ehepaar mit einem Kind. Bei diesem Termin wird festgelegt, ob existenzsichernde Ma&szlig;nahmen oder Krisenintervention eingeleitet werden m&uuml;ssen. <\/p><p>Im Falle der Eheleute T. ist schon bald klar, dass das geeignete Mittel zur Abtragung der Schuldenlast ein Verbraucherinsolvenzverfahren sein wird. Herr T. hatte eine Transport-Firma und hat sich durch die Pleite mit weit &uuml;ber 100.000 &euro; verschuldet. Diese verteilen sich nach seinen Angaben auf ca. 10 Gl&auml;ubiger. Genau kann er es aber nicht sagen. Wir fordern ihn auf, eine genaue Aufstellung anzufertigen. Die Firma ist bereits abgemeldet. Die Familie hat Leistungen nach dem SGB II (Hartz IV) beantragen m&uuml;ssen, um die wirtschaftliche Existenz zu sichern. Seit 3 Wochen hat man nichts mehr vom Amt geh&ouml;rt. M&uuml;ndliche Anfragen werden abgeb&uuml;gelt mit Floskeln wie &bdquo;die Bearbeitung dauert halt&ldquo;. Die Familie hat kein Geld mehr und nichts zu Essen. Wir verwiesen auf die &ouml;rtliche &bdquo;Tafel&ldquo; und vereinbaren einen pers&ouml;nlichen Termin mit der Familie bei der zust&auml;ndigen ARGE-Mitarbeiterin &ndash; noch in dieser Woche. <\/p><p>Die Miete ist seit 3 Monaten im R&uuml;ckstand. Die Wohnung noch nicht schriftlich gek&uuml;ndigt. Der Vermieter hat aber die K&uuml;ndigung in einem m&uuml;ndlichen Gespr&auml;ch bereits ausgesprochen.  Hier ist Eile geboten. <\/p><p>Frau T. spricht von Trennung, da die gemeinsamen Probleme zu gro&szlig; sind und dauernd gestritten wird. Sie hat Ihren Nebenjob erst k&uuml;rzlich verloren und m&ouml;chte gerne wieder Nebenberuflich arbeiten. Sie findet aber zurzeit keine Stelle. Ob wir etwas w&uuml;ssten. <\/p><p>F&uuml;r uns wird deutlich, dass die Beratung mehrere l&auml;ngere Termine in Anspruch nehmen wird, da die Folgen von Trennung und Scheidung aufgearbeitet werden m&uuml;ssen. Eine Vermittlung an die Eheberatung wird in Erw&auml;gung gezogen. <\/p><p>Das Erst-Gespr&auml;ch ist gegen 10.15 Uhr beendet. Ein weiterer Termin wird vereinbart. Die Sekret&auml;rin wartet schon geduldig mit einem Zettel auf dem die Namen und Telefonnummern von 5 Personen stehen, die alle dringend und am besten gestern zur&uuml;ckgerufen werden wollen. So mancher, der nur mal kurz was wissen wollte, wird auf einen Beratungstermin verwiesen, da die Situation f&uuml;r ein telefonisches Beratungsgespr&auml;ch zu vielschichtig und kompliziert ist. <\/p><p>Seit 10.00 wartet bereits ein Mann, der seinen 2. Termin wahrnimmt. W&auml;hrend seines ersten Gespr&auml;ches bemerkten wir seine tiefe innere Verzweiflung, die gelegentlich in Lebensunlust &uuml;bergeht. Aber er hat den geforderten Ordner angelegt und sich eine &Uuml;bersicht &uuml;ber seine Verbindlichkeiten verschafft. <\/p><p>Eigentlich war sein Leben perfekt. 