{"id":35911,"date":"2016-11-21T12:28:07","date_gmt":"2016-11-21T11:28:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35911"},"modified":"2016-11-21T13:35:51","modified_gmt":"2016-11-21T12:35:51","slug":"politikwissenschaftler-muenkler-grosse-teile-des-volkes-sind-dumm-christoph-sieber-sagt-das-richtige-zu-dieser-arroganz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35911","title":{"rendered":"Politikwissenschaftler M\u00fcnkler: &#8220;Gro\u00dfe Teile des Volkes sind dumm&#8221;. Christoph Sieber sagt das Richtige zu dieser Arroganz."},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/autor_mueller-1.jpg\" alt=\"Albrecht M&uuml;ller\" title=\"Albrecht M&uuml;ller\"><\/div><p>Deutschlandradio Kultur brachte am 19. November <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/politikwissenschaftler-herfried-muenkler-grosse-teile-des.990.de.html?dram:article_id=371845\">ein langes Gespr&auml;ch<\/a> mit dem Berliner Politikwissenschaftler Herfried M&uuml;nkler. Die arrogante Einlassung passt zu M&uuml;nkler. Er ist einer der gro&szlig;en Nachplapperer und dennoch davon &uuml;berzeugt, die Eliten w&uuml;rden sich vorteilhaft vom Volk abheben und k&ouml;nnten diesem Wissen vermitteln. Ein kluger Politikwissenschaftler k&ouml;nnte heute beobachten, dass die Eliten, &auml;hnlich wie M&uuml;nkler selbst, genauso Opfer der g&auml;ngigen Manipulation geworden sind wie die weniger gut ausgebildeten Menschen. Christoph Sieber, der kritische Beobachter des Zeitgeschehens, hat sich nicht speziell zu M&uuml;nkler ge&auml;u&szlig;ert. Aber <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/christophsieber.kabarettist\/videos\/1327999423877028\/\">sein St&uuml;ck passt<\/a> bestens als Antwort auf den Professor aus Berlin. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der Text des Interviews von M&uuml;nkler ist unten als Anlage wiedergegeben. Dort sind Passagen mit Ziffern in Klammern versehen, die als Belege seiner Irrungen und Wirrungen passen:<\/strong><\/p><ol>\n<li>M&uuml;nkler w&auml;rmt die in seinen Kreisen offensichtlich beliebte These auf, Angela Merkel und die CDU seien nach links ger&uuml;ckt, sozialdemokratisiert, wie es &uuml;blicherweise hei&szlig;t. Das ist ein Phantom bzw. eine agitatorische Formel, die uns jene einreden wollen, die verhindern wollen, dass der neoliberale Rechtsruck aufgerollt wird.<\/li>\n<li>M&uuml;nkler gebraucht die jetzt g&auml;ngigen Allerweltsbegriffe &bdquo;Populismus&ldquo;, &bdquo;Rechtspopulisten&ldquo;, &bdquo;Linkspopulisten&ldquo;. Das zeigt, dass er zu einer kritischen Reflexion nicht willens und nicht f&auml;hig ist. Andernfalls h&auml;tte er gemerkt, dass diese Begriffe heute verwandt werden, um sich selbst zu erheben und andere zu diffamieren. Diese Gewohnheit geht &uuml;brigens weit in Bereiche hinein, die man sonst gerne dem kritischen Teil der Zeitbeobachter zugeordnet h&auml;tte.<\/li>\n<li>Wer auch nur andeutungsweise mitbekommen hat, dass die Eliten genauso wie das sogenannte Volk Opfer der Agitation geworden sind, zum Beispiel zum demographischen Wandel, dass sie Opfer des neuen Feindbildaufbaus Russland geworden sind, dass sie schlimmer als das Volk geglaubt haben, es gehe uns allen gut, dass sie genauso der Propaganda zum Sparen, zur Schuldenbremse usw. erlegen sind wie die weniger gut ausgebildeten Menschen. Die Arroganz des Professors ist unangebracht. Und die Hoffnung, dass diese hoch manipulierten Eliten geeignet w&auml;ren, das Volk zu erziehen, ist schlicht eitel.<\/li>\n<li>M&uuml;nkler glaubt an die Weisheit der Demoskopen und ihre Bedeutung f&uuml;r politische Entscheidungen.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Christoph Sieber hat seinen Zornesausbruch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/christophsieber.kabarettist\/videos\/1327999423877028\/\">Warum ich froh bin, dass Donald Trump gew&auml;hlt wurde<\/a>&ldquo; an der Bild am Sonntag aufgeh&auml;ngt.<\/strong><\/p><p>Er bezichtigt BILD des billigsten Populismus und macht unter anderem dieses Medium verantwortlich daf&uuml;r, dass es so viele Idioten, Nazis oder Dumme gibt. Wir sind eine gespaltene Gesellschaft, in Oben und Unten. Die Daunten haben gemerkt, dass sie die Verlierer sind. Ihnen m&uuml;ssen wir eine Perspektive bieten usw. <\/p><p>Sieber anzuh&ouml;ren lohnt sich, wenn einem M&uuml;nkler nicht allzu schwer im Magen liegen soll. An seinem St&uuml;ck wird wie bei manchem anderen Kabarettisten sichtbar, dass die eigentlichen kritischen Zeitbeobachter und damit die eigentlichen Politik-Wissenschaftler unserer Zeit in diese Kabaretts gefl&uuml;chtet sind.<\/p><p><strong>Anlage:<\/strong><\/p><p>Deutschlandradio Kultur<\/p><p><strong><a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/tacheles.989.de.html\">Tacheles<\/a> | Beitrag vom 19.11.2016<\/strong><\/p><p><strong>Politikwissenschaftler Herfried M&uuml;nkler<\/strong><\/p><p><strong>&ldquo;Gro&szlig;e Teile des Volkes sind dumm&rdquo;<\/strong><\/p><p><strong>Moderation: Susanne F&uuml;hrer<\/strong><\/p><p>Wenn Herfried M&uuml;nkler ein Defizit anprangert, geh&ouml;rt f&uuml;r ihn gleichzeitig eine L&ouml;sungsempfehlung dazu: Einigen Teilen des Volkes fehle ein bestimmtes Wissen &uuml;ber politische Prozesse, sagt er. Darum m&uuml;ssten die Eliten daf&uuml;r sorgen, mit ihrem Wissen diese Gruppe zu unterst&uuml;tzen, so der Publizist.