{"id":35985,"date":"2016-11-25T10:48:44","date_gmt":"2016-11-25T09:48:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35985"},"modified":"2022-11-16T09:59:09","modified_gmt":"2022-11-16T08:59:09","slug":"die-globale-wirtschaftselite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35985","title":{"rendered":"Die globale Wirtschaftselite"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151125_hartmann.jpg\" alt=\"Michael Hartmann\" title=\"Michael Hartmann\"><\/div><p>Alle reden &uuml;ber die globale Macht der Eliten. &Uuml;ber die globale Elite und wie ihr Einfluss die Demokratie zunehmend infrage stellt. In ihrem Interesse liegen Kriege, liegt die Pl&uuml;nderung Afrikas, liegen Sozialabbau, TTIP, CETA und Co. Doch wer ist diese &bdquo;globale Elite&ldquo; eigentlich und wie rekrutiert sie sich? Bedeutet globale Elite, dass Gegenwehr auf nationaler Ebene gar nicht mehr m&ouml;glich ist? Zu diesen Fragen sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit dem Elitensoziologen <strong>Michael Hartmann<\/strong>, dem wir die Entlarvung des Mythos von der &bdquo;<a href=\"http:\/\/hpd.de\/node\/4780\">Leistungsgesellschaft<\/a>&ldquo; verdanken und der bereits vor Jahren darauf <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Demokratie-ist-was-die-Eliten-darunter-verstehen-3399370.html\">hinwies<\/a>, dass Demokratie vor allem das sei, &bdquo;was die Eliten darunter verstehen&rdquo;. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8998\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-35985-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161125_Die_globale_Wirtschaftselite_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161125_Die_globale_Wirtschaftselite_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161125_Die_globale_Wirtschaftselite_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161125_Die_globale_Wirtschaftselite_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=35985-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161125_Die_globale_Wirtschaftselite_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"161125_Die_globale_Wirtschaftselite_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Hartmann, gerade erschien Ihr Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/gesellschaft-wirtschaft\/politik\/die_globale_wirtschaftselite-10426.html\">Die globale Wirtschaftselite<\/a>&ldquo;, mit dem Sie sich wieder einmal pointiert in eine laufende Debatte einmischen. Diesmal mit der These, die globale Wirtschaftselite g&auml;be es gar nicht, eine internationale Kapitalistenklasse sei Fiktion. Wie kam es zu dem Buch? Was war ihr handlungsleitendes Motiv?<\/strong><\/p><p>Der Ausgangspunkt liegt schon fast 20 Jahre zur&uuml;ck. Damals hat mich immer ge&auml;rgert, wenn die Topmanager ihre rasant steigenden Einkommen mit der internationalen Konkurrenz um die Topleute begr&uuml;ndet haben. Ich wusste, dass das nicht stimmt, und habe es dann in mehreren empirischen Studien nachgewiesen, zun&auml;chst nur f&uuml;r die jeweils 100 f&uuml;hrenden deutschen, britischen und franz&ouml;sischen Gro&szlig;unternehmen, dann auch f&uuml;r die 100 gr&ouml;&szlig;ten US-amerikanischen, japanischen und chinesischen. <\/p><p>In den letzten zehn Jahren hat sich die Fragestellung f&uuml;r mich etwas ver&auml;ndert. Es stehen nicht mehr die enormen Geh&auml;lter im Vordergrund, sondern die Aussage der meisten Politiker, man k&ouml;nne gegen die globale Wirtschaftselite keine nationale Politik mehr