3 Kinder hat der Mann, verheiratet war er und er hat vor 12 Monaten seiner Familie ein Haus gekauft. Er hat, um die Raten f&uuml;r das Haus abzutragen, sogar einen zweiten Job angenommen. Jetzt lebt er von seiner Frau getrennt. Die Kinder sieht er nur sehr unregelm&auml;&szlig;ig, da er Schicht arbeitet. Eigentlich gibt es gar keinen richtigen Grund f&uuml;r die Trennung &ndash; erz&auml;hlt er. Er will nicht mehr arbeiten, da das alles eh sinnlos ist. Er stellt sich die Frage f&uuml;r was er eigentlich lebt. Ein Traum ist geplatzt. Alles hat er daf&uuml;r gegeben. Die Dunkelheit nimmt immer mehr zu. Aber &ndash; unterbricht er sich &ndash; das wollen Sie bestimmt alles gar nicht h&ouml;ren. Er ist ja wegen der Schulden gekommen. Falsch sagen wir. Von den Schulden wollen wir gar nichts h&ouml;ren. Genau das ist das Thema, um das es geht. &Uuml;ber die Schulden braucht sich keiner mehr Gedanken zu machen, wenn er keinen Verdienst mehr hat. &Uuml;ber die Kinder erhalten wir Zugang zu ihm. Diese geben ihm Kraft &ndash; f&uuml;r die Kinder lohnt es sich zu leben &ndash; und auch zu arbeiten. <\/p><p>Ein sehr wichtiger und gro&szlig;er Themenkomplex ist der nach Trennung f&auml;llig werdende Unterhalt f&uuml;r die Kinder. Mit unserer Arbeit k&ouml;nnen wir das Jugendamt an dieser Stelle entlasten. Eine Vermittlung an einen Familienfachanwalt scheint geraten. <\/p><p>Auch eine drohende Obdachlosigkeit kann durch unsere Arbeit evtl. vermieden werden. Dadurch wird der Stadt die gesetzlich verankerte Unterbringung erspart. <\/p><p>Dies ist eine f&uuml;r uns typische Situation. Wenn jetzt nichts passiert verst&auml;rkt sich die existenzielle Krise, die die Energieversorgung, die Wohnung und oft auch Arbeit, Gesundheit und famili&auml;ren Zusammenhalt gef&auml;hrdet. Aus diesem Grund sprechen Fachleute auch von existenzsichernden Ma&szlig;nahmen, die oft ergriffen werden m&uuml;ssen, wenn &uuml;berschuldete Personen oder Familien sich in einer Schuldnerberatungsstelle melden.<\/p><p>Der Kreis zu den Schulden ist geschlossen. Das Jugendamt hat geschrieben. Sie wollen dass er 750,00 &euro; monatlich Kindsunterhalt bezahlt. 3 Monate w&auml;re er schon im R&uuml;ckstand. Die getrennt lebende Ehefrau hat Sozialhilfe beantragt. Gestritten hat er mit dem Jugendamt auch schon. Jetzt ist er den Tr&auml;nen nahe. Er kann doch nicht das Haus abzahlen und noch den vielen Unterhalt. Er muss fast 50 Kilometer zur Arbeit zur&uuml;cklegen und irgendwas zum Leben muss er auch haben. Ganz zu Schweigen von den sonstigen Kosten wie Strom, Telefon, Versicherungen etc. <\/p><p>Irgendwann wurden dann die regelm&auml;&szlig;igen Lastschrifteinz&uuml;ge f&uuml;r Hausfinanzierung und Raten von der Hausbank nicht mehr gezahlt. Insgesamt sind ca. 260.000,00 &euro; an Schulden aufgelaufen, die sich auf 8 Gl&auml;ubiger verteilen. Der Verkaufswert des Hauses ist in der Zwischenzeit merklich gesunken und deckt gerade mal 50 % der Schulden ab. Die Zwangsversteigerung ist durch die Gl&auml;ubiger bereits eingeleitet. Wie hoch der tats&auml;chliche Erl&ouml;s wird ist v&ouml;llig offen. <\/p><p>Die Zeit harter Entscheidungen ist angebrochen. Wirtschaftlich reicht das Geld nicht aus, um den Kindsunterhalt, die Raten f&uuml;r das Haus und auch noch den eigenen Lebensunterhalt zu besorgen. Wir haben gemeinsamen einen monatlichen Haushaltsplan erstellt. Es ist eine Zeit der Trennung gekommen. Trennung von der Familie und irgendwann auch vom eigenen Haus. Diese Erkenntnis nimmt er aus diesem Termin mit. <\/p><p>Es geht voran. Er hat wieder Mut gesch&ouml;pft. Er will auch weiterarbeiten &ndash; um den Unterhalt f&uuml;r die Kinder zu besorgen. Das ist wichtig. Die Kinder