<\/p><p>Nicht zuf&auml;llig geh&ouml;rte die rechtsnationale Politikerin Marine Le Pen zu den ersten, die Donald Trump zu seinem Sieg bei der Pr&auml;sidentschaftswahl in den USA gratulierten. Weltweit scheint der Populismus auf der Erfolgsspur. L&auml;sst sich daraus auf ein Versagen der bisherigen Eliten schlie&szlig;en? Nicht automatisch, meint der Politikwissenschaftler Herfried M&uuml;nkler.<\/p><p>Man m&uuml;sse anerkennen, dass es gro&szlig;e Teile des Volkes gebe, &ldquo;die sind nicht besonders informiert, geben sich auch keine M&uuml;he, glauben aber daf&uuml;r umso besser genau zu wissen, was der Fall ist. Also: sie sind dumm.&rdquo; Das hei&szlig;e aber nicht, dass man sie nicht kl&uuml;ger machen k&ouml;nne. Und das sei die Aufgabe der Eliten. (3)<\/p><p><strong>Das Interview im Wortlaut:<\/strong><\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Der Wahlsieg Donald Trumps in den USA besch&auml;ftigt weiterhin viele Menschen, auch im Hinblick auf die Frage, was das f&uuml;r uns in Europa bedeuten mag. Am Anfang der Wahlnachlese stand ja doch so ein bisschen die W&auml;hlerbeschimpfung im Vordergrund, die ist jetzt abgel&ouml;st worden von Kritik, auch von Selbstkritik, an den Eliten. Ich sage mal Eliten, wahlweise k&ouml;nnte man auch sagen am sogenannten Establishment oder am Mainstream, also Kritik an den machthabenden Institutionen und an den Menschen, die in diesen Institutionen arbeiten, zum Beispiel Kritik an den amtierenden Regierungen, den etablierten Parteien, der Wissenschaft oder auch den Medien.<\/p><p>Zu Gast in Tacheles ist heute ein Mitglied dieser Elite, einer der f&uuml;hrenden Vertreter seines Fachs, n&auml;mlich der Politikwissenschaftler Herfried M&uuml;nkler.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Hallo.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Sch&ouml;nen guten Tag, Herr Prof. M&uuml;nkler.<\/p><p>Der bayerische Ministerpr&auml;sident Horst Seehofer hat nach der Trump-Wahl geschrieben, ich zitiere: &ldquo;Wir als politische Verantwortungseliten sollten aufh&ouml;ren, die Bev&ouml;lkerung zu kritisieren.&rdquo; Und er meint: Stattdessen sollten sie eben eher die Probleme der Eliten selbst in den Blick nehmen.<\/p><p>Was mich zu der Frage f&uuml;hrt, ob man aus der Tatsache, dass Politiker wie Donald Trump oder auch Marine Le Pen Erfolg haben, also, dass Populisten Erfolg haben, schlie&szlig;en kann, dass automatisch die Eliten versagt haben.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Nein, das kann man nicht schlie&szlig;en. Dann m&uuml;sste man gewisserma&szlig;en sich zun&auml;chst noch einmal anschauen, welche Alternativen hatten sie, wo haben sie etwas falsch gemacht: Und inwieweit kann man das im Nachhinein, wenn man sehr viel mehr Zeit und sehr viel mehr Wissen hat und es immer leicht f&auml;llt, alles besser zu wissen, inwieweit kann man im Nachhinein zeigen, welche Entscheidung von ihnen falsch gewesen ist?<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Wer jetzt &ldquo;ihnen&rdquo;?<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Also, der Eliten. Das m&uuml;sste man ihnen ja vor Augen f&uuml;hren.<\/p><p>Es gibt auch Situationen, in denen Alternativen gar nicht gegeben sind. Also, vielleicht war Frau Clinton die falsche Kandidatin gegen Trump. Gut, man kann sagen, der Umstand, dass Bernie Sanders als Gegenkandidat von Frau Clinton ihr so zu schaffen gemacht hat, war eigentlich ein Hinweis darauf, dass es eine sehr grundlegende Anti-Establishment-Stimmung in der amerikanischen Bev&ouml;lkerung gibt, denn Sanders war ja auch ein Vertreter des Anti-Establishment, und dass man m&ouml;glicherweise, wenn man jemanden gegen den Republikaner oder den Pseudo-Republikaner Trump stellt, der so sehr mit dem Establishment verbunden ist, einen Fehler macht.<\/p><p>Aber das wissen wir alles im Nachhinein sehr viel genauer als man das im Gefecht selber wei&szlig;. Insofern m&ouml;chte ich jetzt auch f&uuml;r mich reklamieren, dass ich gewisserma&szlig;en der Wissenschaftler bin, der, &ldquo;wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden ist, sein Grau in Grau malt&rdquo;, und nicht der Besserwisser, der im Fr&uuml;hjahr oder Sommer dieses Jahres alles schon gewusst hat.