machen und m&uuml;sse die Steuern f&uuml;r die gro&szlig;en Unternehmen und die Reichen daher senken. Auch das fand ich falsch und wollte nachweisen, dass es diese globale Elite nicht gibt und man auf nationaler Ebene mehr Handlungsspielr&auml;ume, gerade in der Steuerpolitik, hat, als immer vorgegeben wird. <\/p><p>Au&szlig;erdem w&auml;ren die Chancen auf gesellschaftliche Ver&auml;nderungen im positiven Sinne minimal, g&auml;be es diese globale Elite wirklich. Denn eine wirkliche Gegenkraft auf globaler oder auch nur europ&auml;ischer Ebene ist nicht erkennbar. Deshalb hat mich immer gewundert, warum ein Teil der Linken diese These geteilt hat. Letztlich f&uuml;hrt sie in der heutigen Zeit zu politischer Passivit&auml;t. <\/p><p>Das kann man sch&ouml;n am Beispiel Wolfgang Streecks sehen. Streeck, der um die Jahrtausendwende noch einer der intellektuellen Wegbereiter der Agenda 2010 war, ist in den letzten Jahren zu einem radikalen Kritiker des Kapitalismus geworden. Das hat, anders als damals, allerdings keine praktischen Konsequenzen. Er schwelgt in seinen aktuellen Ver&ouml;ffentlichungen vielmehr eher in Endzeitszenarien, weil man seiner Meinung nach gegen die, wie er sie nennt, plutonomischen Eliten nichts unternehmen k&ouml;nne; denn deren Reichtum sei nicht mehr an nationale Territorien gebunden und sie k&ouml;nnten daher verbrannte Erde hinterlassen. <\/p><p>Sein Beispiel sind die russischen Milliard&auml;re, die vorzugsweise in der Schweiz, Gro&szlig;britannien oder den USA leben w&uuml;rden. Das Beispiel ist allerdings falsch. Die russischen Milliard&auml;re sind sehr wohl an das russische Territorium gebunden; denn dort liegt die Basis fast all ihrer Gesch&auml;fte. Daher leben sie auch fast alle in Russland, n&auml;mlich 43 der 45 reichsten Russen. Sie leben sogar ganz &uuml;berwiegend in einer einzigen Stadt, in Moskau, weil dort die f&uuml;r sie entscheidenden Kontakte zur russischen Regierung am besten gepflegt werden k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Was genau ist nun ihr Befund? Sie wollen doch sicher nicht sagen, dass es &bdquo;die Eliten&ldquo; nicht g&auml;be, dank deren Engagement die Sozialsysteme der westlichen Welt seit vielen Jahren massiv unter Beschuss geraten sind und die Armut allerorten steigt?<\/strong><\/p><p>Die Eliten existieren nat&uuml;rlich, aber eben auf nationaler Ebene. Was den Angriff auf die Sozialsysteme oder die steuerliche Beg&uuml;nstigung von Gro&szlig;konzernen und Reichen angeht, waren und sind sich die Eliten aus den westeurop&auml;ischen L&auml;ndern und Nordamerika auch weitgehend einig. Die Ursache daf&uuml;r liegt aber nicht in Absprachen untereinander und in einem koordinierten Vorgehen. Sie ist vielmehr in erster Linie in den ver&auml;nderten politischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen in den einzelnen L&auml;ndern zu suchen. <\/p><p>In Gro&szlig;britannien und den USA hat dieser Prozess aufgrund der jeweils spezifischen Bedingungen schon in den 1980er Jahren unter Thatcher und Reagan begonnen. Nach dem Untergang des Ostblocks hat er dann in den 1990ern auch die meisten kontinentaleurop&auml;ischen Staaten erfasst. Die Gewerkschaften haben massiv an Einfluss verloren und gleichzeitig hat die Logik des freien Marktes als optimalem Mechanismus zur Schaffung von Wohlstand sich fast &uuml;berall in den Eliten durchgesetzt. <\/p><p>Der Sieg des neoliberalen Denkens ist zwar von interessierten Kreisen vorbereitet worden, er verdankt seinen Erfolg