k&ouml;nnen nichts daf&uuml;r und leiden am meisten. Der Mann geht mit klaren Zielsetzungen hinaus. Mit dem Jugendamt setzt er sich selbst in Verbindung &ndash; erkl&auml;rt er stolz. Ob man wieder Zeit h&auml;tte, wenn noch Probleme auftauchen? Jederzeit antworten wir. Wir erwarten noch einige Termine bis die Probleme weitgehend gel&ouml;st sind. <\/p><p>Es ist erfreulich, dass der Mann so weit stabilisiert ist, dass er wieder Lebensmut fasst, weiterarbeitet und seinen Regelunterhalt f&uuml;r die Kinder bezahlt. Das Jugendamt muss ihm nicht hinterherlaufen, keinen Vorschuss leisten und die Sozialkassen sind auch entlastet.<br>\nJetzt ist schon fast Mittag. Dann wird der Posteingang gesichtet und die schriftliche Kontaktaufnahme zu Gl&auml;ubigern und Schuldnern geordnet und vorbereitet.<\/p><p>Der Nachmittag beginnt wie der Vormittag endet. Mit einem weiteren Gespr&auml;ch. <\/p><p>Herr M. kommt zu uns. Herr M. ist Rentner und lebt im Betreuten Wohnen. Er hat nur eine geringe Rente und dennoch hat ihm eine der gro&szlig;en Banken einen Kredit gegeben. 400 &euro; monatlich soll er f&uuml;r die 20.000 &euro; Kreditsumme bezahlen. Das Girokonto hat er bei der gleichen Bank. Das ist auch &uuml;berzogen mit ca. 3.000 &euro;. Er hat v&ouml;llig den &Uuml;berblick verloren. Mit ihm kommt jeweils die zust&auml;ndige Sozialarbeiterin des Betreuten Wohnens mit. Herr M. hat keine Familie mehr, die sich um ihn k&uuml;mmern k&ouml;nnte. Zum Gl&uuml;ck hat er einen der wenigen Pl&auml;tze im Betreuten Wohnen bekommen. <\/p><p>Man  fragt sich an der Stelle, wie so etwas m&ouml;glich ist. Ein Mensch in diesem Alter mit einer geringen monatlichen Rente. Die mitgekommene Sozialarbeiterin &uuml;berlegt, ob die Bank so etwas darf. Von moralischer Verpflichtung ist die Rede. <\/p><p>Herr M. hatte die finanziellen Verpflichtungen, die damit verbunden sind, nie richtig verstanden. Er hat einfach immer das unterschrieben, was ihm seitens der Bankangestellten vorgelegt wurde. Bereits 3 Mal ist sein Girokonto &bdquo;umgeschuldet&ldquo; worden. Damit verbunden war jedes Mal die komplette Aufl&ouml;sung des Kredites &ndash; samt Vorf&auml;lligkeitsentsch&auml;digung. Auch die uns&auml;gliche Kreditversicherung wurde jedes Mal gek&uuml;ndigt und wieder neu abgeschlossen. Der Kreis der &Uuml;berschuldung ist geschlossen und ohne Hilfe kann er sich daraus jetzt nicht mehr l&ouml;sen.<\/p><p>Dies ist bereits unser 5. Termin. Herr M. ist sehr &auml;ngstlich. Wir haben gemeinsam mit ihm ausgerechnet, dass sein Geld f&uuml;r die monatliche Kredit-Rate, die &Uuml;berziehungszinsen, die Miete, den Strom, das Telefon und auch noch f&uuml;r Essen einfach nicht reichen wird. Er muss &ndash; um seine Existenz und auch den Platz im Betreuten Wohnen zu sichern &ndash; Priorit&auml;ten setzen. Die kontof&uuml;hrende Bank wird immer zuerst den Kredit und die eigenen Zinsen abbuchen. Da kommt es schon vor, dass einmal eine Miete oder der Strom nicht &uuml;berwiesen wird. Es gab auch schon Monate, in denen er gar kein Geld f&uuml;r die Haushaltsf&uuml;hrung zur Verf&uuml;gung hatte &ndash; erz&auml;hlt er. <\/p><p>Der weitere Weg wird f&uuml;r Herrn M. nicht einfach. Er muss daf&uuml;r sorgen, wieder &uuml;ber sein Geld zu verf&uuml;gen. Der Hinweis an die Bank, dass nach dem SGB I eine Verrechnung von Sozialleistungen nicht m&ouml;glich ist, verbunden mit der Bitte um komplette Auszahlung der Rente, bringt den Stein ins Rollen.