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Aber das zeigt dann ja doch wiederum ein Versagen, zumindest dann der Elite der demokratischen Partei an, wenn Sie sagen: man kann sich fragen, war Hillary Clinton die richtige Kandidatin? Mir geht&rsquo;s nur darum, dass man sagt, wir lassen jetzt mal die W&auml;hlerbeschimpfung bleiben. Weil, man kann ja auch sagen, die Leute sind einfach dumm und die rennen den Populisten hinterher &hellip;<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Das sind die ja vermutlich auch. (2), (3)<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> &hellip; und die sind w&uuml;tend &hellip;<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Aber das hilft ja nichts. Also, man kann das den Leuten sagen, aber dadurch macht man sie nicht kl&uuml;ger. Und man macht Menschen, die in diesem Sinne auch vielleicht b&ouml;sartig sind, dadurch nicht gutartig, dass man sie beschimpft. Das bringt also nicht sehr viel. Das ist vielleicht eine Feststellung. Das ist eine strategische Disposition. Niccol&ograve; Machiavelli, mit dem ich mich mal sehr intensiv besch&auml;ftigt habe, sagt: Na ja, der P&ouml;bel folgt sowieso immer nur dem Schein. &ndash; Das kann man jetzt auch best&auml;tigt finden. (3)<\/p><p>Aber f&uuml;r Machiavelli ist das jetzt nicht etwas, woraus er schlussfolgert, wir m&uuml;ssen den P&ouml;bel verachten, sondern wir m&uuml;ssen deswegen eine kluge Politik machen, dass der Schein nicht gegen uns spielt, sondern f&uuml;r uns spielt. Letzten Endes ist das die Herausforderung f&uuml;r politische Eliten.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Sie haben ja gerade so ungeniert gesagt, Herr M&uuml;nkler, ja, die W&auml;hler sind ja wahrscheinlich auch dumm. Das kann nat&uuml;rlich kein Politiker &ouml;ffentlich sagen. Und von unseren, also den deutschen Politikern, hat man ja gerade in der letzten Zeit, also seit den Wahlerfolgen der AfD vor allem, immer wieder diesen Satz geh&ouml;rt: Man m&uuml;sse die Sorgen der B&uuml;rger ernst nehmen. Was ja eine kuriose Aussage ist, weil man eigentlich erstmal erwarten w&uuml;rde, dass das ohnehin passiert.<\/p><p>Aber jetzt in diesem Zusammenhang ja noch kurioser, weil ich mich dann frage: Was hei&szlig;t das: &ldquo;ernst nehmen&rdquo;? Also, die politische Atmosph&auml;re ist ja so aufgeheizt, und wenn jetzt jemand sagt, Ausl&auml;nder sind alle Pack und Dreck und geh&ouml;ren abgeschoben oder Homosexuelle geh&ouml;ren in den Knast, wie soll ich das ernst nehmen?<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Ja, Sie haben das ja schon im Kern beschrieben. Selbstverst&auml;ndlich ist Politik Tag und Nacht damit besch&auml;ftigt, die sogenannten Sorgen und N&ouml;te der B&uuml;rger ernst zu nehmen. Daf&uuml;r haben sie die Demoskopen, die tagein, tagaus bei der Politik vorsprechen und denen das erl&auml;utern und Grundstimmungen darlegen usw. (4)<\/p><p>Und wenn Politiker sagen, sie w&ouml;llten hinfort oder sie sollten die Sorgen der B&uuml;rger ernst nehmen, dann hat das so eine performative Bedeutung. Das soll gewisserma&szlig;en ein bisschen schulterklopfend auf diejenigen zugehen, die das Gef&uuml;hl haben, sie seien abgeh&auml;ngt, sie w&uuml;rden nicht beachtet. Es hat so eine gewisse Hinwendung, ein Herunterbeugen, fast ein Streicheln, hat vermutlich die Funktion &ndash; jedenfalls bei Horst Seehofer w&uuml;rde ich das mal so vermuten &ndash; etwas populistisches Wasser (2) in den eigenen Elitenwein hineinzugie&szlig;en, damit man nicht so elit&auml;r aussieht.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Umgekehrt ist ja das Problem, wenn man sagt, mit diesen lohnt es sich gar nicht zu diskutieren &ndash; man denke an die Ereignisse in Dresden am 3. Oktober -, dann best&auml;tigt man ja auch wieder dieses Vorurteil: Na ja, die h&ouml;ren ja sowieso nicht zu.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Ja, ich meine, das ist eine lange Diskussion der Parteiendemokratie. Und in der Interpretation des Grundgesetzes und teilweise im Grundgesetz selber ist ja auch der Gedanke, dass die Parteien an der Willensbildung des Volkes mitwirken. Das muss man vermutlich schon so verstehen, dass sie auch eine gewisse F&uuml;hrungs- und Leitungsaufgabe haben, Willen zu b&uuml;ndeln, Informationen zu verteilen, letzten Endes auch Bev&ouml;lkerung zu erziehen.<\/p><p>Das sage ich so ganz bewusst, denn in der Geschichte Deutschlands ist es ja so, dass dieses Land mal sich &uuml;ber zw&ouml;lf Jahre sehr tief nicht nur in Dreck und Niederlage, sondern auch in Schuld und Verbrechen hinein man&ouml;vriert hat und dass es in dieser Situation keineswegs das Volk gewesen ist, die da revoltiert haben und ihrem Herrn an der Spitze die Gefolgschaft verweigert haben, sondern es waren relativ kleine Teile der Eliten, die versucht haben, in Form eines Staatsstreiches und eines Putsches diese Gruppierung loszuwerden. Das ist im Prinzip etwas, was in die DNA eines politisch bewussten Bundesb&uuml;rgers Eingang gefunden hat oder haben sollte.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Aber Sie haben zu Recht gesagt, ein relativ kleiner Teil der Eliten, also nicht, dass es so ankommt, die Eliten h&auml;tten Hitler bek&auml;mpft und das Volk h&auml;tte ihm zugejubelt.