aber dem Niedergang all jener Kr&auml;fte, die f&uuml;r die dominierende Rolle des Keynesianismus in den meisten westlichen Staaten nach 1945 gesorgt haben. Nach dem 2. Weltkrieg waren die herrschenden Klassen in diesen L&auml;ndern diskreditiert, die Gewerkschaften und die klassischen sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Parteien in Westeuropa waren dagegen au&szlig;ergew&ouml;hnlich stark und die Existenz des Ostblocks zwang die Herrschenden zu Zugest&auml;ndnissen. All das hat sich seit den 1980er Jahren St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck ge&auml;ndert.<\/p><p><strong>Was finden Sie an der These von der globalen Elite falsch?<\/strong><\/p><p>Die Vorstellung von einer global agierenden, einheitlichen Elite suggeriert, dass es so etwas wie ein Lenkungszentrum f&uuml;r diese Politik gibt oder zumindest eine globale Elite, die einheitliche Interessen verfolgt und zu diesem Zweck klare Abmachungen treffen kann. Das stimmt aber nicht. Wenn man sich die wirtschaftlichen Eliten dieser Welt anschaut, wird schnell klar, dass die f&uuml;r eine solch einheitliche Elite oder auch kapitalistische Klasse, wie sie oft genannt wird, erforderlichen Voraussetzungen nicht existieren. <\/p><p>Im Falle der Wirtschaftselite spielt der begriffliche Unterschied zwischen Elite und Klasse keine Rolle, weil die Elite hier den Kern der Klasse ausmacht. Nimmt man die Klassentheorien von Marx oder Bourdieu ernst, so setzen real vorhandene und handlungsf&auml;hige Klassen voraus, dass es ein relativ hohes Ma&szlig; an klasseninterner Mobilit&auml;t gibt. Nur so kann sich eine Klasse wirklich herausbilden. Marx zeigt das sehr deutlich am Beispiel des entstehenden B&uuml;rgertums und der franz&ouml;sischen Kleinbauern auf.<\/p><p>Legt man diesen Ma&szlig;stab an die Topmanager der 1.000 gr&ouml;&szlig;ten Unternehmen der Welt und an die gut 1.000 reichsten Personen der Welt an, zeigt sich, dass von einer solchen, in diesem Fall grenz&uuml;berschreitenden Mobilit&auml;t nicht die Rede sein kann. Neun von zehn Vorstandschefs leben und arbeiten in ihrem Heimatland. Bei den Aufsichtsratsvorsitzenden liegt der Prozentsatz sogar noch h&ouml;her und von den 1.041 reichsten Milliard&auml;ren leben gerade einmal 90 au&szlig;erhalb ihres Heimatlandes. Dass fast vier von f&uuml;nf Topmanagern in ihrem Leben nicht einmal mehr als sechs Monate am St&uuml;ck im Ausland gelebt haben, rundet das Bild ab. <\/p><p>Auch die Vorstellung, dass die ber&uuml;hmten Business Schools wie die Harvard Business School, die London School of Economics oder das <a href=\"https:\/\/www.insead.edu\/\">INSEAD<\/a> die Brutst&auml;tten einer globalen Elite darstellen, hat mit der Realit&auml;t nichts gemein. Gerade einmal ein Prozent der Topmanager war auf einer der zwei letztgenannten und von den 20, die in Harvard ihren MBA gemacht haben, waren nur vier Ausl&auml;nder. Insgesamt haben weniger als zehn Prozent der Spitzenmanager wie der Milliard&auml;re ihr Studium im Ausland absolviert. <\/p><p>Die Wirtschaftseliten sind ganz &uuml;berwiegend national, allerdings mit gro&szlig;en Unterschieden zwischen den L&auml;ndern. In den gro&szlig;en Staaten wie den USA, Russland, China oder Indien liegen die Prozents&auml;tze noch weit niedriger, in einzelnen L&auml;ndern wie Gro&szlig;britannien, Australien oder den Niederlanden h&ouml;her. Wirklich international ist nur das Topmanagement der gro&szlig;en Schweizer Konzerne.