<\/p><p><strong>Anlage:<\/strong><\/p><p><strong>Ziele der Schuldner- und Insolvenzberatung<\/strong><\/p><p>Wir leisten professionelle Schuldner- und Insolvenzberatung &uuml;berwiegend unter der theoretischen Grundlage der Einzelfallhilfe oder der systemischen Beratung. Da die Ursachen der &Uuml;berschuldung vielschichtig sind, wird eine individuelle L&ouml;sung gesucht, die sich an den besonderen Zusammenh&auml;ngen des Einzelfalles orientiert. Grunds&auml;tzlich ist die Arbeit an den Ressourcen des Kunden ausgerichtet. <\/p><p>Der Beratungsprozess deckt gezielt die Ursachen der &Uuml;berschuldung auf und erm&ouml;glicht dem Kunden Selbstexploration. Die &bdquo;Hilfe zur Selbsthilfe&ldquo; steht im Vordergrund. Prim&auml;r soll ein weiteres Absinken der wirtschaftlichen Leistungsf&auml;higkeit des Ratsuchenden vermieden werden. Durch psychosoziale Intervention zur Krisenbew&auml;ltigung werden Ressourcen freigesetzt und andere Leistungstr&auml;ger werden entlastet. Der Bezug von Sozialhilfe\/Arbeitslosengeld II wird abgebaut oder ihm wird vorgebeugt, die Arbeitsf&auml;higkeit wieder hergestellt. Die Motivation zur eigenen Handlungsf&auml;higkeit wird gesteigert. Der Ratsuchende beginnt seine Krise zu bew&auml;ltigen und sich in den Kreislauf der Gesellschaft wieder zu integrieren. Viele Ratsuchende berichten uns beim Eintritt in die Beratung von der Sinnlosigkeit, einer Bet&auml;tigung nachzugehen und werden durch uns zur Arbeitsaufnahme motiviert und begleitet.<\/p><p>Durch Vernetzung mit anderen Fachdiensten und Beh&ouml;rden werden Wege verk&uuml;rzt und Gelder gespart. Der Unterhaltsverpflichtete wird durch uns &uuml;ber die vorliegenden Verh&auml;ltnisse aufgekl&auml;rt. Der Vorrang der Unterhaltspflicht wird in den Haushaltsplan eingebaut. Die Beh&ouml;rde muss unter Umst&auml;nden keinen Unterhaltsvorschuss leisten. Die Mitarbeiter werden entlastet, da der Unterhaltsverpflichtete die Vorg&auml;nge akzeptiert. Gleicherma&szlig;en verfahren wir mit Beziehern von Leistungen nach dem SGB II oder &Auml;hnlichem. <\/p><p><strong><em>Fachliche Qualifikation der Beratung<\/em><\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>Beratungskonzept<\/strong>\n<p>Die Kontaktaufnahme mit dem Ratsuchenden steht am Beginn der Beratungst&auml;tigkeit. Dies geschieht durch ein ausf&uuml;hrliches Erstgespr&auml;ch. <\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>Dort wird festgelegt, ob existenzsichernde Ma&szlig;nahmen oder Krisenintervention eingeleitet werden m&uuml;ssen.Die existenzsichernden Ma&szlig;nahmen betreffen existentiell wichtige Lebensbereiche wie\n<ul>\n<li>Wohnung<\/li>\n<li>Energie<\/li>\n<li>Arbeitsplatz<\/li>\n<li>Mobilit&auml;t<\/li>\n<li>Lebensunterhalt<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ist einer der Bereiche betroffen, wird eine sofortige schriftliche, telefonische oder pers&ouml;nliche Intervention gepr&uuml;ft und gegebenenfalls eingeleitet, sowie mit dem Betroffenen an der notwendigen psychosozialen Stabilisierung gearbeitet. Die Krisenintervention tr&auml;gt zur Konfliktbew&auml;ltigung bei und hilft Gef&auml;hrdungen von Familiensystemen, deren Mitgliedern oder Einzelpersonen zu vermeiden. Belastungen werden gemindert. Durch Vernetzung wird gegebenenfalls an andere Fachdienste vermittelt.