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Nein, nein, sicherlich nicht, sondern man kann sagen, Hitler schmiedete ein B&uuml;ndnis mit den Eliten. Teilweise ist das schon im Vorfeld seiner Ernennung zum Reichskanzler der Fall. Definitiv ist das der R&ouml;hm-Putsch. Und das Ende dieses B&uuml;ndnisses ist das Attentat. Von nun an ist Hitler gegen&uuml;ber diesem Typ von Eliten, den preu&szlig;ischen Eliten und sicher auch allen, die einen Adelstitel tragen, zutiefst skeptisch und l&auml;sst ja auch einen nicht unerheblichen Teil von ihnen in Pl&ouml;tzensee und Moabit hinrichten.<\/p><p>Das sind also zehn Jahre, in denen er ein sehr enges B&uuml;ndnis mit ihnen gehabt hat. Das gilt im &Uuml;brigen so &auml;hnlich f&uuml;r Mussolini. Hei&szlig;t: Man kann eigentlich gar keine Politik machen, wenn man nicht in einem B&uuml;ndnis mit bestimmten Eliten steht, weil man sozusagen aus dem Stand heraus so gar nicht wei&szlig;, wie Apparate funktionieren.<\/p><p>Ohne jetzt diesen Vergleich zu eng machen zu wollen, gilt das nat&uuml;rlich auch f&uuml;r alle populistischen Politiker, die an die Macht kommen, gilt auch f&uuml;r Trump, der sozusagen einen Anti-Establishment-Kurs, eine Darstellung, eine Rhetorik fahren kann. Aber um den Apparat am Laufen zu halten, braucht er nat&uuml;rlich diese administrativen Eliten und milit&auml;rischen Eliten, die diplomatischen Eliten. Ohne die kommt er nicht durch. Mit den kulturellen Eliten vielleicht ist das nicht so zwingend. Das sind ja auch eher Deutungs- und Kritikeliten. Gegen die kann man durchaus Politik machen. Aber um das operative Gesch&auml;ft zu bew&auml;ltigen, kann man nicht sagen, ich habe hier&nbsp; ein paar Freunde mitgebracht und ich &uuml;bernehme jetzt diesen Laden.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Sie haben vorhin gesagt, Herr M&uuml;nkler, dass Politiker auch die Aufgabe haben, das Volk zu erziehen. Dann muss ja vielleicht Donald Trump doch seine Erziehungsmethoden &auml;ndern, wenn er ein erfolgreicher Pr&auml;sident sein will.<\/p><p>Ich habe Zahlen noch von vor der Wahl, die habe ich von dem Politologen Jan-Werner M&uuml;ller, der sie aus Umfragen haben wird, dass 84 Prozent von Trumps Anh&auml;ngern in Florida meinen, Hilary Clinton geh&ouml;re ins Gef&auml;ngnis. Und vierzig Prozent meinen, sie sei buchst&auml;blich eine D&auml;monin. &ndash; Da ist doch dann was in den Erziehungsmethoden schief gelaufen.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Zweifellos. Ich meine, ich hatte mich in meinem Beispiel ja auch sehr stark auf Deutschland bezogen, was aufgrund seiner eigenen Geschichte im 20. Jahrhundert diesen Gedanken ja bis ins Grundgesetz hineingeschrieben hat, dass nicht immer Volkes Stimme Gottes Stimme sei. Das ist etwas, was wir so nicht glauben, nicht glauben k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Okay, dann nehme ich mal eine deutsche Zahl. Die bezieht sich jetzt auf die Medien. Ich glaube, ungef&auml;hr vierzig Prozent aller Befragten meinen, dass die Medien in Deutschland von der Bundesregierung gesagt bekommen, was und wor&uuml;ber sie schreiben oder berichten sollen.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Ja, gar keine Frage. Da ist in den letzten Jahrzehnten, muss man, glaube ich, sagen, eine Menge schief gelaufen. Nun ist die Katastrophe des NS mit dem Kriegsende ja auch schon mehr als siebzig Jahre her. Das hei&szlig;t sozusagen, sie verliert an Pr&auml;senz in unserer Wahrnehmung von Strukturen. Man kann freilich sagen, die bundesdeutsche Bev&ouml;lkerung hat im Vergleich mit anderen europ&auml;ischen Bev&ouml;lkerungen eine sehr hohe Populismusresistenz (2) aufgewiesen die ganze Zeit. &bdquo;Aber das h&auml;lt nat&uuml;rlich nicht auf Dauer. Und politische Erziehungs- oder man sagt vielleicht etwas schicker politische Bildungsprozesse m&uuml;ssen auch immer wieder neu aufgelegt und durchgef&uuml;hrt werden. Also, das ist nicht so leicht.<\/p><p>Nehmen wir mal das Beispiel Kompromissbildung. Je mehr einer Bev&ouml;lkerung, einer B&uuml;rgerschaft an Politik partizipieren, desto mehr haben einen Sinn f&uuml;r Kompromisse, wissen das zu sch&auml;tzen. Populismus ist unter anderem auch, das ist keine ersch&ouml;pfende Definition, eine Verachtung gegen&uuml;ber dem Kompromiss. (2) Die Vorstellung, wir sind das Volk, wie das ja auch bei Pegida in Dresden gerufen wird, wir sind das Volk und wir haben im Prinzip die Letztentscheidungsinstanz, egal, wie klug wir sind.<\/p><p>Dem hat das Grundgesetz schon eine Reihe von Riegeln vorgeschoben durch die Unver&auml;nderbarkeit von Teilen der Verfassung, aber auch Zweidrittelmehrheit und letzten Endes das Bundesverfassungsgericht als die Institution, die so manches dann &uuml;berpr&uuml;ft.<\/p><p>Also, wir haben eine sehr starke Vorstellung davon, dass die Willensbildung des Volkes etwas ist, was schwierig ist und woran Politik teilhaben muss und wo sie den Leuten auch erkl&auml;ren muss, was die Probleme von Entscheidungen sind und was m&ouml;gliche Folgen sind.