{"id":36,"date":"2003-12-29T11:52:31","date_gmt":"2003-12-29T09:52:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=36"},"modified":"2024-10-14T18:43:41","modified_gmt":"2024-10-14T16:43:41","slug":"denkfehler-nr-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36","title":{"rendered":"Denkfehler Nr. 1"},"content":{"rendered":"<p>&ldquo;Die Produktivit&auml;t ist zu hoch. Deshalb steigt die Arbeitslosigkeit&rdquo;<br>\n<!--more--><\/p><p>Der Produktivit&auml;tszuwachs sei in Deutschland zu hoch, deshalb sei die Arbeitslosigkeit so hoch. Diese Erkl&auml;rung ist immer wieder zu h&ouml;ren. \"Der Kapitalismus schafft die Arbeit ab\", alarmiert der Soziologe Ulrich Beck seine Glaubensgemeinde schon seit Jahren. In der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/em> begr&uuml;ndete er diese Erfahrung mit folgender Beobachtung:<\/p><blockquote cite=\"S&uuml;ddeutsche Zeitung\"><p>Die Zukunft der Arbeit, sagt der Herr von BMW, sieht (bei BMW) folgenderma&szlig;en aus: Dann zeichnet er eine abfallende Linie, die im Jahr 1970 beginnt und ums Jahr 2000 herum bei Null endet. So ist das nat&uuml;rlich &uuml;bertrieben, und so k&ouml;nnen wir das auch in der &Ouml;ffentlichkeit nicht darstellen, f&uuml;gt er hinzu. Aber die Produktivit&auml;t steigt in solchem Ausma&szlig;, dass wir mit immer weniger Arbeit immer mehr Autos herstellen k&ouml;nnen. Damit wir den Besch&auml;ftigungsstand auch nur halten k&ouml;nnen, m&uuml;ssten die M&auml;rkte enorm expandieren. Nur wenn wir in alle Winkel der Welt unsere Autos verkaufen, besteht &uuml;berhaupt eine Chance, die vorhandenen Arbeitspl&auml;tze zu sichern. Der Kapitalismus schafft die Arbeit ab. Arbeitslosigkeit ist kein Randschicksal mehr, sie betrifft potentiell alle &ndash; und die Demokratie als Lebensform.<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p><cite>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/cite><\/p><\/blockquote><p>So dramatisch der Soziologe Beck das auch sieht: Er erliegt dem typischen Denkfehler, eine einzelbetrieblich durchaus schl&uuml;ssige Beobachtung auf die gesamte Volkswirtschaft zu &uuml;bertragen.<br>\nIn einem einzelnen Betrieb wie im angef&uuml;hrten Beispiel BMW gilt sehr wohl, dass bei Rationalisierung und gleichzeitiger Stagnation des Absatzes mit weniger Leuten die gleiche Menge produziert wird und die &uuml;berz&auml;hligen Mitarbeiter in der Regel entlassen werden. Auf eine Volkswirtschaft l&auml;sst sich diese betriebliche Erfahrung aber nicht einfach &uuml;bertragen. Es gab in den letzten Jahrzehnten Phasen weit h&ouml;heren Produktiv&auml;tszuwachses als heute bei gleichzeitig geringerer Arbeitslosigkeit. So wuchs die Produktivit&auml;t in den Jahren 1968 bis 1973 mit einer j&auml;hrlichen Rate von durchschnittlich 5,4 Prozent und damit schneller als heute. Zugleich lag die Arbeitslosenquote im Schnitt kaum h&ouml;her als ein Prozent.<br>\nHintergrund und Ursache des hohen Produktivit&auml;tswachstums in den vergangenen 50 Jahren waren &auml;hnlich umw&auml;lzende Strukturver&auml;nderungen und Rationalisierungen wie heute. Schon in den 60er Jahren rankte sich eine breite Diskussion um die Folgen der Automatisierung. Auch damals brachen ganze Branchen weg. In der Landwirtschaft, im Bergbau, in der Stahl-, Textil- und Schuhindustrie wurde stark rationalisiert; zugleich erstarkte die ausl&auml;ndische Konkurrenz. Tausende von Arbeitnehmern verloren ihre Stellen. Doch Landwirte, Bergleute und Textilarbeiterinnen kamen in der Automobilindustrie, im Maschinenbau, in der Chemieindustrie unter. Ihre S&ouml;hne und T&ouml;chter wurden Informatiker oder Lehrerinnen, Laboranten in der Forschung oder Sozialarbeiter. Diese Umstrukturierung gelang, weil bestimmte Branchen wuchsen, andere G&uuml;ter produziert und neue Dienstleistungen angeboten wurden. Staat und Bundesbank steuerten den Prozess mit ihrer Ausgaben- und Zinspolitik und durch eine aktive Konjunktur- und Strukturpolitik. Das blies viel Dampf in die &Ouml;konomie, es wurde immer wieder so viel Kaufkraft geschaffen, dass die erzwungenen Strukturver&auml;nderungen aufgefangen werden konnten.