\n<\/p><\/li>\n<li>Nach der &Uuml;berpr&uuml;fung der existenzsichernden Ma&szlig;nahmen bzw. einer Krisenintervention erfolgt der analytische Teil in Form eines umfangreichen Beratungsgespr&auml;ches. Die Problemlage wird definiert und es  wird festgelegt, ob der Kunde durch Kurzberatungen soweit gest&auml;rkt werden kann, dass er die Problemlage nach der Beratung selbst &uuml;berwinden kann, oder ob ein Auftreten der Beratungsstelle nach au&szlig;en n&ouml;tig ist.\n<p>Dies erfolgt entweder in Form einer<\/p>\n<ul>\n<li>Kurzberatung\n<p>Hier wird Information &uuml;ber die Problemlage(n) in Form eines Beratungsgespr&auml;ches vermittelt. Es werden gemeinsam mit dem Kunden Strategien erarbeitet, die die individuelle Problemlage &uuml;berwinden helfen. Es wird in der Regel keine Vollmacht erteilt und die Beratungsstellen werden nach au&szlig;en nicht t&auml;tig. Das Ziel ist eine kurzfristige Beratung, damit der Betroffene nach dem Informationsgewinn selbst&auml;ndig an der Situation weiterarbeiten kann. <\/p>\n<p>Es werden u. a. folgende Beratungsleistungen angeboten<\/p>\n<ul>\n<li>Budget- und Haushaltsberatung<\/li>\n<li>Informationsvermittlung<\/li>\n<li>&Uuml;berpr&uuml;fung und Geltendmachung wirtschaftlicher Ressourcen<\/li>\n<li>Ausarbeitung einer Sanierungsstrategie<\/li>\n<li>Auskunft &uuml;ber das Verbraucherinsolvenzverfahren<\/li>\n<li>Hilfestellung beim Ausf&uuml;llen von Formularen<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>oder als <\/p>\n<ul>\n<li>Fallberatung\n<p>Hier wird eine Akte angelegt, eine Vollmacht ausgef&uuml;llt und durch einen m&uuml;ndlichen Kontrakt festgelegt, welche Inhalte die Beratung hat. Es wird auf einen transparenten Prozess geachtet. Der Ratsuchende soll &uuml;ber unser Angebot genau unterrichtet sein, damit keine Irritationen entstehen. <\/p>\n<p>Unser Auftreten nach au&szlig;en umfasst u.a. folgende Leistungen:<\/p>\n<ul>\n<li>Kontaktaufnahme mit den Gl&auml;ubigern<\/li>\n<li>Verhandlungen und Vereinbarungen mit den Gl&auml;ubigern<\/li>\n<li>Informationseinholung bei den Gl&auml;ubigern<\/li>\n<li>Au&szlig;erordentliche Vertragsk&uuml;ndigungen<\/li>\n<li>Durchf&uuml;hrung des au&szlig;ergerichtlichen Einigungsversuches im Sinne der InsO<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Laufender Beratungsprozess<\/strong>\n<p>Vor allem multiple Problemlagen machen eine Fallberatung n&ouml;tig. Der Grund f&uuml;r das Aufsuchen der Beratungsstelle stellt sich anf&auml;nglich als wirtschaftliche Problemlage dar. Nach mehreren Gespr&auml;chen werden die darunter liegenden psychosozial wirkenden Problemlagen sichtbar.<br>\nOft gehen Arbeitslosigkeit, Trennung vom Partner, psychische Erkrankung, Krankheit oder Einsamkeit einher mit den anf&auml;nglich vom Ratsuchenden geschilderten wirtschaftlichen Schwierigkeiten.