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Sie haben gerade gesagt, Herr M&uuml;nkler, es sei in den vergangenen Jahrzehnten viel schief gelaufen in Deutschland, was man ja vielleicht auch an diesen Umfragewerten zur Presse, auch zur sogenannten L&uuml;genpresse sehen kann oder auch an den guten Umfragewerten eben f&uuml;r die AfD, an den Pegida-Demonstrationen. &ndash; Was ist denn schief gelaufen?<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Vielleicht zwei Dinge, n&auml;mlich erstens: Wir haben in wachsendem Ma&szlig;e Politikvermittlung aus dem Parlament heraus in Talk-Shows verlagert. Das Parlament ist sicherlich auch der Ort kontroverser Diskussionen, aber zugleich der Ort der Bildung von Kompromissen. Das ist in Talk-Shows nicht erforderlich, im Gegenteil. Die Logik der Aufmerksamkeitsb&uuml;ndelung von Talk-Shows ist, dass man im Prinzip eine Pr&auml;mie auf m&ouml;glichst extreme Auffassungen auszahlt, weil die in h&ouml;herem Ma&szlig;e Aufmerksamkeit mobilisieren k&ouml;nnen. Denken wir nur an die eigent&uuml;mliche Frau Illi , die neulich bei Anne Will gewesen ist in ihrer voll verschleierten Form.<\/p><p>Aber warum man sich gut&hellip;<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Was Sie mit dem Parlament gesagt haben, das stimmt ja sozusagen theoriepolitisch, also in der politischen Theorie. In der Praxis sind es ja die Aussch&uuml;sse, in denen die Kompromisse gefunden werden, nicht im Parlament.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Ja, richtig, aber in der Wahrnehmung von Politik. Als ich ein junger Mann war, waren Parlamentsdebatten, in denen nat&uuml;rlich auch solche Streiter wie Strau&szlig; und Wehner noch eine Rolle gespielt haben, eigentlich ein Ort, an dem die politische Kultur stattgefunden hat. Mit der Erfindung der Talk-Shows im Fernsehen ist das ausgewandert. Also, der Bundestag ist doch eine relativ m&uuml;de Veranstaltung.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Das wird aber nicht der einzige Grund sein.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Nein. Ich wollte auch nur sagen, das ist einer, aber es ist eine Pr&auml;mie auf sehr extreme, ausgestellte Positionen und gleichzeitig eine Pr&auml;mie auf das unverantwortliche Gerede, das man da haben kann. Im Parlament hei&szlig;t das, wenn man die Mehrheit hat, muss man gewisserma&szlig;en das, was man gesagt hat, auch hinterher einl&ouml;sen. Jedenfalls ist das der Anspruch. &ndash; Das ist der eine Gesichtspunkt.<\/p><p>Der andere ist: Wir haben nach der Wiedervereinigung viel zu wenig Aufmerksamkeit darauf verwandt, wie in der DDR die Nazizeit verarbeitet worden ist, und haben aus dem Auge verloren, dass die Nationalsozialismus nie gesagt haben, bei denen hie&szlig; das immer Faschismus. Das hei&szlig;t, es ging nur um Kapitalismus, Sozialismus, die Rassenfrage spielte keine Rolle. Und relativ fr&uuml;h hat man sich dort als der Sieger der Geschichte gef&uuml;hlt. Das hei&szlig;t, diese Auseinandersetzung mit eigener Schuld, eigenem T&auml;tertum, die hat dort nicht stattgefunden.<\/p><p>Und das ist f&uuml;r mich mit eine der Erkl&auml;rungen daf&uuml;r, warum erstens Pegida ein Dresdner oder ein s&auml;chsisches Ph&auml;nomen ist und warum auch, auch wenn die AfD in einer Reihe von westdeutschen Landtagen ist, aber die Zustimmung zur AfD in den neuen Bundesl&auml;ndern sehr viel h&ouml;her ist. Das ist einfach verabs&auml;umt worden, weil man gedacht hat, mehr als vierzig Jahre nach Kriegsende wird das doch kein Problem mehr sein.<\/p><p>Nur dann stellt sich heraus, es ist doch ein Problem, weil&hellip; .<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Auch in Baden-W&uuml;rttemberg.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Ja, ja, das will ich ja gar nicht bestreiten, dass es das auch gibt. Aber es gibt auch signifikante Differenzen zwischen Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern auf der einen und Baden-W&uuml;rttemberg auf der anderen Seite.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Es gibt ja auch immer wieder den Vorwurf von konservativer Seite, dass die Mainstream-Medien, die Mainstream-Eliten, Wissenschaft, Politik usw. solche gro&szlig;en Z&auml;une, Schutzz&auml;une gezogen h&auml;tten im Namen der sogenannten politcal correctness. Donald Trump hat die ja immer eingerissen und ist daf&uuml;r belohnt worden.<\/p><p>Sehen Sie das in Deutschland wirklich als Problem? Sind die Tabus so gro&szlig;?<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Ich w&uuml;rde jetzt nicht sagen, dass es ein dramatisches Problem ist, aber es spielt sicherlich eine Rolle, dass sozusagen in dem Sinne von political correctness ganz bestimmte Punkte nicht angesprochen werden durften. Und das ist aber etwas, was dadurch nicht aus der Welt ist und auch nicht kommunikativ aus der Welt ist, sondern man kann das ja dann auf den sozialen Medien durchaus finden.<\/p><p>Dar&uuml;ber muss man nochmal nachdenken, also inwieweit Verbeugungen vor political correctness m&ouml;glicherweise den genau entgegengesetzten Effekt haben und nat&uuml;rlich sozusagen die deftige Sprache von Trump, die herabsetzende Sprache von Trump auch so etwas wie ein demonstratives Werben daf&uuml;r gewesen, jetzt einmal wirklich wieder richtig das Maul aufzumachen.