{"id":35963,"date":"2016-11-24T08:53:37","date_gmt":"2016-11-24T07:53:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35963"},"modified":"2016-11-24T11:11:56","modified_gmt":"2016-11-24T10:11:56","slug":"offener-brief-von-rolf-verleger-an-das-antisemitismusreferat-der-freiburger-studentenschaft-wegen-verlangtem-redeverbot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35963","title":{"rendered":"Offener Brief von Rolf Verleger an das Antisemitismusreferat der Freiburger Studentenschaft wegen verlangtem Redeverbot"},"content":{"rendered":"<p>Der Vorsitzende des&nbsp;B&uuml;ndnisses zur Beendigung der israelischen Besatzung,&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.bib-jetzt.de\">www.bib-jetzt.de<\/a>, Professor Rolf Verleger wurde vor einem Vortrag in Freiburg von zwei Studenten oder vermeintlichen Studenten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/161110_Freiburg_Kein_Raum_fuer_Antisemitismus.pdf\">per Flugblatt<\/a> aufgefordert, nicht zu reden. Er hat daraufhin einen Offenen Brief an diese jungen Leute geschrieben. Wir geben diesen Brief samt Anschreiben hier wieder. Vermutlich k&ouml;nnen Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten gelegentlich ein solches Dokument gebrauchen, wenn sie &uuml;bler Weise des Antisemitismus bezichtigt werden. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Rolf Verleger Anschreiben und offener Brief:<\/strong><\/p><p>Liebe Freunde,<\/p><p>am 10.11. hielt ich in Freiburg einen Vortrag und schrieb dann am 14.11. den folgenden Brief an das Antisemitismusreferat der Freiburger Studentenschaft.<\/p><p>Mittlerweile habe ich erfahren, dass es solche merkw&uuml;rdigen Stimmungen unter den Studierenden auch an anderen Universit&auml;ten gibt.&nbsp;<\/p><p>Gegen diese Rechtsradikalen muss man gegenhalten.&nbsp;<\/p><p>Da wir unser&nbsp;<em>B&uuml;ndnis f&uuml;r die Beendigung der israelischen Besatzung<\/em>&nbsp;nicht mit solchen Gespensterdebatten belasten wollen, sondern uns auf das Wesentliche konzentrieren wollen, schicke ich hier selbst diesen Brief an meinen alten Verteilerkreis.<\/p><p>Vielleicht haben Sie \/Ihr von diesem Brief schon erfahren, dann bitte ich, diese Doppelsendung zu entschuldigen.<\/p><p>Beste Gr&uuml;&szlig;e<br>\nRolf Verleger<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>An:&nbsp;gegen-antisemitismus@stura.uni-freiburg.de<br>\n14.11.2016<\/p><p>Sehr geehrte Herren,<\/p><p>Am 10.11. hielt ich im Rahmen des Caf&eacute; Palestine Freiburg in einem H&ouml;rsaal der Universit&auml;t Freiburg einen Vortrag zum Thema &ldquo;Ist der Einsatz f&uuml;r Menschenrechte in Pal&auml;stina antisemitisch?&rdquo; Vor der Veranstaltung haben Sie per Flugblatt ein Redeverbot f&uuml;r mich an der Universit&auml;t Freiburg gefordert.<br>\nSie taten das zwanzig Minuten vor Veranstaltungsbeginn, als es noch leer war: Sie, zwei junge M&auml;nner, h&ouml;flich und zur&uuml;ckhaltend, fast sch&uuml;chtern, verteilten einen knallharten Text, anonym, ohne Namen der Verfasser. (S. Wortlaut im Anhang). Sie warteten aber nicht die Wirkung ab, sondern schauten, dass sie lieber weder unerkannt wegkamen.&nbsp;<br>\nDas hat mich sehr verbl&uuml;fft. Das ist eigenartiges Verhalten. So als ob der Veranstalterin Frau Dr. Weber oder mir ein Geheimdienst zur Verf&uuml;gung st&uuml;nde, der Ihnen schaden k&ouml;nnte.<\/p><p>Ich habe mich gefragt, was Ihre Vorbilder f&uuml;r Ihre Aktivit&auml;ten sind.<br>\nEine m&ouml;gliches Vorbild k&ouml;nnten f&uuml;r Sie die Geschwister Scholl sein: Auch sie wollten ihre Flugbl&auml;tter gegen Unrecht sprechen lassen, sie wollten laut und deutlich ihre Stimme f&uuml;r Menschlichkeit erheben. Und sie wollten anonym bleiben, weil sie wussten, dass es sonst nicht gut f&uuml;r sie ausgehen w&uuml;rde.