<br>\nSchulden k&ouml;nnen auch eine bestimmte Funktion im eigenen System haben. Sie sind nur das Symptom f&uuml;r eine selbstverst&auml;ndlich gewordene Verhaltensweise, die erst auff&auml;llt, wenn bestimmte Mechanismen versagen. <\/p>\n<p>Wir sind der Meinung, dass hier das klassische Feld der Schuldnerberatung liegt. Sozialp&auml;dagogische Ma&szlig;nahmen in diesem Bereich gehen weit &uuml;ber das Problemfeld Schulden hinaus. Die Probleme sind &ndash; genau wie die L&ouml;sungsans&auml;tze &ndash; komplex. <\/p>\n<p>Die Einf&uuml;hrung der Verbraucherinsolvenz zum 01.01.1999 hat die Beratungsarbeit ver&auml;ndert. Es ist ein weiteres &ndash; sehr starkes &ndash; Instrument zur Regulierung des finanziellen und Stabilisierung des psychosozialen Bereiches hinzugekommen. Vor allem f&uuml;r gescheiterte Selbstst&auml;ndige, Not leidende Immobilienbesitzer und andere hoch verschuldete Ratsuchende ist die Insolvenz ein starkes Instrument, um au&szlig;ergerichtliche Einigungen zu erzielen &ndash; oder falls keine Einigung zustande kommt &ndash; einen Antrag zu stellen, damit eine gerichtliche Regelung erfolgt. Oft liegt in der Insolvenzerkl&auml;rung die einzige M&ouml;glichkeit, dauerhaft regulierend und stabilisierend einzugreifen. <\/p>\n<p>Durch die erste InsO-&Auml;nderung im Herbst 2001 ist mit der Verfahrenskostenstundung auch ein Weg f&uuml;r v&ouml;llig mittellose &Uuml;berschuldete zum Verbraucherinsolvenzverfahren erm&ouml;glicht worden. <\/p>\n<p>Das vereinfachte Insolvenzverfahren sichert dem Antragsteller <\/p>\n<ul>\n<li>gerichtliche Schuldenregulierung<\/li>\n<li>bei akuter oder drohender Zahlungsunf&auml;higkeit<\/li>\n<li>nach erfolglosem au&szlig;ergerichtlichen Einigungsversuch<\/li>\n<li>auf Antrag<\/li>\n<li>bei Wohlverhalten<\/li>\n<li>nach Einsetzung des pf&auml;ndbaren und verwertbaren Verm&ouml;gens <\/li>\n<li>innerhalb von 6 Jahren nach Er&ouml;ffnung<\/li>\n<li>Restschuldbefreiung zu.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dies ist unabh&auml;ngig von der  H&ouml;he der Schulden und der Anzahl der Gl&auml;ubiger. Es gibt dar&uuml;ber hinaus eine Vielzahl von weiteren Regelungen, die dem normalen B&uuml;rger die Antragstellung ohne fachkundige Hilfe unm&ouml;glich machen. Folgende Leistungen werden durch unsere Insolvenzberatung erbracht:<\/p>\n<ul>\n<li>aufkl&auml;rende Gespr&auml;che, ob eine Verfahrenser&ouml;ffnung wirtschaftlich und psychosozial sinnvoll ist<\/li>\n<li>Kl&auml;rung, ob ein Verbraucher- oder Regelinsolvenzantrag gestellt werden muss<\/li>\n<li>Hilfe bei der Feststellung der Gl&auml;ubiger und der Schuldh&ouml;he<\/li>\n<li>Hilfe bei der Durchf&uuml;hrung des au&szlig;ergerichtlichen Einigungsversuches<\/li>\n<li>Erteilung der Bescheinigung nach Anlage 2 des Antrages auf Er&ouml;ffnung des Insolvenzverfahrens<\/li>\n<li>Hilfe beim Ausf&uuml;llen der Formulare<\/li>\n<li>Hilfe bei der Beibringung der notwendigen Unterlagen und Angaben<\/li>\n<li>Begleitung zu Gerichtsterminen<\/li>\n<li>Hilfestellung bei Problemen nach der Verfahrenser&ouml;ffnung<\/li>\n<\/ul>\n<p>Seit der Einf&uuml;hrung des Verbraucherinsolvenzverfahrens bef&uuml;rchten wir aber auch zunehmend eine Entwicklung der Schuldner- und Insolvenzberatung hin zur reinen finanztechnischen Beratung. <\/p>\n<p>Den Menschen und Familiensystemen, bei denen multiple Problemlagen vorliegen, wird diese Beratungsmethodik nicht gerecht. Da die materielle Krise sich mit der psychosozialen Krise verzahnt, kann die Vielschichtigkeit der Probleme erst nach intensiven Beratungsgespr&auml;chen erkannt werden. Die Ratsuchenden sind mit der Regelung ihrer finanziellen Angelegenheiten grunds&auml;tzlich &uuml;berfordert und ihre psychische Verfassung ist labil. Sie bed&uuml;rfen einer umfassenden Hilfe und manchmal muss eine Therapie empfohlen werden.