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Wobei ich mich immer frage, was eigentlich diese ber&uuml;hmte political correctness, das ist so ein negativer Begriff geworden, was das eigentlich hei&szlig;en soll. Wenn man sie abschafft, ist das dann ein Freibrief, um alle anderen Menschen zu beleidigen?<\/p><p>Aber es gibt zumindest, meine ich beobachtet zu haben, auch h&auml;ufig in der politischen Diskussion seitens der sogenannten liberalen aufgekl&auml;rten Linken so eine Art Paternalismus. Sie sagten vorhin, ja, die W&auml;hler sind eben auch dumm, die zum Beispiel Trump gew&auml;hlt haben. Und hierzulande sagt man &nbsp;meinetwegen jetzt &uuml;ber &ndash; sagen wir mal &ndash; kriminelle Fl&uuml;chtlinge, lasst uns mal lieber nicht dr&uuml;ber berichten. Das Volk ist zu dumm, um zu differenzieren. Die werden dann sagen, es sind alle Fl&uuml;chtlinge kriminell.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Ja. Gut, das w&uuml;rde ich jetzt aber auch f&uuml;r mich selber nicht eng schlie&szlig;en, sondern ich w&uuml;rde immer sagen: Ja, ja, das ist schon so, dass viele Leute wenig Ahnung von bestimmten Problemen haben, sei es, weil sie keine Zeit haben, sei es, weil sie sich nicht daf&uuml;r interessieren. Aber das hei&szlig;t nicht, dass man es ihnen nicht darlegen darf und nicht darlegen sollte. Denn wenn man das nicht tut, also, wenn man gewisserma&szlig;en paternalistisch sozusagen mit bestimmten Sprechverboten, die man sich selber auferlegt, arbeitet, dann &ouml;ffnet man eigentlich nur &uuml;ber kurz oder lang alle T&uuml;ren des Misstrauens. Und dann&hellip;<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Und auch der Wut und auch berechtigterweise.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Und auch der Wut und des Gef&uuml;hls, wir werden hier an der Nase herumgef&uuml;hrt und Statistiken werden gesch&ouml;nt und derlei mehr. Also, auch wenn der Satz, glaube ich, nach wie vor gilt, nicht das Volk in seiner Gesamtheit, aber es gibt gro&szlig;e Teile des Volkes, die sind nicht besonders informiert, geben sich auch keine M&uuml;he, glauben aber daf&uuml;r umso besser genau zu wissen, was der Fall ist. Also: sie sind dumm, wenn ich das mal so zusammenfassen darf. (3) Dann hei&szlig;t das trotzdem nicht, dass man in der Demokratie sagen darf, deswegen sehen wir zu, dass wir sie aus dem Spiel heraus nehmen, indem wir ihnen bestimmte Informationen, die sie missverstehen k&ouml;nnten, missinterpretieren k&ouml;nnten, vorenthalten. Das ist ganz falsch.<\/p><p>Das konnte man vielleicht fr&uuml;her, als man Informationsmonopole hatte. Da das heute nicht mehr der Fall ist, sollte man die Finger davon lassen, sondern Probleme ansprechen, &uuml;ber Probleme sprechen und in diesem Sinne auch darauf setzen, dass man Leute, auch wenn sie dumm sind, doch mit der Zeit kl&uuml;ger machen kann. &ndash; Da ich Hochschullehrer bin, bin ich sozusagen mit diesem Problem ja professionell vertraut.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Und d&uuml;rfen die Hoffnung nat&uuml;rlich nicht aufgeben.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Das will ich auch nie tun. Ich glaube auch, dass man sagen kann, in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts gilt nicht nur der Satz von Heiner M&uuml;ller, &ldquo;zehn Deutsche sind selbstverst&auml;ndlich d&uuml;mmer als ein Deutscher&rdquo;, sondern es gilt auch die Beobachtung, die haben etwas gelernt im Verlauf ihrer Geschichte. Es m&uuml;ssen nicht unbedingt dieselben gewesen sein, aber als Kollektivsubjekt gibt es ein Lernen. Das kann man schon sagen. Das schlie&szlig;t aber auch ein, dass sie vorher dumm waren. (3)<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Insgesamt kann man ja aber feststellen, dass sich schon der politische Diskurs nach rechts verlagert hat. Also, die AfD hat die Wahlerfolge und es gibt ja den einen oder anderen konservativen Politiker, der sich Erfolg davon verspricht, indem er ihre Parolen kopiert. Oder blicken wir nach Frankreich, wo Nicolas Sarkozy sich h&auml;ufig genug ja auch anh&ouml;rt wie ein Mitglied des Front National.<\/p><p>Das hei&szlig;t, auch wenn die AfD in Deutschland noch keine absoluten Mehrheiten einf&auml;hrt, aber doch daf&uuml;r gesorgt hat, dass sich die Koordinaten im politischen System schon verschoben haben.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Ja, das ist eine interessante Beobachtung, die Sie da ins Spiel bringen. Denn gleichzeitig hat man ja auch immer gesagt, und das gilt vermutlich bis heute: Frau Merkel hat die CDU nach links verschoben oder sie hat sogar die Mitte nach links verschoben. (1) Der Raum f&uuml;r die Sozialdemokraten ist kleiner geworden. Und dann k&ouml;nnte man zweierlei daraus schlussfolgern. N&auml;mlich erstens, dass es sozusagen eine Gleichzeitigkeit gibt der Verschiebung des Mainstreams der politischen Auffassungen.