<\/p><p><strong>Was ist f&uuml;r Sie der Unterschied zwischen nationalen, transnationalen und globalen Eliten?<\/strong><\/p><p>Nationale Eliten verdanken ihre Stellung nationalen Eliterekrutierungssystemen und sie agieren auf der Grundlage nationaler Machtpositionen. Bei transnationalen Eliten m&uuml;sste in beiderlei Hinsicht der nationale Rahmen &uuml;berschritten werden und sie m&uuml;ssten zumindest f&uuml;r mehrere Staaten einheitlich rekrutiert werden und agieren. Selbst in der EU, die noch am ehesten als Beispiel daf&uuml;r taugen w&uuml;rde, ist das nur sehr beschr&auml;nkt der Fall. So werden die EU-Kommissare aus den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten rekrutiert, f&uuml;r jedes Land ein Kommissar. Sie durchlaufen zuvor die nationalen Elitebildungswege. Bei den Generaldirektoren der Kommissionen ist es etwas anders. Sie werden nicht einfach nach L&auml;nderproporz rekrutiert. Dennoch ist es nur eine Minderheit unter ihnen, die ihre Karriere zum gr&ouml;&szlig;ten Teil in EU-Institutionen durchlaufen hat. Die gro&szlig;e Mehrheit kommt aus h&ouml;heren Positionen der nationalen B&uuml;rokratien. Bei globalen Eliten m&uuml;sste die Ausbildung und Rekrutierung weltweit erfolgen. Das ist nirgendwo der Fall.<\/p><p>Das hei&szlig;t allerdings nicht, dass es keine l&auml;nder&uuml;bergreifenden handlungsf&auml;higen Organisationen gibt. Die NATO ist eine solche Organisation. Sie gibt es allerdings schon seit Jahrzehnten, schon zu Zeiten, als noch niemand von einer globalen Elite oder Klasse sprach. Hier spielen einfach der Ost-West-Gegensatz und das milit&auml;risch absolut dominierende Gewicht der USA die entscheidende Rolle. Au&szlig;erdem zeigt die aktuelle Ann&auml;herung zwischen Russland und der T&uuml;rkei, dass selbst die NATO inzwischen anf&auml;llig f&uuml;r nationale Sonderinteressen ist.<\/p><p><strong>Wie rekrutieren sich diese Kreise? Ich meine: Wenn ich mich nur genug anstrenge und mein Leben lang hart arbeite &ndash; steige ich dann in derlei Zirkel &bdquo;auf&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Die Rekrutierung der Eliten variiert von Bereich zu Bereich und von Land zu Land. Am sozial exklusivsten ist stets die Wirtschaftselite, am sozial offensten ist von den wichtigen Eliten in der Regel die politische. <\/p><p>Was die Wirtschaftselite angeht, so stammen ihre Mitglieder fast &uuml;berall mehrheitlich aus b&uuml;rgerlichen oder gro&szlig;b&uuml;rgerlichen Familien. Der Prozentsatz schwankt allerdings stark, je nach Land. So ist die franz&ouml;sische Wirtschaftselite mit 90 Prozent B&uuml;rger- und Gro&szlig;b&uuml;rgerkindern die exklusivste, gefolgt von denen in Deutschland, Gro&szlig;britannien und Spanien mit 80 Prozent. In den USA sind es noch drei Viertel und in Italien zwei Drittel. In den skandinavischen L&auml;ndern und in &Ouml;sterreich dominieren dagegen die sozialen Aufsteiger, wenn auch nur knapp. <\/p><p>Daran kann man ersehen, dass auch in dieser Hinsicht nationale Rekrutierungssysteme entscheidend sind. Die soziale Herkunft bleibt aber &uuml;berall ein wesentlicher Faktor. In den gro&szlig;en westlichen Staaten ist er sogar ausschlaggebend, wenn es um die Besetzung von Positionen im Topmanagement geht.<\/p><p><strong>Wie wirkt sich eine Internationalisierung der Wirtschaftselite auf die Kontakte zur politischen Elite aus?