<\/p>\n<p>Eine Schwierigkeit besteht durch den ungen&uuml;genden Zeitrahmen in der Schuldner- und Insolvenzberatung. Finanzielle Schwierigkeiten sind sehr real und auf den ersten Blick das Problemfeld. Es handelt sich bei Schulden um einen klar definierten Bereich, w&auml;hrend die restlichen Problemlagen unklar, nebul&ouml;s und schwer greifbar sind. Ziel der Beratung ist u.a. eine Verhaltensmodifikation der Ratsuchenden. Zusammen mit dem Kunden werden die Verhaltensmuster und Lebensumst&auml;nde transparent gemacht, die dem Aufsuchen unserer Beratungsstellen vorgelagert sind.  Eine reine Regelung der finanziellen Angelegenheiten ist in vielen F&auml;llen nicht ausreichend und wird den multiplen Problemlagen nicht gerecht, da nur eine oberfl&auml;chliche Regulierung erwirkt wird und keine dauerhafte Verhaltens&auml;nderung. <\/p>\n<p>Wir m&ouml;chten an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass wir u.a. von Ratsuchenden frequentiert werden, die von unseri&ouml;sen Kreditvermittlungen und Schuldenregulierern aus dem gewerblichen Bereich durch verlockende Angebote und Versprechungen finanziell ausgenutzt werden. Diese Gesch&auml;ftsleute nutzen die finanzielle und psychische Notlage der Betroffenen skrupellos aus und versuchen Gesch&auml;fte mit der Armut zu betreiben. Es ist wichtig, dass sowohl die Schuldnerberatung als auch die Insolvenzberatung durch professionelle &ndash; finanzielle und sozialp&auml;dagogische &ndash; Beratungsarbeit seri&ouml;s und kostenlos f&uuml;r die Ratsuchenden erfolgt. <\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schulden sind heute f&uuml;r viele Menschen und Familien ein zentrales Problem. Schuldnerberatung ist eine wichtige soziale Aufgabe. Viele NDS-Leser kennen sie nur vom H&ouml;rensagen. Deshalb habe ich den Schuldnerberater der AWO Roth-Schwabach, Wolfgang Hunner, den ich anl&auml;sslich eines Seminars traf, gebeten, aufzuschreiben, wie ein normaler Vormittag bei ihm aussieht. Hier ist sein Bericht, erg&auml;nzt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3585\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[132,150],"tags":[],"class_list":["post-3585","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-verbraucherschutz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3585","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3585"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3585\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28305,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3585\/revisions\/28305"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3585"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3585"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3585"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}