&nbsp;<br>\nDaher scheint es mir m&ouml;glich, dass Sie sich an diesen Helden des Widerstands gegen Unmenschlichkeit orientieren. In diesem Fall k&ouml;nnten Sie auch die Bef&uuml;rchtung haben, dass Sie &ndash; wie die Geschwister Scholl &ndash; Opfer Ihres Engagements werden k&ouml;nnten: die Scholls wegen ihres Eintretens f&uuml;r die Opfer der Nazis wurden selbst Opfer der Nazis, und Sie k&ouml;nnten vielleicht wegen ihres kompromisslosen Eintretens f&uuml;r Israel den Pal&auml;stinensern und ihren Freunden zum Opfer fallen. Denn Sie halten diese Leute f&uuml;r mordlustig (&ldquo;mordlustige Antisemiten&rdquo; schreiben Sie) und &ndash; so bef&uuml;rchten Sie &ndash; es droht ein neuer &ldquo;eliminatorischer&rdquo;, &ldquo;m&ouml;rderischer&rdquo;, &ldquo;vernichtungsorientierter Antisemitismus&rdquo;. So werden Sie vielleicht zu Helden f&uuml;r eine gerechte Sache. Das, so male ich mir aus, ist Ihre Sichtweise: Mich sehen Sie als einen Bef&uuml;rworter des &ldquo;eliminatorischen Antisemitismus&rdquo; und vielleicht auch pers&ouml;nlich als einen mordlustiger Antisemiten: eine Gefahr f&uuml;r Israel und f&uuml;r Sie als Israelfreunde. Sie dagegen warnen und mahnen: Einen solchen potentiell gef&auml;hrlichen Mann sollte man nicht reden lassen, im Interesse der eigenen Selbsterhaltung.<\/p><p>Das sind ungef&auml;hr meine Fantasien dar&uuml;ber, wie Sie sich selbst sehen. Meine eigene Sichtweise von Ihrer Aktivit&auml;t ist aber eine v&ouml;llig andere. Das ergibt sich so aus meiner Familiengeschichte. Kennen oder kannten Sie Ihre Gro&szlig;v&auml;ter? Ich kannte meine nicht. Der eine starb schon 1926 und liegt in Berlin-Wei&szlig;ensee, der andere starb in Auschwitz; wann genau, wei&szlig; man nicht.&nbsp;<br>\nKennen oder kannten Sie Ihre Gro&szlig;m&uuml;tter? Ich kannte meine nicht. Die eine ging 1942 in Theresienstadt zugrunde, die andere wurde, 42-j&auml;hrig, direkt nach der Ankunft des Deportationszuges in Estland erschossen, denn sie hatte ihren gelben Stern in Berlin abgemacht, um zur Friseuse zu gehen; daher war sie eine Kriminelle und wurde in Estland in einer Sandd&uuml;ne verscharrt.<br>\nHaben Sie Onkel und Tanten? Mein Vater hatte sieben Geschwister. Das Nazi-Regime &uuml;berlebten nur er und ein Bruder.&nbsp;<br>\nHat Ihr Vater eine T&auml;towierung? Mein Vater hatte eine, n&auml;mlich die Auschwitznummer am Arm. Seine erste Frau und ihre gemeinsamen drei S&ouml;hne hatten wahrscheinlich keine: Sie kamen in Auschwitz gleich ins Gas. Daher heiratete 1948 mein Vater meine viel j&uuml;ngere Mutter: Er wollte noch einmal j&uuml;dische Kinder haben. So bin ich aufgewachsen, als Kind der Hoffnung und des Neuanfangs.<\/p><p>Was wissen Sie vom Judentum? Uns Kindern haben dies unsere Eltern vermittelt. In der chassidischen Tradition meines Vaters: Gottes Gebote befolgen, in der Hoffnung auf Erl&ouml;sung und Befreiung. In der deutsch-j&uuml;dischen Tradition meiner Mutter: Judentum als Religion der t&auml;tigen Moral. In beiden Traditionen sind Juden deswegen Gottes auserw&auml;hltes Volk, insofern sie der Welt ein Vorbild an Moral und Gesetzestreue geben sollen und dies auch wollen. Manchmal in meinem Leben bin ich aus den engen Grenzen der Tradition ausgebrochen, aber Ich habe mich auch immer wieder f&uuml;r meine j&uuml;dische Gemeinschaft engagiert, habe die Gemeinde L&uuml;beck mitgegr&uuml;ndet, war Landesverbandsvorsitzender in Schleswig-Holstein und Delegierter im Zentralrat.<\/p><p>Nichts von meinen j&uuml;dischen Werten findet sich wieder im Verhalten der israelischen Regierung. Man hat den Pal&auml;stinensern ihr Land geraubt, fantasiert sich als ewiges Opfer und leitet daraus die Rechtfertigung ab, V&ouml;lkerrecht und Menschenrechte au&szlig;er Kraft zu setzen, v&ouml;llig au&szlig;erhalb der j&uuml;dischen Tradition.