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Zu den R&auml;ndern hin?<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Eher gewisserma&szlig;en zu einer linken Mitte hin und damit ein Sichtbarwerden nicht eingebundener rechter Auffassungen, konservativer Auffassungen, nationalistischer Auffassungen, also ein Problem innerhalb der CDU. Und andererseits befinden wir uns gesellschaftlich in einer Situation, in der wir nicht mehr sagen k&ouml;nnen so ohne Weiteres, wir sind eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft, wie Schelsky das formuliert hat. Das hei&szlig;t, den sichtbar werdenden Spaltungslinien in der Gesellschaft sozialer Art entsprechen auch st&auml;rkere Unterschiede politischer Art.<\/p><p>Viele derer, die populistisch w&auml;hlen, ich vermute mal, ziemlich egal, ob links- oder rechtspopulistisch (2), sind entt&auml;uscht von dem System, f&uuml;hlen sich ausgegrenzt, abgeh&auml;ngt und machen gewisserma&szlig;en politisch einmal ihr B&auml;uerchen. Das hei&szlig;t nicht, dass sie eine sehr genaue Vorstellung davon haben, wie Politik anders l&auml;uft. Das wei&szlig; man ja auch aus den Umfragen, dass viele AfD-W&auml;hler sich gar nicht mit deren Programmatik besch&auml;ftigt haben. Sondern sie wollen Denkzettel verteilen, gelbe Zettel ankleben und drauf schreiben: Hallo, das Volk, also ich, war hier.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Genau, Denkzettel verteilen. J&uuml;rgen Kaube schrieb neulich in der FAZ so sch&ouml;n, dass die Politiker nicht begriffen h&auml;tten, dass es nicht&nbsp; darum geht, dass da unbedingt was Kluges drauf steht. Hauptsache der Denkzettel wird verteilt.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Das hat der J&uuml;rgen Kaube ganz richtig gesehen, glaube ich.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Es stehen ja einige Wahlen an in Europa in den kommenden Wochen und Monaten, also zuerst die Pr&auml;sidentschaftswahl in &Ouml;sterreich, wenn sie denn stattfindet, ist gemein, nicht? &ndash; dann die Parlamentswahlen &hellip;<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> .. haben die &Ouml;sis verdient.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> .. in den Niederlanden im M&auml;rz, Pr&auml;sidentschaftswahlen in Frankreich April und Mai. Und bei all diesen Wahlen haben Populisten, sagen wir mal, doch realistische Chancen, an die Spitze zu kommen.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Ja, ich glaube, was wir zurzeit konstatieren k&ouml;nnen &ndash; in die Liste, die Sie aufgef&uuml;hrt haben, k&ouml;nnte man ja auch noch Brexit, die Vis&eacute;grad-Staaten und deren nationalkonservative bis rechtspopulistische Regierungen und schlie&szlig;lich den Wahlsieg von Donald Trump einrechnen -, all das, ein Bed&uuml;rfnis, die Welt kleinr&auml;umiger zu gestalten, eine R&uuml;ckkehr zu Staaten mit klaren Grenzen, weg von komplexen globalen Zusammenh&auml;ngen, die auch keiner durchschaut und bei denen man m&ouml;glicherweise investiert, ohne dass man ausschlie&szlig;lich selber als Investor das auch konsumiert.<\/p><p>Was ich damit im Auge habe, ist ein in der Tat intellektuelles Vermittlungsproblem gro&szlig;r&auml;umiger Ordnung, also, sagen wir mal, der EU oder von Welthandelssystemen, n&auml;mlich dass es so etwas gibt wie kollektive G&uuml;ter, die f&uuml;r alle bereit gestellt werden und von deren Genuss auch diejenigen nicht ausgeschlossen werden k&ouml;nnen, die zu deren Zustandekommen nichts &nbsp;beigetragen haben.<\/p><p>Das ist nat&uuml;rlich f&uuml;r das so genannte gesunde Gerechtigkeitsempfinden ein Skandalon. So sind aber nun mal kollektive G&uuml;ter &ndash; wie saubere Luft. Da gibt es also welche, die sie verpesten und kaputtmachen. Und die haben trotzdem denselben Anspruch darauf wie m&ouml;glicherweise Leute, die nur mit dem Fahrrad fahren oder mit dem Roller oder was auch immer.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Aber das ist interessant. Sie sprechen von einem Vermittlungsproblem. Das ist ja, was viele Politiker tun und was ja dann auch wieder viele Menschen &auml;rgert, weil da drin ja steckt: Wir haben Recht, du hast es nur noch nicht verstanden.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Ach, ich wei&szlig; nicht, ob das hei&szlig;t, wir haben Recht, sondern: Wenn du willst, dass wir eine gro&szlig;r&auml;umliche Ordnung haben, die in ganz anderer Weise an der Frage der Generierung der Summe des Gesamtwohlstands orientiert ist, dann musst du bereit sein, bestimmte Konsequenzen zu tragen. Also, dann muss man bereit sein zu akzeptieren, dass die Bundesrepublik Deutschland sehr viel mehr in die EU investiert, als sie von ihr heraus bekommt. Das ist nun mal so.<\/p><p>Nun k&ouml;nnte man sagen, okay, dann gef&auml;llt uns die EU aber nicht mehr, wie das ja in den Anfangsgr&uuml;nden der AfD in der Frage des Euros und &uuml;berhaupt der EU-Skepsis der Fall gewesen ist, und wir scheiden aus, mit der Vorstellung, ja, dann zahlen wir aber diese Milliarden nicht mehr ein und die bleiben dann bei uns.