<\/strong><\/p><p>Die Auswirkungen kann man derzeit in zwei L&auml;ndern gut beobachten, die einen besonders hohen Anteil an ausl&auml;ndischen Spitzenmanagern haben. Das sind die Schweiz mit einem Ausl&auml;nderanteil von drei Vierteln und Gro&szlig;britannien mit einem Anteil von immerhin noch einem Drittel. <\/p><p>In beiden L&auml;ndern haben sich die Verbindungen zwischen wirtschaftlicher und politischer Elite deutlich gelockert. Das hat f&uuml;r die Wirtschaftselite unvorhergesehene negative Folgen. In der Schweiz hat sie die immer strikteren Zuzugsbeschr&auml;nkungen f&uuml;r ausl&auml;ndische Arbeitskr&auml;fte nicht verhindern k&ouml;nnen, in Gro&szlig;britannien sogar den Brexit hinnehmen m&uuml;ssen. Fr&uuml;her h&auml;tten die Kontakte zu den konservativen Parteien ausgereicht, um solche Entwicklungen zu stoppen. Dass die m&auml;chtigen Finanzkonzerne der City of London und andere multinational t&auml;tige britische Unternehmen nicht mehr in der Lage waren, die konservative Partei mehrheitlich auf ihren EU-freundlichen Kurs zu bringen, zeigt, wie schwierig das Verh&auml;ltnis zwischen wirtschaftlicher und politischer Elite inzwischen ist. Es fehlt durch die tiefgreifende Internationalisierung der Wirtschaftselite das verbindende Band. <\/p><p>Noch vor gut 20 Jahren hatte &uuml;ber ein Viertel der 100 wichtigsten Spitzenmanager in Gro&szlig;britannien eine der neun renommiertesten Privatschulen des Landes besucht, allein elf die bekannteste unter ihnen, Eton. Gleichzeitig hatte von den Mitgliedern der Thatcher-Regierung &uuml;ber ein Viertel ebenfalls Eton absolviert. Der Besuch von Oxford und Cambridge war sogar f&uuml;r eine klare Mehrheit obligatorisch. So etwas schaffte Gemeinsamkeiten. Das ist heute vorbei. Wie eingeschr&auml;nkt die Macht einer vergleichsweise stark internationalisierten Wirtschaftselite tats&auml;chlich ist, demonstriert der Brexit deutlich. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/TmFLN5gtiRA?rel=0&amp;showinfo=0\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Michael Hartmann: &bdquo;Klassengesellschaft konkret: Arm und Reich in Deutschland&ldquo;<\/strong><\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/v0sBSbn1jQo?rel=0&amp;showinfo=0\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Michael Hartmann: &ldquo;Rechtfertigung von Reichtum und Macht&rdquo;<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Was bedeuten die Ergebnisse Ihrer Analyse f&uuml;r linke Bewegungen und Parteien?<\/strong><\/p><p>Sie zeigen, dass die Handlungsspielr&auml;ume auf nationaler Ebene viel gr&ouml;&szlig;er sind, als es das jahrelange Gerede von der &Uuml;bermacht der globalen Wirtschaftselite und der daraus resultierenden Alternativlosigkeit der herrschenden Politik vermuten l&auml;sst. <\/p><p>Das gilt besonders f&uuml;r das Problem der Besteuerung von Gro&szlig;konzernen und Reichen. So wohnen von &uuml;ber 300 US-B&uuml;rgern unter den 1.000 reichsten Menschen der Welt nur drei im Ausland. Von den 67 Deutschen sind es dagegen 19. Der wesentliche Grund daf&uuml;r ist ganz einfach: Die USA besteuern alle US-B&uuml;rger nach den US-Steuers&auml;tzen, egal, wo diese leben. Wenn sie andernorts weniger Steuern zahlen, m&uuml;ssen sie den Differenzbetrag eben an die USA abliefern. Geben sie die Staatsb&uuml;rgerschaft ab, f&auml;llt eine sogenannte Exit-Tax von gut 20 Prozent auf das gesamte Verm&ouml;gen an. So etwas k&ouml;nnte auch die Bundesrepublik machen. Dann w&uuml;rde die Anzahl der in der Schweiz residierenden deutschen Milliard&auml;re und Multimillion&auml;re mit Sicherheit drastisch sinken.