<br>\nHat sich seither so viel ver&auml;ndert? Fehlt f&uuml;r jene, deren Arbeitsplatz wegrationalisiert wird, zwangsl&auml;ufig jede Besch&auml;ftigungsalternative? Wer so denkt, unterstellt, es gebe nichts mehr zu tun, unsere Bed&uuml;rfnisse seien befriedigt. Zun&auml;chst ist daran zu erinnern, dass sich Automaten, Roboter und Computer immer noch nicht selbst produzieren. Auch die Fertigungs-Automaten bei BMW m&uuml;ssen konstruiert, produziert und gewartet werden. Und breite Bev&ouml;lkerungsschichten haben einen durchaus berechtigten Bedarf. Zum Beispiel an besseren und ruhigeren Wohnungen, an einer besseren Ausbildung ihrer Kinder. Viele Familien mit Kindern m&uuml;ssen scharf kalkulieren; sie schr&auml;nken sich ein, beim Essen , bei der Kleidung; ein hoher Prozentsatz verzichtet noch immer auf die Ferien, auf das in der meinungsf&uuml;hrenden Schicht &uuml;bliche abendliche Ausgehen sowieso. Es ist eine f&uuml;r die gehobene Mittelschicht typische Unterstellung, von den breiten Massen anzunehmen, ihr Bedarf sei gedeckt. Doch es gibt auch jenseits des Konsums Bed&uuml;rfnisse. Wie wenige Beispiele zeigen: F&uuml;r die Infrastruktur vieler unserer St&auml;dte wird nur das Notwendigste getan, Schwimmb&auml;der werden geschlossen; die Klassenst&auml;rken in den Schulen werden gr&ouml;&szlig;er statt kleiner; die B&auml;che am Oberlauf des Rheins m&uuml;ssten renaturiert werden, wenn man Bonn und K&ouml;ln vor weiteren &Uuml;berschwemmungen sch&uuml;tzen wollte &ndash; um nur einige Beispiele zu nennen. Die Arbeit geht wirklich nicht aus.<\/p><p>Es ist interessant, dass diejenigen, die die These vom zu hohen Produktivit&auml;tszuwachs vertreten, h&auml;ufig auch die These vom Ende des Generationenvertrages propagieren: Was sich aber eigentlich ausschlie&szlig;t. Denn wenn die Produktivit&auml;t so sehr w&auml;chst, dass die Arbeit ausgeht, dann braucht die gleiche Generation nicht zu f&uuml;rchten, mehr arbeiten zu m&uuml;ssen, um die wachsende Zahl der Rentner zu unterhalten. Mit starken Produktivit&auml;tsgewinnen l&auml;sst sich die zunehmende Altenlast &ndash; wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t &ndash; schultern, ohne dass die Jungen auf Zuw&auml;chse verzichten m&uuml;ssen. Im Sinne des Soziologen Beck sollte man den Rentnern dankbar daf&uuml;r sein, dass sie l&auml;nger leben. So geht den Jungen wenigstens die Arbeit nicht so schnell aus.<\/p><p>Hier zeigt sich der Niedergang der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Debatte besonders klar. Es sind vor allem Nicht-&Ouml;konomen, die sie in den Feuilletons der gro&szlig;en Zeitungen f&uuml;hren, mit Auswirkungen auf die &ouml;ffentliche Meinung und die praktische Politik:<br>\nDas Schreckgespenst Produktivit&auml;tszuwachs macht erstens blind daf&uuml;r, dass gerade Produktivit&auml;tsfortschritte die Voraussetzungen f&uuml;r ein hohes Einkommen der Menschen und f&uuml;r die Konkurrenzf&auml;higkeit auf den Weltm&auml;rkten sind. Sie sind n&auml;mlich tats&auml;chlich einer der Gr&uuml;nde daf&uuml;r, dass Deutschland bei hohem Lohnniveau dennoch Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse erwirtschaftet, also konkurrenzf&auml;hig ist.<br>\nModische Untergangs-Theorien wie die vom &bdquo;Ende der Arbeit&rdquo; f&uuml;hren zweitens zu Fatalismus und verleiten dazu, das Selbstverst&auml;ndliche zu unterlassen. Wer auch heute noch f&uuml;r Vollbesch&auml;ftigung als ein berechtigtes und notwendiges Ziel der Wirtschaftspolitik eintritt, wird ausgelacht, obwohl dieses Ziel eine Selbstverst&auml;ndlichkeit sein sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&ldquo;Die Produktivit&auml;t ist zu hoch. 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