<\/p><p>Das ist nat&uuml;rlich sehr kurz gesprungen, und da zeigt sich ein strukturelles Problem, das den Prozess der Globalisierung in demokratietheoretischer Hinsicht begleitet, n&auml;mlich dass man ein ausgesprochen kluges, weitsichtiges, mit hoher Urteilskraft ausgestattetes Volk braucht, um in einem solchen System an den zentralen Gelenkstellen sitzen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Die Franzosen haben das nicht. Schauen Sie: Wenn man erkl&auml;ren will, warum die deutsch-franz&ouml;sische Lokomotive nicht mehr funktioniert, kann man vielerlei sagen, aber ein wichtiger Punkt ist die St&auml;rke des Front National in Frankreich mit dem Ergebnis, dass die Franzosen, weder eine sozialistische Regierung, noch eine b&uuml;rgerliche Regierung, die Strukturreformen hinbekommen hat, die dringend erforderlich w&auml;ren, weil sie immer sozusagen in den rechten oder linken R&uuml;ckspiegel gucken und sich fragen: Was macht die Blonde?, also Marine Le Pen. Und dann zaudern sie wieder, weil sie ihr unter keinen Umst&auml;nden Futter geben wollen &ndash; mit dem Ergebnis, dass Frankreich in Europa nicht mehr die Rolle spielt, die es mal gespielt hat, mit der Folge, dass Deutschland noch eine sehr viel st&auml;rkere Rolle spielt.<\/p><p>Hei&szlig;t aber: Wenn wir eine starke AfD im Bundestag haben, wird Deutschland diese Rolle nicht mehr spielen k&ouml;nnen, wird vermutlich das auch auf eine weitere Erosion oder Agonie der EU hinauslaufen etc.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Sie haben das Stichwort gegeben. Wir haben ja gerade diese ganzen L&auml;nder aufgez&auml;hlt, ich ein paar, Sie ein paar mehr, wo ein Rechtsruck droht oder schon stattgefunden hat. Im Sp&auml;tsommer, Fr&uuml;hherbst wird es ja Bundestagswahlen geben. Und Sie haben eingangs gesprochen von der Populismusresistenz der Deutschen (2). &ndash; Setzen Sie noch auf die?<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> In gewisser Hinsicht schon. Und wenn wir auch die von mir aus besorgniserregenden Ergebnisse der AfD in Deutschland vergleichen mit dem, was unsere Nachbarn in ihrem Wahlverhalten an den Tag legen, dann &ndash; glaube ich &ndash; kann man sie immer noch beobachten, aber sie ist nicht mehr so stark. Sie ist sozusagen kein Bollwerk mehr. Man muss sich wieder um sie bem&uuml;hen. Man muss auch wieder investieren in die Sachverst&auml;ndigkeit des B&uuml;rgers oder des W&auml;hlers.<\/p><p>Das ist kein Vorgang, den man ein f&uuml;r allemal gemacht hat und danach hat man nur noch kluge W&auml;hler, sondern das ist eigentlich ein tagt&auml;glicher Prozess oder ein tagt&auml;gliches sich Abm&uuml;hen.<\/p><p><strong>Deutschlandradio Kultur:<\/strong> Herzlichen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/p><p><strong>Herfried M&uuml;nkler:<\/strong> Gerne.<\/p><p><strong>Mehr zum Thema<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/herfried-muenkler-zur-fluechtlingspolitik-einwanderung.1008.de.html?dram:article_id=364334\">Herfried M&uuml;nkler zur Fl&uuml;chtlingspolitik &ndash; Einwanderung sichert unseren Wohlstand<\/a>\n<p>(Deutschlandradio Kultur, Interview, 29.08.2016)<\/p><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/herfried-muenkler-zu-pegida-und-co-dresden-ist-eher-ein.1008.de.html?dram:article_id=342218\">Herfried M&uuml;nkler zu Pegida und Co. &ndash; &ldquo;Dresden ist eher ein Sonderfall&rdquo;<\/a>\n<p>(Deutschlandradio Kultur, Interview, 12.01.2016)<\/p><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/kriegssplitter-von-herfried-muenkler-was-bedeutet-krieg-in.1310.de.html?dram:article_id=334482\">&ldquo;Kriegssplitter&rdquo; von Herfried M&uuml;nkler &ndash; Was bedeutet Krieg in unserer Zeit?<\/a>\n<p>(Deutschlandfunk, Andruck &ndash; Das Magazin f&uuml;r Politische Literatur, 19.10.2015)<\/p><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/frankfurter-buchmesse-herfried-muenkler-gott-sei-dank-hat.1310.de.html?dram:article_id=334128\">Frankfurter Buchmesse &ndash; Herfried M&uuml;nkler: &ldquo;Gott sei Dank hat Putin sich eingemischt&rdquo;<\/a>\n<p>(Deutschlandfunk, Andruck &ndash; Das Magazin f&uuml;r Politische Literatur, 15.10.2015)<\/p><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/debatte-um-fluechtlingspolitik-muenkler-deutschland-ist.694.de.html?dram:article_id=330759\">Politologe Herfried M&uuml;nkler: &ndash; Deutschland ist kein Hippie-Land<\/a>\n<p>(Deutschlandfunk, Interview, 11.09.2015)<\/p><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/konsequenzen-aus-der-griechenland-krise-herfried-muenkler.1008.de.html?dram:article_id=325252\">Konsequenzen aus der Griechenland-Krise &ndash; Herfried M&uuml;nkler schl&auml;gt EU-Umbau vor<\/a>\n<p>(Deutschlandradio Kultur, Interview, 13.07.2015)<\/p><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/autor_mueller-1.jpg\" alt=\"Albrecht M&uuml;ller\" title=\"Albrecht M&uuml;ller\"\/><\/div>\n<p>Deutschlandradio Kultur brachte am 19. 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