<\/p><p>Bei den Unternehmen ist es komplizierter. Sie k&ouml;nnen nat&uuml;rlich Investitionen in ein anderes Land verlagern. Bei den Zentralen der Unternehmen ist das aber sehr viel schwieriger. Es hat schon einen Grund, dass die Verlagerung von Firmensitzen so gut wie immer nur juristisch erfolgt, nicht aber tats&auml;chlich. <\/p><p>So sind alle britischen und US-Konzerne, die wie Allergan oder Seagate ihren offiziellen Sitz in Irland haben, mit ihren Hauptquartieren nicht wirklich dorthin gezogen. Sie sind in Gro&szlig;britannien und den USA geblieben. Der wesentliche Grund daf&uuml;r ist, dass sie in regionale oder nationale Netzwerke eingebunden sind, die sie nicht einfach ohne gro&szlig;e Einbu&szlig;en an Qualit&auml;t und Leistungsf&auml;higkeit aufgeben k&ouml;nnen. <\/p><p>Und Apple spart zwar Steuern &uuml;ber seine Niederlassung in Irland, das Headquarter mit allen entscheidenden Abteilungen ist aber im Silicon Valley. Das Angebot an hochqualifizierten Arbeitskr&auml;ften dort, die Kontakte zu Stanford und Berkeley, die informellen Netzwerke etc. lassen sich eben nicht nach Irland transferieren. <\/p><p>&Auml;hnliches gilt auch f&uuml;r deutsche Autokonzerne und den deutschen Maschinenbau. F&uuml;r Unternehmen, die wie die russischen oder chinesischen enger an den Staat beziehungsweise an die M&auml;rkte bzw. Rohstoffe in einem Land gebunden sind, trifft das noch st&auml;rker zu. Au&szlig;erdem ist auch das Topmanagement oft nicht bereit, den eigenen Arbeits- und Wohnort in ein fremdes Land zu verlegen. Eine rein juristische Verlagerung aus steuerlichen Gr&uuml;nden aber kann die Politik mit Gesetzen verhindern oder zumindest sehr erschweren. Das zeigt beispielsweise der gescheiterte Versuch des weltweit agierenden Pharma-Konzerns Pfizer, seinen Firmensitz nach Irland zu verlagern, um pro Jahr ca. zwei Milliarden Dollar Steuern zu sparen. Neue Gesetze in den USA haben dieses Vorhaben gestoppt. <\/p><p><strong>Das bedeutet&hellip;?<\/strong><\/p><p>Es bedeutet, dass linke Initiativen auf nationaler Ebene erfolgversprechender sind als vielfach angenommen. Das gilt nicht nur f&uuml;r die Steuerpolitik, sondern selbst f&uuml;r transnationale Projekte wie TTIP und CETA. TTIP wird vermutlich scheitern, aber nicht wegen eines breiten koordinierten Widerstands auf gesamteurop&auml;ischer Ebene, sondern wegen des gro&szlig;en Widerstands in einigen L&auml;ndern wie Deutschland und &Ouml;sterreich. Und bei CETA haben die Gegner vor dem Bundesverfassungsgericht jetzt zumindest einen Teilerfolg erzielt. Gleichzeitig hat das Parlament der belgischen Region Wallonie das Abkommen abgelehnt, was die eigentlich zustimmungsbereite belgische Regierung nicht einfach &uuml;bergehen kann. All das ist nur deshalb ein wesentliches Hindernis f&uuml;r die Verabschiedung, weil die Entscheidung letztlich von den nationalen Parlamenten abgesegnet werden muss und nicht allein von der EU-Kommission und der EU-B&uuml;rokratie getroffen werden kann. Solcher Widerstand auf nationaler Ebene l&auml;sst sich, das ist die positive Botschaft f&uuml;r alle linken Kr&auml;fte, ungleich leichter organisieren als gesamteurop&auml;ischer oder gar globaler. G&auml;be es tats&auml;chlich eine globale Wirtschaftselite, m&uuml;sste man zwingend auch global agieren. <\/p><p>Das bedeutet jetzt aber nicht, dass man die Kr&auml;fte nicht &uuml;bernational vernetzen sollte. Das Beispiel Griechenland hat gezeigt, dass nationale Bewegungen unter bestimmten Bedingungen &ndash; ein kleines Land mit sehr hoher Auslandsverschuldung &ndash; keine Chancen