&nbsp;<br>\nSie wissen vielleicht, dass vor der Ausl&ouml;schung des europ&auml;ischen Judentums durch die Nazis und ihre Helfer der Zionismus eine Minderheitenposition im Judentum war. Gegen den Zionismus waren viele Str&ouml;mungen: die Religi&ouml;sen, die B&uuml;rgerlichen, die sozialistischen Bundisten, die allgemeinen Sozialisten. Wussten Sie dass das einzige j&uuml;dische Mitglied im britischen Kabinett 1917, Lord Edwin Montague, strikt gegen die Balfour-Deklaration war? Sind das alles &ldquo;eliminatorische Antisemiten&rdquo;, weil sie die Idee eines separaten j&uuml;dischen Staates fernab der eigentlichen Heimat der europ&auml;ischen Juden f&uuml;r eine sehr schlechte Idee hielten? Kennen Sie den Bundisten Marek Edelman, &uuml;berlebender Anf&uuml;hrer des Aufstands im Warschauer Ghetto? Wissen Sie, was er von den Zionisten hielt?<br>\nSie wissen vielleicht auch, dass Ihr unfreiwilliges Vorbild Heidegger (s. unten) seine junge Studentin Hannah Arendt anbetete. Wissen Sie, was diese kluge Frau 1945 &uuml;ber den Schwenk der zionistischen Mehrheit hin zur Unterst&uuml;tzung eines &ldquo;j&uuml;dischen Staates&rdquo; geschrieben hat? Sie k&ouml;nnen es in meinem Buch nachlesen.<br>\nWissen Sie, dass Hannah Arendt, Albert Einstein und andere hellsichtige amerikanische Juden 1948 in einem gemeinsamen Leserbrief an die New York Times dagegen protestierten, dass Menachem Begin, der Kommandeur des Massakers von Deir Yassin, kurz nach diesem Verbrechen die USA besuchte? Sie nannten ihn einen &ldquo;Terroristen&rdquo; und forderten eine Einreiseverbot.&nbsp;<br>\nMontague, Edelman, Arendt, Einstein &ndash; nach Ihrer Logik alles Antisemiten!<\/p><p>Und nun k&ouml;nnen Sie vielleicht meine Sichtweise ansatzweise nachvollziehen: Dass mir junge Leute an der Universit&auml;t Freiburg das Rederecht nehmen wollen, das erinnert mich fatal daran, was an der Universit&auml;t Freiburg unter dem Rektorat Heidegger und seinen Nachfolgern vor 80 Jahren geschah: &ldquo;Juden raus!&rdquo; Sie sind in meinen Augen nicht die Geschwister Scholl, wei&szlig; Gott nicht. Sondern eher Kinder im Geiste derjenigen, die damals die Universit&auml;t judenrein machten.&nbsp;<\/p><p>Vielleicht finden Sie eine neutrale Person au&szlig;erhalb Ihres Zirkels, die Ihnen erkl&auml;ren kann, dass Sie sich bei mir entschuldigen sollten.<br>\nMit freundlichen, &uuml;ber die Vielf&auml;ltigkeit des menschlichen Geistes immer noch verwunderten Gr&uuml;&szlig;en<\/p><p>Prof. Dr. Rolf Verleger<\/p><p>Vorsitzender des&nbsp;B&uuml;ndnis zur Beendigung der israelischen Besatzung,&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.bib-jetzt.de\">www.bib-jetzt.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vorsitzende des&nbsp;B&uuml;ndnisses zur Beendigung der israelischen Besatzung,&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.bib-jetzt.de\">www.bib-jetzt.de<\/a>, Professor Rolf Verleger wurde vor einem Vortrag in Freiburg von zwei Studenten oder vermeintlichen Studenten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/161110_Freiburg_Kein_Raum_fuer_Antisemitismus.pdf\">per Flugblatt<\/a> aufgefordert, nicht zu reden. 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Vermutlich k&ouml;nnen Leserinnen und Leser<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35963\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,35],"tags":[1557,1403,305,303,220,1281],"class_list":["post-35963","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antisemitismus","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","tag-israel","tag-konzentrationslager","tag-menschenrechte","tag-palaestina","tag-zensur","tag-zionismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35963","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35963"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35963\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35968,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35963\/revisions\/35968"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35963"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35963"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35963"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}