haben, sondern auf Unterst&uuml;tzung in den L&auml;ndern angewiesen sind, die aufgrund der hohen Verschuldung in einem solchen Fall am l&auml;ngeren Hebel sitzen. Auch in diesem Fall w&auml;re allerdings eine massive politische Unterst&uuml;tzung aus Deutschland vermutlich ausreichend gewesen. Denn die deutsche Regierung war letztlich ausschlaggebend f&uuml;r den harten Kurs gegen&uuml;ber Griechenland. &Uuml;bernationale Vernetzungen und Bewegungen sind somit zwar wichtig, f&uuml;r eine erfolgreiche linke Politik in vielen F&auml;llen, vor allem in der Steuer- und Sozialpolitik, aber nicht zwingend erforderlich.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Michael Hartmann, Jahrgang 1952, war von 1999-2014 Professor f&uuml;r Soziologie an der TU Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Eliten-, Management- und Hochschulforschung im internationalen Vergleich. Im Jahr 2002 erhielt er den Thyssen-Preis f&uuml;r den besten sozialwissenschaftlichen Aufsatz des Jahres, 2010 den Thyssen-Preis f&uuml;r den zweitbesten sozialwissenschaftlichen Aufsatz des Jahres und 2008 den Preis der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Soziologie f&uuml;r hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der &ouml;ffentlichen Wirksamkeit der Soziologie. Wichtige Buchver&ouml;ffentlichungen: Der Mythos von den Leistungseliten (2002); Elitesoziologie (2004); Eliten und Macht in Europa (2007); Soziale Ungleichheit &ndash; Kein Thema f&uuml;r die Eliten? (2013); Die globale Wirtschaftselite (2016). <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\"><strong>eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/strong><\/a> &uuml;ber neue Texte bestellen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/19b878b112eb4998902567f2efc4c8fc\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151125_hartmann.jpg\" alt=\"Michael Hartmann\" title=\"Michael Hartmann\"\/><\/div>\n<p>Alle reden &uuml;ber die globale Macht der Eliten. &Uuml;ber die globale Elite und wie ihr Einfluss die Demokratie zunehmend infrage stellt. In ihrem Interesse liegen Kriege, liegt die Pl&uuml;nderung Afrikas, liegen Sozialabbau, TTIP, CETA und Co. Doch wer ist diese &bdquo;globale Elite&ldquo;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35985\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,37,209,137,132],"tags":[1565,1913,374,1786,691,1474,233,1337,841,408,443,278,819,842,894,1207],"class_list":["post-35985","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-globalisierung","category-interviews","category-steuern-und-abgaben","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-automobilindustrie","tag-ceta","tag-eliten","tag-hartmann-michael","tag-irland","tag-managergehaelter","tag-marktliberalismus","tag-oligarchen","tag-reagan-ronald","tag-soziale-herkunft","tag-standortwettbewerb","tag-steuersenkungen","tag-streeck-wolfgang","tag-thatcher-margaret","tag-ttip","tag-unternehmenssteuer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35985","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35985"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35985\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":90429,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35985\/revisions\/90429"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35985"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35985"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35985"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}